Grammatik und Literatur

 Über Alexander Zoltai bin ich auf die Seite von Eugene R. Moutoux   gestoßen. Er befasst sich mit Satzdiagrammen, also der Darstellung von Sätzen als Diagramm. Ziel dieser Darstellungsform ist zu zeigen, wie ein Satz formal aufgebaut ist.

Nicht wenige meiner Bekannten stöhnen bei einer solchen Information auf. Sie vermuten gähnende Langeweile.

Der schlechte Ruf der Grammatik

Bei Schülern hat Grammatik einen ähnlich schlechten Ruf wie Mathematik. Sie gilt als schwierig und kann, wie auch Mathematik, nicht einmal verwendet werden, um die Kontobewegungen nachzuvollziehen. Im Ergebnis hört man im Radio und liest man in der Zeitung Fehler, die Unkenntnis oder Desinteresse am grundsätzlichen Funktionieren von Sprache nahelegen. Im Kinderroman „Momo“ von Michael Ende von 1973 wird beispielsweise konsequent ignoriert, dass Subjekt und Verb im Numerus übereinstimmen sollten. Beim ersten Lesen als Kind ist mir das nicht aufgefallen, wohl aber als vorlesende und selbst schreibende Mutter.

Als Schülerin durchlief mein Verhältnis zur Grammatik mehrere Phasen. Anfangs fand ich sie interessant, aber nutzlos. Dann war Grammatik einfach nur eine Quälerei, die meine Lehrerin extra für mich erfunden hatte. Etwas später machte ich eine erstaunliche Entdeckung: Es existierte eine Logik in der Grammatik, die direkten Einfluss auf den Text hatte.

Ob ich diese Entdeckung ohne eigenes Schreiben gemacht hätte, weiß ich nicht. Ich fürchte sehr, hätte ich damals nicht bereits erste Gehversuche als Autorin unternommen, wäre mir der Zusammenhang zwischen meinen Gedanken, den Wörtern, ihrer Form und dem Aufbau der Sätze nicht bewusst geworden.

Ein Grund mag sein, dass auch viele Lehrer Grammatik als einen abgeschlossenen Bereich ihres Faches sehen, ohne Bezug zu den anderen für die Schüler und meist auch für sie interessanteren Themen. An der Universität stöhnten die Lehramtsstudenten in den Veranstaltungen zur Sprachwissenschaft, sie würden die Grammatiktheorien im Unterricht nie benötigen. In den Deutsch als Fremdsprache-Kursen, lange vor den Integrationskursen, jammerten die Lehrer, die sich in Zeiten des Einstellungsstopps in diese Nische gerettet hatten, sie könnten mit dieser Klientel gar nichts Interessantes unterrichten, immer nur Grammatik.

Wenn Lehrer ungern Grammatik unterrichten, wie können sie Schüler mitreißen?

Grammatik wie ein Krimi

Ich sage, Grammatik ist spannend. Sie ist spannend wie ein Krimi, vergleichbar mit jenem Genre, das Forensiker und andere Wissenschaftler heranzieht, um anhand zahlreicher Indizien ein Mosaik über Täter, Tat und Opfer zu rekonstruieren. Und wenn ich wieder das laute Stöhnen höre, dann lege ich erst recht los.

Da ist die Satzkonstruktion. Wie ist ein Satz aufgebaut, wie die Nebensätze ineinander verschachtelt? Kann man die Logik des Satzes aus dem Aufbau erfassen, wurde vielleicht manipuliert, ist der Satz mehrdeutig und hat das gar seine Begründung im Gesamtzusammenhang des Textes?

Da ist die Abfolge der Sätze. Wie sind sie miteinander verbunden, mit Wörtern, mit Nebensätzen, oder stehen sie scheinbar unverbunden aneinandergereiht? Wie entsteht aus den Sätzen Bedeutung? Wie entsteht Verwirrung, gewollt oder ungewollt?

Literatur braucht Grammatik

All dies zu beobachten, zu analysieren, selbst zu schreiben, ist für mich ein stilles Vergnügen, still, weil kaum jemand sich dafür interessiert. Über Grammatik spricht man nicht in schöngeistigen Runden, eher schon über Forensik.

Die meisten Leser, Deutschlehrer eingeschlossen, sehen auf den Text. Wer gezwungenermaßen als Schüler Texte analysiert, schimpft auf den Aspekt Sprache und handelt ihn eilig ab. Dabei lässt man oft außer Acht, dass man sich mit der Grammatik tief in den Text begibt, dass die schönen rhetorischen Figuren ohne Grammatik nicht funktionieren würden, dass die sorgfältigen Formulierungen ohne Grammatik eine Kette schlichter Wörter wären.

Grammatik in neuem Lichte sehen

Es hat sich eingebürgert, die deutsche Sprache mit Anglizismen zu spicken, so dass man sie sich fast als heiliger Sebastian mit Pfeilen durchbohrt vorstellen möchte. Dies spricht  für ein in weiten Kreisen der Bevölkerung kaum noch vorhandenes Interesse an der Sprache.

Man könnte meinen, dass es nicht mehr um „schöne“ Sprache geht, nicht einmal mehr um bedeutungsvermittelnde Sprache. Vielen Sprechern fehlt das Gespür für die eigene Sprache. Der Genuss an der Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten ist einer, den kaum jemand erlebt, gegen den viele sich wie gegen eine Perversion sperren.

Sicherlich benötigen Schulen mehr Zeit,  um Schülern die Möglichkeit zu geben, kreativ zu schreiben und über diese Texte auch unter sprachlichem Aspekt zu reflektieren. Und sicherlich darf dieser kreative Umgang mit Sprache nicht auf die sogenannten höheren Schulen beschränkt bleiben. Dazu bedarf es neuer Begeisterung für Sprache von Seiten der Lehrer, aber auch der gesamten Gesellschaft.

 

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