Gregory Rabassa: If this be treason

 Am 29.02.2012 habe ich in einem Artikel von Alexander Zoltai das Video von Chriss Bliss „Comedy is Translation“ (Komödie ist Übersetzung) gesehen. Darin zitiert Chriss Bliss den Übersetzer Gregory Rabassa, der US-amerikanische Übersetzer für Spanisch und Portugiesisch ins Englische.

Mein Unbehagen bei Übersetzungen

Das Problem des Übersetzens interessiert mich schon länger. Ich habe zahlreiche Übersetzungen gelesen, die ich als schlecht empfunden habe. Englische Texte lese ich schon deswegen lieber om Original. Zwei Günde können aus meiner Sicht die Übersetzung misslingen lassen.

  1. Die deutsche Version klingt schwerfällig vor lauter wörtlich übersetzter idiomatischer Ausdrücke. (Auffallend in Übersetzungen früher Bücher von Val McDermid)
  2. Der Ton des Originals geht verloren, weil das im Deutschen gewählte Sprachregister nicht zu dem in der Ausgangssprache passt. (Beispielsweise bei Terry Pratchett)

Wenn ich einem Bekannten ein Buch schenken möchte, das ich nur auf Englisch kenne, lese ich es auf Deutsch an. Sagt mir die Übersetzung nicht zu, kaufe ich es nicht. So einige Bücher, die eigentlich sehr gut  gepasst hätten, sind als deutsche Übersetzung im Regal geblieben.

Rabassa: Übersetzung ist vielfacher Verrat

In seinem biografisch angelegtem Buch „If this be treason“ (Wenn dies Verrat wäre) befasst sich Gregory Rabassa theoretisch und exemplarisch mit der Unmöglichkeit einer Übersetzung.

Beim Akt des Übersetzens begeht laut Rabassa der Übersetzer auf vielfache Weise Verrat:

  • Verrat am Autor: Der Übersetzer kennt dessen Emotionen und Intentionen nicht, er weiß nichts von den Wahrnehmungen des Autors.
  • Verrat am Leser: Der Übersetzer vermittelt den Lesern Stimmungen und Eindrücke, die er mit den von ihm gewählten Worten schafft.
  • Verrat am Übersetzer: Zu oft folgt der Übersetzer Vorgaben aus dem Wörterbuch und der Grammatik, statt sich auf sein Bauchgefühl zu verlassen.

Schuld an diesem Verrat sind die Wörter. Sie sind nicht aus ihren Verstrickungen wie in Kultur, Politik, Natur usw. zu lösen. In vielen Fällen kann man eine 1:1 Übersetzung wagen, ohne der Bedeutung zu schaden, in anderen muss der Übersetzer interpretieren, womit er natürlich wieder Gefahr läuft, sich des Verrats schuldig zu machen.

Beispielhafter Verrat

Den weitaus größten Teil des Buches nehmen Beispiele für den Drahtseilakt des Übersetzens, die Rabassa in seiner Arbeit meistern musste, ein. Exemplarisch befasst er sich mit dreißig Autoren, darunter so bekannte Namen wie Mario Vargas Llosa, Gabriel García Márquez oder Jorge Amado. Zu den jeweiligen Büchern erklärt er, was für ihn als Übersetzer in die englische Sprache problematisch war, etwa wie er mit den Konnotationen bei Namen oder Adjektiven umging oder wie er versuchte, landessprachliche Pflanzen- und Tierbezeichnungen zu übersetzen.

Auch deutet Rabassa an, dass politische Differenzen, beispielsweise zwischen den USA und Cuba, den Verrat weiterführten. Ein Buch des Spaniers Juan Goytisolo, in dem einer seiner Charaktere Cuba besucht, wurde um diese in Cuba spielenden und von Rabassa übersetzten Szenen gekürzt, nach Rabassas Ansicht sehr zum Schaden des Buches.

Fazit über Rabassa

„If this be treason“ ist kein Fachbuch. Es bezeichnet sich selbst als Biografie, obwohl ich es als biografisch angehaucht bezeichnen würde, weil sich nur ein kleiner Teil mit Gregory Rabassas Leben befasst. Im Grunde wird beschrieben, wie er dazu kam, Literatur zu übersetzen, eine Tätigkeit, die sich eher zufällig ergab.

Rabassa schreibt kurzweilig, aber seine Sprache ist eigenwillig. Hat man sich eingelesen, kommt man mit dem Text gut zurecht. Am interessantesten sind die Anekdoten über seine Arbeit an den Texten so zahlreicher Autoren, die Schwierigkeiten aufgrund der Wörter und ihrer Konnotationen, des Schreibstils, des Aufbaus der Bücher und die Zusammenarbeit mit den Autoren.

„If this be treason“ erschien 2005 bei New Directions Books mit der ISBN 978-0-8112-1665-4. Ich habe es bei amazon.de für 10,95 Euro gekauft, musste allerdings fast vier Wochen warten, weil es aus den USA importiert wurde. (Der Preis kann wegen der Wechselkurse schwanken, ein deutscher Preis ist offenbar nicht festgelegt.)

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