Jedem Leser das eigene Ende?

 Was wäre, wenn Bücher sich an den jeweiligen Leser anpassten?

Am 16.04.2012 brachte ndr info in der Reihe Ohrenbär eine Geschichte von Martin Baltscheit . In „Das falsche Ende“ liest der kleine Herr Paul ein Buch, das ihm ein Kollege empfohlen hat. Das Buch ist mitreißend, so dass der kleine Herr Paul die ganze Nacht durch liest. Als der Wecker klingelt, hat er auch das Buch zu Ende gelesen. Beeindruckt und begeistert von dem Ende berichtet er seinem Kollegen, was er gelesen hat. Doch der will in seinem Buch ein ganz anderes Ende gefunden haben, und die anderen Kollegen haben auch ein anderes Ende gelesen – jeder ein anderes!

Verunsichert und verärgert ziehen die Kollegen zum Verleger auf der Suche nach dem einen Ende. Der Verleger schickt sie zum Dichter.

Der gibt zu, er habe sich nicht für ein einziges Ende entscheiden können und deshalb mehrere geschrieben. Auf Drängen der Kollegen des kleinen Herrn Paul verkündet der Dichter, er werde jetzt ein Ende für alle erzählen. So spinnt er die Geschichte weiter. Alle lauschen gebannt, begeistert von der herrlichen Geschichte. Am Ende bedanken sie sich beim Dichter, denn jetzt gibt es endlich ein Ende für alle.

Auf dem Nachhauseweg merkt der kleine Herr Paul jedoch, dass sein Ende nicht das Ende seines Kollegen ist. Diesmal behält er seine Entdeckung für sich …

Verschiedene Enden sind nicht neu

Das Problem der Geschichte  „Das falsche Ende“ ist interessant, wird doch schon lange als eine Möglichkeit digitaler Texte diskutiert, den Lesern Wahlmöglichkeiten zu lassen, die zu verschiedenen Ausgängen einer Geschichte führen.

Auch im Printbereich gibt es solche Wahl-Geschichten, beispielsweise die 1000 Gefahren-Reihe von Ravensburger. Solche Bücher haben offensichtlich einen großen Reiz für die Leser, sonst gäbe es nicht 28 Bände allein der 1000 Gefahren-Reihe. Manche Leser suchen gezielt nach der Geschichte für ein bestimmtes Ende. Alle klagen, wie anstrengend das Lesen dieser Geschichten ist, was durchaus an der Notwendigkeit zum vielen Blättern liegen kann. In einem E-Book etwa entfiele das Blättern, weil man sich per Link durch die Handlung bewegen könnte.

Leseraufstand?

Die Frage ist natürlich, ob so ein Leseraufstand wie in „Das falsche Ende“ zu erwarten wäre, stellte sich heraus, dass ohne vorherige Wahlmöglichkeiten ein Buch jedem Leser ein anderes Ende präsentieren würde.

Es heißt, jeder Leser liest ein Buch anders, hat am Ende eine andere Geschichte im Kopf. Diese individuellen Geschichten sind aus den gleichen Vorgaben des Textes entstanden, ergänzt durch die jeweilige Lebenserfahrung. Leser scheinen die Unterschiede zu schätzen, sie tauschen sich in Foren aus und diskutieren über die Bedeutung, so wie bei Lovely Books.

Könnte man noch über ein Buch diskutieren, das sich individuell anpasst? Wäre so ein Buch gefährlich, weil es als Messinstrument für den Leser missbraucht werden könnte? Und natürlich – wünschen Leser ein Buch wie das des kleinen Herrn Paul?

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