Schreibwerkstatt: Charakter mit Tiefe

 Wenn wir lesen, achten wir auf die Handlung. Sie zieht uns in den Bann, sie zwingt uns zum Weiterlesen.

Aber nach einem Jahr wissen viele von uns nicht mehr, was genau in einem Buch passiert ist. Die Details der Handlung sind vergessen. Wir erinnern uns jedoch genau an die Protagonisten und deren Eigenschaften. Auch die Beziehung der wichtigsten Charaktere zueinander ist uns präsent.

Die Schreibwerkstatt beschäftigt sich darum mit der Frage, wie wir einem Charakter Tiefe geben können.

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Was suchen Leser in Charakteren?

Menschen sind soziale Wesen. Leser suchen deshalb unbewusst in Charakteren nach Anknüpfungspunkten für Sympathie und Antipathie. Nicht der glatte, perfekte Charakter reizt. Interessant sind gebrochene Typen, vielschichtige Wesen, Menschen, die mit ihrer Zerrissenheit leben müssen.

Leser möchten sich in Charakteren wiedererkennen können. Und wenn sie nicht sich selbst erkennen, dann eine Freundin, einen Kollegen, eine Verwandte, den Busfahrer. Jedes Wiedererkennen schafft eine persönliche Bindung zwischen Leser und Text, dabei ist es nach meinem Dafürhalten weitgehend egal, ob es ein positives oder negatives Erkennen ist.

Eigenschaften schenken

Charaktere in Texten können keine weißen Blätter sein. Sie tragen die Handlung, von daher bekommen sie zwangsläufig ein Verhalten aufgedrückt, das Auswirkungen auf andere Charaktere haben wird. Autoren sollten sich dessen bewusst sein und versuchen, sich ein Bild von den Personen im Text zu machen. Dabei können folgende Fragen weiterhelfen, doch auch andere Fragen sind möglich und, je nach Art des Textes, nötig:

  • Was mag der Charakter und was verabscheut er?
  • Wie steht der Charakter zu anderen Charakteren wie seiner Familie und Kollegen, dem Partner, den Freunden usw.?
  • Hat der Charakter Werte und spielen diese Werte eine Rolle für die Handlung oder für das Zusammenleben mit anderen Charakteren?
  • Ist der Charakter mit sich im Reinen? Wie geht er mit Widersprüchen um?

Die letzten beiden Fragen sind besonders wichtig. Sie verweisen auf mögliche Konflikte des Charakters mit sich selbst oder mit seiner Umgebung. Das sind Aspekte, an denen Leser ihr Interesse festmachen, an denen sie stutzen, vergleichen, bewerten. Leser, die den Charakter am liebsten schütteln möchten, weil sein Verhalten aus ihrer Sicht so riskant ist, erinnern sich nachträglich an diese Empfindung.

Innere Konflikte

Konflikte sind nicht zwangsläufig negativ. Vielleicht wäre Reibungspunkte ein besseres Wort, beschreibt es doch auch schon leichte Unterschiede des Charakters zu seiner Umgebung, die möglicherweise, aber nicht unbedingt zu Problemen führen.

Auch an die inneren Konflikte der Charaktere nähert man sich am einfachsten über Fragen an. Je nach Art des Textes variieren sie, doch folgenden Fragen sollte auf jeden Fall nachgegangen werden:

  • Hat der Charakter ein Geheimnis?
  • Gibt es etwas, das ihm peinlich ist oder ihn gefährdet?
  • Ist seine Moral und sind seine Werte mit seiner Umgebung vereinbar? Was würde ihm drohen, kämen seine wahren Einstellungen ans Licht?
  • Hat der Charakter Ängste oder Krankheiten, die Einfluss auf sein Verhalten nehmen?
  • Was unternimmt der Charakter, um seine, vermeintlichen, Schwächen zu verbergen?

Innere Konflikte lassen Charaktere menschlich erscheinen. Leser wissen, dass sie nicht perfekt sind und sie Perfektion bei niemandem voraussetzen können. Ecken und Kanten haben Wiedererkennungswert.

Allerdings sollten die Konflikte einen Bezug zur Handlung haben, etwa wenn die Detektivin Alkoholikerin war und nun verdeckt in einer  Schnapsbrennerei ermittelt. Ihre frühere Alkoholsucht hat nichts mit Unterschlagung, Diebstahl oder Mord zu tun, die ständige Gegenwart von Alkohol am Ermittlungsort stellt für die Detektivin jedoch eine ständige Versuchung dar. Leser dürfen sich nun fragen, ob diese Frau wieder anfängt zu trinken, ob ihr vom Verdächtigen mit Absicht andauernd Alkohol angeboten wird, welche beruflichen Konsequenzen ein Rückfall haben würde … Solche Überlegungen verbindet der Leser mit der eigentlichen Handlung, die auf diese Weise von ihm mitbestimmt wird. Somit ist seine Aufmerksamkeit gebunden.

Äußere Konflikte

Äußere Konflikte sind die mehr oder weniger offensichtlichen Probleme, die ein Charakter mit seiner Umwelt hat. Sie können sich in Blicken und Worten äußern oder bis hin zu körperlicher Gewalt steigern.

  • Geht der Konflikt vom Charakter aus oder steht er aggressiven Personen oder Mächten gegenüber?
  • Steht der Charakter allein?
  • Ist der Konflikt tragendes Element der Handlung?
  • Wie äußert sich der Konflikt? Steigert sich seine Intensität im Verlauf der Handlung?
  • Welche Handlungsmöglichkeiten bleiben dem Charakter im Umgang mit dem Konflikt?

Äußere Konflikte müssen nicht zwangsläufig im Zentrum der Handlung stehen. Eine Liebesgeschichte in Kriegswirren kann Kampf und Gefahr als Gerüst nehmen und die Liebenden mit Gewalt konfrontiert zeigen. Ebenso möglich ist jedoch, dass ein Verrat unter Angehörigen einer Familie im Mittelpunkt steht, der Krieg selbst als äußerer Konflikt nur Haltungen beeinflusst und Bewegungsmöglichkeiten einschränkt.

Was interessiert Sie als Leser an Charakteren? Wie geben Sie als Autor Ihren Charakteren Tiefe?

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Ein Gedanke zu „Schreibwerkstatt: Charakter mit Tiefe

  1. Wirklich gut und nachvollziehbar zusammengefasst, danke!
    Was mich am häufigsten in Romanen stört, ist das schwarz-weiß / gut-böse Kategorisieren.
    Ich lasse mich gerne von einem Charakter überraschen – sofern seine Gründe nachvollziehbar sind.

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