Was haben Bücher und E-Books mit Hygienspray zu tun?

 Heute Morgen im Badezimmer blieb mein Blick an einer Flasche mit Hygienespray hängen. Die Flasche steht da, weil wir einen Fall von Fußpilz im Haus haben. Die Stichworte dazu sind Klassenfahrt und Gemeinschaftsdusche. Für den Fall, dass Sie in den nächsten Tagen keine Zeit für den Besuch in Drogeriemärkten haben, erkläre ich kurz, was mir an der Sprayflasche aufgefallen ist, ehe ich zu den Büchern und E-Books komme.

Meine Überlegungen mögen vielleicht einigen Lesern seltsam erscheinen, doch es interessiert mich brennend, was Sie zu dieser Frage zu sagen haben. Lassen Sie mich wissen, was Sie denken!

Horrormeldung Epidemie

Denken wir zurück an die an die Horrormeldungen über drohende Epidemien der letzten Jahre: Vogelgrippe, Schweinegrippe, EHEC. Auf der Rückseite meiner Sprayflasche werden, aufgeschlüsselt nach Bakterien, Viren und Pilzen, die Erreger genannt, über die in den Medien am meisten berichtet wurde. EHEC ist dort nicht erfasst, dafür aber in einem roten Feld auf der Vorderseite. EHEC war erst 2011 und hat viele Menschen verunsichert, weil die Infektionsquelle lange unklar blieb. Normalerweise treten EHEC-Infektionen sehr begrenzt auf, wahrscheinlich erschien es den Designern der Flasche deshalb unnötig, es in die Liste auf der Rückseite aufzunehmen. Aber auf dem roten Feld von 2011 ist EHEC unübersehbar platziert, genau über den Fingern der Hand, die die Flasche von hinten her umfassen. EHEC fällt ins Auge.

Epidemie von Büchern und E-Books?

Vielleicht ist es einfach meine vom Lektorieren überhitzte Fantasie, aber ich halte die Flasche Hygienespray für ein Beispiel, wie ein existierendes Produkt, nennen wir es Buch, veränderten Wünschen und Bedürfnissen von Kunden, nennen wir sie Leser, angepasst wird.

Gerade im Umfeld der Frankfurter Buchmesse wurde wieder viel über den Unterschied von Büchern und E-Books gesprochen, diskutiert und gestritten. Mein Eindruck ist, immer noch stellen Vertreter des Buchwesens das E-Book als ärgerliche Störung oder gar Entweihung des Buches dar. Das finde ich bedauerlich.

Ich muss bei solchen Reden immer an eine Supervisorin denken, mit der ich in meiner Zeit in der Erwachsenenbildung zusammengearbeitet habe. Sie mahnte immer, die positiven Ressourcen der Menschen zu sehen. Das fällt nicht immer leicht. Aber ich möchte einmal auf die positiven Eigenschaften von Büchern und E-Books sehen. Mein Ziel ist nicht zu werten, sondern zu zeigen, dass es nicht zielführend sein kann, zwei Erscheinungsformen eines Inhalts gegeneinander aufzuwerten.

Der Inhalt ist die Geschichte, die Sammlung an Informationen, der Text. Wenn manche Vertreter der Buchbranche sich über das Wort Content aufregen, übersehen sie, dass Buch, E-Book, Pergamentrolle, Wachs- oder Tontafel, Steinblock letztendlich nur Träger oder auch Medien sind, auf denen Ideen oder Content festgehalten wurde.

Das gedruckte Buch

  • ist körperlich vorhanden.
  • kann mit allen Sinnen wahrgenommen werden (auch mit dem Geschmacksinn).
  • ist haltbar, wenn man vom Einfluss von Wasser und Feuer (Stichwort: Bücherverbrennung) absieht.
  • ist, einmal vorhanden, nicht ohne Weiteres zu verändern (Stichwort: Errata-Zettel).
  • Der vorgenannte Punkt bedeutet auch, dass Aktualisierungen in neuen Büchern vorgenommen werden müssen. Auf diese Weise können Leser über mehrere Auflagen hinweg oft weitreichende Änderungen nachvollziehen.
  • kann mit Beigaben von CDs, DVDs oder Codes interaktive Komponenten erhalten.
  • ist wertvoll, weil es die Arbeit vieler Menschen in sich vereinigt.
  • erfreut, unterhält, bildet Leser.

Das E-Book

  • ist virtuell vorhanden.
  • kann mit den Augen gelesen, ggf. mit den Ohren gehört werden. Nase, Zunge und Hand haben nur das Lesegerät.
  • kann neben geschriebenen Text auch Hörtexte, neben Bildern auch Filme beinhalten.
  • kann interaktiv gestaltet sein.
  • ist haltbar über die Lebensdauer des Lesegerätes hinaus, liegt allerdings auf einem Server, der eigenen Störanfälligkeiten unterworfen ist.
  • ist veränderbar und kann inhaltlich aktualisiert werden. Das geschieht teilweise ohne das Wissen des Lesers und könnte ohne das Wissen des Autors (!) durchgeführt werden.
  • ist wertvoll, weil es die Arbeit vieler Menschen in sich vereinigt.
  • erfreut, unterhält, bildet Leser.

Wahrscheinlich fehlen noch zahlreiche positive Eigenschaften von Büchern und E-Books, so wie ich bewusst darauf verzichtet habe, negative Eigenschaften hervorzuheben. Mein Ziel war es zu zeigen, dass es Gemeinsamkeiten gibt und beide ohne den Inhalt bedeutungslos sind. Niemand interessiert sich für eine Sammlung leerer Blätter oder eine Datei ohne Informationen.

So wie in Plastikflaschen immer nur ein Hygienspray verkauft wird, kann mit der Form der Flasche oder einem neuen bunten Aufkleber der Spray eine aktualisierte Bedeutung erhalten.

Was denken Sie? Schreiben Sie mir.

 

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