Wie schreibt man eine Kurzgeschichte?

 Oft stößt man in Foren auf Fragen nach Kurzgeschichten. Mitglieder möchten wissen, wie man Kurzgeschichten interpretiert, weil sie am nächsten Tag eine Klassenarbeit zu diesem Thema schreiben, oder sie möchten selbst solche Texte schreiben. Wie so oft bei kreativen Themen zeigt sich auch hier eine große Unsicherheit. Die Fragesteller suchen Regeln, möchten wissen, wie man es „richtig“ macht.

Die Regeln, die wir in der Schule für das Schreiben, Malen und Komponieren lernen, blicken zurück auf das, was andere Menschen gemacht haben. Was wir daraus machen, ist unsere Sache, unsere Freiheit. Trotzdem schadet es nicht zu wissen, was beispielsweise Kurzgeschichten bisher auszeichnete.

Ich möchte einen kurzen Blick auf die Herkunft der Kurzgeschichten werfen. Anschließend betrachte ich ihre Merkmale und gebe Hinweise, wie diese Merkmale im eigenen Schreiben umgesetzt werden können. Tipps über das Schreiben finden sich auf den unter Schreibwerkstatt gesammelten Posts. Sie finden dort auch Posts über das Materialsammeln vor dem Schreiben, Charakterentwicklung und das Überarbeiten von Texten.

Die Herkunft der Kurzgeschichte

Die Bezeichnung Kurzgeschichte ist von dem Englischen Short Story entlehnt. Im 19.en Jahrhundert entstand die Kurzgeschichte vor allem als Text in Zeitschriften, die sich zu dieser Zeit großer Beliebtheit erfreuten. Besonders in den USA konnten Autoren mehr Geld verdienen und größere Bekanntheit erreichen, wenn sie kurze Geschichten in Magazinen veröffentlichten. Edgar Allan Poe ist ein bekannter Vertreter der Short Story-Autoren aus dem 19.en Jahrhundert, Ernest Hemingway schrieb im 20.en Jahrhundert Short Stories.

Im deutschsprachigen Raum beschäftigten sich ab dem Beginn des 20.en Jahrhunderts Autoren mit Kurzgeschichten. Die Hochzeit war nach dem zweiten Weltkrieg, als sich eine junge Autorengeneration der Kurzgeschichte bediente, um sich von der verschnörkelten Sprache der nationalsozialistischen Autoren abzusetzen. Wichtige Vertreter dieser Autoren sind Wolfgang Borchert und Ilse Aichinger.

Eine Übersicht über die Gattung Kurzgeschichte finden Sie hier und (für die Schule aufbereitet) hier.

Merkmale der Kurzgeschichte

Sprache

Eine Kurzgeschichte bietet keinen Raum für ausschmückende Schilderungen. Die Sprache ist sachlich und schlicht, um in wenigen Worten viel auszudrücken. Daher sind die Sätze eher kurz, Adjektive und Adverbien sollten Sie nur sparsam einsetzen. Metaphern, Vergleiche, Personalisierungen und andere rhetorische Mittel sollten Sie für wichtige Passagen verwenden, um ihnen besondere Aussagekraft zu verleihen.

Beginn und Schluss

Die Kurzgeschichte fasst Ereignisse auf wenig Raum zusammen. Amerikanischer Standard sind 1000 Wörter. Daher ist der Beginn unmittelbar und führt direkt in die Handlung. Auch der Schluss kommt unvermittelt, ist offen oder halboffen.

Nehmen Sie die 1000 Wörter als Rahmen, ist es notwendig, ohne Einleitung direkt in die Handlung einzusteigen. Lange Erklärungen, wer was wann wie tut, haben hier keinen Platz. Sind diese Informationen für den Leser wichtig, können Sie sie in die Handlung einflechten. Beim offenen Schluss bricht die Handlung abrupt ab, beim halboffenen Schluss ist ein möglicher Ausgang angedeutet. In jedem Fall ist der Leser gezwungen, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen, sie im Kopf weiterzuführen, quasi mitzuarbeiten.

Handlung

Die Handlung ist oft alltäglich, aber mit einem Konflikt beladen, der zu einer Krise oder zu einem Einschnitt im Leben des oder der Charaktere führt. Manchmal ist die Handlung ganz in das Innere einer Person verlagert.

Diese Verdichtung können Sie selten im ersten Entwurf der Kurzgeschichte erreichen. Überlegen Sie genau, was geschieht und aus welcher Perspektive Sie schreiben. Prüfen Sie Ihren Entwurf auf doppelte oder für den Leser überflüssige Informationen. Suchen Sie ausdrucksstarke Verben.

Charaktere

Auch die Charaktere sind meistens alltägliche Menschen. Ihre Wesenszüge sind oft nur skizziert oder auf einen bestimmten Zug reduziert.

Oft vergleicht man Romane mit Gemälden und Kurzgeschichten mit Skizzen. Wenn Sie an Vorstudien von Gemälden denken, sehen Sie wie selbst in den wenigen Linien der Skizze das Wesen des Gemäldes bereits erkennbar ist. Damit Ihnen dies beim Schreiben einer Kurzgeschichte gelingt, müssen Sie umgekehrt arbeiten. In Ihrem Kopf muss ein sehr genaues Bild Ihrer Charaktere existieren. Bevor Sie das erste Wort schreiben, reduzieren Sie dieses Bild. Überlegen Sie sich zwei oder drei Fragen, die für einen Charakter in der Handlung bedeutsam sind. Achten Sie dabei auf den sinnlichen Eindruck beim Leser. Aus den Farben, der Art der Bewegungen, der Stimmlage, dem Geruch lassen sich Schlüsse auf das Wesen einer Person ziehen.

Zeitverhältnisse

1000 Wörter sind schnell gelesen. Die beschriebene Handlung ist ähnlich kurz, ein Tag, einige Stunden, vielleicht nur ein Augenblick. Zeit wird gerafft bis hin zur Zeitdeckung in Dialogen.  Stehen psychologische Aspekte im Vordergrund, wird die Handlung durch Betrachtung, Detailbeschreibung oder Rückblenden sogar gedehnt.

Verlieren Sie sich nicht in Details. Wenn Sie einen längeren Zeitraum abdecken wollen, sind nicht alle Stunden eines Tages für die Handlung relevant. Springen Sie von einem wichtigen Zeitpunkt zum nächsten. Den Übergang können Sie später bearbeiten. Bleiben Sie auch bei Beschreibungen eines prägenden Eindrucks kurz. Probieren Sie verschiedene Zeitverhältnisse aus. Vielleicht dachten Sie anfangs, eine zeitgleiche Beschreibung von Ereignissen wäre angemessen, nur um zu sehen, dass eine Rückblende eindrucksvoller ist.

Erzählperspektive

Oft sind Kurzgeschichten aus der Perspektive eines Ich-Erzählers geschrieben. Aufgrund des eingeschränkten Wissens des Ich-Erzählers über die Ereignisse weiß der Leser nur so viel oder sogar weniger als der Ich-Erzähler. Wird aus der Perspektive einer dritten Person berichtet, tritt diese manchmal ganz in den Hintergrund und beobachtet die handelnden Personen lediglich. Oft erleben Leser diesen Erzähler als inneren Monolog oder neutralen Beobachter, der wie eine Kamera nur äußere Handlungen und Reaktionen aufzeichnet.

Auch wenn nicht alle Merkmale in einer Kurzgeschichte anzufinden sind, sind Leser von Kurzgeschichten gefordert, den Text ganz genau zu lesen, um Schlüsse auf die inneren Vorgänge, die Motive und Haltungen der Charaktere ziehen zu können. Zu aktivem, mitdenkenden, mitschaffenden Lesen können Sie nur auffordern, wenn Sie mutig und experimentierend an Ihrem Text gearbeitet haben.

 

 

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