Deutsche Sprache, schwere Sprache – aber gut für die Sprache der Charaktere

 Meine Eltern sprechen untereinander und mit ihren ältesten Freunden Plattdeutsch, Stolberger Platt aus dem deutsch-niederländischen Grenzgebiet bei Aachen. Seit ich in Ostfriesland lebe, sprechen die Leute um mich herum ostfriesisches Platt. Und als ich Deutsch als Zweitsprache unterrichtete, sprachen die Leute um mich herum viele verschiedene Sprachen. Zu mir sprechen alle diese Leute Deutsch, mehr oder weniger das gleiche Deutsch.

Vielleicht habe ich deshalb eine Sprachempfindlichkeit entwickelt. Das ist ähnlich wie Zahnschmerzen. Zwar bilde ich mir ein, sehr großzügig mit den sprachlichen Besonderheiten meiner Umgebung umzugehen, aber ich rege mich fürchterlich auf, wenn ich im Radio, im Fernsehen oder auf bestimmten Websites auf einen Sprachgebrauch treffe, den ich bestenfalls als nachlässig bezeichnen kann.

Wie Menschen im Alltag sprechen, ist ihre Angelegenheit. Aber es gibt Sprechsituationen, in denen jeder seine Sprache anpassen sollte. Dies gilt besonders für öffentliches Sprechen, und gerade Moderatoren im Radio und im Fernsehen sprechen öffentlich. Sie verbreiten Sachinformationen, aber nebenbei verbreiten sie Eigenschaften ihrer Sprache.

Vor einigen Jahren sprachen wir im Deutsch als Zweitsprache-Unterricht über Präpositionen. Ein Teilnehmer fragte, ob man alle Präpositionen kombinieren können, ähnlich wie mit ohne. Als ich sagte, mit ohne gebe es nicht, protestierte er. Er habe am Imbisswagen Preise für Currywurst mit Mayo und für Currywurst mit ohne Mayo gelesen.

Mit ohne war damals in Bremen sehr verbreitet. Die Kombination hat Logik, wie das Beispiel der Currywurstpreise zeigt. Trotzdem ist sie nicht korrekt. Was nicht heißt, dass unter bestimmten Umständen …. doch dazu später.

Die Neigung beim NDR, das nicht trennbare Verb überführen in bestimmten Kontexten trennbar zu machen, hat sich glücklicherweise gelegt. Gehört habe ich niemals Erfolgsmeldungen wie *Die Verbrecher wurden übergeführt, je nach Popularität des Verstorbenen waren jedoch Äußerungen wie *Die sterblichen Überreste wurden nach Deutschland übergeführt viertelstündlich zu hören.

Die Wandlung der Nebensatzkonjunktion weil in eine Hauptsatzkonjunktion setzt sich weiter fort. In den 1980er Jahren sprachen Menschen in Süddeutschland plötzlich so, inzwischen ist ganz Deutschland betroffen. Die schwierige Unterscheidung im Deutsch als Zweitsprache-Unterricht zwischen Er legte sich ins Bett, denn er war müde und Er legte sich ins Bett, weil er müde war erübrigt sich für viele Sprecher. Sie sagen *Er legte sich ins Bett, weil er war müde. Eine Lehrerin an der Grundschule meiner Tochter sprach so und strich ihren eigenen Sprachgebrauch in Aufsätzen als Fehler an. Nicht wenige Kinder und Eltern (!) waren verwirrt.

In Aachen gibt es ein sehr praktisches Verb. Überbrechen bezeichnet einen Vorgang, bei dem ein Gegenstand in zwei Teile gebrochen wird, wie *Sie brach den Keks über und gab mir eine Hälfte. Ich habe am Gymnasium nur einen Physiklehrer erlebt, der überbrechen nicht nur nicht benutzte, sondern auch in Arbeiten anstrich. Er argumentierte als Ingenieur. Die Deutschlehrer äußerten sich nicht und verwendeten das praktische Wort gelegentlich. Allerdings wird im Deutschunterricht seltener etwas übergebrochen als im Physikunterricht.

Wer Deutsch als zweite Sprache gelernt hat, wurde mit der Kombination brauchen + zu + Infinitiv gequält. Nordeutsche Sprecher des Deutschen verzichten gerne auf das zu. *Du brauchst keine Jacke anziehen sagen Eltern zu ihren Kindern, der NDR beteuert beim Wetterbericht *Heute brauchen Sie keinen Regenschirm mitnehmen. Ansonsten bedient sich die Stimme im Radio der Standardsprache.

Wie gesagt, jeder hat das Recht auf seine Vorlieben, auch beim Sprechen. Doch in öffentlichen Situationen, und Texte in Informationsmedien oder in der Literatur sind öffentlich, sollte ein höherer Standard gewahrt werden. Allerdings können Autoren Abweichungen von diesem Standard sehr gut verwenden, um ihre Charaktere herauszuarbeiten. Da die Verwendung bestimmter Ausdrücke oder Satzkonstruktionen typisch für eine Region, eine Stadt, ein soziales Milieu oder eine Generation sind, beschreiben sich Charaktere in ihrer wörtlichen Rede oder in ihren Gedanken selbst.

 

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