Brauchen wir schöne Wörter: Internationaler Tag der Poesie

Der 21. März ist seit zwölf Jahren der Poesie gewidmet. Das ist schön, aber ist es notwendig? Braucht der Mensch von 2013 Gedichte?

 Gibt man bei Google oder irgendeiner anderen Suchmaschine Suchwörter wie „Poesie“, „Dichtung“ oder „Gedichte“ ein, finden sich zunächst zahlreiche Webseiten, die Gedichte vorstellen. Dass so viele derartige Seiten unter den ersten Treffern der Suchmaschinen sind, spricht für ihre Beliebtheit. Menschen suchen Gedichte. Warum sie das tun, wissen wir zunächst nicht.

Menschen suchen auf Webseiten auch nach bestimmten Arten von Gedichten. Gedichte über Liebe oder Freundschaft werden in Foren nachgefragt, Gedichte über Tod und Trauer ebenfalls. Wer etwas sucht, hat einen Anlass für seine Suche. Das können gebrauchsfertige Gedichtinterpretationen für die Hausaufgaben sein, tatsächlich aber erscheinen Seiten, die so praktische Schüler-Lebenshilfe anbieten, eher selten.

Gefragt ist das Gedicht, seine Worte, seine Wirkung. Auch in diesem Jahr.

UNESCO-Direktorin Irina Bokova sagt, Dichter riefen die Anliegen von Bewegungen ins Bewusstsein der Öffentlichkeit, sie machten gleichzeitig auf die Ungerechtigkeiten in der Welt aufmerksam und wie auf deren Schönheit.

Poesie bezeichnet eine über die Sprache hinausgehende Wirkung. Peter Rühmkorf erinnert in diesem Sinne auch an die Anfänge der Dichtkunst in der Magie. Menschen suchen diese Magie. Sie suchen Erklärungen, die sich der Sprache entziehen und die sie nicht in Zeitungsartikeln oder Gedichtinterpretationen finden. Dieses Übersprachliche, das gesucht, um das gerungen und dringend benötigt wird, ist so tiefgreifend wie die Themen Liebe und Tod nur ahnen lassen.

Um dieses Besondere, das außerhalb der Sprache Befindliche verstehen zu können, muss man anders lesen. In Gedichten geht es nicht um Fakten und Informationen, die man innerlich auflistet und systematisch bearbeitet. Ein Gedicht wirkt über Stimmungen, Eindrücke, Bilder. Für diese muss der Leser sich öffnen. Das Ungreifbare weckt Ideen. Diese Ideen jedoch können mit der Logik der Welt überdacht werden. Aus der für eine Gestalt im Gedicht empfundenen Ungerechtigkeit folgt die Erkenntnis der realen Ungerechtigkeit, aus dem Ahnen des Sehnen einer verliebten Gestalt wächst Verständnis für das eigene Gefühl.

Was Menschen begriffen haben, mit dem Verstand wie mit den Händen, können sie ändern, umsetzen, weitergeben. Sie müssen es nicht. Aber die Möglichkeit ist entstanden.

Gedichte haben Macht, auch heute noch. Traditionell verbieten Potentaten Dichtern den Mund. Sie ahnen, warum.

 

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