Wann ist ein Buch zu Ende? Oder wenn das Ende nicht nahen will

 Ein Buch zu schreiben hat manchmal Ähnlichkeiten mit dem Knabbern an einer Tafel Schokolade. Es ist sehr schwer, ein Ende zu finden. Bei der Schokolade gibt es ein natürliches Ende. Wenn alles gegessen ist, gibt es nichts mehr. Man müsste eine neue Tafel anbrechen, um das Naschen fortzusetzen. Beim Schreiben nützt es nichts, ein neues Buch zu beginnen. Das aktuelle Projekt will zu einem Ende gebracht werden.

Aber wie?

Welche Erwartungen haben Leser an ein Ende?

Leser bevorzugen ein Ende, das sich nachvollziehbar aus allem hervorgegangenem ergibt. Im Rückblick entdecken sie die eingestreuten Hinweise, die auf ein einziges mögliches Ende hinführen. Trauen die Leser diesen Hinweisen nicht oder lehnen sie die Auflösung ab, sind sie enttäuscht oder verwirrt.

Leser lieben außerdem ein unerwartetes Ende. Das verlangt sorgfältiges Arbeiten des Autors, denn auch ein unerwartetes Ende möchte vorbereitet sein. Gelingt dies nicht, wird die Geschichte langweilig.

Wie entwickelt sich ein Ende?

Betrachten wir den Spannungsbogen einer Handlung. Am Anfang beginnen die Verstrickungen, die sich immer weiter entwickeln und am Höhepunkt der Spannung auflösen. Danach gibt es nichts mehr zu berichten. Man kann eine Erläuterung der Auflösung anbieten, vielleicht einen kurzen Ausblick auf die Zukunft geben, dann jedoch ist das Ende unabwendbar gekommen.

Ist das Ende zu offen oder unklar, irritiert es Leser. Es wird immer einige Menschen geben, die die Hinführung zum Ende nicht verstehen oder Andeutungen fehlinterpretieren. Geht es der Mehrheit der Leser so, hätte das Ende besser bearbeitet werden müssen.

Ein Ende braucht einen Höhepunkt

Ein Ende benötigt einen Wendepunkt, an dem die konzentrierte Spannung der Handlung aufgelöst wird und alle Unklarheiten beseitigt sind. Ein häufiges Problem bei der Entwicklung einer Handlung ist der fehlende Höhepunkt. Insbesondere bei Geschichten, die weniger von äußerer Handlung als von innerer Handlung getragen werden, kann es passieren, dass der Höhepunkt nicht eintritt. In solchen Fällen kann kein zufriedenstellendes Ende entstehen. Bei der Überarbeitung des Manuskripts ist darauf zu achten, dass auch die innere Handlung auf einen Wendepunkt zu läuft. Erst dann kann ein Ende erarbeitet werden.

Auch können zu viele kleine Höhepunkte die Handlung so zerfetzen, dass der Leser niemals genügend Informationen erhält, um ein Ende zu erwarten. Oft geht es dem Autor ähnlich. Er hat in solchen Fällen das Gesamtbild der Handlung verloren oder nie besessen. Auch hier muss die gesamte Handlung überarbeitet werden, bevor sich das Ende logisch und befriedigend ergeben kann.

Die Handlung von Anfang an als Ganzes sehen

Die Handlung darf nicht in isolierte Handlungsabschnitte zerfallen. Jedes Vorkommnis muss in die innere Logik passen. Das darf Lesern auch erst im Nachhinein deutlich werden, aber beim Schreiben muss der Autor auf das Gesamtbild achten.

So wie die Anfänge auf die anstehenden Entwicklungen hinführen, müssen diese Entwicklungen einen Wendepunkt einleiten, der wiederum zu einem eindeutigen Ende führt. Wer beim „Aus-dem-Bauch-Schreiben“ nicht die notwendige Spannung herstellen kann, sollte sich soweit disziplinieren, eine Handlungsskizze zu erstellen. Aus der ist bereits abzulesen, ob das Ende sich nachvollziehbar entwickelt ober ob Änderungen notwendig werden.

 

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