Brauchen wir Geschichten?

(c) Ole Sevecke
(c) Ole Sevecke

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Geschichten sind alt. Es gibt sie schon lange. Wir können uns vorstellen, dass unsere Vorfahren zusammensaßen und erzählten. Was haben sie erzählt? Und wie? Ihre Sprache war mit unserer Sprache jetzt nicht zu vergleichen. Doch sie genügte, um einen wichtigen Zweck zu erfüllen:

Mittels der Sprache konnten unsere Vorfahren sagen, was sie erlebt hatten, was nicht gelungen war, was gelungen war und wie die anderen sich in einer vergleichbaren Situation verhalten sollten. 

Geschichten waren Berichte. Die Zuhörer verstanden sie, erlebten sie mit. Heute wissen wir, dass wenn wir eine Geschichte über einen Kampf lesen oder hören, in unserem Gehirn die Bereiche aktiviert sind, die in einem echten Kampf aktiv sind. Sogar unsere Muskelspannung ist anders als im Ruhezustand. Unsere Vorfahren erlebten die Geschichten mit. Uns ergeht es nicht anders. Und wenn für uns eine Geschichte nicht in jedem Fall Vorlage für Verhalten im Ernstfall ist, so nehmen wir etwas aus jeder Geschichte mit.

Heute unterhalten uns Geschichten. Das ist ein wichtiger Grund, weshalb Menschen lesen oder Filme sehen. Oft genug geschehen andere Dinge mit uns. Vielleicht fühlen wir uns heiterer oder trauriger. Vielleicht sind wir wütender oder entspannter. Vielleicht fühlen wir uns toleranter oder unsere Ansichten sind strikter. Geschichten verändern uns. Ob die Wirkung anhält oder bald verfliegt, ist zunächst nicht wichtig. Wir sind als andere aus der Geschichte gekommen. Darin ähneln wir unseren Vorfahren.

Geschichten wirken auf bestimmten Wegen. Der eine Weg ist die Sprache, der andere ist Struktur. Sprache hat Macht über uns. Einerseits wirkt Sprache auf etwas Grundsätzliches in uns. Sie aktiviert Vorstellungen, die tief in unserer Kultur verwurzelt sind, teilweise kultur- und sprachenübergreifend sind. Zu diesen Vorstellungen haben wir im alltäglichen Leben keinen Zugang. Doch mit jedem Satz, den wir hören oder lesen, mit jeder unserer Äußerungen greifen wir darauf zurück. Die Grammatik und Wörter unserer jeweiligen Sprache, zu denen wir direkten Zugang haben, sind die gelernten Vermittler zwischen der Welt und unserem Körper.

Sprache und Grammatik geben der Welt Sinn. Ein Wort wie Feuer ist uns Warnung, ein Wort wie satt beruhigt uns. Wenn wir Geschichten erzählen oder schreiben, bedienen wir uns der Sprache und ihrer Mechanismen, um emotionale Effekte zu erzielen.

Struktur ordnet für uns die Welt. Wenn wir einer Geschichte Struktur geben, bringen wir sie in eine Form, die sie leichter verständlich macht. Wir unterteilen die Geschichte in einen Anfang, einen Hauptteil, einen Schluss. Der Anfang soll unserem Publikum mitteilen, worum es in der Geschichte geht. Es soll Lust entstehen auf die Geschichte. Der Hauptteil präsentiert die Verwicklungen der Geschichte, die Probleme, die zu unermessliche Gefahr anwachsen. Der Schluss bringt die Lösung und, vielleicht, die beruhigende Gewissheit, dass jetzt alles gut ist.

Warum aber spüren Menschen den Wunsch, Geschichten zu erzählen oder aufzuschreiben?

Die Antwort ist nicht leicht gegeben. Jeder Geschichtenerfinder hat zumindest an der Oberfläche andere Beweggründe. Der eine möchte informieren, der andere unterhalten. Ein anderer ist auf der Suche nach den Abenteuern, die er erfindet. Wieder ein anderer durchlebt die Ereignisse der Geschichte wie echte Ereignisse und kommt geläutert aus der Handlung. Und noch ein anderer nimmt sich in der Geschichte die Freiheiten, die das reale Leben ihm, aus welchen Gründen auch immer, verwehrt.

Dieser Post ist Teil eines Experiments. Ich schreibe ein Buch über das Schreiben. Dabei verwende ich ein horizontales Inhaltsverzeichnis. Wie ich mir das Experiment vorstelle, können Sie in diesem Post nachlesen. Den Entwurf des Inhaltsverzeichnisses finden Sie hier. Über Kommentare und Anregungen freue ich mich.

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