Erzählperspektive – Durch welche Augen lese ich?

(c) Ole Sevecke
(c) Ole Sevecke

Wenn Sie sich selbst im Spiegel betrachten, sehen Sie vielleicht eine leicht übergewichtige Person mit Hautproblemen und Augenringen. Ihre Eltern entdecken an Ihnen die Ohren von Papa und die strahlenden Augen von Mama. Ihr Partner oder Ihre Partnerin sieht in Ihnen ein Gegenüber für lange Gespräche und Diskussionen über die Welt. Ihre alte Musiklehrerin ist möglicherweise enttäuscht, weil Sie Ihr großes Talent nicht ausgeschöpft haben, während sich Ihre Grundschullehrerin freut, dass Sie die Sache mit der Rechtschreibung doch noch kapiert haben.

Jeder dieser Menschen würde Ihre Person anders beschreiben, denn jeder sieht Sie aus einem etwas anderen Blickwinkel.

Was bewirkt die Erzählperspektive?

Wenn Sie eine Geschichte schreiben, entscheidet die Wahl der Erzählperspektive nicht nur die Handlung. Je nachdem, aus wessen Perspektive Sie schildern, was geschieht, ist der Ton fröhlich, leidenschaftlich oder wütend, ist die vermittelte Stimmung bedrohlich, gelassen oder erotisch.

Stellen Sie sich vor, Sie schreiben über eine Familie. Die Mutter ist über das Wochenende weggefahren, der Vater bleibt mit dem Kind zurück.

  • Wenn Sie aus der Perspektive der Frau schreiben, sehen Sie die Handlung möglicherweise aus der Sicht einer Frau, die ihren Mann nur geheiratet hat, damit ihr ungeborenes Kind einen Vater bekam. Er langweilt sie, und sie empfindet seine Fürsorge als Kontrolle. Geschäftstermine am Wochenende sind für sie eine Gelegenheit für unverbindlichen Sex mit anderen Männern.
  • Aus der Perspektive des Mannes beschreiben Sie vielleicht die Angst, nicht nur die Frau zu verlieren, sondern auch die Versorgerin. Er hat sein Studium abgebrochen, weil ihr das Baby gleichgültig war.
  • Aus Sicht des Kindes schildern Sie die Verwirrung, warum die Eltern sich so unfreundlich zueinander verhalten, die Enttäuschung über die Abwesenheit der Mutter und die Besuche der neuen Nachbarin, die immer so lange mit dem Vater in der Küche Kaffee trinkt.

Die Erzählperspektive entscheidet, was der Leser über eine bestimmte Situation erfährt.

Wie entscheide ich mich für eine Erzählperspektive?

Viele Autoren entscheiden sich intuitiv für eine Erzählperspektive. Einige schreiben immer aus einer bevorzugten Erzählperspektive, andere probieren verschiedene Perspektiven aus. Gelegentlich sprechen Autoren von Schwierigkeiten beim Schreiben, die sich durch eine andere Erzählperspektive erledigten, weil die Geschichte plötzlich „passte“.

In die Entscheidung für eine bestimmte Erzählperspektive wirken verschiedene Fragen. Ob Sie nun bewusst über die Perspektive nachdenken, oder die Entscheidung aus dem Bauch treffen, folgende Überlegungen spielen eine Rolle:

  • Wer spricht: Hört der Leser einen Erzähler oder einen Charakter?
  • Wer denkt: Wessen Gedanken erfährt der Leser?
  • Wer sieht: Mit wessen Augen verfolgt der Leser die Handlung?
  • Wie nah: Wie groß ist die emotionale und zeitliche Distanz zu den Ereignissen?

Nach meiner Erfahrung ist es sinnvoll, in der Zeit, in der die Idee für eine Geschichte reift, auch über diese Fragen nachzudenken. Oft führen die Überlegungen dazu, dass die Geschichte in Ihrem Kopf bereits eine bestimmte Form annimmt, aus der Sie die geeignete Erzählperspektive erkennen können.

Ein  Hinweis zum Thema Schreibblockade: Wenn Ihnen nicht einfällt, wie sich eine Geschichte weiterentwickeln könnte oder Sie Widerwillen gegen Ihre Geschichte empfinden, hilft es Ihnen unter Umständen, wenn Sie Ihre Geschichte einmal aus einer anderen Perspektive denken.

Mein Post vom 16.03.2014 wird einige Schreibübungen zu Erzählperspektiven enthalten. Dieser Post ist Teil meines Experiments, ein Sachbuch mit einem horizontalen Inhaltsverzeichnis zu schreiben. Mehr über dieses Experiment finden Sie in dem Post Ein horizontales Inhaltsverzeichnis? Experiment für ein Sachbuch über das Schreiben.

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