Spiel mit der Distanz: Wie nah darf ein Erzähler sein?

(c) Ole Sevecke
(c) Ole Sevecke

Die Stimme des Erzählers leitet uns durch einen Text. Der Erzähler gibt uns Informationen und schildert die Ereignisse der Handlung. Was der Erzähler weiß, liegt an der Erzählperspektive, also an der Sicht, die der Erzähler einnimmt. Aber auch die Distanz des Erzählers zu dem Charakter, aus dessen Perspektive der Leser die Handlung zu sehen bekommt, ist von Bedeutung. Die Distanz bestimmt, wie intensiv der Leser die Emotionen des Charakters erlebt.

Oft veranschaulicht man die Distanz mit einem Vergleich zu den Kameraeinstellungen im Film.

Film und Text

In einer Großaufnahme sehen die Zuschauer nur das Gesicht, der restliche Körper und die Umgebung sind ausgeblendet. Alle Emotionen sind auf dem Gesicht abzulesen, das Gesicht spiegelt die Gedanken und Gefühle wider und auch die Reaktionen auf die unsichtbare Umwelt.

Übertragen auf einen Text bedeutet dies, dass ein Erzähler eine Position nahe am Charakter einnehmen kann. Der Erzähler vermittelt die Eindrücke direkt aus der Wahrnehmung des Charakters. Schmerzen, Berührungen, Gerüche kann der Leser so direkt miterleben. Es gibt fast keine Distanz zwischen Erzähler und Charakter. Nur die Sprache des Erzählers bestimmt, ob noch ein Abstand erhalten bleibt.

Aus einer Halbtotalen gefilmt sieht der Zuschauer den Körper des Schauspielers und Teile der Umgebung. Es ist möglich, den Schauspieler in einem Zusammenhang mit seiner Umgebung und den Menschen oder Gegenständen darin zu erkennen.

Nimmt der Erzähler eines Textes einen mittelgroßen Abstand zum Charakter ein, ist die Erfahrung des Lesers weiterhin vorwiegend auf den Charakter beschränkt. Die Umgebung gewinnt jedoch an Bedeutung. Somit hat der Leser Gelegenheit, mehr über den Charakter aus seiner Interaktion zu erfahren.

Filmt die Kamera den Schauspieler aus der Totalen, ist der Schauspieler ein Element in seiner Umgebung. Zuschauer sehen, was der Schauspieler noch nicht oder gar nicht sieht.

Rückt der Erzähler ab vom Charakter und schildert auch die Umgebung und die Menschen darin, erhält der Leser ein komplexeres Bild. Die Distanz zum Charakter erlaubt, die Eindrücke des Erzählers mit der eigenen Erfahrung abzugleichen. Es ist möglich, Entwicklungen vorherzusehen und das Tun des Charakters besorgt oder wohlwollend zu verfolgen. Auch erhält der Leser eine Chance festzustellen, ob der Erzähler zuverlässig ist und seine Deutungen wirklich zutreffen.

Unterschiede beleben

Es ist nicht vorgeschrieben, die Distanz zwischen Erzähler und Charakter über die gesamte Handlung konstant zu halten. Weil jede Distanz Vor- und Nachteile hat, empfiehlt sich jedoch ein Wechsel.

Insbesondere ein Text mit sehr geringer Distanz ist für den Leser schwer zu lesen, wenn nicht sogar schwer zu ertragen. Der Autor läuft bei dem Versuch, die Distanz möglichst kurz zu halten, Gefahr, die Übersicht zu verlieren. Zudem kann die Handlung unbeabsichtigt hinter die Emotionen zurücktreten. Das Ergebnis ist dann ein Porträt ohne Handlung.

Umgekehrt kann ein Text aus großer Distanz zum Charakter steif und oberflächlich wirken. Der Leser langweilt sich schnell.

Ein für Leser nicht nur erträgliches, sondern auch mitreißendes Buch spielt mit der Distanz. In manchen Augenblicken ist der Erzähler dem Charakter ganz nah und zeigt dem Leser das wütende  Pulsieren an der Schläfe, in anderen sitzt der Charakter im Gespräch und der Leser folgt dem Erzähler, wenn er um die Stühle der Beteiligten herumgeht. In anderen Momenten sieht der Leser den Charakter in einer Gruppe von Menschen.

Die Distanz beim Erzählen hat Einfluss auf die Geschwindigkeit der Handlung. Soll ein größerer Zeitraum überbrückt werden, kann sich der Erzähler sehr weit vom Charakter entfernen und kurz zusammenfassen, was in zehn Jahren geschah. Geht es um den Aufbau von Spannung, zählen Sekunden, in denen der Erzähler dem Charakter in den Nacken atmet.

 

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