Goethes Faust heute – Eine alte Tragödie täglich neu

 Am 31. August 2014 erscheint im Wieken-Verlag ein E-Book über Goethes Faust. Als ich die Anfrage des Herausgebers erhielt, den Text von 1916 neu herauszugeben, war ich überrascht und auch verunsichert. Überrascht war ich, weil ich nicht mit so einer Anfrage gerechnet hatte. Unsicher war ich, weil Analysen zu Goethes Faust sehr nach lebensferner Akademikerliteratur klingen. Ein so alter Text konnte nicht interessant sein. Sagte ich mir.

Als ich das alte Buch las, fand ich es in mancher Hinsicht sehr aktuell. Das liegt auch an der Entstehungsgeschichte, die fast ebenso spannend ist, wie der Inhalt der unbestritten faszinierenden Faust-Tragödie.

Der Autor Georg Streng verbrachte fast sein gesamtes Arbeitsleben als Pfarrer von deutschen evangelischen Gemeinden in Frankreich. Seine Frau hatte als Tochter eines Auslandspfarrers in Frankreich und Großbritannien gelebt. Die drei Kinder des Paares wurden in Frankreich geboren. Dann brach 1914 der erste Weltkrieg aus.

Dieser Kriegsausbruch liegt dieses Jahr hundert Jahre zurück. Es werden bereits jetzt zahlreiche Bücher und Filme über diese Zeit veröffentlicht. Dieser erste „moderne“ Krieg war auch der erste medial begleitete Krieg. Es gibt zahlreiche zeitgenössische Quellen, die heute helfen, die Ereignisse zu verstehen und, hoffentlich, Lehren daraus zu ziehen. Die Geschichte von Georg Streng und seiner Familie spielt am Rande der großen Weltgeschichte, und steht doch für die Erfahrungen vieler, auch prominenter Deutscher, damals und unzähliger Flüchtlinge heute.

Zum Zeitpunkt des Ausbruchs des ersten Weltkriegs war Georg Streng bereits seit einigen Jahren Pfarrer in Paris. Als Staatsfeinde musste seine Familie Paris sofort verlassen. Ihr persönliches Eigentum wurde eingezogen. Ähnlich erging es dem Dichter Rainer Maria Rilke. Der befand sich bei Kriegsausbruch in Deutschland und verlor so jede Möglichkeit, seinen Pariser Hausstand zu retten. Die Strengs kehrten nach Deutschland zurück, in ein Land, das die Kinder nicht kannten, in ein Land im Krieg. Glücklicherweise erhielt Georg Streng schnell eine neue Pfarrei in Reutin am Bodensee. Von der Metropole ausgestoßen fand er sich in einem kleinen Dorf wieder.

Dort überarbeitete Georg Streng in seinen Freistunden eine ältere Vortragsreihe über die Faustdichtung und veröffentlichte sie 1916 unter dem Titel  Goethe’s Faust als ein Versuch zur Lösung des Lebensproblems in den Hauptlinien betrachtet und beurteilt. Beim Lesen des Textes stellt sich die Frage, ob Georg Streng die Tragödie nicht nur als „deutschen“ Text ausgewählt hat, sondern ob er versucht, sich selbst seine Fragen zur Zeitgeschichte und zu seiner persönlichen Erfahrung zu beantworten.

Die zentrale Frage der Faustdichtung „Was darf der Mensch tun?“ stellte sich im ersten Weltkrieg in jeder Minute. Sie stellt sich auch heute, in Syrien, in der Ukraine, in Gaza, in der Republik Kongo und in hunderten kleinen und unbeachteten Kriegen. Es ist eine Frage nach Verantwortung für Handeln und nicht Handeln.

ab 31. August 2014 erhältlich:

Georg Streng: Goethe’s Faust als  ein Versuch zur Lösung des Lebensproblems in den Hauptlinien betrachtet und beurteilt, herausgegeben von Dr. Hartmut Streng, Wieken-Verlag, 2014.

EPUB ISBN 9783943621211, Kindle ISBN 9783943621228

 

 

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