Blitz, Donner, Sonnenschein – die Rolle des Wetters in Geschichten

 Wir haben kürzlich nach vielen Jahren noch einmal den Film „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ angesehen. Neben den Schauspielern spielt das Wetter eine Rolle. Das macht es diskret und doch effektiv. Wenn Sie den Film kennen, aber das Wetter nie bemerkt haben, dann beweist das meine Behauptung. Das Wetter begleitet den Zuschauer und gibt ihm Hinweise, auf das, was er zu erwarten hat.

Glauben Sie das nicht? Folgen Sie mir in einen Film, der manchen mit seiner Masse an weißen Hochzeiten und Hochzeitsliedern auf die Nerven geht.

Hochzeit 1: Frühlingssonne

Die erste Hochzeitsepisode beginnt an einem warmen und sonnigen Frühlingstag in London. Charles, den wir als Held des Films kennen lernen, verschläft an dem Morgen, an dem er in einer idyllischen Landkirche als Trauzeuge erwartet wird. Als er nach einer halsbrecherischen Fahrt ankommt, betritt eine unbekannte Schöne die Kirche. Carry trägt einen weißen Blazer. Charles versucht nach der Trauung ein Gespräch über Carrys auffallenden schwarzen Hut, doch sie lässt ihn mit einer Bemerkung stehen.

Charles, das wissen wir Zuschauer  zu diesem Zeitpunkt, ist von ihr fasziniert, doch während der gesamten Feier gelingt es ihm nicht, ihr näher zu kommen. Als alle bereits im Aufbruch sind, bemerkt Carry zu ihm, dass sie in dem Gasthaus schlafen wird, in dem er ursprünglich bleiben sollte. Charles trennt sich von seinen Freunden, wandert durch die laue Mondnacht zu dem Gasthaus mit romantischem Fachwerk. Dort findet er Carry und sie verbringen die Nacht miteinander.

Als der trübe Morgen dämmert, teilt sie ihm mit, dass sie in die USA zurückkehren wird. Sie fragt ihn, wann sie heiraten werden, er ist erschrocken, versteht die Frage aber zu Recht als Scherz. Ihre Wege trennen sich.

Hochzeit 2: Sommerhitze

Drei Monate später verschläft Charles beinahe die nächste Hochzeit, bei der seine Mitbewohnerin Brautjungfer ein soll. Diesmal legen die beiden einen Langstreckenlauf durch die sonnige Londoner Innenstadt hin, ehe sie aufgelöst, aber pünktlich in der Kirche eintreffen.

Auf dem Empfang sieht Charles Carry wieder. Diesmal trägt sie ein weißes Kostüm mit langem Rock. Charles Freude, sie zu sehen erhält einen jähen Dämpfer, denn Carry stellt ihm ihren Verlobten vor: Hamish, einen wohlhabenden Schotten. Während des Essens sind Charles und Carry verschiedenen Tischen zugeordnet. Während sich Carry an einem Tisch mit Charles Freunden amüsiert, findet Charles sich zwischen lauter Ex-Freundinnen wieder, die sich alle über seine Unfähigkeit beklagen, Menschen an sich heranzulassen. Nach dem Essen begegnet ihm Henrietta, eine weitere Ex-Freundin. Charles flüchtet vor ihr in ein dunkles Hotelzimmer. Durch das Fenster sieht er, wie Carry in Weiß mit ihrem Verlobten in ein Taxi steigt. Es regnet. In diesem Moment kommt das Brautpaar in das Zimmer, um sich schnell während der Feier zu lieben. Charles ist gezwungen, versteckt im Raum zu bleiben. Als er die Flucht wagt, bemerkt das Brautpaar seine Anwesenheit. Vor der Zimmertür läuft er Henrietta in die arme. Sie macht ihm eine tränenreiche Szene.

Als es Charles gelingt, Henrietta stehenzulassen, sieht er unerwartet Carry wieder. Sie hatte nur ihren Verlobten zum Bahnhof gebracht. In einem Taxi fahren sie durch das nächtlich beleuchtete London in ihr Hotel. Im Morgengrauen schleicht sich Charles davon.

Zwischenspiel

Charles ist mit seinem gehörlosen Bruder verabredet. Als er zuvor in einem düsteren Geschäft nach der Hochzeitsliste von Carry fragt, steht sie plötzlich hinter ihm. Sie trägt ein unförmiges Hemd mit blassblauen und grauen Karos. Charles soll sie beim Kauf des Hochzeitskleides beraten. Er begleitet sie in einen hell erleuchteten Brautmodensalon, wo sie für ihn mehrere Brautkleider ausprobiert. Keines sagt den beiden zu. In einem dunklen Restaurant kommen sie zu dem Schluss, dass sie vielleicht gut zusammen gepasst hätten. Carry zählt Charles all ihre Liebhaber auf. Er ist der vor ihrem Verlobten. Weil er wieder verspätet ist, nimmt Charles Carry mit zu seinem Bruder, der ungeduldig auf ihn wartet. Charles stellt ihm Carry als Grund für seine Verspätung vor. In Gebärdensprache tauschen sich die Brüder über Carrys Attraktivität aus.

Nachdem Carry sich verabschiedet hat, rennt Charles hinter ihr her. Es hat aufgehört zu regnen, die Sonne strahlt auf die nasse Themsepromenade. Charles versucht Carry eine Liebeserklärung zu machen, unterbricht sich selbst und lässt sie stehen. Er verschwindet im Schatten einer Straßenunterführung.

Hochzeit 3: Donner

Verspätet wie immer erreicht Charles an einem gewittrigen Herbstabend die graue Kirche, in der Carry Hamish heiratet. Der Empfang findet in einem warm ausgeleuchteten burgähnlichen Gebäude statt. Charles nimmt nicht an den temperamentvollen schottischen Tänzen teil. Er begegnet Henrietta, die inzwischen verlobt ist, ihn nach wie vor jedoch süß findet. Fiona, die er immer nur als gute Freundin wahrgenommen hat, gesteht ihm, ihn zu lieben, seit sie ihn zuerst sah. Charles ist betroffen, kann ihre Gefühle jedoch nicht erwidern. Fiona erklärt, sie sei entschlossen, diese Liebe zu überwinden. Gareth, ein weiter enger Freund, stirbt an diesem Abend an einem Herzinfarkt.

Todesfall: Beerdigung im grauen London

An einem kalten Tag in London wird Gareth beigesetzt. Nebel hängt über der Themse, grauer Schlick liegt im trüben Licht. Als Tom nach der Beerdigung mit einem Freund spazieren geht, hängen dicke Dampfwolken vor ihren Gesichtern.

Unerwartet ist Carry zu Gareths Beerdigung erschienen, ihre Hochzeitsreise hat sie verschoben. Sie trägt einen grauen Mantel, ihre Frisur ist flachgedrückt, als seien die Haare feucht.

Hochzeit 4: Sonnenschein und Gewitter

Die vierte Hochzeit soll die von Charles und Henrietta werden. Wieder ist Frühling. Weil Charles Freunde ihm einen Streich gespielt haben, erreicht er die Kirche eine Stunde zu früh. Im Park bei der Kirche picknicken sie. Die kleine Gruppe ist fröhlich und gelöst, während man sieht, wie eine angespannte Henrietta von einer seit der zweiten Hochzeit als Ex-Freundin von Charles bekannten Frau den Brautkranz aufgesetzt bekommt. Als sich die Kirche zu füllen beginnt, erscheint auch Carry in Grau. Sie hat sich von Hamish getrennt. Charles ist verzweifelt. Er könnte Carry jetzt haben, doch in wenigen Minuten soll er Henrietta heiraten. Sein Bruder meldet sich, als der Pastor fragt, ob jemand Gründe gegen die Eheschließung anführen könne. Charles muss seine in Gebärdensprache vorgetragenen Einwände übersetzen. Sein Bruder liebe eine andere Frau, erklärt der Bruder, und Charles muss auf Nachfrage des Pastors die Behauptung bestätigen. Henrietta versetzt ihm einen Kinnhaken.

Als man Charles und seine Freunde wiedersieht, ist es am Nachmittag desselben Tages. Es regnet in Strömen, Charles hat ein blaues Auge. Carry klingelt, will aber nicht ins Haus kommen. Ihr Mantel ist nass, die Haare kleben am Kopf. Charles geht zu ihr hinaus. Sofort ist er durchnässt. Sie entschuldigt sich, ihm so viel Ärger bereitet zu haben. Er winkt die Entschuldigung ab. er habe erkannt, dass die Ehe nichts für ihn sei. Dann fragt er sie, ob sie sich vorstellen könne, ihn nicht zu heiraten.

Abspann

Im Abspann sieht man Fotos aller Freunde, die bis zum Ende des Films nicht verheiratet waren, mit ihren neuern Ehe- und Lebenspartnern. Auf diesen Fotos tragen die Frauen entweder ein Hochzeitskleid oder ein Accessoire, das auf eine Hochzeit hinweist. Als letztes erscheint ein Foto von Charles und Carry. Sie trägt einen grauen Mantel. Beide halten das gemeinsame Baby.

Wetter als Wegweiser der Emotionen

Nicht  nur in „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ übernimmt das Wetter die Rolle des Wegweisers zu den Emotionen der Charaktere. Sonnenschein, Wärme, Frühling und Sommer symbolisieren Freude, Zuversicht, Leben und Fruchtbarkeit, alles was wir Zuschauer als in die Zukunft gerichtet erleben. Das Grün der Landschaft in Hochzeit 1 gibt jedem Einwohner des westlichen Kulturkreises einen weiteren Hinweis, das positive Entwicklungen zu erwarten sind. Selbst Menschen, die nicht für das englische Landleben schwärmen, erkennen unbewusst die Signale der Bilder.

Nicht nur Regisseure, auch Autoren verwenden  diese Symbolik des Wetters und der Farben, um Lesern außerhalb der Wortebene Informationen zu vermitteln. Nicht ohne Grund trägt Carry auf drei Hochzeiten Weiß, die Farbe der Braut. Ebenso bezeichnend ist, dass sie Charles zum Auswählen des Brautkleids mitnimmt, aber für keines nimmt. Als Carry sich für Charles entscheidet, trägt sie grau.

Wenn Sonne positive Signale ausstrahlt, verweisen Regen und Gewitter auf Drohung und Unordnung. Regen allein kann vieles bedeuten. Im Zwischenspiel, als Carry und Charles der Dunkelheit von Laden und Geschäft entkommen sind, als Charles Bruder in Gebärdensprache deutlich gemacht hat, dass Carry attraktiv ist und sich an Hamish verschwendet, treffen Carry und Charles erneut aufeinander. Der Regen, den man im Film nicht sah, ist vorüber, die Sonne scheint und alles glänzt. Dieser Regen hat Vorbehalte und Konventionen abgewaschen. Nun kann Charles versuchen, Carry seine Gefühle zu zeigen. Doch er selbst wurde nicht reingewaschen, folglich kann er Carry nur stotternd seine Liebe gestehen. Schließlich verliert er den Mut und lässt sie stehen, um wieder von den Schatten des Zweifels eingefangen zu werden.

Das Gewitter vor Carrys Hochzeit mit Hamish lässt Böses erwarten, zumal der im Titel angekündigte Todesfall  noch nicht eingetreten ist. Charles sieht zu, wie die Frau, die er liebt, einen anderen heiratet. Es ist nur folgerichtig, dass stellvertretend für ihn, sein Freund Gareth stirbt – passenderweise an einem Herzinfarkt. Wer den Titel wörtlich nimmt, weiß nun, dass Charles überleben wird und vielleicht noch mit Carry zusammenkommt.

Charles Hochzeitstag beginnt mit dem zu erwartenden Sonnenschein eines hoffnungsvollen Frühlingstags. Doch die Ereignisse in der Kirche: sein Wiedersehen mit Carry und das Abbrechen der Zeremonie, führen zu einem Bruch im Wetter. Aus dem Sonnenschein wird Regen. Carry, als sie tropfnass vor Charles Tür um Entschuldigung bittet, sieht elend aus, wie es sich für eine Frau geziemt, die gerade eine Ehe verhindert hat. Doch Charles interpretiert die Situation und auch den Regen anders. Er tritt zu ihr in das strömende Wasser. Sofort ist er nass bis auf die Haut, als sei er in einen Fluss eingetaucht. Dieser Regen hat die Macht, die Konventionen und Zweifel abzuwaschen. Charles findet im Regen den Mut, den er bei Sonnenschein nicht aufbringen konnte. Er kann der Ehe entsagen und sich gleichzeitig für Carry entscheiden.

Wenn Sie einen Roman lesen oder einen Film sehen, nehmen Sie das Wetter nicht als schöne Beigabe. Mit dem Wetter erhalten wir Symbole für Gefühle und Ideen, die in Worten ausgedrückt, von der eigentlichen Handlung ablenken würden. Wenn Sie selbst schreiben, greifen Sie nicht schematisch auf das Wetter zurück. Weisen Sie Ihre Leser gezielt auf den Pfad zu den Emotionen.

 

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