Ist eine Krankheit immer eine Krankheit?

512px-Heidi_Titel
von Rudolf Münger scan by: Adrian Michael (Privatbesitz) [Public domain], via Wikimedia Commons

Viele von uns kennen Heidi von Johanna Spyri (1827-1901). Ob als Buch, vereinfachtes Kinderbuch, Film oder Zeichentrickserie: Heidi war und ist eine Begleiterin in der Kindheit. Ich bin sicher, Sie oder Ihre Kinder haben genau wie ich damals gefragt:

Warum sitzt die Klara im Rollstuhl?

Eltern geben darauf verschiedene Antworten, die die Kinder meistens nicht zufriedenstellen. Es erscheint ihnen, und auch den Eltern, so unnatürlich, dass das Naturkind Heidi sich ausgerechnet mit der schwachen und scheinbar hilflosen Klara anfreunden soll. In einer Zeit, in der niemand etwas mit dem Wort „Inklusion“ anfangen konnte, muss die Frage von noch größerem Interesse gewesen sein.

Wenn wir überlegen, was Klaras unklares Krankheitsbild für das Leben des Mädchens und seine Beziehungen zu seinen Mitmenschen bedeutet, finden wir vielleicht einen Hinweis, warum die Klara krank ist, ja krank sein muss.

Was wissen wir über Klara?

  • Ihr Vater ist reich.
  • Nach dem Tod der Mutter reist der Vater viel.
  • Das Kind ist der Aufsicht von Dienstboten(Fräulein Rottenmeier) überlassen.
  • Die Krankheit kam nach und nach. Sie stellt den Arzt vor ein Rätsel.
  • Klara hat keinen Kontakt mit anderen Kindern.
  • Klara ist blass und sitzt in einem Rollstuhl, den andere schieben müssen. (Im Original steht „stoßen“.)
  • Sie erhält privaten Unterricht und lernt gut.
  • Mit ihrer Großmutter, die manchmal zu Besuch kommt, erlebt sie lustige Dinge.

Klara hat viele Privilegien. Die Liste zeigt jedoch eines klar: Klara fehlt vieles, was ein Kind braucht, beispielsweise konstante Zuwendung, Liebe, Freundschaft. Klara ist isoliert. All ihre Vorteile helfen ihr nicht. Für ihre Umwelt, auch für Menschen, die es gut mit ihr meinen, ist sie ein Objekt des Mitleids. Niemand fordert sie. Niemand traut ihr etwas zu, am wenigsten sie sich selbst. ABER ihr Name ist Klara. Der Name stammt von dem lateinischen Wort „clarus“ ab: licht, hell. Wirkt diese Klara hell und licht?

Für Heidi schon. Klara ist das einzige Kind in dem kalten Haushalt. Damit ist sie automatisch eine Verbündete für Heidi, die das genaue Gegenteil Klara ist: unverbildet und gesund. Heidi gerät ständig in Konflikte mit den Regeln des Hauses und mit der Hausdame. Klara nutzt ihre Position, um Heidi zu schützen. Mit ihrer Hilfe und mit der Unterstützung ihrer Großmutter, lernt Heidi lesen. Lesen und Schreiben waren (und sind) die Grundvoraussetzungen für ein selbstbestimmtes Leben und einträgliche Arbeit.

Heidi profitiert viel von Klara während ihres Aufenthaltes bei ihr. Dies fällt beim ersten Lesen des Buches und auch beim Betrachten der Verfilmungen kaum auf, denn die Aufmerksamkeit von Lesern und Betrachtern liegt bei Heidi. Die macht nach ersten Schwierigkeiten Fortschritte im Verhalten und im Lernen. Sie nähert sich Klara immer mehr an, bis auch sie blass und still wird und erkrankt. Dann erlaubt Klara ihrem Arzt, Heidi nach Hause zu schicken. Klara rettet Heidis Leben.

Darum geht es unter anderem in Heidi: wie Menschen einander das Leben retten. Dies zu erreichen, bedarf es „besondere“ Eigenschaften. Krankheiten unterstreichen das „Besondere“, indem sie drängende Fragen aufwerfen.

Krankheiten machen Menschen zu etwas Besonderem. Um das Besondere ranken sich Fragen, die zu stellen, Menschen sich oft nicht trauen: Fragen nach dem Wert des Lebens, der Bedeutung des Augenblicks, dem Leben nach dem Tod.

Dazu eignen sich viele Krankheiten. Im Laufe der Zeit änderten sich die Krankheiten, an denen Charaktere in der Literatur leiden. Tuberkulose ist heute heilbar, die mysteriöse Schwäche vieler Menschen in vergangenen Jahrhunderten kann auf Krankheiten zurückgeführt und behandelt werden. Krebs ist dagegen eine Krankheit, die weiterhin Charaktere und Leser zwingt, neue Standpunkte anzunehmen und das Leben neu zu denken. Ein aktuelles Beispiel ist Das Schicksal ist ein mieser Verräter von John Green.

Kommentar verfassen