Das arme Wörtchen „sehr“ – Warum Sie dieses Wort kritisch betrachten sollten

 „Lea Marie ist glücklich verheiratet“ und „Lena Sophie ist sehr glücklich verheiratet“. Schön zu wissen. Aber welche der beiden ist glücklicher in ihrer Beziehung?

Als Leser können wir bei solchen Sätzen ins Grübeln kommen. Manchmal sollen wir das auch. Das Wörtchen „sehr“ zeigt uns jedenfalls, dass das Bezugswort mehr beinhaltet. Und bei diesem Mehr kommt dann eine ungeplante Unsicherheit auf.

Wie wirkt „sehr“ in einem Satz?

Sehr gehört wie äußerst, ausgesprochen oder ziemlich zu den Adverbien. Adverbien geben zusätzliche Informationen über ihr Bezugswort. Diese Bezugswörter sind meistens Verben, Adjektive oder andere Adverbien.

Oft bringen Adverbien eine emotionale Note in den Satz ein. „Karla ist dünn“ ist nur eine Feststellung ohne jegliche Wertung. Wir erfahren nichts über das Ausmaß ihres Dünn-Seins, überlegen allenfalls, dass dünn dünner als schlank ist. „Karla ist erschreckend dünn“ sagt etwas über die Gefühle der Sprecherin aus, die sich über Karla äußert. Erschreckend dünn verstehen wir als Warnung: Achtung, mit dieser Karla stimmt etwas nicht. Vielleicht ist sie krank, vielleicht hat sie ihre Diät übertrieben. Wir stellen uns eingefallene Wangen vor, hervorstehende Schulterblätter, lederartige Haut. Löst „Karla ist sehr dünn“ Bilder mit der gleichen Stärke aus? Bei mir nicht.

„Ich bin aber sehr hungrig!“ – Wörtliche Rede

Wenn Menschen sprechen, gehen sie nicht sorgfältig mit Sprache um. Ihnen fehlt die Zeit, jeden Satz und jedes Wort im Satz zu überdenken. Deshalb ist gesprochene Sprache voll Ungenauigkeiten, sei es bei der Wortwahl oder im Satzbau. Oft genug können wir in der Eile unsere Ideen gar nicht richtig ausdrücken und stottern uns panisch durch unsere Argumente.

Wenn Sie jemals die Aufzeichnung  eines echten Gesprächs schriftlich festgehalten haben, wissen Sie, wie fehlerbelastet und unstrukturiert gesprochene Sprache sein kann. Wörtliche Rede in einem Roman darf nicht so klingen wie gesprochene Sprache. Ansonsten gäben die meisten Leser nach einer halben Seite auf. Wörtliche Rede empfindet gesprochene Sprache nach. Sie ist logischer und sprachlich korrekter. Das spart neben den Nerven der Leser auch Zeit. Selbstverständlich darf Wörtliche Rede weiter Fehler enthalten, wenn diese Fehler den Sprecher charakterisieren. Auch Ungenauigkeiten sind erlaubt, wenn der Sprecher sich nicht festlegen kann oder will, oder vielleicht missverstanden werden soll.

Das arme Wörtchen „sehr“ darf sich in der wörtlichen Rede unserer Charaktere austoben. Da hat es seinen Freiraum, den wir ihm gerne gönnen.

„Hugo war ein sehr ehrlicher Mann (für einen Autoverkäufer)“ –  fiktionale Texte

Adverbien sollen weitere Informationen über ihr Bezugswort liefern. Doch welche weitere Information gibt uns sehr? Wir wissen als Benutzer unserer Sprache, dass sehr das nachfolgende Wort verstärkt. Dadurch rutscht das nachfolgende Wort auf einer Skala nach oben oder nach unten. Wir fragen instinktiv „Wie ehrlich ist sehr ehrlich?“ und suchen uns einen Vergleichspunkt. Dadurch bewirkt sehr das Gegenteil von dem, was es eigentlich erreichen wollte: Die Bedeutung des Bezugsworts wird plötzlich fragwürdig.

Ein Aber scheint im Hintergrund zu winken, wie in „Hugo war ein sehr ehrlicher Mann für einen Autoverkäufer. Er wies seine Kunden immer darauf hin, dass bei gebrauchte Autos grundsätzlich mit Fehlern zu rechnen sei. Doch er wusste seine Kunden zu beruhigen, denn die Autos auf seinem Hof stammten alle aus erster Hand und seien von einem erstklassigen Meister gründlich untersucht worden.“ Was hat dieser erstklassige Meister bei unserem bevorzugten Auto an Fehlern gefunden, was hat er unternommen? Diese Ungewissheit bleibt.

Ungewissheit bleibt uns auch, wenn wir von „Chantal, eine sehr schöne Frau“, „Gloria, eine sehr aparte Erscheinung“ und „Albert, ein sehr charmanter Herr“ lesen. Wir erfahren nichts über die Art von Chantals Schönheit oder Glorias Erscheinung, und wir haben auch kein Bild von Alberts Verhalten. Solche Formulierungen machen es uns Lesern schwer, eine genaue Vorstellung von der Art und Weise zu erlangen. Wir geraten ins Stocken, gerade an Stellen, an denen wir meistens schnell weiterlesen sollen.

Manchmal ist das Stocken an scheinbar aussageschwachen Stellen gewollt. Dann ist Ironie im Spiel, und wir wissen dass wir dem Text auf der reinen Wortebene nicht glauben sollen.

Wenn wir Ironie vermuten, lesen wir anders. So können wir aus einem als Liebesroman gedachten Text eine Satire machen …

Welche Wörter halten Sie für problematisch? Warum? Schreiben Sie in den Kommentaren, worauf Sie in Texten achten.

 

 

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