Mash up – eine Stilübung für Autoren (und viel Spaß)

 Teenager und Fans machen es oft aus Spaß, und lernen nebenbei, eigene Texte zu schreiben. Vielleicht haben Sie es auch gemacht: ein Buch, das Sie bewundern, genommen und die Handlung nach eigenen Bedürfnissen verändert. Das bietet sich an, wenn Ihrer Meinung nach, die falschen Charaktere als Paar zusammenfinden, die falsche Person ermordet wird oder unbedingt geklärt werden muss, wie die Geschichte weitergeht. Manchmal macht es auch Spaß, sich selbst und die eigenen Freunde in die Handlung einzuarbeiten. Ich erinnere mich an ein Gemeinschaftsprojekt meiner Sitznachbarin und mir in der zehnten Klasse, als wir neben dem Unterricht die damals populäre Fernsehserie „Denver Clan“ um einige Leute aus unserem Bekanntenkreis bereicherten und die Handlung mit neuen Entwicklungen noch komplexer gestalteten. Am Ende umfasste unsere Version über zweihundert DIN A4-Ringbuchseiten.

Ein Wort für solche um eigene Bestandteile erweiterte Texte ist Mash up.

Manche Schreiblehrer und auch einige Deutschlehrer empfehlen, einen eigenen Text im Stil eines bestimmten Autors zu schreiben.  Bei einer solchen Übung analysiert man den Stil des Autors und versucht, die gefundenen Prinzipien auf eine eigene Textidee zu übertragen. Interessant wird es, wenn die gleiche Idee nacheinander im Stil mehrerer sehr unterschiedlich schreibender Autoren realisiert wird.

Kürzlich entdeckte ich ein gelungenes Mash up von Kate Christie und Jane Austen, Gay Pride and Prejudice, eine schwul-lesbische Version von Pride and Prejudice (Stolz und Vorurteil, eine Inhaltsangabe finden Sie hier.) Ich habe beide Versionen, die von Christie und die von Austen, nebeneinandergelesen. Christie hat nur wenige, aber entscheidende Änderungen vorgenommen. Leser, die das Original kennen, werden vielleicht staunen, dass Carolyn Bingley trotz Hochmut und Neigung zu Intrigen am Ende sympathisch erscheint. William Darcy bleibt steif und unnahbar, aber er hat auch viel zu verheimlichen. Und die Distanz von Mr Bennet zu seiner Frau erhält eine nachvollziehbare Erklärung. Obwohl ich Pride and Prejudice und die anderen Bücher von Austen kenne, war ich überrascht, dass die spitzesten Formulierungen und ironischsten Charakterisierungen gut zweihundert Jahre alt waren. Die geschickt eingeflochtenen Textanteile von Christie waren meistens nicht an Wortwahl und Satzbau zu erkennen, eher daran, dass sie viel zu freundlich formuliert waren. Der Vergleich der Bücher zeigt übrigens auch, wie breit der Interpretationsspielraum von Verhalten sein kann. Bewusste Täuschung ist in beiden Büchern ein Motiv. Wer weiß, was die Charaktere zu verbergen suchen, liest die gleichen Textpassagen mit neuen Augen.

Kate Christies Buch zeigt, dass Liebe zu einem Buch und Freude am Weiterspinnen von Texten eine gute Stilübung sein kann. Spaß macht das Weiterspinnen auf jeden Fall.

 

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