Sommerinterview 2015 – Rüdiger Paulsen

 Dies ist das zweite Sommerinterview auf meinem Blog. Hier lernen Sie Autoren oder Kollegen kennen, entdecken neue Bücher, finden Gemeinsamkeiten und sammeln vielleicht den einen oder anderen Tipp auf. Heute lesen Sie über Rüdiger Paulsen.

Rüdiger Paulsen (c) privat
Rüdiger Paulsen (c) privat

Bitte stellen Sie sich und Ihre Bücher kurz vor.

Mein Name ist Rüdiger Paulsen, ich bin 64 und lebe im schönen Teutoburger Wald.
Ich habe einige Berufe in meinem Leben ausgeübt, war Chemielaborant, Sozialarbeiter, Taxifahrer, Hausmeister, Nachtwächter, Geschäftsführer im Textilhandel und Kindergärtner.
Heute verdiene ich meinen Lebensunterhalt als Puppenspieler, Ballonkünstler und Rezitator. Alles, was ich mache, muss Genuss bringen und Spaß machen. Tut es das nicht mehr, höre ich sofort auf und finde etwas anderes.
Über meine Bücher kann man sich auf meinem Blog informieren.
www.ruedigerpaulsen.de/veroeffentlichungen/

1. Wie lange schreiben Sie schon? Wann wussten Sie, dass Sie Ihre Texte veröffentlichen wollten?

Theaterstücke für Kinder schreibe ich seit 1986. Da bin ich gleichzeitig Autor, Regisseur und Spieler. Schriftliche Aufzeichnungen darüber gibt es nur in Fragmenten, die man nicht veröffentlichen kann.
2011 hatte ich das Glück, die Cheflektorin der Abteilung Pixi beim Carlsen Verlag kennenzulernen. Sie suchte gerade neue Autoren und ermunterte mich, es einmal mit Geschichten im Pixi-Format zu versuchen. Das habe ich gemacht, bekam eine erstklassige Schulung und konnte bis heute sieben Pixi-Bücher sowie ein Maxi Pixi veröffentlichen. Eine dieser Geschichten erschien auch in einer Anthologie mit Pixi Weihnachtsgeschichten. Weitere Pixis sind in Vorbereitung. Drei Erscheinen noch in diesem Jahr, drei weitere im Frühjahr 2016.
Parallel dazu konnte ich 15 Geschichten in Zeitungen (Familien-Magazinen), unterbringen.
2013 hatte ich die Idee für ein längeres Kinderbuch. Die erste Fassung schrieb ich in drei Monaten. Dabei wurde mir klar (ich wusste es vorher tatsächlich nicht), dass schreiben ein Handwerk ist, das erlernt sein will. Zurzeit liegt das Manuskript bei einer Agentur. Da ich heute Dinge weiß, die ich noch nicht wusste, als ich das Buch geschrieben habe, gehe ich davon aus, dass eine nochmalige Überarbeitung auf mich zukommt.
2014 habe ich mich dann als Self-Publisher versucht und in Zusammenarbeit mit einer freien Lektorin ein E-Book mit 10 gereimten Kindergeschichten auf den Markt gebracht.

2. Wie groß ist der Anteil, der das Schreiben in Ihrem Leben einnimmt? Was machen Sie, wenn Sie nicht schreiben?

Meine Brötchen verdiene ich als Puppenspieler, Ballonkünstler und Rezitator. Davon können meine Frau (ebenfalls Ballonkünstlerin und Ideengeberin) und ich leben. Die Logistik für unser kleines Unternehmen steht gut und ich brauche nur wenig Zeit in Kundenaqusie und Büroarbeit investieren.
3-5 Stunden Schreiben pro Tag sind möglich und werden auch genutzt.

3. Wodurch lassen Sie sich inspirieren? Wie entstehen aus Ihren Ideen Texte?

Die Bilderbücher betreffend, bekomme ich entweder eine Themenvorgabe vom Verlag oder ich denke mir selbst interessante Geschichten aus. Inspirationen lauern überall. Ich gehe mit wacheren Augen durch die Welt als früher. Einmal sah ich einen Lieferwagen und die Firmenadresse lautete: Wunderburger Straße 12. So was notiere ich mir sofort und einige Tage später entstand die Geschichte von der Wunderburg.

4. Planen Sie Ihre Bücher oder schreiben Sie ins Blaue? Wie behalten Sie die Übersicht über Handlungsstränge, Charaktere und Orte?

Ich plane grob und schreibe dann drauflos. Das ist bei kurzen Bilderbuchgeschichten relativ einfach und übersichtlich. Bei längeren Büchern sieht das anders aus. Trotzdem entwickel ich im Vorfeld keinen ausgefeilten Plot. Bei meinem ersten längeren Kinderbuch (noch nicht veröffentlicht), hatte ich nur meine Hauptprotagonistin, eine kleine, freche Hausmaus. Die habe ich durch ein Feuer aus ihrem Haus gescheucht und dann abgewartet, was passiert. Nach und nach sind weitere Figuren ins Spiel gekommen und dann tauchte wie von selbst das Hauptproblem auf. Wenn ich meine Figuren von A nach B gehen lasse, sie also auf eine abenteuerliche Reise schicke, kenne ich nur das Ziel. Wie sie dahin kommen und was sie dabei erleben, will ich im Vorfeld gar nicht wissen. Ich reise ja mit und warte ab, was sich ergibt. Das macht die Sache für mich viel spannender und aufregender, besonders dann, wenn meine kleinen Abenteurer sich selbstständig machen. Das machen sie oft und ich freue mich immer tierisch darüber. Bei 6-8 Akteuren und 3-4 Schauplätzen behalte ich die Übersicht im Kopf. Lediglich Zeitabläufe, wer wann wo ist, notiere ich mir.

5. Wie überarbeiten Sie Ihre Texte?

Bilderbuchtexte überarbeite ich im Schnitt 15-20 Mal, bis ich eine erste Endfassung habe, die ich meiner Lektorin präsentiere. In der Regel fallen dann keine großen Änderungen mehr an, allenfalls Namensänderungen, Titelüberarbeitung oder Kürzungen. Langsam werde ich besser, und grundlegende Fehler tauchen seltener auf. Aber gerade bei längeren Texten erfordert die Perspektive viel Aufmerksamkeit. Ebenso die kleinen Störenfriede in Gestalt von Füllwörtern, schwachen Verben, Adjektiven und Adverbien, die sich, unverschämterweise, immer wieder einmogeln. Seit Sommer 2014 arbeite ich mit dem Schreibprogramm Papyrus-Autor. Das erleichtert die Arbeit ungemein, und wenn ich die Stilanalyse einschalte, bin ich immer wieder überrascht, was ich alles übersehen habe.

6. Wie sieht der Ort aus, an dem Sie schreiben?

Ich schreibe grundsätzlich nur in Cafés, am liebsten in Straßencafés. Ich liebe einen unaufdringlichen Geräuschpegel um mich herum. Lebendigkeit spornt mich an. Guter Kaffee, Tabak (bin leidenschaftlicher Raucher), dann kann es losgehen. Ich schreibe mit Kuli auf Papier und übertrage die Früchte des Tages am Abend in den Rechner, drucke alles aus, damit ich es am nächsten Tag überarbeiten kann, natürlich auch in einem Café. Ich habe immer einige Manuskripte in der Tasche. Komme ich bei einem nicht weiter, nehme ich das Nächste oder schreibe ganz neu. Zum Glück mangelt es mir nie an Ideen.
In meinem kleinen Büro, (Schaltzentrale vom Theaterbüro Paulsen) schreibe ich ungern. Da glotzt mich zu viel andere Arbeit an. Das Büro bekommt seine eigene Zeit.

7. Wer sind Ihre Leser? Kennen Sie Ihre Leser? Warum schreiben Sie ausgerechnet für diese Leser?

Ich schreibe für Kinder. Seit über 30 Jahren arbeite ich mit Kindern, darum kenne ich meine Zielgruppe sehr gut. Ich habe schon immer gerne Geschichten erzählt.
Als meine Kinder klein waren und die Wahl hatten zwischen Kinderfernsehen und Gutenachtgeschichte, haben sie sich immer für die Geschichte entschieden. So kam ich in die wundersame Situation, viele Jahre lang jeden Abend eine neue Geschichte erfinden zu müssen. Das ging so weit, dass die anderen Kinder aus dem Haus sich abends auch auf dem Hochbett meiner Söhne einfanden, um mitzuhören.
Ich habe immer drauflos erzählt und darauf vertraut, dass sich nach dem ersten Satz alles Weitere ergeben würde. Heute weiß ich, dass das eine gute Übung war. Natürlich sind erzählen und schreiben zwei völlig unterschiedliche Sachen, aber dass ich jetzt auf dem Weg zum Kinderbuchautor bin, ist einfach eine konsequente Fortführung dessen, was ich schon immer gerne gemacht habe: Kindern Geschichten erzählen.

8. Was unternehmen Sie für den Erfolg Ihrer Bücher?

Seit Oktober 2014 schreibe ich einen Blog. Nicht so professionell wie andere Buchblogger (www.ruedigerpaulsen.de). Ich informiere einfach, was ich so mache, was ich gelernt oder erlebt habe. Natürlich stelle ich dort auch meine Bücher und andere Veröffentlichungen vor.
Dann kamen Facebook und Twitter dazu. Bisher haben mich die Social Media Plattformen nicht sonderlich beeindruckt. Ich stehe dem skeptisch gegenüber, besonders deshalb, weil ich feststellen muss, dass da ziemlich viel Mist in die Öffentlichkeit geblasen wird. Andererseits denke ich, dass eine große Anzahl von Followern und Facebook Freunden auch hilfreich sein können. Besonders dann, wenn man als Hybrid-Autor anfängt, sich selbst zu verlegen.
Ein weiterer wichtiger Punkt, um bekannter zu werden, sind die Zeitungen, für die ich schreibe. Ich verlange dafür kein Honorar, bekomme aber immer kostenlos etwas Raum, um für mich und meine Bücher zu werben.
Das Kitz-Magazin in München erscheint alle zwei Monate in einer Auflage von 70.000. Mit 2,3 Leser/innen pro Ausgabe (161.000!!!) Als Programm Magazin für Eltern mit Kindern bleibt die Zeitschrift die ganzen zwei Monate aktuell. Das ist, glaube ich, eine sehr gute Werbeplattform.
Sobald ein neues Pixi erscheint, oder ich als Self-Publisher etwas Neues mache, spreche ich die regionalen Zeitungen und Fernsehsender an. Die Zeitungen berichten fast immer, besonders im Januar und im Sommerloch. Damit sichere und erhalte ich mir meinen lokalen Bekanntheitsgrad. Fernsehen klappt nicht so oft, aber ab und an gibt es auch eine kurze Reportage über das Ehepaar Paulsen.

9.Wenn Bücher verboten wären, welches Buch würden Sie heimlich behalten?

Schwierige Frage. Ich besitze sehr viele Bücher, die meisten davon sind mir sehr lieb. Vermutlich würde ich aber keine Belletristik wählen, sondern ein Sachbuch.
«Die Schicksalsgesetze» von Rüdiger Dahlke. Das ist ein ausgezeichnetes Buch, wenn man wissen möchte, warum es im Leben gerade so oder so läuft und was man ändern kann, wo man eventuell falsch liegt und warum das so ist.

10. Was wäre Ihr wichtigster Tipp für einen neuen Autor?

Schreiben! Jeden Tag!
Aber das ist nur der Anfang. Um als Autor erfolgreich zu sein, muss man wissen, dass es nach der ersten Fassung erst richtig losgeht. Jetzt beginnt das Überarbeiten, Kürzen, Umschreiben. Das ist Schwerstarbeit und kann an die Substanz gehen.
Viele Menschen, die schreiben, halten es nicht aus, wenn ihre Texte kritisch beleuchtet werden, klammern sich an ihre Satzbabys und fühlen sich persönlich betroffen, wenn jemand anderer Meinung ist.
Das muss man überwinden, und zwar möglichst schnell, weil es der beste Weg ist, etwas zu lernen.
Selfpublishern rate ich, ihre Texte unbedingt lektorieren zu lassen. Das kostet zwar etwas, lohnt sich aber auf lange Sicht. Und bitte das Lektorat nicht mit dem Korrektorat verwechseln. Das ist ebenfalls erforderlich, reicht allein aber nicht aus.

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