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Schreiben mit der Hand – Ganz nah dran an der Kreativität?

 Death_to_stock_communicate_hands_5_kkleinerAlles muss schnell gehen und effizient sein. Außerdem ist Zeit gleich Geld. Nicht zuletzt sollten Autoren möglichst viele Bücher in möglichst kurzen Abständen herausbringen, weil sie sonst in Vergessenheit geraten. – All diese Weisheiten verlangen von Autoren also effizientes und schnelles Schreiben. Doch zum Schreibvorgang gehört auch Kreativität. Wie passt die zur allseits geforderten Schnelligkeit?

Schreiben mit der Hand steht im Gegensatz zum Schreiben auf der Tastatur. Unter Autoren gibt es Verfechter beider Methoden. So führen Autoren, die ausschließlich auf der Tastatur schreiben, Schnelligkeit als Vorteil an. Erste Entwürfe sind immer schwarz auf weiß zu lesen, es gibt keine durchgestrichenen Absätze, kein Gekritzel zwischen den Zeilen und am Blattrand. Vertreter des Handschreibens behaupten, näher am Text zu sein und auch durchdachter zu schreiben. Wer hat Recht? Kann die Frage überhaupt mit letzter Klarheit beantwortet werden?

Die Forschung

Wenn sich Wissenschaftler mit den Vorteilen von Tastaturschreiben und Handschreiben auseinandersetzen, untersuchen sie meistens Studenten. Die Auswahl dieser Probanden hat vor allem praktische Vorteile, denn Studenten gibt es an Universitäten in großer Zahl und sie lassen sich leicht ansprechen. Andere Testpersonen, Autoren zum Beispiel, sind seltener und auch weniger leicht zu aktivieren.

Bei den Untersuchungen mit Studenten zu den Vorteilen der verschiedenen Schreibmethoden wurden hauptsächlich drei Fragen untersucht:

  1. Wie umfangreich sind die Notizen der Studenten in einer Vorlesung?
  2. Wie viel Faktenwissen und wie viel Verständnis für den Stoff können sie kurz nach dem Verfassen der Notizen abrufen?
  3. Wie viel Faktenwissen und wie viel Verständnis für den Stoff können sie nach einem festgelegten Zeitraum abrufen?

Bei den Auswertungen stellte sich heraus:

  1. Studenten am Laptop schrieben deutlich mehr Wörter als Studenten mit Stift und Papier.
  2. Alle Studenten erzielten gleich gute Ergebnisse bei der Überprüfung des Faktenwissens. Bei Verständnisfragen schnitten Studenten mit Stift und Papier deutlich besser ab. Einige Studien verglichen außerdem eine Laptop-Gruppe, die Notizen mit eigenen Worten niederschreiben sollte. Diese Testpersonen schnitten besser als die Studenten, die nur am Laptop mitgeschrieben hatten, ab, aber schlechter als diejenigen, die nur mit dem Stift schrieben.
  3. Nach einer Woche konnten die Testpersonen ihre Notizen durchlesen und mussten dann Fragen zu dem Stoff beantworten. Studenten, die ihre Notizen per Hand auf Papier angefertigt hatten, schnitten auch hier bessert ab.

Erklärung der Ergebnisse

Die Wissenschaftler erklären die unterschiedlichen Ergebnisse der Testgruppen mit der unterschiedlichen Wirkung von Tastaturschreiben und Handschreiben auf das Gehirn. Das Tastaturschreiben ist eine Zeigebewegung, die Erstellung des Schriftzeichens erfolgt außerhalb des Schreibers im Rechner. Die Auseinandersetzung mit dem Gehörten ist auf der reinen Wortebene. Beim Handschreiben vollführt die Hand komplexe Bewegungen, die auch Zeit kosten. In dieser Zeit kann das Gehörte bereits verarbeitet werden. Es sind mehr Bereiche des Gehirns an diesem Schreiben beteiligt, was eine intensivere Auseinandersetzung verlangt und somit das Lernen fördert.

Eine Übersicht über entsprechende Studien finden Sie hier.

Schreiben und Kreativität

Was aber bedeuten derartige Forschungserkenntnisse für Autoren und deren Kreativität? Eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Geschriebenen führt zu einer klareren Sicht auf Handlung und Charaktere. Auch das Einfühlen in die Charaktere oder das Durchleben der Szenen kann leichter fallen, wenn durch die schreibende Hand der Autor ganz in den Text einbezogen wird. Das Abschreiben des Texts, das unweigerlich auf das Handschreiben folgen muss, wird so zu einer eigenen Bearbeitungsstufe. Die gestrichenen Passagen fallen weg, die unleserlichen Stellen müssen geklärt werden. So mancher Satz oder auch Absatz erfährt eine Veränderung, weil die schwarzweiße Darstellung ernüchternd wirkt.  Interessante Überlegungen zu dem Thema stellt auch Richard Norden an. Eine Verdammung des Laptops aus dem Arbeitszimmer ist natürlich nicht die Lösung. Eine bewusste Wahl des Schreibwerkzeugs unter Abwägung aller Vor- und Nachteile dagegen ist bereits ein kreativer Vorgang.

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