„Fremde“ Texte im eigenen Text: die Dokumente, Testamente und Gedichte der Charaktere

 ArtsyBee_journal-976268_1920_pixabay_kleinerEs gibt viele Gründe, weshalb Sie in Ihren Text andere Texte integrieren möchten. Der Brief eines Charakters gibt seine Sicht unverfälscht durch den Erzähler wieder, der Auszug aus dem Testament eines Charakters schafft Distanz zur Handlung. Dieses Spiel zwischen Distanz und Nähe mach den Reiz eingefügter Textfragmente aus. Briefromane, die auch aus Tagebucheinträgen bestehen können, kommen immer wieder in Mode. Beispiele für Romane ausschließlich aus Textfragmenten sind Die Leiden des jungen Werther von Johann Wolfgang von Goethe, Dracula von Bram Stoker oder ganz aktuell Die Sonnenkönigin von Louise Bourbon.

Was aber, wenn Textfragmente zwar eine Rolle spielen, aber nicht den gesamten Text ausmachen sollen? Einen Brief, einen Tagebucheintrag, einen Aktenvermerk, eine E-Mail, alles kurze Textstücke, kann man problemlos in den Text integrieren. Aber Zeitungsartikel, längere Tagebucheinträge, Berichte oder ganze Kapitel eines Buches, das die Protagonistin liest?

Barbara Vine hat in Asta’s Book all dies gemacht. Das Buch begleitet Anne, die Enkelin von Asta, auf der Suche nach der wahren Identität von Astas Tochter Swanhild, Annes geliebter Tante. Da Astas Tagebücher von ihrer Lieblingstochter Swanhild veröffentlicht wurden, darf der Leser auch in ihnen lesen, wenn Anne Hinweise sucht, die beweisen oder widerlegen könnten, dass Swanhild Astas leibliche Tochter war. Im Zuge ihrer Recherchen zeigt sich, dass zum Zeitpunkt von Swanhilds Geburt in der Nachbarschaft ein Mord geschah. Dieser Mord hat Bedeutung für Annes Suche, und weil der Anwalt des Angeklagten im Buch später einer der ganz großen Anwälte wurde, ist dieser Prozess in einem Buch über berühmte Prozesse aufgenommen. Anne liest das entsprechende Kapitel und der Leser liest fast das ganze Kapitel mit ihr. Weitere lange Textfragmente sind eine Biografie des Angeklagten, Zeitungsberichte und Briefe.

Ich finde solche Romane spannend. Auch lange Einschübe fremder Texte in die Handlung wecken meine Neugier und lassen mich zweifach lesen: mit meinen eigenen Augen und mit denen der Protagonistin.

Es gibt natürlich auch nicht ganz so glückliche Lösungen. Anne Brontë lässt in The Tenant of Wildfell Hall den jungen Gilbert Markham das Tagebuch von Helen Graham lesen. Gilbert hat sich in Helen verliebt und ihr einen Heiratsantrag gemacht. Sie lehnt ab und übergibt ihm zur Erklärung ihr Tagebuch. Daraus erfährt er nicht nur, dass sie verheiratet ist und ihren Mann verlassen hat, sondern auch, wie die Gewalt ihres Mannes sie zu diesem Schritt trieb. Das Tagebuch enthält starke Szenen, von denen eine (Helen schlägt die Schlafzimmertür vor ihrem Mann zu) weltberühmt wurde und das viktorianische England in seinen Grundfesten erschütterte. (Ehefrauen hatten ihren Männern zu gehorchen, durften geschlagen werden und, wenn sie flohen, gewaltsam in das Haus des Ehemannes zurückgebracht werden. Anne Brontë lässt Helens Ehemann deshalb auch gewalttätig gegenüber seinem kleinen Sohn und Stammhalter werden, um Helens Fluchtgründe zu stärken.) Der lange Einschub des Tagebuches in die Handlung (28 von 53 Kapiteln), mitreißend und bewegend an sich, wirkt wie ein Fremdkörper im gesamten Roman, filmische Darstellungen dagegen profitieren von dem Einschub.

Ich selbst überlege gerade, ob ich einen Auszug aus einem Geschichtsbuch über mehrere Kapitel meines neuen Buches Das Nemesis-Projekt verteilen soll. Der Gesamttext enthält mehrere kurze Fragmente wie Auszüge aus Briefen und einem Tagebuch, die den Lesefluss nicht stören. Der geschichtliche Text, verfasst von einem der Charaktere, erscheint mir selbst in seiner verkürzten Version zu lang, um ihn ohne Unterbrechung einzufügen. In der jetzigen Version liest die Protagonistin diesen Text als Einschlafhilfe, noch ohne jede Ahnung, dass sie dieses Wissen später brauchen wird. Der Leser sollte eigentlich nicht mit ihr einnicken.

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