Die erste Szene – Was sie leisten sollte

 anher_read-1342499_1280_pixabay_kleinerEine Leserin schlägt ein Buch auf. Sie liest die erste Szene einer Handlung, die sie über hundert, fünfhundert oder tausend Seiten durch die Welt der Charaktere führen wird. Schon auf diesen ersten Seiten möchte sie etwas finden, das ihr sagt, was auf sie zukommt, wohin ihre Reise gehen wird. Während sie die Absätze überfliegt, sucht ein Teil von ihr Hinweise auf Zukünftiges. Welche Hinweise kann die erste Szene beinhalten?

Möglichkeit 1: Präsentation der Hauptidee

Besonders in Krimis findet man diese Variante der ersten Szene. Die Leserin erlebt den ersten Mord mit und erfährt einige Besonderheiten von Täter und Opfer. Sie wird davon ausgehen, dass es in der weiteren Handlung um die Suche nach dem Täter geht. Die Präsentation von Täter, Opfer und Tat gibt Hinweise auf Motive, Komplikationen, Hintergründe.

Die Frage ist hier, wie viele Informationen die Leserin schon ganz am Anfang erhalten sollte und wie eindeutig diese Informationen präsentiert werden. Zu viele Informationen nehmen der weiteren Handlung Spannung. Die Leserin könnte auch Schlüsse ziehen, die sie eine andere Handlung erwarten lassen. Das kann zu positiver Überraschung oder Enttäuschung führen.

Möglichkeit 2: Präsentation eines Vorbotens der Hauptidee

Wenn die Präsentation der Hauptidee nicht praktikabel ist, etwa weil zu viel verraten wird, kann die Leserin einen Vorboten der Hauptidee entdecken. Hier können Träume, Visionen und Prophezeiungen eingesetzt werden. Das kann subtil geschehen, wenn sich jemand an eine Aussage erinnert (Tante Klara sagte immer, dass alles, was die Männer meiner Familie anfangen, zum Scheitern verurteilt ist.), wenn der Protagonist aus einer offenen Tür die Zeile eines Liedes hört, oder wenn der Protagonistin der Spruch ihres Glückskekses nicht aus dem Kopf geht.

Solche Anfänge verführen einerseits zu dramatischen Bildern, die die Leserin übertrieben oder lächerlich finden könnte. Andererseits besteht die Gefahr, dass die Hauptidee so vage bleibt, dass sie Leserin ohne klare Vorstellung in den weiteren Text geht.

Möglichkeit 3: Präsentation des Auslösers der Hauptidee

Die Leserin erlebt mit, wie der Protagonist etwas erlebt, das ihn auf den Weg durch die Handlung schickt. Das kann eine Person sein, die etwas Typisches oder Untypisches tut, das kann ein Ort sein, eine Konstellation aus Personen oder Ereignissen. Die Protagonistin wird beispielsweise Zeugin eines Unfalls und gerät in eine Lebenskrise. Auf einer Beerdigung werden Vorwürfe geäußert, die das Verhältnis der Familienangehörigen verändert. In einem Krimi kann das der Moment sein, in dem die Leiche gefunden wird oder der Kommissar am Tatort eintrifft.

Solche erste Szenen verführen dazu, zu viele Hintergrundinformationen zu liefern. Die Leserin fühlt sich überfordert zu entscheiden, welche Information wichtig ist. Hinter den Hintergrundinformationen gerät außerdem der Anreiz für die Hauptpersonen aus dem Blick der Leserin.

Erste Szenen sind so wichtig, dass es lohnt, sie kritisch zu lesen und notfalls neu zu schreiben. Auf jeden Fall sollte nach der Fertigstellung des Manuskripts die erste Szene mit dem Wissen der letzten Szene gelesen werden. Bietet sie einen geeigneten Einstieg in die Handlung? Verrät sie zu viel oder zu wenig? Führt sie in die falsche Richtung? Ist sie aus der Perspektive der richtigen Person geschrieben? Diese und andere Fragen sind notwendig, um zu klären, ob die erste Szene die Leserin auf geeignete Weise in die Handlung einführt.

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