Die Sprache hinterfragt: Warum haben wir so viele Zeitformen?

Als Muttersprachlern verwenden wir unsere Sprache oft gedankenlos. Warum sollten wir über etwas nachdenken, dass wir mühelos seit unserer frühesten Kindheit beherrschen? Als Autoren ist die Sprache jedoch unser wichtigstes Werkzeug. Werkzeuge sollte man nie unüberlegt einsetzen. Werfen wir deshalb einmal einen Blick auf die Zeitformen.

Die deutsche Sprache verfügt über zahlreiche Zeitformen: Präsens für die Gegenwart, Präteritum, Perfekt und Plusquamperfekt für die Vergangenheit, Futur 1 und 2 für die Zukunft. In der täglichen mündlichen Kommunikation kommen viele Deutsche mit dem Präsens für Gegenwart und Zukunft, Perfekt und Präteritum der Verben haben und sein für die Vergangenheit aus. Dieses abgespeckte Programm erlaubt ein relativ differenziertes Sprechen über vergangene, gegenwärtige und zukünftige Ereignisse. Erleichtert wird dieses Sprechen durch ein Vokabular, das bei Muttersprachlern normalerweise größer ist als bei Lernen.

Wie sprechen Menschen mit eingeschränktem Vokabular?

Menschen, die einen Integrationskurs besuchen, verfügen zu Beginn über ein eingeschränktes Vokabular. Sie kennen gerade die Wörter, die sie benötigen, um sich mehr schlecht als recht in Deutschland orientieren zu können. Während die meisten zu Beginn eines Deutschkurses in einer Ein- bis Dreiwortsatzphase verharren, sammeln andere neben Wörtern auch Strukturen. Von den häufigsten Verben sind die Formen im Präsens bekannt, einige Partizipien II (z. B. gefragt, gelaufen) und das Präteritum von haben und sein, mit denen sie Satzbruchstücke zusammenbasteln. Das wirkt oft eloquent, weil Menschen, die sich die Mühe machen, Sprachstrukturen zusammenzutragen, meistens auch Willens sind, sie anzuwenden. Aufgabe eines Integrationskurses ist deshalb in der ersten Zeit, das Systematisieren der nach Häufigkeit und Notwendigkeit gesammelten Strukturen.

Dieses Systematisieren führt bei einigen Teilnehmern zu einem Verstummen. Sie sehen das wenige Gelernte infrage gestellt. Oft sind sie, nachdem sie die korrekten Formen und Strukturen kennengelernt haben, weniger bereit, frei zu sprechen und die Strukturen anzuwenden.

Was kann ein Mensch nur mit Präsens, Perfekt und dem Präteritum von haben und sein ausdrücken? Und wie kann dieses Spektrum durch andere Zeitformen erweitert werden?

Präsens:

Das Präsens ist die Zeitform der Gegenwart und drückt aus, dass etwas jetzt, in diesem Augenblick, geschieht. ( Es regnet.) Es ist auch die Zeitform für allgemeine, immer wahre Aussagen. (In Deutschland regnet es immer.) Auch Vermutungen können im Präsens ausgedrückt werden, wenn ein Adverb verwendet wird. (Vielleicht gehe ich morgen ins Kino.) Feste Vorhaben lassen sich auch im Präsens formulieren. Ein Adverb hilft, die Zukünftigkeit zu unterstreichen. (Morgen habe ich einen Termin beim Zahnarzt.)

Vermutungen und Spekulationen profitieren vom Konjunktiv. Bereits der würde-Konjunktiv erlaubt eine differenziertere Aussage. (Ich glaube, er würde lieber am Computer spielen.) Der Konjunktiv klingt auch höflicher. (Würden Sie bitte das Fenster öffnen?)

Das Futur 1 verlegt Pläne und Ziele eindeutig in die Zukunft. (Ich werde eine Arbeit finden. Ich werde die Prüfung bestehen.) Vermutungen löst das Futur 1 von der Gegenwart ab. (Er wird bestimmt kommen.)

Perfekt und Präteritum von sein und haben

Sein und haben bezeichnen in einem so beschränkten Arsenal an Strukturen Zustände und Besitz im weitesten Sinne in der Vergangenheit. (Ich war krank. Ich war im Park. Ich hatte einen Hund. Ich hatte Besuch.) Zustand und Besitz sind dauerhaft oder langanhaltend. Das Präteritum setzt sie von kurzfristigen Aktivitäten ab. (Ich war krank und bin zum Arzt gegangen. Ich war im Park und habe Zeitung gelesen. Ich hatte einen Hund und habe ihn verkauft. Ich hatte Besuch und habe Pizza gemacht.) Je mehr Vokabeln zur Verfügung stehen, desto genauer können Sprecher mit diesen beiden Zeitformen über vergangene Ereignisse und die Beziehung der Ereignisse zueinander sprechen. Während die Präteritumsformen von haben und sein kurz sind, erscheinen die zweiteiligen Formen des Perfekts lang und geben den Eindruck ständiger Wiederholung. (Als Kind war ich oft am Meer und habe am Strand gespielt. Ich habe Sandburgen gebaut und ich habe mit dem Ball gespielt.) Das wirkt umständlich.

Kommen die Modalverben im Präteritum hinzu, kann der Sprecher nicht nur besser über Verbote, Gebote und Wünsche sprechen. (Ich musste aus Syrien fliehen.) Das Perfekt der Modalverben klingt auch für Deutsche so umständlich, dass sie es meiden. Je mehr Verben im Präteritum verwendet werden, desto kürzer und konkreter erscheint der Text. Viele häufige Verben haben unregelmäßige Präteritumsformen, die meist besonders kurz sind. (Ich ging in Damaskus zur Schule. In unserem Haus schlug eine Bombe ein.)

Der Konjunktiv der Vergangenheit erlaubt Spekulationen, die sich nur mit dieser Verbform ausdrücken lassen. Wenn Teilnehmer eines Deutschkurses solche Sätze bilden können, verfügen sie über bessere Grammatikkenntnisse als so mancher Muttersprachler. (Wäre ich mit dem frühen Bus zum Kurs gefahren, hätte ich meinen Freund getroffen, der mir bestimmt erklären hätte, wie ich die Hausaufgaben hätte machen sollen.)

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