Die Sprache hinterfragt: Briefe und ihre Konventionen

Es heißt schon seit Jahren, dass E-Mails Briefe verdrängen. Doch wenn wir uns E-Mails ansehen, erkennen wir schnell, dass sie in weiten Teilen Briefen entsprechen. Das gilt insbesondere für die E-Mails, die wir in formellen Situationen schreiben, etwa Bewerbungen, Beschwerden, Bitten um Information bei Unternehmen oder Behörden. Briefe und E-Mails sind ein Teil der Sprachprüfungen. Indem sie eine E-Mail oder einen Brief schreiben, stellen Deutschlerner unter Beweis, dass sie Texte verfassen können. Doch einen formellen Brief oder eine formelle E-Mail zu schreiben setzt viel mehr voraus als Vokabeln und Grammatik.

Gerade formelle Briefe und E-Mails zeichnen sich durch das Einhalten bestimmter Konventionen aus. Dass dem so ist, sehen wir auch daran, dass muttersprachliche deutsche Schüler diese Textformen in der Schule lernen müssen. Bewerbungsanschreiben sind so sehr geprägt von Konventionen, dass sich ein ganzer Markt mit Ratgebern entwickelt hat.

Wenn Deutschlerner einen formellen Brief schreiben, benötigen sie Kenntnis von:

  1. der Einordnung des Briefes in den kulturellen Kontext.
  2. der Konventionen dieses Brieftyps.
  3. des üblichen Aufbaus dieses Brieftyps.
  4. der Redemittel für Briefe.
  5. der allgemeinen Vokabeln.
  6. der Grammatik.

Darüber hinaus müssen sie lernen, die Quelle für den Brief sprachlich zu erfassen und inhaltlich einzuordnen. Für das Schreiben des Briefes stehen 30 Minuten zur Verfügung. Wie viele Minuten wenden Sie für einen wichtigen Brief auf?

Wer in seiner Muttersprache eine anspruchsvolle Ausbildung genossen hat, tut sich meistens weniger schwer mit formellen Briefen. Vor einigen Jahren klagte eine Teilnehmerin, die in ihrer Heimat studiert hatte und als Übersetzerin tätig gewesen war, dass sie niemals einen Beschwerdebrief oder einen Brief an eine Behörde geschrieben habe. Solche Briefe seien unüblich. Tatsächlich lieferte sie anfangs Briefe ab, die vor allem inhaltlich weit unter dem lagen, was sie normalerweise schrieb.

Entsprechend schwieriger ist die Ausgangslage für Menschen, die wenig oder gar keine Schulbildung besitzen. Das zeigt sich auch in dem Detail, dass solche Lerner mit ihren Briefen eher fertig sind als Lerner, die die Konventionen berücksichtigen.

Nun kann man lernen, die Aufgabenstellung zu analysieren und alle wichtigen Informationen zu markieren. Diese Analyse kostet Zeit, ist jedoch notwendig, um zu erfassen, welche Art Brief es ist und welche Konventionen berücksichtigt werden müssen.

Die Erfahrung zeigt auch, dass selbst schwache Lerner den Aufbau eines formellen Briefes reproduzieren können, wenn er immer wieder geübt wird. Das gilt auch für Muttersprachler, die ebenfalls dazu neigen, Absender und Anschrift wegzulassen und den Betreff für eine Schikane der Lehrkraft halten. Was beiden Gruppen schwer fällt, ist die Wahl der passenden Redemittel und die Berücksichtigung aller in der Aufgabenstellung genannten Punkte. Je niedriger der Bildungsstand der Muttersprachler, desto mehr ähneln die systematischen Fehler denen der Deutschlerner. Die Anrede ist nicht der vorgegebene Name, Informationen auf vorgegebene Unklarheiten werden nicht erbeten oder stattdessen gegeben, die Schlussformel entspricht nicht der Situation.

Konventionen müssen geübt werden. Das kostet Zeit. Deshalb ist es aus meiner Sicht wichtig, Briefe so früh wie möglich – auch getarnt als E-Mails – als Textform einzuführen und regelmäßig zu schreiben.

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