Slow Food und Slow Writer: Warum Autoren sich Zeit nehmen dürfen

Wir leben in schnelllebigen Zeiten. Die Medien begeistern sich am Beklagen dieses Zustands. Gleichzeitig hat sich in einigen gesellschaftlichen Bereichen eine Hinwendung zu einer ruhigeren und gelasseneren Lebensweise durchgesetzt. Bewegungen wie Slow Food sind beispielhaft dafür, wie Menschen ihr Leben bewusst verändern und sich so für eine bessere Welt einsetzen. Unter Autoren scheint hingegen die Maxime, schneller zu schreiben und zu veröffentlichen, weiter um sich zu greifen. Das schafft ein Klima, in dem Autoren, die aus individuellen Gründen nicht alle paar Monate oder Wochen ein Buch auf den Markt bringen, unabhängig von ihren Büchern als Verlierer dargestellt werden. Verlierer wovon?

Anfang April 2017 veröffentlichte die amerikanische Autorin Anne R. Allen auf ihrem Blog den Post Are Slow Writers Doomed to Fail in the Digital Age? Es ist ein langer, aber lesenswerter Post, der einige Fragen zum schnellen Schreiben aufgreift, die auch mich umtreiben.

Neben den finanziellen Vorteilen einer großen Zahl von Veröffentlichungen sehe ich auch Nachteile.

Autoren haben eine Verantwortung gegenüber den Lesern

Das Bejammern der immer gleichen Handlungen mit immer gleichen oberflächlichen Charakteren ist nicht neu, ist womöglich auch eine wiederkehrende Mode. Dieser Verdacht entwertet aber nicht das Empfinden der Lesergruppen, die mehr Themen, mehr Variationen der Handlung und vor allem mehr Komplexität wünschen.

Selbstverständlich gibt es Autoren, die all das in kurzer Zeit leisten können. Es sind jedoch nur wenige.

Autoren haben Verantwortung gegenüber ihrem Werk

Die Forderung nach schneller Schreibproduktion ist verbunden mit dem Verbot des Überarbeitens. Die gesamte Verantwortung für diesen Prozess wird auf Lektoren geschoben. Das ist unfair gegenüber den Lektoren, die sich mit unzusammenhängenden Rohfassungen der Manuskripte auseinandersetzen müssen, aber nicht gemessen an der Verantwortung und der zwangsläufig damit verbundenen kreativen Leistung bezahlt werden.

Wer seine Arbeit ernst nimmt, möchte besser werden. Besser wird man durch langes Üben. Für Autoren bedeutet das, dass Texte angefangen und wieder aufgegeben werden. Es heißt auch, dass man Experimente wagt, die manchmal scheitern. Wer experimentiert, investiert Zeit in einen Text, der möglicherweise nicht veröffentlicht werden kann. Auch diese Erfahrung gehört zum Lernprozess. Wer jeden Text in hohem Tempo zu Ende zwingt und dann dem Lektor zuschiebt, oder notfalls ohne Lektorat veröffentlicht, lernt lediglich eine Form der Selbstkontrolle. Das Schreiben verbessert sich dadurch nicht.

Unter diesen Bedingungen kann keine gründliche Recherche stattfinden. Greift man freundliche und sogar kompetente Menschen zurück, die zuarbeiten und das recherchierte Material in leicht verdaulichen Portionen präsentieren, hat man immer noch keinen Zugang zur Materie gefunden. Die Verarbeitung der Hintergrundinformationen gerät schnell zu einem Abarbeiten von Listen. Schon in Oberstufenklausuren wird überprüft, ob Schüler die Materie durchdrungen haben. Bei Autoren, die schnell schreiben, kann das nur geschehen, wenn sie auch schnell erfassen und einen persönlichen Zugang finden können.

Autoren haben Verantwortung gegenüber ihrer Gesundheit

Wer viel produziert, verwendet zwangsläufig viel Zeit für das Schreiben auf. Schreiben ist Arbeit, wie besonders die Schnellschreiber betonen. Aber für jeden Autor ist Schreiben Arbeit. Es fordert den Geist und die Hand- und Fingergelenke. Und es verführt zum Konsum von kleinen Durchhaltemitteln in Form von Schokolade, Chips, Alkohol oder Nikotin. Geist und Körper benötigen jedoch einen Ausgleich zum Schreiben, benötigen auch Anregung und neue Eindrücke, die reifen und ihren Weg in neue Texte finden.

 

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