Die Sprache hinterfragt: In welcher Sprache lesen wir, wenn wir lesen?

Wir schleppen unsere erste Sprache immer mit uns herum. Diese erste Sprache kann eine ganz eigene Erstsprache sein, eine Muttersprache, die wir aus einem anderen Land mitgebracht haben. Es kann auch ein Dialekt oder eine familieneigene Sprache sein, die wir uns auf dem Weg durch die Bildungseinrichtungen abgewöhnt haben.

Wenn wir vor unserem dritten Lebensjahr mehrere Sprachen lernen, speichert unser Gehirn sie an einer Stelle ab, wie eine einzige Sprache. Wenn wir in späteren Jahren sprachen lernen, speichert das Gehirn sie separat ab. Die erste Sprache ist lange Zeit Vergleichssprache. Alles neu Gelernte versuchen wir, auf diese erste Sprache zu beziehen. Das fällt auch bei Grundschulkindern mit Deutsch als Muttersprache auf, wenn sie plötzlich ein Dialektwort oder ein Wort aus ihrer Kleinkindsprache heranziehen, um ein neues Phänomen zu beschreiben. Sogar bei Erwachsenen kann man das manchmal noch beobachten.

Leser haben nicht nur Sprachen in ihrem Gepäck, auch Lesegewohnheiten. Das merkt man, wenn man Rezensionen eines Lesers liest, dem ein Buch eines unbekannten oder ungeliebten Genres in die Hände gefallen ist. Wer mit Liebesromanen in das Lesen eingeführt wurde, liest Krimis eben mit der Erwartungshaltung eines Liebesromanlesers. Überraschung, wahrscheinlich Enttäuschung sind die Folge.

Wir wissen nicht, welche Sprachen ein Leser mitbringt, wenn er unser Buch aufschlägt. Wir können ihm auch nur selten entgegenkommen. Kinderbuchautoren holen Kinder bei einer Sprache nahe an ihrer Familiensprache ab. Sachbuchautoren orientieren sich am Vorwissen ihrer Zielgruppe und wählen ihre Ausdrucksweise entsprechend. Umgekehrt sind Leser selbst dafür verantwortlich, wie sie ihre Sprachen nutzen. Wer als Erwachsener eine Sprache neu lernt, kann vereinfachte Bücher lesen oder Bücher, die schon in der Muttersprache oder einer anderen Sprache bekannt sind.

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