Familien. Ehre. Morde zwischen Geest und Meer – Martina Sevecke-Pohlen

Titel: Familen. Ehre.
Reihe:
Verlag: Wieken-Verlag
erschienen: 2012
Genre: , ,
ISBN13: Printbuch Buchhandel 978-3-943621-30-3, Printbuch Amazon 978-3-943621-09-9, E-Book EPUB 978-3-943621-05-1, E-Book Kindle 978-3-943621-03-7, E-Book PDF 978-3-943621-04-4

Was ist dir so wichtig, dass du dafür töten würdest?

Als Christa ihren früheren Klassenkameraden Volkan Tolka wiedertrifft, ist sie bestürzt. Der Junge von damals war ihr so gleichgültig, dass sie ihn völlig vergessen hat. Doch der erwachsene Volkan prägt sich ein. Nicht nur sieht er gut aus, die Leiche seiner Schwester Nilüfer liegt erstochen unter einer Autobahnbrücke. Die Polizei verhaftet Volkan. Wardenburg hat seinen ersten Ehrenmord.

Christa hat nur wenig Interesse an dem Fall. Ihr besitzergreifender Freund Dietmar fordert ihre gesamte Aufmerksamkeit. Und Margo, ihre Freundin aus Mädchentagen, versucht Christa zu überzeugen, wie vorteilhaft es wäre, wenn Christa ebenfalls in die Familie Pöpken einheiraten würde.

Mit dem Winter kommt die Angst nach Wardenburg:

Im Schulzentrum gehen Drohbriefe um, Volkans jüngere Schwester Buket verschwindet spurlos. Eine zufällige Bemerkung bringt Christa auf die Spur des Entführungsopfers. Und sie erfährt am eigenen Leibe, was manche Menschen tun, um die Familienehre zu retten.

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In der Reihe erschienen auch:

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Diese Leseprobe umfasst die Kapitel 1 bis 4 von insgesamt 11 Kapiteln.

1. Kapitel — Errettung

Der Tag, an dem ich unwissentlich meine Rolle aufnahm, war ein Freitag Ende
Juli. Ich kannte bereits einige der Beteiligten, so wie ich zahlreiche Leute
kenne und jeden Tag neue kennen lerne. Einige kannte ich schon so lange, dass
ich Zeit gehabt hatte, sie völlig zu vergessen.

Ich erinnere mich genau an die Hitze an jenem Nachmittag. Ich stand vor der
Tür von „Crea. Heim und Pflege”, geblendet von dem gleißenden Licht, das die
gegenüberliegende Hauswand reflektierte. Das Gesicht von dem unerträglichen
Weiß abgewendet wanderte ich tapfer die Friedrichstraße entlang zu dem weißen
Wohnblock, in dem meine Schwester Heidi wohnte. Obwohl ich wusste, dass sie
nicht zu Hause war, sah ich zu ihrem Balkon hinauf. An diesem Wochenende sollte
sie Andrejs Großmutter kennen lernen. Nach einem Jahr Beziehung war das
sicherlich nicht verfrüht, aber mich beschäftigte der Gedanke, ob Andrej
Schelupa, den seine Freunde Druschka nannten, nun eine ernsthaftere Phase einleiten
wollte. An dieser Phase waren seine Vorgänger samt und sonders gescheitert,
denn Heidi behauptete gerne, sie möge ihren Familiennamen Hemmen, außerdem sei
sie keine Frau für die Ehe.

Die meisten Leute, Männer besonders, glaubten ihr dies nicht. Wer Heidi
unvoreingenommen begegnete, musste sie für ein nettes blondes Mädchen halten.
Immer sah sie adrett aus, denn wir waren von einer Hauswirtschaftsleiterin
erzogen worden. Bieder wirkte Heidi dennoch nicht. Ihre Farben strahlten und
die Rocksäume hielten Abstand zum Knie. Das war es, was die Männer sahen. Und
weil Heidi solide Kerle bevorzugte, solche die ihr Regale bauten, die Küche
strichen und außerdem ein dreistelliges Gewicht anstrebten, dachten sie, sie
sähen vor sich eine Frau für das Einfamilienhaus.

Meine Schwester hatte bisher jeden eines Besseren belehrt. Um Andrej hätte
es mir leidgetan, mehr als um die meisten anderen. Aber ich konnte weder
einschätzen, was er mit dieser Familieneinführung bezweckte noch was Heidi
davon hielt. Ich wusste nur, dass sie sich von mir eine weiße Hemdbluse
geliehen hatte, mit der Begründung, für Großmütter sei dies das beste
Kleidungsstück. Unsere eigene Großmutter hätte Polyesterpullover in Türkis
ebenso passend gefunden, und die älteren Damen, mit denen ich beruflich zu tun
hatte, schienen Outdoorbekleidung zu bevorzugen. Aber vielleicht sah Andrejs
Großmutter, laut seiner Aussage eine sehr alte Dame, junge Frauen gerne
gebügelt.

In Gedanken war ich an meinem in Heidis Hof geparkten Auto vorbeigegangen.
Als mir dies bewusst wurde, hatte ich längst die Raiffeisenstraße überquert und
stand an der Einfahrt des Verbrauchermarktes. Wahrscheinlich hatte mein Körper
mich vorsorglich unter Ausschaltung höherer Hirnfunktionen hierher gebracht,
damit ich etwas Essbares für das Wochenende mitnähme. Nachdem ich soweit
gegangen war, mochte ich nicht mehr umkehren, um das Auto die paar Meter von
einem Parkplatz zum anderen zu bewegen. Meine Handtasche nach dem Plastikchip
für den Einkaufswagen durchwühlend, ging ich weiter in Richtung einer
Wagenstation.

„Moin, Christa! Lange nicht gesehen.”

Erschrocken fuhr ich herum und wich zumindest innerlich einen halben Schritt
zurück. Frau Schuhmann–Schulz strahlte mich an. Sie war früher meine
Klassenlehrerin gewesen, als es am Everkamp noch ein Schulzentrum mit Haupt–
und Realschule gab. Für mich lag die Zeit in ihren Händen lange zurück, und ich
war in einem Alter, in dem ich verklären konnte, was noch kein Jahrzehnt
zurücklag. Obwohl ich den Wechsel in die Oberstufe des Kreisgymnasiums in Oldenburg
dem Ausgang einer Wette meines Vaters verdankte, sah ich im Nachhinein Frau
Schuhmann–Schulz als Triebfeder für meine Karriere. Diese Frau verfügte über so
viel Energie, dass, einmal auf einen Schülerkörper entladen, der– oder
diejenige in die von ihr vorgegebene Richtung geschleudert wurde.

„Oh. Hallo, Frau Schuhmann–Schulz. Ja, sehr lange. Wie geht es Ihnen?”

Es hatte eine Weile gedauert, bis ich diesen Umgangston ehemaligen
Lehrkräften meiner Schulen gegenüber hatte anschlagen können. Die Studienräte
aus Oldenburg hatte ich nach dem Abitur nie mehr zu Gesicht bekommen, aber ich
wohnte nun wieder in Wardenburg, und Wardenburger Lehrer liefen dort frei
herum. Mir erging es besser als Friseurinnen und Bäckereifachverkäuferinnen,
die ihre ehemaligen Lehrer auch im Berufsleben ständig als Kunden vor Augen
hatten. Allerdings erreichten einige meiner Lehrer mittlerweile ein Alter, in
dem sie bei der Suche nach einer betreuten Wohnung auf die Dienste von „Crea.
Heim und Pflege” hätten zugreifen können. Bei Frau Schuhmann–Schulz stand dies
jedoch derzeit noch nicht zu befürchten.

„Wunderbar geht es mir. Ich komme gerade von Fuerteventura zurück. Drei
Wochen. Davor eine Woche Kanutour auf der Moldau. Wirklich sehr
empfehlenswert.”

Mir stockte der Atem, nur teilweise vor Neid, und sogar der richtete sich
größtenteils auf ihren Elan.

„Toll. Ich war im Mai eine Woche auf Mallorca.”

„Na, als alleinstehende Frau ohne Kinder bist du ja auch nicht auf die
Schulferien angewiesen. Du kannst die günstigeren Angebote nutzen. Lehrer haben
das nicht so gut”, klärte Frau Schuhmann–Schulz mich auf.

Ich nickte. Es erschien mir nur natürlich, von ihr über die Welt informiert
zu werden.

Zugegebenermaßen sah sie gut aus. Wieder einmal hatte sie eine neue
Haarfarbe, und passend zur Kanutour trug sie die Haare superkurz, so dass die
weiten Kurven ihres Körpers gut zur Geltung kamen. Frau Schuhmann–Schulz zog
mühelos Aufmerksamkeit auf sich, was ihr als Lehrerin sicher nicht zum Nachteil
gereichte.

„Aber jetzt fängt der Stress wieder an”, klagte sie vernehmlich. Sie besaß
außerdem die Fähigkeit, ihre Stimme so zu modulieren, dass alle auf dem
Parkplatz sie verstanden. Klassenzimmerlautstärke lag ihr weniger.

„Die Ferien sind wohl zu Ende”, mutmaßte ich. Frau Schuhmann–Schulz nickte, zustimmend
zu mir und grüßend zu Leuten, die an uns vorbeigingen.

„Du sagst es. Nächste Woche geht es los, und gleich in der Woche danach muss
ich nach Spiekeroog.”

„Schön. Klassenfahrt auf eine Insel?” fragte ich. Sie schüttelte den Kopf.

„Fortbildung. Türkisch für Lehrer. Fünf Tage. Tja, man muss mit der Zeit
gehen, Christa, und Spiekeroog ist nicht der schlechteste Ort für eine
Fortbildung. Ach, habe ich dir schon erzählt, dass ich mich an unsere IGS
beworben habe?”

Das hörte ich zum ersten Mal. Vor ein paar Jahren war auf dem Everkamp in
den Räumen des Wardenburger Schulzentrums eine Integrierte Gesamtschule
gegründet worden. Während Haupt– und Realschule abgewickelt wurden, wuchs die
IGS nun Jahrgang für Jahrgang.

„Ich bin zwar nicht mehr so blühend jung wie einige der Kollegen an der IGS,
aber, haha, ich bin schon lange wegen der zweiten Fremdsprache für zehn Stunden
abgeordnet. Da kann ich auch ganz rüberwechseln, wenn ich nächsten Sommer meine
zehnte Klasse abgebe.”

Frau Schuhmann–Schulz lachte, und ich nickte, denn was sie sagte, klang für
meine Ohren vernünftig. Nach einigen abschließenden Worten marschierte sie zu
ihrem Auto, einem ganz unerwartet kleinen Kleinwagen in einer äußerst femininen
Lackierung. Frau Schuhmann–Schulz benötigte keinen Geländewagen, weder für ihr
Selbstwertgefühl noch um sich im Straßenverkehr durchzusetzen.

Die Begegnung mit meiner ehemaligen Klassenlehrerin hatte mich aus der
Starre geweckt, in die ich wegen der Hitze verfallen war. Angespornt durch ihre
Versicherung zum Abschied, ich machte mich gut im Leben, kettete ich mir einen
Einkaufswagen los und schob ihn dynamisch auf den Eingang zu. Ein Mann in
meinem Alter vom Typ romantisch dunkler Fremder nickte mir zu. Während des
gesamten Einkaufs grübelte ich vergeblich, wo ich sein Gesicht schon einmal
gesehen haben könnte.

*

An einem Tag wie aus dem Kinderbuch, so lang erwartet und kaum erhofft,
zogen weiße Wattewolken über einen klar blauen Himmel, darunter leuchtete alles
in frischem Grün. Glühend roter Backstein saugte die Wärme ins Innere des
Gebäudes, wo Heizkörper rauschten wie noch vor einer Woche im Frost. Hundert
Jahre Bohnerwachs hingen in der Luft.

Vierundzwanzig Köpfe beugten sich über vierundzwanzig Papierbögen.
Achtundvierzig Füße rutschten über Linoleum. Gelegentlich hörte man Schniefen
als Folge der gelben Pollen draußen. Ansonsten herrschte konzentrierte Stille,
denn hier schrieb man an der eigenen Zukunft. Als leise ein Handy klingelte,
wurde der Ton weggedrückt.

Nach der Pause waren nur dreiundzwanzig Plätze belegt.

*

Etwas später an jenem Freitag trug ich einen Karton Wochenendverpflegung in
meine Wohnung im Patenbergsweg. Meine Vermieterin Sandra Menserhagen befand
sich seit letztem Sommer in einer Klinik in Wehnen, wo sie wegen Angstzuständen
behandelt wurde. Nachdem ich mich geweigert hatte, in ihrer Abwesenheit den
Garten zu pflegen, war eine Firma damit beauftragt worden. Ansonsten sah nur
gelegentlich ein Bekannter von Sandra nach dem Rechten. Das Haus hatte ich de
facto für mich allein, und das gefiel mir.

Am Telefon blinkte ein Anruf in Abwesenheit von meiner Mutter. Die fand es
merkwürdig, so schnell von mir zurückgerufen zu werden.

„Du wolltest etwas von mir. Da ist es doch in deinem Sinne, wenn ich mich
sofort melde. Außerdem könnte etwas passiert sein”, sah ich mich gezwungen zu
erklären, weshalb ich an einem Freitag nach achtzehn Uhr bei ihr anrief. Meine
Mutter stellte sich unwissend.

„Was sollte passieren?”

„Du oder Vati könnte einen Unfall gehabt haben. Oder krank geworden sein”,
begann ich, aber sie ließ mich nicht ausreden.

„In so einem Fall würde ich dich natürlich auf deinem Handy anrufen. Aber
das ist auch egal. Hast du Lust, morgen zum Frühstück zu kommen?”

Ich fand es nicht egal. Aber ich war auch diejenige, bei der Angehörige
schilderten, wie sie Mutter oder Vater am Boden liegend gefunden hatten, und
mir erläuterten sie, dass sie eine betreute Wohnung suchten, damit dies nicht
mehr vorkäme. So wie die Angehörigen Stürze unter Betreuung ausschlossen, hielt
meine Mutter einen Unfall für unmöglich. Die Einladung nahm ich trotzdem an und
wimmelte anschließend die üblichen Sorgen meiner Mutter wegen meines soliden
Lebenswandels ab. Vermutlich war ich die einzige Tochter, deren Mutter
diesbezüglich Unzufriedenheit äußerte. Aber ich konnte mich nicht ändern.

*

Neben der Fahrbahn schwankten die jungen Blätter im Wind. An der Haltestelle
sprang eine junge Frau auf den Gehweg. Während der weiterfahrende Bus
Vorjahreslaub aufwirbelte, bog sie eilig in eine kleine Wohnstraße ein.
Goldregen blühte dort leuchtend gelb und giftig, die Luft war erfüllt von
Düften, die in der Stadt nicht wahrgenommen wurden. Aber das Licht versprach in
Land und Stadt nicht weniger als den Aufbruch in sommerliche Fülle.

Die Absätze der Frau klapperten laut auf dem Gehsteig. Sie presste ihre
große Umhängetasche an sich und hastete unter den Ästen eines Kirschbaums in
einen Garten. Unter den ausladenden Zweigen blieb sie stehen, sicher in der
Gewissheit, an dieser Stelle von keinem Fenster des Hauses aus gesehen zu
werden. Nachdem sie sich überzeugt hatte, dass niemand vom Haus in der Nähe
war, folgte sie dem Gartenzaun bis hinter den Schuppen.

Dort, auf einem Stapel neuer Säcke Erde, saß ein Mädchen. Es hatte geweint,
mittlerweile befand es sich im Stadium des andauernden Schniefens. Die junge
Frau blieb stehen. Das Mädchen hob den Kopf.

„Wo warst du so lange?”

Die junge Frau starrte es an, kam zu einem Entschluss und ignorierte
aufkommende Wut.

„Ich musste aus Oldenburg kommen. Der Bus fährt nur einmal in der Stunde.
Das weißt du.”

Das Mädchen nickte und brach erneut in Tränen aus. Die junge Frau setzte
sich ebenfalls auf den Stapel Säcke und nahm es in den Arm. Nach einer Weile
flüsterten sie miteinander. In den Gärten sangen unterdessen die Amseln.

„Das kann ich ihm nicht sagen!” rief das Mädchen schließlich.

Die junge Frau hielt ihm den Mund zu. Sie lauschte, aber die Amseln waren
lauter als jedes andere Geräusch.

„Dann rufe ich ihn an”, entschied sie schließlich und griff zum Handy. Das
Mädchen wartete, während die andere zwei kurze Sätze auf die Mailbox sprach.

„Was wird er tun?” fragte es dann ängstlich. Die Frage zu beantworten schien
schwierig zu sein, die andere zögerte.

„Er wird alles regeln”, versicherte sie schließlich wohlwissend, wie wenig
überzeugt ihr Versprechen klingen musste. Sie betrachtete das Handy, aber das
erwies sich als unwilliger Ratgeber, dann warf sie einen verstohlenen Blick in
Richtung des Mädchens. Das war zu sehr mit Naseputzen beschäftigt, um diesen
Blick zu bemerken.

„Du weißt, dass du ab jetzt die Wahrheit sagen musst?” fragte sie. Das
Naseputzen wurde kurz unterbrochen.

„Ja.”

„Die ganze volle Wahrheit. Ab jetzt immer?”

Wieder brach das Mädchen in Tränen aus, aber es nickte. Die junge Frau
schloss kurz die Augen, als könnte sie den Anblick des Gartens und des Mädchens
nicht ertragen.

„Wir können das nicht auf uns sitzen lassen. Es geht um die ganze Familie.
Das ist dir doch klar, oder?”

Die Kopfbewegung des Mädchens konnte als Nicken interpretiert werden. Auch
die junge Frau weinte, wischte ihre Tränen aber mit dem Ärmel ab. Diesen Luxus
durfte sie sich nicht erlauben.

„Wir regeln das unter uns”, versprach sie.

*

Von Heidi hatte ich noch nichts gehört, als ich am Sonnabendvormittag zu
meinen Eltern aufbrach. Andrejs Großmutter wohnte mit einem ihrer Söhne bei
Emstek, eine gute dreiviertel Stunde Fahrt von Wardenburg aus. Familie hatte
dieser Sohn nicht, soweit ich das von Andrej verstanden hatte.

„Onkel weiß nicht, was ist Frau”, lautete dessen Erklärung.

Seinen weiteren Ausführungen hatte ich nicht folgen können. Andrej war sehr
eloquent in seiner neuen Sprache, wenn man auch nie sicher sein konnte, ob er
gerade Englisch oder Deutsch zu sprechen glaubte. Wie Heidi versicherte,
standen seine Russisch sprechenden Freunde vor dem gleichen Problem, nur dass
sie über die Variante Russisch–Englisch rätselten.

„Druschka ist eben ein Genie”, pflegte Heidi entschuldigend zu sagen.

Aus ihrem Munde klang das befremdlich, ich hätte nicht sagen können, weshalb
ich es so empfand. Vielleicht meinte mein Unterbewusstsein, die
Sachbearbeiterin eines unbedeutenden Personaldienstleisters sollte, vor allem
wenn sie meine Schwester war, keinen Umgang mit genialen Seelen pflegen und
diese nicht vor aller Welt mit Kosenamen belegen.

Bei meiner Ankunft im stillen Tal, einer südlich von Wardenburg noch hinter
der Abzweigung zur A29 gelegenen Straße, erschien mir meine Mutter der Uhrzeit
und ihrem Alter unangemessen frisch. Mein Vater schlief noch. Er war Küchenchef
in einem Wardenburger Restaurant, der „Fischerkate”, und hatte am Vorabend für
eine Hochzeitsgesellschaft gekocht. Meine Eltern mussten sich mit den flexiblen
Arbeitszeiten des jeweils anderen arrangieren, denn meine Mutter leitete die
Hauswirtschaft in einem Mädchenwohnheim irgendwo bei Harbern II. Von den
zahlreichen Wardenburger Ortschaften gehörten Harbern I und Harbern II zu den
kleinsten, am äußersten Rand von Gemeinde und Landkreis gelegen, aber vom
stillen Tal aus gut zu erreichen.

„Weißt du, wann Heidi zurückkommen wollte?” fragte sie mich, als wir uns an
den Tisch setzten. Von oben waren erste Lebenszeichen meines Vaters zu
vernehmen.

„Am Sonntag. Wahrscheinlich essen sie noch bei der Großmutter”, überlegte
ich.

Meine Mutter seufzte. Sie war jetzt in einem Alter, in dem sie von ihren
Töchtern Enkelkinder zu erwarten begann. Nett und adrett, wie sie ihr Aussehen
wahrscheinlich beschrieben hätte, mit einem flotten Kurzhaarschnitt und
Strähnchen, die das Grau geschickt überspielten, sah sie zwar nicht wie eine
potentielle Großmutter aus, aber sie tendierte zunehmend in diese Kategorie.
Von mir erwartete sie in naher Zukunft keine Enkelkinder, hatte sie schon vor
einem Jahr gesagt. Noch wertete ich ihre Bemerkung als Kompliment. Wenn man wie
ich sämtliche Erwartungen aller Leute übererfüllt, zieht man irgendwann
Genugtuung aus Erfüllungsverweigerung. Mein Pflichtgefühl war umfassend,
erstreckte sich aber nicht auf den Erhalt der Menschheit.

Bei Heidi lag der Fall anders. Sie weckte regelmäßig Hoffnungen, meine
Eltern dürften ihr eine rauschende Hochzeitsfeier ausrichten. Doch bisher hatte
sie bei drohender Verlobung noch jedes Mal die Reißleine gezogen. Andrej wäre
zwar nicht der Traumschwiegersohn meiner Mutter, sie hätte ihn aber gerne
genommen, weil sie glaubte, Leute aus Russland liebten Kinder. Nachdenklich
betrachtete sie sein Foto an der Pinnwand.

„Die Großmutter wird wohl kaum selbst kochen”, warf sie langsam ein. „Sie
soll ja schon sehr alt sein. Vielleicht kocht ja dieser Sohn. Hat Andrej
eigentlich Eltern?” Das wusste ich nicht. Andrej sprach immer nur von
Großmutter und Onkel.

Inzwischen hatte mein Vater frisch geduscht seinen Platz am Tisch
eingenommen.

„Ich habe einen Neuen im Team. Den kennst du, Christa”, teilte er mir mit.
Ich reichte ihm Tee und Brötchen, von meiner Mutter bekam er Milch und
Marmelade.

„Danke”, murmelte er verstört von unserer demonstrativen Fürsorge, rückte
das bereits aufgeschnittene Brötchen zurecht und bestrich es systematisch mit
Butter. Dabei wartete er offensichtlich auf eine Nachfrage von mir.

„Ich soll euren Neuen kennen?” tat ich ihm den Gefallen.

„Ich glaube, es war in der Orientierungsstufe”, gab mein Vater mir einen
Tipp.

Ich zuckte mit den Schultern. Diese zwei Jahre, die in Niedersachsen zu
meiner Schulzeit eine eigene Schulform zwischen Grundschule und weiterführender
Schule umfasst hatten, lagen weit über ein Jahrzehnt zurück. Ich hatte noch
Kontakt zu einigen Mitschülern aus der Grundschule und von der Realschule,
hörte auch gelegentlich noch von ein, zwei Freundinnen vom Gymnasium. Die
beiden Jahre Orientierungsstufe hatte ich jedoch völlig ausgeblendet, so dass
ich nicht mit Sicherheit hätte sagen können, wer mit mir in eine Klasse
gegangen war und wer nicht.

„Ich habe keine Ahnung, Vati”, sagte ich wahrheitsgemäß. Er schüttelte den
Kopf.

„Komisch, dass ich mich an ihn erinnern kann. Volkan Tolka heißt der Junge —
junge Mann, sollte ich sagen. Ich bin ja sehr gespannt, wie er sich macht. Ein
gutes Zeugnis hat er ja von seinem letzten Arbeitgeber. Aber mich stört etwas,
dass er die Ausbildung außerbetrieblich in einer Maßnahme von der
Arbeitsagentur gemacht hat. Solche Jungs hatte ich bisher nur im Praktikum, und
ich kann euch sagen, da waren ein paar Kaliber bei. Denen wollte man nur ungern
ein Messer in die Hand geben. Na, dein Freund Volkan wird schon nicht so einer
sein, Christa.”

„Mein Freund war dieser Volkan bestimmt nicht. Behauptet der, mich zu
kennen?” fragte ich misstrauisch.

„Nein. Ich glaube, der weiß nicht, dass ich dein Vater bin. Aber dieser Name
hat sich mir eingeprägt.”

„Ich kann mich nicht an jemandem mit diesem Namen erinnern. Wie sieht er
denn aus?”

„Hm. Etwa eins vierundachtzig” Meine Mutter lachte.

„Aber so groß war er wohl kaum in der Orientierungsstufe.”

Mein Vater verdrehte die Augen und biss in sein Brötchen. Während er kaute,
wechselte meine Mutter das Thema.

„Die Nadine von Elke und Helger Braaschs Tochter wiederholt die zehnte
Klasse freiwillig. Sie ist jetzt bei Frau Schuhmann–Schulz. Stell dir das mal
vor, Christa.”

Ich stellte es mir vor. Man mochte über diese Frau denken, wie man wollte,
aber sie drängte ihre Schüler an die Wand und quetschte alles aus ihnen heraus,
sogar Lernerfolge. Hatte man ihre zehnte Klasse überlebt, konnte das
Berufsleben nicht mehr schrecken.

„Nadine wird sich wundern”, sagte ich nur.

Nach dem Frühstück suchte ich das Fotoalbum, in dem Heidis und mein
Erfolgsweg dokumentiert wurde. Angefangen bei fetten Babys unter
Weihnachtsbäumen und Kleinkindern auf Schaukelpferden sah man uns mit
Dreirädern, Fahrrädern, Schultüten und natürlich auf den jährlichen
Klassenfotos. Unter all den blonden Kindern konnte man Heidi und mich immer gut
erkennen. Wir waren immer ein wenig adretter als unsere Kameraden, als hätte
das Fotolabor uns besonders sorgfältig herausgearbeitet. In späteren Jahrgängen
trug ich bereits Hemdblusen zum Strickjäckchen, während Heidi ab etwa der
siebten Klasse aussah, als wollte sie für Waschpulver werben. Auf dem
Klassenbild der sechsten Klasse entdeckte ich einen dunkelhaarigen Jungen. Das
musste dieser Volkan sein, aber das Bild weckte keinerlei Erinnerungen.
Allerdings meinte ich, in ihm den schönen dunklen Fremden vom Parkplatz
wiederzuerkennen. Auf dem Bild der fünften Klasse war er nicht zu sehen und
auch nicht auf dem der siebten. Unsere gemeinsame Schulzeit musste äußerst kurz
gewesen sein.

Dieses Klassenbild der sechsten Klasse zeigte ich meinem Vater. Der nickte
und behauptete, Volkan Tolka sähe immer noch so aus, nur eben größer. Später,
als meine Mutter zu ihrem Mädchenwohnheim gefahren war, fragte mein Vater noch,
ob ich glaubte, Heidi meinte es ernst mit Andrej. Dazu konnte ich ihm keine
Antwort geben.

*

Heidi rief mich am Sonntagabend an, um sich zurückzumelden.

„Wie war’s denn mit Andrejs Oma?” platzte ich heraus, kaum dass ich ihre
Stimme erkannt hatte.

Nachdem ich sowohl allein als auch mit meiner Mutter so viel über diesen
Familienbesuch spekuliert hatte, konnte ich meine Zunge kaum im Zaum halten.
Heidi wiederum wählte ihre Worte ungewöhnlich vorsichtig aus.

„Man könnte sagen, sie ist ein Unikum. Unsere Oma hält nicht mit, dabei sind
die gleich alt.”

Unsere Oma war die Mutter unseres Vaters und aus meiner Sicht ungewöhnlich
genug. Sie wohnte noch immer in einem kleinen Häuschen bei Sannum, das meine
Mutter seit ihrer Verlobung vielleicht zehnmal betreten hatte. Während sich um
meine Mutter ohne ihr Zutun, allein kraft ihrer Persönlichkeit, Sauberkeit und
Ordnung ausbreiteten, lebte Oma zufrieden im Zentrum eines langsam kreisenden
Systems aus Staub und mysteriösen graubraunen Belägen. Für echte Exzentrik war
sie nicht wohlhabend genug, aber die Voraussetzungen für diesen Lebensstil
brachte sie mit. Angesichts dieser Oma–Persönlichkeit konnte ich Heidis
Bemerkungen nicht nachvollziehen.

„Wie meinst du das?” erkundigte ich mich deshalb, wohlwissend dass man Heidi
durch eine Bitte um Erläuterungen missmutig stimmte. Andrejs Oma musste sie
jedoch sehr beeindruckt haben, denn sie sprach bereitwillig und ohne Anzeichen
von Unmut weiter.

„Zu allererst ist sie super penibel. Bei ihr ist ALLES sauber.”

Dies war selbstverständlich ein Unterschied zu unserer Oma, zu der wir
Frauen der Familie unseren Vater schickten, wenn es wieder einmal Zeit für eine
Grundreinigung des kleinen Häuschens war. Auf ihn hörte sie, manchmal
zumindest, und er nahm zur Unterstreichung seiner Autorität stets ein paar
Kanister der Reinigungsmittel aus der Küche der „Fischerkate” mit zu ihr. Das
beeindruckte sie und schenkte ihm etwa zwei Stunden, ehe Protest einsetzte.

„Außerdem kocht sie in einer weißen Latzschürze. Vielleicht auch nur, weil
ich da war, aber Druschka und Onkel Sascha haben nichts dazu gesagt.” Das klang
nach professioneller Großmutter.

„Und was hat sie gekocht?”

„Kartoffeln, Kohl, Fisch … Die Oma meint, ich wäre zu dünn.” Zu dünn war
Heidi sicher nicht, neben Andrej als Maßstab fiel sie aber natürlich ab.

„Spricht sie Deutsch?”

„Ja. Fast nur. Druschka sagt, Russisch versteht sie nicht gut.”

Wir hatten verabredet, dass ich am Montag nach der Arbeit zu Heidi kommen
sollte. Bis dahin hatte sie ihre Eindrücke geordnet und gab sich weniger angetan
von Andrejs Familie.

„Die Oma will ihre Jungs unter die Haube kriegen. Bei Onkel Sascha hat sie
fast aufgegeben, aber bei Druschka nicht. Sie hat mir eine Truhe Wäsche
gezeigt, die er bekommt, wenn er heiratet. Als ob er damit etwas anfangen
könnte. Aber eine Tochter hat die Oma anscheinend nicht und wohl auch keine
Enkelin, da muss sie sehen, dass sie eine Frau für die Truhe kriegt.”
Wäschetruhen als Köder fand ich befremdlich.

„Und der Onkel?” Heidi stöhnte.

„Quatscht ununterbrochen. Druschka sagt, er hat niemanden zum Reden. Früher
war er Erfinder oder so etwas. Keine Ahnung, was er jetzt macht.”

„Erfinder ist doch kein Beruf”, wandte ich ein. Wieder stöhnte Heidi.

„Was weiß ich denn? Da vielleicht doch.”

Sie schimpfte noch ein bisschen über die lange Fahrt, die gar nicht so lang
gewesen sein konnte, und fragte mich gereizt, was Andrej sich mit dem Besuch
gedacht haben mochte. Der Gesamteindruck war jetzt weniger positiv als am
Vortag, und das Heiratsthema beschäftigte Heidi umso mehr. Die Zukunftschancen
für Andrej sahen für meine Begriffe schlecht aus.

*

Bei meinem Aufbruch von Heidi war es draußen unerträglich heiß. Ich trat
gerade vor die Tür, als neben dem Haus ein dumpfer Aufprall gefolgt von lautem
Klirren und einem weiblichen Schrei ertönte. An der Parkplatzauffahrt setzte
eine silberne Limousine zurück. Sie gab den Blick frei auf eine Frau inmitten
einer roten Lache. Ein durchdringender Geruch zeigte jedoch, dass es sich bei
der roten Flüssigkeit lediglich um Rotwein handelte. Neben der Frau lag ein
durchfeuchteter Karton. Korken und grüne Scherben vervollständigten das Bild.
Ehe ich die Frau erreicht hatte, war die Fahrerin der Limousine bei ihr
eingetroffen. Es war Frau von Geldern, Geschäftsführerin von „Crea. Heim und
Pflege” und meine Chefin. Ich errötete schon, ehe sie mich bemerkte und
ebenfalls pink anlief.

Frau von Geldern begann, auf die Frau in der Weinlache einzureden, als die
den Kopf hob und sie anschrie.

„Was, glauben Sie, hat dieser Wein gekostet?”

Das Stichwort Wein brachte jemanden aus der Weinhandlung auf den Parkplatz.
Frau von Geldern verstummte.

„Sind Sie verletzt?” fragte ich schnell, um alle wieder auf die Tatsache des
Unfalls zurückzubringen. Die Frau in der Weinlache drehte den Kopf zu mir. In
demselben Augenblick erkannte ich sie.

„Margot!” Sie starrte mich aus schwimmenden Augen an. Spuren ihres Makeups
waren bis zu den Wangenknochen gelaufen, ansonsten schimmerte sie vom Kinn über
Bluse und Hose hellrot.

„Christa?”

Nun beugte sich eine alarmierte Heidi über das Balkongeländer. Auf Geräusche
eines Zusammenstoßes reagierte sie nicht mehr, aber mein Name hatte sie
aufgeschreckt.

„Alles in Ordnung mit dir, Christa?” Margot lief dunkelrot an.

„Ich bin das Unfallopfer, verdammt noch mal! Sieht das denn keiner?”

Wir konnten sie beruhigen und zum Aufstehen bewegen, die Verkäuferin der
Weinhandlung sammelte die Reste ihrer Ware ein und Heidi rief uns in ihre
Wohnung. Dort konnte Margot den Wein abwaschen, ehe sie in Heidis Bademantel
mit Frau von Geldern ein Unfallprotokoll aufsetzte. Bis auf die Flaschen war
glücklicherweise nichts zu Bruch gegangen, und selbstverständlich wollte Frau
von Geldern den Wein und die Reinigungskosten für Margots Kleidung übernehmen.
Nach einer dreiviertel Stunde verließ sie mit dem roten Kassenzettel der
Weinhandlung in einer Prospekthülle und Margots triefenden Kleidern in einer
Plastiktüte die Wohnung.

Margot blieb an Heidis Küchentisch zurück. Nachdem mit Frau von Geldern die
Notwendigkeit zur Selbstkontrolle verschwunden war, hing sie nur noch wie ein
Häufchen Elend auf ihrem Stuhl.

„Du solltest nicht selbst fahren”, stellte Heidi fest.

Notdürftig mit Wäsche und einem Kleid von Heidi ausstaffiert folgte mir
Margot barfuß zu meinem Auto. Ihre eigenen Schuhe waren durchnässt von Rotwein
und Heidis Schuhe waren mindestens zwei Nummern zu klein.

„Dass wir uns so wiedertreffen”, sagte Margot zum mindestens dritten Mal,
seit Heidis Wohnungstür hinter uns zugefallen war.

Ich stimmte ihr zu, fand aber, die Ereignisse entbehrten nicht der Komik.
Das sagte ich jedoch nicht laut. Margot, das war offensichtlich, wäre nicht in
der Stimmung gewesen, über sich selbst zu lachen.

„Wo wohnst du denn jetzt?” erkundigte ich mich stattdessen, als wir in
meinem Auto saßen. Bei der Hitze darin drohte der Weingeruch, mir zu Kopf zu
steigen.

„Hinter Oberlethe. Fahr los, ich sag dir, wie du hinkommst. Es ist nicht so
leicht zu finden.”

Ich gehorchte ohne ein weiteres Wort. Natürlich war mir Margots Blick
aufgefallen, mit dem sie mein Auto in Augenschein genommen hatte. Vorher hatte
sie mir auf dem Parkplatz ihr Auto gezeigt, eine Art Geländewagen für die
Handtasche, der in eine ganz andere Preisklasse gehörte. Die Banklehre nach der
mittleren Reife hatte sie anscheinend weit gebracht.

„Was machst du so? Bist du noch bei deiner Bank?” fragte ich etwas mürrisch.

Margot lächelte vor sich hin. Es schien ihr besser zu gehen, denn sie
begann, sich wie ein gebadeter Kanarienvogel zu putzen, indem sie im Spiegel
hinter der Sonnenschutzklappe ihre Haare aufbauschte und den Ausschnitt
richtete. Heidis Kleid umschloss ihren kurvenreichen Körper ein wenig zu knapp
für echten Komfort.

„Ach, nur halbtags in der Kundenberatung. Steuerlich macht es wenig Sinn,
Vollzeit zu arbeiten, findest du nicht? Das heißt natürlich, wenn der
Ehepartner entsprechend verdient.”

„Ich bin nicht verheiratet”, meinte ich erwähnen zu müssen. Margot warf mir
einen Blick zu.

„Na, dann musst du natürlich Vollzeit arbeiten.”

Wir waren auf der Friedrichstraße aus Wardenburg herausgefahren und bogen in
Oberlethe auf den Tungeler Damm. An einem einsamen Straßenschild winkte Margot
mich nach rechts.

„Bieg da ein. Und jetzt musst du immer weiterfahren. Es hat nichts zu
bedeuten, wenn du kein Haus siehst. Die bebauten Grundstücke liegen hier weit
auseinander.”

Wieder unterdrückte ich eine Bemerkung. Der Weg, auf den sie mich gelotst
hatte, hieß Kükkens Kamp und war lediglich gepflastert. Solche Straßen, die nur
Straßen in Anführungszeichen waren, gab es im Umkreis Wardenburgs zahlreiche.
Es handelte sich um die offiziellen Feldwege, worüber abgelegene Höfe und
Siedlungen mit der Welt verbunden waren. Wenn ich früher von zu Hause aus zu
Margot geradelt war, hatte ich ausschließlich solche Straßen genutzt, ungeachtet
ihrer Einsamkeit. Wie jene Straßen meiner Kindheit führte auch der Kükkens Kamp
vorbei an Maisfeldern, über denen die heiße Luft zitterte.

Die Zufahrt zu ihrem Haus war nur mit Kies abgestreut, und zu beiden Seiten
schlossen uns die Maisstängel wie raschelnde Tunnelwände ein. Hinter dem Mais
beschatteten hohe Eichen einen mit Granit gepflasterten Hof, den ein immenses
Reetdachgebäude an zwei Seiten begrenzte. Neben der Glastür an der ehemaligen
Stallzufahrt war ein Firmenschild angebracht, dessen Aufschrift ich nicht
erkennen konnte. Die andere Seite schien ausschließlich als Wohnhaus genutzt zu
werden. Diesem Haus gegenüber, rechtwinkelig zur Hofeinfahrt befand sich ein
weiteres reetgedecktes Gebäude. Hinter einem offenstehenden Schiebetor parkten
mehrere Autos.

„Da wären wir”, sagte Margot und stieg aus.

Ich folgte ihr zögernd zur Tür. Neugierig war ich auf das Haus, gleichzeitig
regte sich mein Minderwertigkeitskomplex und versuchte mir einzureden, dass ich
gar keine Zeit hätte, Margot ins Haus zu begleiten, wo die sowieso nur eine
Dachwohnung gemietet hätte. Aber ich wusste, dass sie in diesem Haus keine
kleine Einliegerwohnung bewohnte. Man sah es an der Selbstverständlichkeit, mit
der sie den aus der weingetränkten Handtasche gefischten Schlüssel ins Schloss
steckte.

„Ich fahr dann mal. War schön, dich wiedergetroffen zu haben, Margot”,
stammelte ich.

Aber sie bestand darauf, dass ich auf ein kühles Getränk ins Haus käme. Sie
führte mich in ein riesiges Wohnzimmer, wo ich meine Frage, ob ihr das alles
gehöre, kaum zurückhalten konnte. Ich versuchte es mit einer Umformulierung,
die es kaum besser machte.

„Gehört das Haus deinem Mann?” fragte ich zwischen zwei Schlucken
Tonicwater.

Margot, die nach all ihrer Aufregung etwas Stärkeres zu benötigen glaubte,
mixte sich einen Martini. Es war das erste Mal außerhalb eines amerikanischen
Films, dass ich das erlebte.

„Ach Gott, nein. Schön wär’s. Seinem Vater. Dem gehört auch das Geschäft.”

„Was für ein Geschäft?”

„Oh, drüben in dem anderen Flügel. Ein Reit– und Jagdausstatter. Aber
hauptsächlich Versand. Kunden kommen nur mit Termin. Zum Glück.”

Von ihren Verhandlungen mit Frau von Geldern nach dem Unfall wusste ich,
dass Margot inzwischen mit Nachnamen Poepken hieß. Der Name war in unserer
Gegend häufig, in Zusammenhang mit einem Reit– und Jagdausstatter hatte ich ihn
jedoch noch nicht gehört. Unbedarft, wie ich war, erwähnte ich das. Margot
lächelte.

„Nein. Natürlich nicht.”

In meinen Kreisen kaufte man Reithosen im Raiffeisenmarkt, sollte das
Lächeln wohl bedeuten. Auch Margot hatte dort ihre Reithosen gekauft, als sie
noch Margot Onken hieß und das Pony der Nachbarn betreuen durfte.

„Dann wohnt ihr also bei deinem Schwiegervater?” erkundigte ich mich
freundlicher, als ich gestimmt war.

So formuliert klang es besser. Margot trug ihren Martini auf die weite
Terrasse.

„Ja.” Sie sank in einen dick gepolsterten Lehnstuhl aus einem seltenen
Tropenholz. „Wir sehen es als Gefälligkeit ihm gegenüber. Seine Frau ist schon
vor Jahren gestorben. Ich habe die gar nicht kennengelernt. Was soll er auch
hier ganz alleine auf dem riesigen Anwesen? Robin und ich wohnen hier mit
Dietmar.”

„Ist das dein Sohn?” Zu meiner Überraschung errötete sie kurz, ehe sie sehr
gemessen antwortete.

„Dietmar ist mein Schwager. Das Nesthäkchen sozusagen. Er ist gerade
zweiundzwanzig.”

Ich fragte mich, was daran zu Erröten sei. Dieser Dietmar war jünger als
wir, aber so wenig, dass es eigentlich keiner Erwähnung wert war.

„Und dein Mann arbeitet in der Firma seines Vaters mit?”

„Nein. Robin ist Studiendirektor und Fachleiter für Latein und Altgriechisch
am Lehrerseminar in Oldenburg.”

Während sie sprach, war ein Mann aus dem Haus gekommen. Beinahe hätte ich
ihn als den Inhaber des Reit– und Jagdausstatters begrüßt, doch er wurde mir
als Robin Poepken vorgestellt.

„Margo, Schatz, bist du zuhause? Und wie ich sehe, hast du Besuch. Wo ist
dein Wagen?”

Er betrachtete mich eingehend, wandte sich dann aber seiner Frau zu, die
urplötzlich in Tränen zerfloss. Unter Schluchzen berichtete Margot von ihrem
fürchterlichen Erlebnis vom Nachmittag. Alles klang dramatischer, als ich es in
Erinnerung hatte. Man hätte meinen können, Margot Poepken wäre um ein Haar von
einem Sportwagen überrollt und in die Scherben der Weinflaschen gepresst
worden, dabei hatte sie nicht eine Schramme abbekommen und konnte nicht einmal
blaue Flecken vorweisen. Robin Poepken zeigte sich der Schilderung gemäß
entsetzt und über die Rettung erleichtert. Er dankte mir innig, seiner Frau
beigestanden zu haben, und schien sich nur mit Mühe zurückhalten zu können, mir
einen Orden an die Brust zu heften.

„Ich wusste, dass du sie sehen wolltest. Deshalb habe ich sie hierbehalten.
Stell dir vor, sie wollte einfach wegfahren”, klagte Margot in seine
Dankesbekundungen hinein.

„Es war gut, dass du sie festgehalten hast, Margo. Ich musste sie sehen.
Vielen Dank.”

Alle Abwehr und Behauptungen, zu helfen sei selbstverständlich gewesen,
wurden beiseite gewischt. Mit Mühe konnte ich Robin Poepken überzeugen, dass
ich wirklich das Haus verlassen wollte, und durfte das nur, nachdem ich eine
Einladung zum Essen am kommenden Sonnabend angenommen hatte. Margot begleitete
mich zum Auto. Sie hatte inzwischen wieder eigene Kleidungsstücke angezogen und
überreichte mir die Tüte mit Heidis Notbehelf.

„Christa, Liebes, ich weiß, wir kennen uns schon ewig. Sei nicht böse, aber
bitte, nenn mich nicht Margot. So sagt keiner mehr zu mir. Ich bin Margo. Wie
der Wein, nicht?”

Verblüfft versprach ich, daran zu denken.

*

Zwanzig Minuten später nahm Heidi jene Plastiktüte mit gerümpfter Nase
entgegen.

„Sie hätte sich Zeit lassen und die Sachen waschen können. Alles stinkt nach
Wein.”

Ich hob die Schultern. Auch mein Auto roch nach Rotwein.

„Wo wohnt die Margot denn jetzt?” wollte Heidi nun wissen.

Ich beschrieb ihr, wo der Kükkens Kamp vom Tungeler Damm abging, und
erwähnte ihren neuen Vornamen. Heidi prustete los.

„Das hat sie der Tochter von Hemingway nachgemacht. Die hieß auch Margot und
hat sich Margaux genannt.”

Margot Onken strebte offenbar nach Höherem. Ich fragte Heidi, ob sie von dem
Reit– und Jagdausstatter Poepken gehört hatte. Sie nickte ungerührt.

„Ja, klar. Da kommt man nur mit Termin hin.”

„Woher weißt du das?” fragte ich gereizt, denn Heidi war meiner Meinung nach
nicht berechtigt, über solche Dinge informiert zu sein.

Sie verzog den Mund zu einem abfälligen Grinsen, während sie mit spitzen
Fingern die marinierten Kleidungsstücke von der Plastiktüte in die
Waschmaschine transferierte.

„Poepken ist ein Kunde von uns. Normalerweise arbeitet er mit einem ganz
kleinen Personalstamm. Aber manchmal, wenn Saisonwechsel ist zum Beispiel,
bestellt er Leute, um die neue Ware auszupacken. Hasso kauft auch da. Eine Hand
wäscht die andere.”

Hasso Vondenlinden war Heidis Chef, ein schnauzbärtiger Mann Mitte Fünfzig,
dessen cholerisches Temperament mit einer Vorliebe für karierte Jacketts
einherging.

„Reitet er?” fragte ich, denn obwohl ich ihn nur selten und meist nur ganz
kurz gesehen hatte, fand ich ihn definitiv nicht den gängigen Pferde–Typen.
Heidi startete mit einem nachdrücklichen Tastendruck die Waschmaschine.

„Nein. Er jagt.”

Das passte eher zu meinem Bild von Hasso Vondenlinden, nachdem ich im Geiste
das karierte Jackett gegen ein lodengrünes Cape getauscht hatte.

Auf der Rückfahrt von Heidis Wohnung zu meiner dachte ich über Margot,
Margo, wie sie genannt werden wollte, nach. Jagen verband ich mit dem
Abschießen unschuldiger Tiere. Schon weil ihr Schwiegervater Leute, die so
etwas in ihrer Freizeit taten, mit bedarfsgerechter Kleidung ausstattete, war
mir Poepken nicht geheuer, obwohl ich ihn nie zu Gesicht bekommen hatte.

Im Patenbergsweg angekommen ging ich in den Garten meiner Vermieterin, um
mir ein paar Blumen zu schneiden. Explizit erlaubt war mir das nicht, aber
außer mir gab es niemanden, der sich für diese Blumen interessierte. Von
Sandras Rasen aus betrachtete ich die Rückseite des Hauses, im Erdgeschoss ihre
heruntergelassenen Rollläden, meine offen einsehbaren Fenster darüber. Es war
ein komfortables Haus, welches Sandra von ihrem Vater, dem Bauunternehmer
Menserhagen geerbt hatte, wenn auch nicht mein Geschmack und vom Stil her
überholt. Gediegen war es sicher, aber nicht so elegant wie der umgebaute
Bauernhof der Poepkens. Ich fragte mich, weshalb ich hoffte, die Poepkens
entpuppten sich als unsympathisch, und warum ich ihnen ihren Wohlstand nicht
gönnte.

*

Am folgenden Morgen fand ich es schwierig, Frau von Geldern ins Gesicht zu
sehen. Ich hatte mir schon überlegt, wie ich ihr ausweichen könnte, ohne dass
es auffiele. Aber sie agierte als Geschäftsführerin und kam mir zuvor.

„Frau Hemmen, wie ist Frau Poepken nach Hause gekommen?” sprach sie mich in
der Teeküche von hinten an.

Vor Schreck goss ich mir Wasser aus dem Wasserkocher über die Hand.

„Ich habe sie gefahren. Als ich ging, war sie wohlauf.”

Ich musterte das pink angelaufene Gesicht unter der krausen Dauerwelle und
versuchte, die reflektierenden Brillengläser zu ignorieren.

Frau von Geldern war groß und ausladend, einem Baumstamm nicht unähnlich, so
wie auch ihre absolut geraden Beine wie Stämme aussahen. Mich erinnerte sie
immer an eine von ungeübter Hand modellierte Tonfigur, der nachträglich
Merkmale zur Geschlechtsdifferenzierung angeklebt worden waren. Dauerwelle,
Bluse, Perlenkette und Faltenrock waren diese Attribute, alles andere an ihr
erschien irritierend neutral und unpersönlich in einer sehr grundlegenden
Bedeutung des Wortes. Man sah keine Person unter dem Stoff der Hemdbluse. Für
mich, in deren Schrank sich Hemdblusen vermehrten wie bei anderen die Katzen,
hatte Frau von Gelderns Anblick etwas Bedrohliches. Ich sah in ihr das, was aus
mir werden könnte, gewännen die Hemdblusen Überhand.

Nach dem gestrigen Unfall glaubte ich, menschliche Züge bei Frau von Geldern
zu entdecken, eine gewisse Unsicherheit zumindest. Gleichzeitig war es mir
peinlich, sie unsicher zu erleben. Darum mied ich ihren Blick, während sie in
gemessenem Ton fortfuhr.

„Das beruhigt mich. Ich habe ihre Kleidungsstücke sofort in die Reinigung
gebracht und werde jetzt gleich das Geld für die Weinflaschen überweisen.”

Es schien ihr wichtig zu sein, dass ich das wusste.

„Damit ist der Fall wahrscheinlich erledigt”, versuchte ich das Thema zu
beenden. Frau von Geldern wandte sich zum Gehen.

„Ich hoffe es. Kannten Sie die Dame eigentlich?”

Es war mir nicht recht, in dieser dienstlichen Umgebung etwas Privates
preisgeben zu müssen. Andererseits gab es da nichts, was nicht an die
Öffentlichkeit gehörte.

„Wir waren auf der Realschule in einer Klasse.”

Ich überlegte, ob ich erwähnen sollte, dass wir damals Freundinnen gewesen
waren, unterließ es aber. Seit damals war viel Zeit vergangen, und Margot Onken
und ich hatten uns schon vor Jahren aus den Augen verloren.

„Ah. In einer Klasse. Wie schön. Ja, äh, ich muss Sie wohl nicht darum
bitten, diesen Zwischenfall nicht an die große Glocke zu hängen. Geheim halten
lässt sich so etwas natürlich nicht, aber ich finde, man muss auch nicht
darüber reden.”

„Das sehe ich auch so”, brachte ich heraus.

Frau von Geldern lächelte und verschwand aus der Teeküche. Sofort juckte die
Stelle, wo das heiße Wasser über meinen Handrücken gelaufen war. Ich kratzte
daran, wischte die Pfütze auf der Arbeitsfläche auf und trug meinen Becher ins
Büro. Selbstverständlich fand ich, dass man nicht über Frau von Gelderns
Zusammenstoß mit Margo Poepken reden sollte, ich hätte das auch unaufgefordert
nicht getan. Aber ihre Bitte belastete mein Gewissen.

*

Wieder sangen die Amseln. Diesmal begrüßten sie nicht den Frühling, sondern
lockten den Regen herbei. Durch die offene Schuppentür sah man vom Baum
herabgefallene Kirschen liegen. Ihr Saft färbte die Steine wie Blut.

„Ich kann es nicht ändern”, sagte der junge Mann, und man konnte an seiner
Stimme hören, dass er glaubte, was er sagte.

Zwei Gesichter folgten ihm auf seinem hektischen Gang hin und her, vier
Augen fixierten den Zug um seinen Mund und die verkrampften Finger im Rücken.
Schließlich unterbrach er seine Runde und drehte sich zu den beiden um.

„Ich kann es nicht ändern”, fasste er zusammen, was er schon mehrfach
ausgeführt hatte. Zwei Köpfe nickten.

„Dir ist klar, dass er auch da sein wird. Und er kennt dich”, sagte die
Besitzerin des einen Kopfes. Der junge Mann hob die Hände.

„Ja.”

„Und wenn er etwas durchblicken lässt bei den anderen?” Die Hände fielen
herab und hingen an den Seitennähten der Jeans.

„Kann ich das nicht ändern.” Einen Moment herrschte Schweigen.

„Musst du dahin gehen?” fragte die Besitzerin des zweiten Kopfes. Der junge
Mann fluchte.

„Klar, du blöde Kuh. Oh, Gott, wenn ich daran denke, dass die ganze Scheiße
mit euch beiden angefangen hat. Gerade dir müsste man eigentlich den Hals
umdrehen, weil du so bescheuert warst.”

„Still! Du hast wirklich gut reden. Wer hat den Typ denn hier angeschleppt?”
Die andere Frau sah die Fragerin an. „Das haben wir dir doch schon erklärt”,
sagte sie in ruhigerem Ton. „Es geht nicht anders. Das ist ein Angebot der
Arbeitsagentur. Da muss er hingehen. Sonst wird der Ärger noch größer.”

Der junge Mann ließ sich auf den Betonboden fallen und vergrub das Gesicht
in den Händen. Neben ihm seilte sich eine Spinne von der Decke ab und lief auf
die vier Füße an der Wand zu. Ein Fuß mit lackierten Nägeln, die aus dem
Geflecht bunter Riemchen lugten, zertrat sie.

„Wir müssen weitermachen wie bisher. Keiner darf merken, dass etwas nicht
stimmt.” Armreifen rutschten vom Handgelenk zum Ellenbogen, als ein Arm
Richtung Haus winkte. „Vielleicht kann man etwas arrangieren.”

„Und was?” fragte der junge Mann hinter seinen Händen. Da sie nicht
weitersprach, schob er die Finger auseinander, um mit einem Auge hindurch zu
blinzeln. „Und was?” wiederholte er.

„Was wir brauchen”, sagte die eine Frau langsam, „ist eine Lösung. Eine
endgültige Lösung.” Sie sah ihn an, bis er die Hände zum Kinn sinken ließ. „Du
weißt, was ich meine. Da gibt es nur eins zu tun. Wenn du es nicht tust, werde
ich es machen.”

Die anderen beiden starrten sie an.

*

Gemäß unserer Vereinbarung fuhr ich am Sonnabend zu den Poepkens. Wenn man
den Weg zu ihrem Haus kannte, war es nicht schwierig, die richtige Einfahrt zu
finden. Nur jetzt im Spätsommer stand der Mais so hoch, dass er die Sicht auf
die Bäume um das Anwesen nahm. In wenigen Wochen wäre er geerntet, und man
könnte die Eichen wieder vom Kükkens Kamp her ausmachen.

Margos Einladung kam ich nur ungern nach. Neugierig war ich zwar, aber ich
hatte ein schlechtes Gefühl bei der Vorstellung, dem Rest von Margos
angeheirateter Sippe zu begegnen. Margo, wie ich mich noch ermahnen musste, sie
zu nennen, erschien mir kaum verändert. Doch ich fragte mich, ob der Umgang mit
so viel Geld wirklich nichts bewirkt hätte. Meine Fantasie reichte kaum aus,
mir vorzustellen, wie es wäre, zusätzlich zu einer Menge Geld einen Partner
erworben zu haben, von dessen Stärken man profitierte und dessen Schwächen man
zu kompensieren versuchte.

Mein letzter Freund hatte mir gesagt, ich sei so patent, dass ich ihm Angst
bereite. Kurz darauf hatte er Schluss gemacht, weil er eine Frau getroffen
hatte, die offenbar keine Ängste auslöste. Das war vor nicht ganz achtzehn
Monaten gewesen, kurz bevor ich entschieden hatte, mich in Wardenburg bei „Crea.
Heim und Pflege” zu bewerben. Da wir Kollegen gewesen waren, hatte ich diesen
Ex–Freund noch bis zum Tag vor meinem Aufbruch aus Süddeutschland täglich
gesehen. Das mochte der Grund sein, weshalb ich bisher keine Lust verspürt
hatte, andere Männer zu treffen. Dass Margo, die nur ein paar Wochen jünger war
als ich, sich dauerhaft so einen fetten Fisch an Land gezogen hatte, konnte ich
jedenfalls nur mit Neid vermischt betrachten.

Ich war außerdem unsicher gewesen, was ich zu der Einladung anziehen sollte,
und hatte Heidi die Auswahl treffen lassen. Angesichts meiner zahlreichen
Hemdblusen war das Ergebnis hinter deren Ansprüchen zurückgeblieben. Insgeheim
stimmte ich ihr zu und fühlte mich durch dieses Vorspiel bestärkt in der
Erwartung eines katastrophalen Abends.

Ich befand mich noch auf dem Weg vom Auto zum Haus, als Robin Poepken die
Tür öffnete.

„Christa! Ich darf doch so sagen? Wie schön, dass Sie kommen konnten.”

Ich unterdrückte den beruhigenden Hinweis, ich hätte sowieso nichts
vorgehabt, was ich seiner Einladung hätte opfern müssen, und ließ meine Hand
schütteln. Er führte mich in das Wohnzimmer, wohin mich am Montag schon Margo
gebracht hatte. Dort drängte Robin mir ein Glas Weißwein auf, keinen Rotwein,
wir lachten beide, dann gingen wir auf die Terrasse, wo ein komplett
eingedeckter Tisch wartete. Mein Kennerblick verriet mir sofort, dass
professionelle Hände die Servietten gefaltet hatten. Von daher war ich nicht
überrascht zu hören, dass Eugenia gekocht hatte und auch servieren würde.

„Eugenia kümmert sich hier um alles. Wenn wir Gäste haben, übernimmt sie
auch den Service. Es ist eine Erleichterung, wenn man Leute hat, auf die man
sich verlassen kann”, erläuterte Robin, während Eugenia letzte Hand an den
Tisch legte.

Ich versuchte, ihren Blick zu erhaschen, aber sie verrichtete ihre Arbeit
ungerührt. Gleich darauf fiel mir von hinten Margo um den Hals. Wir
unterhielten uns gerade darüber, wie lange unsere gemeinsame Schulzeit
zurücklag, als der Inhaber des Reit– und Jagdausstatters auf die Terrasse trat.
Ich hatte am Montag für Bruchteile von Sekunden geglaubt, ihm bereits
gegenüberzustehen, doch da war mir sein älterer Sohn begegnet. Nun sah ich
Vater und Sohn nebeneinander. Von Statur und Typus waren sie tatsächlich zum
Verwechseln ähnlich, und Robins stark angegraute Haare ließen den jüngeren der
beiden beinahe älter erscheinen.

„Christa! Nennen Sie mich Berthold”, befahl der Vater Poepken, und ich tat
es fortan.

Schließlich, nachdem Berthold die Stirn gerunzelt und Robin sich geräuspert
hatte, kam ein weiterer Mann aus dem Haus getrabt.

„Mein anderer Sohn: Dietmar”, verkündete Berthold in einem Ton, der die
beiden Punkte des Doppelpunktes einzeln hörbar machte.

Eugenia hielt mitten in der Bewegung inne, Margo und Robin versteinerten.

„Hallo, ich bin Dietmar”, begrüßte mich der Neuankömmling.

„Ich bin Christa.”

„Toll. Die Retterin von Margo.”

Ich versuchte zu widersprechen, aber anscheinend hatten die Poepkens sich
auf diese Beschreibung meiner Rolle festgelegt, denn alle vier bedienten sich
an diesem Abend des Bildes von mir als Retterin in der Not.

Wir ließen uns von Eugenia Wein einschenken und aßen das von ihr zubereitete
Essen. Nachdem mein erstes Glas geleert war, bestand ich auf Wasser. Dietmar
schloss sich mir an, dabei zwinkerte er mir zu, während sein Vater sich darüber
ausließ, ein Mann solle nicht ohne triftigen Anlass auf den Genuss von Wein
verzichten. Daran schloss sich eine Anekdote an, von denen Berthold bereits
einige zum Besten gegeben hatte und an diesem Abend noch geben würde. Ich hörte
sie alle zum ersten Mal und fand sie amüsant. Aber als ich die Poepkens öfter
traf, durfte ich jede einzelne Anekdote mehr als erträglich genießen. Robin
teilte diese Neigung seines Vaters nicht. Er schwieg höflich während der
Anekdoten und redete sofort weiter, ohne auf sie einzugehen. Allerdings
unterbrach er Margo und Dietmar umstandslos mit lateinischen Zitaten, wenn die
etwas sagten, dem er nicht zustimmte. Margo lachte über seine Zitate ohne je zu
kontern oder wenigstens nach der Bedeutung zu fragen. Sie lachte auch zu jeder
Anekdote ihres Schwiegervaters und kopierte dieses Lachen, wann immer sich die
Anekdote bei späteren Gelegenheiten wiederholte. Rotwein mochte sie nicht
trinken, verkündete sie an jenem Abend, würde ihn nie wieder auch nur riechen
wollen, auch keinen Margaux. Aber noch an diesem Sonnabend langte sie auch bei
Rotwein wieder zu.

Dietmar hielt sich während des Gesprächs zurück. An seinem Kinn schien er
links eine offensichtlich empfindliche Stelle zu haben, ein Schatten an der
Schläfe deutete auf verheilende Prellungen hin.

„Ein Fahrradunfall im Juli”, vertraute er mir an, als er mir den Weg zur
Toilette zeigte. „Du hättest mich damals sehen sollen. Drei Tage Krankenhaus.”

Im Lampenlicht waren die Blutergüsse nur zu erraten. Ich wollte darauf nicht
eingehen, aber Dietmar meinte anscheinend, noch mehr sagen zu müssen.

„Hemmen ist dein Familienname, sagt Margo. Ist Jörn Hemmen mit dir
verwandt?”

„Das ist mein Vater”, entgegnete ich überrascht.

„Echt? Oh, weißt du, wir sind Kollegen. Das heißt natürlich, er leitet die
Küche, und ich bin ein ganz kleines Rädchen in der Verwaltung. Ich habe nicht
mal ein eigenes Büro, sondern sitze bei der Hausdame mit drin. Eine Frau Bruns,
ganz furchtbar. Ich mache Abrechnungen und Buchungen und oft auch ganz einfach
die Rezeption. Nein, nein, Christa, keine Sorge. Er hat bestimmt nie von mir
gesprochen. Wahrscheinlich kennt er mich gar nicht. Aber ich sehe jeden Tag
seine Unterschrift.”

Diese Mitteilung stimmte mich ärgerlich und ich war froh, dass wir die
Gästetoilette erreicht hatten. Maite Bruns kannte ich seit Kindertagen, und
mein Vater war sich als Küchenchef seiner Stellung in der „Fischerkate”
durchaus bewusst. Er hätte ein ganz kleines Rädchen in der Verwaltung nie als
Kollegen bezeichnet.

Zu meiner Überraschung wartete Dietmar auf mich, als ich aus der Toilette
trat.

„Verzeihung. Ich wollte dir hier drinnen etwas zeigen, Christa.”

Ein wenig unwillig folgte ich ihm in einen Nebenflur, an dessen Ende
offenbar Eugenias Bereich begann. An den Wänden hingen gerahmte Fotos vom Umbau
des Hauses vom Stall zum Wohn– und Geschäftshaus. Ohne Interesse betrachtete
ich die Bilder. Jeder Bauabschnitt war dokumentiert und zeigte lachende
Arbeiter, Maurer, Maler und wer sonst noch eingesetzt wurde, bis hin zum
Spezialisten für Reetdächer.

„Welche Firma hat das gemacht?” fragte ich, weil ich die Aufschrift des LKW
nicht entziffern konnte.

„Menserhagen Bau. Hast du nicht gesagt, dass du im Haus seiner Tochter im
Patenbergsweg wohnst?”

„Ja, habe ich”, antwortete ich ungnädig. Dietmars Hand streifte meinen Arm.

„Ich habe gehört, dass sie in der Klapse ist. Schrecklich.”

„Das ist es. Ich möchte nicht darüber reden.”

Dietmar murmelte eine Entschuldigung. Wir kehrten zurück auf die Terrasse.
Kurz darauf brach ich auf.

Gewöhnlich verdrängte ich die Ereignisse vom letzten Jahr. Darin war ich
gut. Die Angelegenheit war beendet, Sandras Stalker gefasst. Nichts dergleichen
würde sich wiederholen. Es ärgerte mich daher, von Dietmar ohne Grund erinnert
worden zu sein. Er hatte keinen Anlass gehabt, jene Ereignisse anzusprechen, da
er weder Sandra kannte noch den Täter, und auch mich hatte er keine zwei
Stunden vorher erst kennengelernt. Es zählte meiner Meinung nach auch nicht,
dass der alte Menserhagen den Umbau seines Elternhauses begleitet hatte. Das
war viele Jahre her, als Dietmar und auch ich noch Kinder gewesen waren.

Dietmar hätte den Anstand haben sollen zu schweigen. Stattdessen hatte er
geredet, und ich musste mich nun konzentrieren, damit ich auf den Stufen vor
dem Haus kein Blut sah oder im süßlichen Spätsommernachtsduft nicht Verwesung
roch.

Von den Feldern her kamen Rufe, doch die erkannte ich als die normalen Rufe
der Nachttiere. Der alte Menserhagen hatte sein Haus an der äußeren Biegung des
Patenbergswegs auf ein zurückliegendes Grundstück gebaut. Noch immer befand es
sich an der nördlichen Peripherie Wardenburgs, wo sich hinter den Gärten die
Felder bis zur Niederung des kleinen Flusses Lethe erstreckten. Irgendwo im
Westen jenseits der Lethe lag das Anwesen der Poepkens, Luftlinie über Felder
und Äcker viel näher als der Weg über die Straßen vermuten ließ.

Im Dunkeln stand ich auf meinem Balkon und atmete die stille Sommernacht.
Bäume rauschten leise. Hinter den Gärten lagen schwarz abgeerntete Roggenfelder,
darüber glitzerten Sterne. Ehe ich aus Oberlethe aufgebrochen war, hatte Robin
mir die Sternbilder gezeigt. Da hatte ich nur weiße Lichtpunkte wahrgenommen,
nun sah ich genauer hin und erkannte die Konstellationen wieder. Aber mir
fröstelte und ich trat zurück, schloss die Glastür und ließ den Rollladen
herab.

2. Kapitel  —  Unruhe

Am folgenden Nachmittag fuhr ich zu Bea. Seit ich sie letztes Jahr
wiedergetroffen hatte, besuchte ich sie, wenn ich das Bedürfnis zu reden hatte.
Manchmal warnte ich mich vor zu viel Nähe zu den Mitgliedern einer
Gemeinschaft, die in keinem Lexikon zu finden war und über die es im Internet
fast keine Informationen gab. Aber Muh hörten zu und drängten sich nicht auf.
Sie waren bescheiden und demütig, darauf legten sie Wert, und wie es vor bald
zwei Jahrhunderten von den Gemeinschaftsgründern entschieden worden war, lebten
sie auch heute unauffällig und duldsam und taten nebenbei genau das, was sie
für richtig hielten.

Das hiesige Zentrum Muh lag am Rande des Staatsforsts Hasbruch hinter
Sandkrug. Fuhr man die gut ausgebaute Straße mit dem irreführenden Namen
Wöscheweg Richtung Sandhatten weiter, ging es ziemlich bald zwischen Feldern
und Weiden nach rechts in den Wald. Auf dieser unbefestigten Straße gelangte
man auch zum Hof des Mannes, der Sandra Menserhagen über Jahre terrorisiert
hatte. Seine Frau führte die Landwirtschaft weiter.

Hinter dem Hof der Bösches fing der Wald an. Unter schwankenden Kiefern
entdeckte man bald versteckte Gebäude. Die älteren waren Wochenendhäuser, aber
es gab auch moderne Wohnhäuser von Oldenburgern, die sich als Aussteiger fühlen
wollten. Das letzte bebaute Grundstück gehörte den Muh. Die Gemeinschaft
betrieb dort eines ihrer Tagungshäuser. Bea war letztes Jahr auf die Position
der Leiterin und Kodexwächterin beordert worden. Kurz darauf hatten wir uns
wiedergetroffen, seitdem war ich in diesem Haus ein selbstverständlicher Gast.
Meine Eltern waren bestürzt gewesen, als ich ihnen von Beas Rückkehr erzählte.
Sie fürchteten, Bea wollte mich bekehren. Manchmal fürchtete ich das auch, aber
niemals hatte irgendein Muh versucht, mich zu etwas zu bewegen, was ich nicht
wollte.

Auch an diesem Sonntag parkten die Autos der Tagungsgäste auf dem kleinen
Parkplatz. Ich fuhr ein Stückchen weiter zu einem zweiten Tor, das den
Wirtschaftstrakt bediente. Bea hatte mir vor einiger Zeit vorgeschlagen, ich
solle dort parken, damit die Seminarteilnehmer mehr Platz zum Rangieren hätten.
Auch an diesem Sonntag öffnete ich das Tor, welches nur mittels einer
Metallschlinge um einen Pfosten verschlossen war, und fuhr hinauf zum Haus. Da
standen der rote Kleinbus der Muh und ein anderes Fahrzeug, das ich dort noch
nicht gesehen hatte. Es war ein staubiger älterer Wagen mit belgischem
Kennzeichen. Nun wusste ich, dass Beas Schwester Greta in einem Zentrum Muh bei
Kelmis lebte, daher erklärte ich mir das belgische Auto mit einem Besuch von
ihr.

Als ich das Foyer betrat, saß dort Leo Muh am Computer. Rechtwinklig zu ihm
lehnte ein junges Mädchen aus der Welt an seinem Tresen. Es hatte die
Ellenbogen aufgestützt, und eine Masse rotblonder Haare ringelte sich bis auf
die Tastatur und über Leos rechte Hand. Beim Klang meiner Schritte sahen die
beiden schuldbewusst hoch. Das Mädchen schüttelte eilig seine Mähne zurück. Es
war natürlich Minerva Katrin Bösche, zum Glück aller abgekürzt auf Trini. Seit
ihr Vater letztes Jahr verhaftet worden war, verbrachte sie viel Zeit im
Tagungshaus der Muh. Bea mochte sie nicht wegschicken, weil sie wusste, dass
Trini in Sandkrug viele Anfeindungen ertragen musste. Doch offensichtlich hatte
sie Leo Verhaltensregeln erteilt.

„Hallo, Christa Hemmen”, begrüßte der mich nun mit vollständigem Namen wie
bei den Muh üblich.

Er war etwa in meinem Alter, aber Muh sahen schon in jungen Jahren zeitlos
aus, was ihre kurz rasierten Haare und die unauffällige Kleidung noch betonten.
Im Tagungshaus trugen diejenigen Muh, deren Aufgaben sie in Kontakt mit
Veranstaltungsteilnehmern aus der Welt brachten, eine petrolfarbene Tunika, auf
der ein Namensschild in leuchtendem Orange sie identifizierte. Leos Stoppeln
waren fast in dem gleichen Farbton. Ich hatte mich oft gefragt, wie er wohl
aussähe, trüge er seine Haare länger. Vielleicht schadete es nicht, wenn er
seine mandarinroten Haare so kurz hielt.

Inzwischen hatte sich Trini Bösche schmollend verzogen. Leo lächelte mich
an. Außer Bea war er der einzige Muh im Tagungshaus, der mir direkt ins Gesicht
sah, vielleicht weil er einmal in der Welt gelebt hatte.

„Heute ist wieder ein schöner Sonnentag.” Leo beherrschte Small Talk. Ich
bestätigte den schönen Tag und wollte Richtung Treppe gehen, als er
weitersprach.

„Tut mir leid, du kannst jetzt nicht zu Bea, Christa Hemmen. Der
Kodexmeister und der Generalleiter sind bei ihr.” Seine Stimme klang
ehrfurchtsvoll. Ich drehte mich um.

„Oh”, sagte ich, denn obwohl ich die Bedeutung der Mitteilung nicht erfassen
konnte, sah ich ihm an, dass Gespräche von außergewöhnlicher Wichtigkeit
geführt wurden.

„Weißt du, was die von Bea wollen?” fragte ich. Leo schüttelte entrüstet den
Kopf.

„Die Beweggründe für eine Hospitation werden Muh nicht mittgeteilt”,
erklärte er ernsthaft.

„Aber Bea erfährt den Grund?” hakte ich nach. Er nickte erstaunt über meine
ungewöhnliche Langsamkeit beim Verstehen.

Ich nahm an, Kodexmeister und Generalleiter würden über Nacht bleiben.
Während der Dauer ihres gesamten Aufenthalts müsste Bea ihnen zur Verfügung
stehen. Es wäre sicher besser, wenn ich nach Hause führe. Leo nickte, als ich
mein Vorhaben ankündigte.

„Ich sage Bea, dass du da warst. Sie ruft dich an.”

Ich wandte mich zur Tür und sah Trini im Garten lungern. Anscheinend wartete
sie, bis ich wieder gegangen wäre, damit sie ihre Unterhaltung mit Leo
fortsetzen könnte. Offen gestanden missfiel mir ihr Aufenthalt bei Leo fast so
sehr wie Bea.

„Wie geht es Trini eigentlich?” erkundigte ich mich äußerst freundlich. Leo
zuckte mit keiner Wimper. Die rotblonden Locken über seiner Tastatur schien er
vergessen zu haben.

„Ganz gut im Moment. Man lässt sie jetzt in Ruhe.”

„Und sie kann mit dir reden”, ergänzte ich, aber er machte nur einen
überraschten Eindruck.

„Selbstverständlich kann sie das. Ich glaube aber, Gespräche mit Bea sind
besser für sie. Bea findet die richtigen Worte.”

Ein Verdacht, angefacht durch die Befürchtungen meiner Eltern mich
betreffend, meldete sich. Die Frage offen zu stellen, bedeutete eventuell schon
eine Warnung an die Muh.

„Kann ein Mädchen aus der Welt eigentlich den Muh beitreten? Wenn Trini das
wollte, zum Beispiel?”

Ich musterte Leo aufmerksam, als ich dies sagte. Er runzelte die Stirn und
schien nachzudenken.

„Offen gesagt ist mir kein Fall bekannt. Ich nehme an, dass ein Beitritt
möglich ist. Bei Volljährigkeit. Trini ist nicht volljährig. Weißt du, Christa
Hemmen, die Muh haben sich aus Familien von fahnenflüchtig gesuchten Männern
gegründet. Wenn ein Mann schon bei den Muh war und dann trotz seiner bedrohten
Lage heiratete, wurde die Ehefrau meistens eine Muh. Wenn damals Beitritt durch
Heirat möglich war, dürfte das heute auch noch so sein. Trini müsste einen Muh
heiraten, wenn sie alt genug wäre. Aber bis dahin wird sie uns nicht mehr
brauchen.”

„Wie meinst du das?” fragte ich und zog einen Stuhl von einem der
Kaffeetische vor seinen Tresen.

Das Manöver schien ihn zu irritieren, aber er sprach weiter, nachdem er an
mir vorbei auf Trini gesehen hatte. Die saß im Apfelbaum und starrte aufmerksam
in das Foyer.

„Nun, wenn Trini zu uns Muh kommt und mit uns spricht, mit mir oder mit Inna
oder mit Bea, dann reden wir mit ihr wie mit den Teilnehmern in den Seminaren.
Es geht ihr dann besser, so wie es den Seminarteilnehmern besser geht. Aber
Trini muss dafür nichts bezahlen. Verstehst du, Christa Hemmen? Wir wissen,
dass sie uns braucht, aber wir bieten uns nicht an. Das wäre unbescheiden. Das
wäre Einmischung. Wenn sie mit einem Muh sprechen möchte, ist immer ein Muh für
sie da. Es ist Aufgabe eines Muh, für andere da zu sein, gleichgültig ob für
einen anderen Muh oder für eine Person aus der Welt in Bedrängnis. Das ist dann
keine Einmischung, sagt Bea. Wenn Trini uns nicht mehr braucht, kommt sie nicht
mehr. Das wird irgendwann der Fall sein. Wir erwarten von niemandem aus der
Welt, dass er dauerhaft bleibt. Das wäre nicht gut. Was ihr in der Welt
Freundschaft nennt … Wie soll ich sagen? Es gibt uns Muh, die alle alles für
einander sind. Familie und Freunde zugleich, verstehst du? Und es gibt die
Welt, wo die Menschen andere Menschen auswählen wie Gebrauchsgegenstände. Und
sie auch wieder ablegen. Trini wählt die Muh zum Reden, weil ihr in der Welt
keiner zuhört. Aber sie würde keinen Muh heiraten wollen. Den könnte sie
nämlich nicht wählen. Sie müsste den Muh nehmen, der als nächster auf der
Männerliste für eine Fürsorgegemeinschaft steht. Die Methode hat sich bewährt.
Wenn die Gemeinschaft unter Druck stand, konnten die Mitglieder nur überleben,
wenn sie sich fest mit der Gemeinschaft verbanden. So ist dieser Brauch
entstanden. Ein Muh verspricht, das Leben mit einem Muh zu teilen, weil der
andere ein Muh ist. Natürlich hilft es, wenn man den anderen Muh mag, aber ich
nehme an, man hat während der Fürsorgegemeinschaft Zeit, sich kennenzulernen.
Das ist anders in der Welt, ich weiß. Aber besser?”

Ich merkte nun, dass mein Mund offenstand. Eilig schloss ich ihn, schluckte
und strich meine Haare zurück. Die ganzen Erläuterungen hatten etwas in mir
aufgebracht, nur wusste ich noch nicht genau, was mich so wütend und
gleichzeitig beschämt fühlen ließ. Für meine Wut fand ich schnell ein Ventil.

„Auf welchem Listenplatz stehst du?” fragte ich Leo, woraufhin der zu meiner
Überraschung lachte, als hätte ich einen Witz gemacht. Vielleicht, sagte ich
mir später, galt diese Frage in Kreisen der Muh als Witz.

„Ich stehe auf keiner Liste. Ich gelte immer noch als zu wenig gefestigt in
der Lehre. Man kann mich keinem Muh in ehelicher Fürsorge zumuten. Das hat Bea
erst letzte Woche gesagt.”

Er lachte und wischte sich mit den Zeigefingern unter den Augen. Ich starrte
ihn an und stand eilig auf, ehe er sich so weit beruhigt hatte, dass er mich
eingehender betrachten konnte.

„Das tut mir leid. Äh, ich fahre jetzt nach Hause.”

Er winkte mir immer noch lachend nach. Ganz offensichtlich war er nicht
gefestigt in der Lehre, denn so hatte ich noch keinen Muh lachen sehen. Laute
Äußerungen, insbesondere emotionaler Art, hatte mir Bea einmal erklärt, waren
unziemlich und unbescheiden, grenzten durch ihre Lautstärke an Einmischung und
erweckten unnötige Aufmerksamkeit.

Bea hatte mir viel erklärt und viel zugehört, wenn ich ungefragt zu ihr
gekommen war. Sie hatte mich reden lassen wie eine Teilnehmerin in einem
Seminar über Lebensführung, weil sie Muh war und niemanden wegschickte. Ich
hatte den Eindruck gehabt, nie in Worten bestätigt, nur anhand der Maßstäbe der
Welt, dass wir Freundinnen wären. Aber das war eine offensichtliche
Fehleinschätzung meinerseits, schließlich bevorzugten Muh nicht, nannten
Beziehungen nicht Freundschaft, ertrugen Anwesenheit wie Abwesenheit
gleichmütig. Ärgerlich schlug ich auf mein Lenkrad und traf die Hupe. Der
schrille Ton brachte mich zur Besinnung. Ich ließ den Wagen vom Wirtschaftsweg
der Muh rollen, hängte das Tor wieder ein und fuhr davon. Unerwünscht war ich
nicht, nur hingenommen. Ich fühlte mich gedemütigt.

Später am Nachmittag rief Bea an.

„Leo Muh sagte, du seist heute Nachmittag im Tagungshaus gewesen”, teilte
sie mir mit.

„Stimmt”, entgegnete ich knapp. Es entstand eine Pause.

„Du wolltest mich vermutlich sprechen”, sagte Bea in einem Ton, der bei
ihrer tiefen Stimme so ungemein beruhigend klang. An diesem Abend beruhigte ihr
Ton mich nicht, ganz im Gegenteil erinnerte er mich an meine Duldung.

„Das ist zutreffend”, brachte ich heraus. Wieder entstand eine Pause.

„Ich war verhindert. Der Kodexmeister aus Nideggen war da und der
Generalleiter der belgischen Gemeinschaft. Sie übernachten im Tagungshaus.”

„Das sagte mir schon Leo.” Von Bea kam ein Laut, der ein Lachen hätte
gewesen sein können.

„Leo sagt viel, wenn man ihn lässt.” Dazu glaubte ich, keinen Kommentar
abgeben zu müssen. Aufdrängen wollte ich mich schließlich nicht. Bea begann von
Neuem.

„Mein Aufgabenbereich wurde erweitert. Mir soll die persönliche Führung
eines Muh auferlegt werden.” Dies verstand ich nicht, aber ich wollte sie nicht
mit meiner Neugier belasten. Bea seufzte, ob meinetwegen oder wegen ihrer neuen
Aufgabe blieb offen.

„Das soll heißen, dass mir ein Muh in ehelicher Fürsorge übergeben wird.”

Hätte ich reden wollen, wäre ich sprachlos gewesen. So genügte ein spitz
artikuliertes „Ach?”.

„Ja. Ich werde morgen aufbrechen und mich ihm vorstellen.”

„Ja?”

„Ja. Ähm, also, ich habe das so verstanden, dass man bei dir in der Welt in
so einem Fall gratuliert.”

„Glückwunsch”, brachte ich heraus und legte auf.

Dann wartete ich den ganzen Abend, dass sie zurückriefe. Aber natürlich tat
Bea das nicht. Nach der Interpretation einer Muh wäre das Einmischung in mein
selbstgewähltes Schmollen gewesen.

*

Für den Montag hatten meine Eltern mich als Servicefahrerin eingeplant.
Morgens brachte mein Vater sein Auto zur Inspektion nach Oldenburg und fuhr mit
dem Bus zurück nach Wardenburg zur Arbeit. Später kutschierte Heidi mich zur
Werkstatt, und ich durfte das Auto meines Vaters zum Restaurant „Fischerkate”
fahren. Das Ganze war aufwendig, aber da die Arbeitszeiten meines Vaters ein schnelles
Abholen durch ihn selbst unmöglich machten, war es noch die einfachste Lösung.

Ich parkte das Auto auf seinem üblichen Parkplatz hinter der „Fischerkate”
und ging durch die Personaltür in den Küchentrakt. Falls ich meinen Vater nicht
in seinem Büro anträfe, war ich angewiesen worden, den Schlüssel der erstbesten
weißgekleideten Person zu überlassen. Doch schon am Eingang hörte ich, wie mein
Vater einen Untergebenen zusammenstauchte.

„Würd ich da nicht reingehen”, sagte jemand in meinem Rücken. Ich drehte
mich um. Es war Vlady, eine der langjährigen Küchenhilfen.

„Moin, Vlady. Was tut er da?” Vlady grinste.

„Papa macht den Neuen fertig. Kann ich was tun, Christa?”

Ehe ich ihm von dem Autoschlüssel erzählen konnte, flog die Bürotür auf. Ein
junger Mann, den Kopf unnatürlich tief hängend, kam eilig heraus. Dahinter
schnaubte mein Vater, wie er es zuhause nie gewagt hätte.

„Und jetzt mach, dass du in die Küche kommst!” brüllte er zum Abschluss, sah
mich und lächelte. „Oh, Christa. Ist es schon nach vier? Was willst du denn
hier?”

Mitten in seiner Rede hatte er den Ton gewechselt und an meinem Kopf vorbei
Vlady angeschnauzt. Der nahm das nicht persönlich.

„Nix, Chef. Geh ich jetzt wieder in Küche.”

„Hoffentlich!” brüllte mein Vater und knallte die Tür in meinem Rücken so
heftig zu, dass ich einen Satz nach vorne machte.

„Äh, ich bringe dir deinen Autoschlüssel. Der Wagen steht an seinem Platz”,
murmelte ich.

Mein Vater streckte die Hand nach dem Schlüssel aus.

„Danke, Christa. Alles in Ordnung mit dem Wagen? Oh, Mann, meine
Stimmbänder. Ich habe gerade deinen Freund zurechtgewiesen.”

Ungebeten kam „Dietmar?” aus meinem Mund. Mein Vater stutzte.

„Welcher Dietmar? Tolka, äh, Volkan. Kommt zu spät, weil er angeblich seine
Schwester zum Arzt bringen und da auf sie warten musste. Das ist ein Volk, sage
ich dir. Um keine Ausrede verlegen. Und nicht in einem Restaurant ausgebildet,
das merkt man. Kein Zug. Keine Disziplin. Aber wen meinst du mit Dietmar?”

Nun musste ich gestehen, dass ich Dietmar Poepken meinte, der irgendwo
drüben im Bürobereich arbeitete.

„Oh”, machte mein Vater und sah mich einen Moment an. „Didi Poepken. Ich
wusste nicht, dass du den kennst.” Ich schluckte.

„Kennen ist zu viel gesagt. Ich hab doch erzählt, dass ich Margot Onken
wiedergetroffen habe. Die Weinlache auf Heidis Parkplatz.”

„Ja, ich erinnere mich.”

„Die Margot hat den Bruder von eurem Dietmar Poepken geheiratet. Am
Sonnabend war ich bei denen zum Essen, und da war auch dieser Dietmar.”

Mein Vater musterte mich skeptisch. Ich war die vernünftige seiner Töchter.
Ich schleppte nicht ständig Kandidaten für die Schwiegersohnschaft an, die ich
wieder absetzte, kaum dass er sich das neue Gesicht eingeprägt hatte. Wenn mein
Vater bei mir überhaupt an potentielle Ehemänner dachte, erwartete er, einen
einzigen vorgestellt zu bekommen, der es dann wurde und blieb. An Dietmar
Poepken hatte er in Zusammenhang mit mir nicht gedacht.

„Der ist ein paar Jahre jünger als du”, gab er zu bedenken. Ich musste
lachen.

„Ja, Vati. Ich weiß.” Er lachte nun auch, sah aber zugleich auf die Wanduhr.

„Ja, Christa, es war nett, dass du nach deiner Arbeit den Wagen für mich
abgeholt hast. Mit dem Geld bist du hingekommen? Tut mir leid, jetzt muss ich
wieder in meine Küche. Mal sehen, was Vlady so verbrochen hat.”

Hinter mir schloss er die Bürotür ab, setzte seine grüne Haube auf und
richtete das Halstuch.

„Also bis bald, Liebes.” In seinen weißen Kunststoffclogs schlurfte er der
Küche zu.

Ich trat hinaus auf den Parkplatz. Bei den Mülltonnen rauchte ein Mann in
Weiß. Als ich die ersten feminin klackernden Schritte über den Asphalt machte,
hob er den Kopf. Er war groß, dunkel und, soweit die grüne Einweghaube einen
Eindruck erlaubte, gutaussehend. Es handelte sich offenbar um den frisch
abgekanzelten Volkan Tolka, den mein Vater eigentlich in die Küche geschickt
hatte. Erinnerungen an meinen früheren Mitschüler weckte sein Anblick nicht,
doch auch das mochte an der Haube liegen. Automatisch nickte ich zu ihm
hinüber, schließlich grüßte ich alle Mitarbeiter meines Vaters, gleich wo ich
sie traf. Der mutmaßliche Volkan sah zu mir, kam dann auf mich zu.

„Du bist Christa, nicht? Tochter vom Hemmen.”

Widerstrebend blieb ich stehen. Man sah nicht viel von ihm zwischen Haube
und Halstuch. Die weiße Arbeitskleidung nahm ihm alles Persönliche und machte
ihn einfach zu einem Mitglied des Küchenteams.

„Bist du Volkan? Wir waren wohl auf der OS in einer Klasse.” Als OS hatten
wir als Schüler die Orientierungsstufe bezeichnet, der Code verband uns nun.
Volkan nickte, ehe er die Zigarette in ein Beet warf und mir die Hand
entgegenstreckte.

„Ja, ich bin Volkan. Aber ich habe echt nicht gewusst, dass der Chef dein
Vater ist. Vlady hat mir gesagt. Wie geht’s dir? Was machst du?”

„Nichts Besonderes”, entgegnete ich, denn bei „Crea. Heim und Pflege” zu
arbeiten, war nichts Besonderes. „Arbeiten.”

„Ja”, sagte er und maß mich eilig. Anscheinend bezweifelte er nach wie vor,
dass ich das Mädchen in karierten Hosen aus seiner Vergangenheit sein sollte.
„Ich hab Koch gelernt”, informierte er mich über das Offensichtliche.

„Wo?” fragte ich automatisch. Mein Vater, der auch in der Prüfungskommission
saß, ließ sich regelmäßig über die Qualität der bei der Konkurrenz produzierten
Jungköche aus. Mit gerunzelter Stirn blickte er an mir vorbei.

„In’ner Maßnahme von Arbeitsagentur. War aber gut. Hauptschulabschluss hab
ich da auch gemacht. Und in Wildeshausen im Krankenhaus gekocht. Leider
befristet. Und jetzt hier.”

„Mein Vater hat eben geschrien”, teilte ich ihm mit, doch dazu lachte er.

„Köche sind laut. Und ich war zu spät. Ging nicht anders. Aber er hatte
Recht. So, jetzt muss ich wieder rein. Sonst wird dein Vater richtig laut.”
Wieder schüttelte er mir die Hand, ehe er im Inneren des Küchentraktes
verschwand.

Ich ging weiter. Nach zehn Metern rief jemand aus einem Fenster in der
ersten Etage meinen Namen.

„Christa! Warte! Ich komme runter.”

Es war Dietmar. Ich stöhnte leise, aber in meinem Bauch war ein leichtes
Flattern, das ich jedoch festentschlossen meinem Hunger zuschrieb. In den
Fluren rund um die Küche roch es immer so intensiv nach Essen, dass es mir den
Appetit verschlug. Nun aber folterten mich die dezenteren Düfte aus dem
Restaurant der „Fischerkate”. Ich hoffte, Dietmar ließe sich schnell
abschütteln, denn ich wollte endlich nach Hause, mich vergewissern, dass Bea
nicht mehr angerufen hatte, etwas essen und ausgiebig schmollen. Nun kam er aus
einer weiteren Seitentür an der Hotelseite der „Fischerkate”. Seine nicht
sonderlich große, leicht gebaute Gestalt steckte in dem dunklen Anzug mit aufgesticktem
Emblem, den das Hotel Angestellten mit Kundenkontakt vorschrieb. Bei Tageslicht
schimmerte die Schläfe grünlich über dem ausheilenden Bluterguss.

„Hallo, Christa. Warst du bei deinem Vater oder wolltest du hier essen?”

Ich berichtete, weshalb ich dort war, und betonte, wie müde ich sei und dass
ich unbedingt nach Hause wollte.

„Wenn ich keinen Dienst hätte, würde ich dich fahren.”

„Aber du hast Dienst”, erwiderte ich und fragte mich, wieso er seinen
Arbeitsplatz einfach verlassen konnte.

Anscheinend war er nicht an der Hotelrezeption eingesetzt, sonst hätte er
sich diesen Abstecher auf den Hof nicht erlauben können. Er zögerte, als könnte
er meine Bemerkung nicht deuten.

„Isst du manchmal hier?” versuchte er es erneut. Ich schüttelte den Kopf.

Mein Vater konnte es nur schwer ertragen, in der „Fischerkate” zu sitzen,
wenn jemand anders in seiner Küche stand. Sein Unwille hatte sich auch auf
andere Restaurants übertragen. Jedes Mal wurde er unruhig und nervte meine
Mutter mit Kritteleien. Aus diesem Grunde hatte sie vor Jahren schon
entschieden, dass wir nur in absoluten Notfällen in Restaurants aßen. Dieser
Beschluss hatte sich bei Heidi und mir gehalten. Wir mieden es, auswärts zu
essen. Eis, Kuchen, Wein oder Cocktails waren neutral, gekochte Speisen oder
auch nur Salat weckte stets Erinnerungen an einen mäkelnden Vater. Dietmar sah
mich treuherzig an.

„Ich würde dich gerne einladen.”

„Das ist nett von dir, aber ich mag keine Restaurants.”

„Was, echt nicht? Na, dann vielleicht ins Kino.”

„Vielleicht.” Ich hatte mich wieder in Bewegung gesetzt, und er lief neben
mir her.

„Gut. Ich ruf dich an. Margo hat deine Nummer.” Ich nickte und ging schnell
weiter.

Die Parkplatzgrenze schien er nicht übertreten zu können, als läge ein
Bannring um das Restaurant, der die Mitarbeiter auf dem Gelände festhielt.
Während ich mich über seine Einladungsversuche aufregte, fühlte ich mich
äußerst geschmeichelt. Es war schon zu lange her, dass einem Mann aufgefallen
war, dass es sich bei mir um eine Frau handelte.

*

Es hatte angefangen zu regnen. Der Wind schlug Eichenblätter von den Zweigen
und klebte sie nachdrücklich an den Boden. Jenseits der Straße schwankten Bäume
im Wind, als wollte es sie zerreißen. Der weite Hof lag leer, doch an den Türen
lehnten einige Unentschlossene. Bei der Sporthalle standen drei Mädchen unter
einem Schirm.

„Sag jemand, was los ist”, forderte eins, dessen Locken sich bis zur Hüfte
ringelten.

Seine Füße waren nass, weil das Trio beim Versuch, zu dritt unter dem Schirm
zu gehen, eine Pfütze nicht weit genug umrundet hatte. Entsprechend streng
klang die Stimme nun. Das Mädchen in der Mitte schüttelte den Kopf.

„Hör zu”, sagte das Mädchen in der karierten Jacke. „Du kannst immer noch
zur Polizei gehen. Es gibt da extra Telefonnummern. Die stehen auch im Bus. Die
kannst du gleich ins Handy tippen und später anrufen.”

„Halts Maul!” stieß das Mädchen in der Mitte hervor. Die anderen schwiegen
einen Moment. „Jetzt ist es eh zu spät”, setzte das Mädchen in der Mitte hinzu,
als wäre damit alles gesagt und das Thema erledigt.

Die anderen teilten diese Ansicht offenbar nicht. Es wirkte beinahe so, als
hätten sie sich vor der Unterredung abgesprochen.

„Zu spät ist es nie”, behauptete das eine.

„Nur umständlicher”, ergänzte das andere.

„Ich habe nein gesagt”, erinnerte das Mädchen in der Mitte. Seine Stimme
kippte gefährlich, als drohten Tränen.

„Du kannst immer noch etwas tun”, ließen die anderen nicht ab.

„Ich sage nein.”

Schweigend standen sie nun unter dem Schirm, das Mädchen in der Mitte den
Stiel umklammernd, als erwartete es, jeden Augenblick mit dem aufgespannten
Schirm hochzufliegen. Obwohl der Gong ertönte, blieben die drei unter ihrem
Schirm stehen. Das Betongebäude jenseits des Hofs erschien ihnen ferner denn
je. Zwei der Mädchen grübelten still, weil sie spürten, es müsse noch etwas
gesagt werden. Das dritte schmollte.

„Was sagen die zu Hause?” verlangte schließlich das Mädchen mit den nassen
Füßen zu wissen. Das in der Mitte schob das Kinn vor.

„Dass wir das unter uns regeln.” Die anderen tauschten Blicke.

„Wie, ohne Polizei?” fragte das Mädchen in der karierten Jacke. Es klang
befremdet.

„Ohne Polizei. Ohne irgendjemand. Wir regeln das selbst.” Wieder sahen die
anderen sich an.

„Alleine?” kam es im Chor heraus.

„Sag ich doch. Erst mal machen wir alles, wie abgesprochen. Schule, Arbeit,
diese Scheiß–Hochzeit, und was dann sonst noch kommt.”

Der Tonfall war nun so entschieden, dass er das Trio in Bewegung versetzte.
An der Tür stießen die drei auf Frau Schuhmann–Schulz. Die wirkte mit einer ausladenden
Büchertasche in der einen Hand und einem Stapel Hefte gegen die Brust gedrückt
noch massiver als sonst.

„Los, die Damen. Wer nach mir kommt, ist zu spät.”

Den Regenschirm zwischen sich beschleunigten die Mädchen minimal. Frau
Schuhmann–Schulz folgte mit zusammengekniffenen Brauen der Tropfenspur.

*

Dietmar rief noch am selben Montagabend an und lud mich zu einem Film in
Oldenburg ein. Ich hätte ärgerlich sein sollen, dass Margo meine Telefonnummer
ohne zu fragen an ihren Schwager weitergegeben hatte. Aber die Aussicht, nicht
alleine auszugehen, gefiel mir, deshalb nahm ich seine Einladung an. Heidi
zeigte sich am folgenden Mittwoch trotzdem nicht beeindruckt.

„Der Schwager von dieser Margo? Mann, Christa, willst du jetzt auch bei
Poepken einheiraten? Machst du der Zicke alles nach?”

Mir fiel ein, dass Heidi schon Margot Onken nicht gemocht hatte. Auch war
sie viel zu penibel zu verzeihen, dass ihre ausgeliehenen Kleidungsstücke mit
Margos Rotweinaroma zurückgegeben worden waren. Nachvollziehen konnte ich das,
aber Heidis Formulierung irritierte mich auch. Meine alte Freundin erkannte ich
zwar in der Margo von heute nicht wieder, dennoch hätte ich sie nie als Zicke
bezeichnet. Außerdem war ich zu dem Schluss gekommen, dass ich mit Dietmar
definitiv nur dieses eine Mal ausgehen wollte.

„Wie kommst du denn darauf? So ein Quatsch: In die Familie einheiraten”,
sagte ich deshalb und lachte täuschend echt.

„Oh, die besten Kerle kommen auf solche Ideen. Glaub mir.”

Zu den Besten hätte ich Dietmar nicht gezählt. Auch störte mich, dass Heidi,
immerhin zwei Jahre jünger als ich, so tat, als wäre sie die Ältere.

„Zumindest habe ich nicht vor zu heiraten. Jedenfalls nicht Dietmar.”
Jemanden, den Kollegen Didi nannten, müsste man mit Vorsicht genießen, fügte
ich still hinzu. Heidi nickte streng.

„Das beruhigt mich. Aber bei dir weiß man nie.”

Statt einer Antwort knuffte ich sie nur in die Seite, was sie kommentarlos
hinnahm, ehe sie begann, den Tisch zu decken. Andrej wollte vorbeikommen und an
ihr ein neues Beratungsprogramm ausprobieren. Seine Wartezeit auf einen
Deutschkurs zog sich in die Länge, weil er der zuständigen Behörde ein Dokument
vorlegen sollte, das auszustellen, sich niemand in Russland oder Deutschland in
der Lage sah. Andrej hatte derweil eine Onlineberatungsagentur aufgebaut. Er
bezeichnete sich als ARD, Artificial Reality Designer. Mittlerweile hatte er
drei Angestellte, einen albanischen Psychologen, eine iranische Informatikerin
und einen kroatischen Grafiker, die er alle in der Warteschlange bei der
Beratung für Sprachkurse rekrutiert hatte. In seiner kleinen Etagenwohnung in
Oldenburg an den Voßbergen planierten, kalkulierten und programmierten die vier
in einer Mischung aus Englisch, Deutsch und HTML, was eigentlich nur Computer
verstehen, damit Kunden sich einen optimalen Auftritt in sozialen Netzwerken im
Internet zusammenstellen lassen konnten. Gerichtsurteile, wonach Arbeitgeber
bei Bewerbern nicht nach solchen Informationen suchen dürften, tat Andrej mit
einer lässigen Handbewegung ab.

„Natürlich. Ethisch nicht akzeptabel in Netzwerk gucken. Na und? Chef gucken
und er bewerten Klient. Psychologie in Natura, nicht wahr? Aber Klient kann
sich gegen so unethische Chef vorbereiten. Ich helfen. Helfen ethisch korrekt.”
Dabei lächelte er milde.

Wie immer, wenn man meiner Schwester glauben durfte, brachte er sein Netbook
mit.

„Christa wäre auch ein gutes Versuchskaninchen für dich, Druschka”, bemerkte
Heidi, während wir um ihren Couchtisch standen und Andrej beim Hochfahren des
Netbooks zusahen. Er strahlte mich an.

„Ja, klar. Dass ich das nicht bedenken!”

„Was?” fragte ich alarmiert. Ich musste an Heidis Bemerkungen über seine
Genialität denken. In seinen Augen war ein Glitzern, das befürchten ließ, sie
habe nicht ironisch gesprochen.

„Du perfekt, Christa. Keine private Existence. Keine Public Character.”

Andrejs Ausdruck wurde ernst und von Sekunde zu Sekunde
vertrauenserweckender. Man merkte, dass er noch in Russland eine Schulung als
Finanzberater absolviert hatte.

„Neue Programm heißen ’Date Research‚. Lass mich machen Ausführung zuerst.
Also: Klassische Theorie ist ’Boy meets Girl'. Aber wo? Hier kommen Date
Research. User kannst verwenden Date Research zu finden optimale Date Partner
in alle Foren. Dazu Date Research analysieren Internetpersonality von potential
Date Partner. Umgekehrt wird auch ein Schuh: User maximieren potentielle
Attraktivität durch gezielte Streuung von Information of Mating Quality. Eine
Exempel … ”

„Stopp!” unterbrach ich empört, aber zugleich amüsiert, denn es war ein
wenig, als zeigte mir ein Vierjähriger seine Sammlung Käferbeine. „Das brauche
ich nicht.” Heidi und Andrej holten gleichzeitig Luft, sahen sich an und
versicherten mir:

„Selbstverständlich nicht. Du bist eh der natürliche Typ …”

„Null Problemo mit dir, Christa. Bist jung und …”

„Und sie hat ein Date”, fuhr Heidi ihm über den Mund, nachdem sie erkannt
hatte, dass ich wütend geworden war. Andrej sagte „Ah”, und klappte sein
Netbook zu.

„Dann bist du Kaninchen, Heidi. Nach Essen.”

Ich floh aus der Wohnung, statt wie geplant mit ihnen zu essen, wozu beide
mich weiterhin drängten. Draußen standen die Pfützen weit auf dem Gehweg und
auch direkt vor meiner Fahrertür. Im Patenbergsweg tropfte es von den Bäumen
und aus den übervollen Regenrinnen. In der Luft lag ein Hauch von Herbst,
obwohl es noch lange nicht so weit war. Aber das trübe Licht nach den heißen
Sonnentagen zuvor kam wie die kühlere Luft als Schock. In meiner Wohnung ging
ich durch die Räume, öffnete Fenster, verstaute Einkäufe, schob ein
Fertiggericht in die Mikrowelle. Zwei Anrufe waren auf dem Anrufbeantworter,
ein Marktforschungsinstitut und Margo, drei E–Mails im virtuellen Briefkasten,
keine Nachricht von Bea. Ich fragte mich, warum ich auf ein Lebenszeichen von
ihr warten sollte, hatte sie mich doch lediglich hingenommen.

Nach meinem Fertiggericht rief ich Margo zurück. Sie habe keinen besonderen
Grund für ihren Anruf gehabt, wolle nur mal hören, wie es mir gehe. Sieben
Jahre war ich ihr gleichgültig gewesen, aber das sagte ich nicht.

„Dietmar hat dich eingeladen? Oh, das freut mich. Er ist wirklich sehr lieb,
weißt du? Und er bewundert dich sehr.”

„Weil ich dich aus einer Weinpfütze gezogen habe? Das ist doch lächerlich”,
gab ich zurück.

Ich fand es zwar zunehmend angenehm, an Freitag zu denken, aber die
Reaktionen meiner Umwelt gingen mir auf die Nerven. Margo betonte jedoch, wie
großartig auch sie es fand, dass ich sie nach dem Weinflaschenunfall nach Hause
gefahren hatte. Sie ließ durchblicken, dass so viel Initiative nur mit Dietmar
belohnt werden könne. Nach so viel Schmeichelei lud sie mich dann für den
Sonnabend zum Tee ein, als wäre ich ein Eisen, das Dietmar schmieden solle,
solange es nicht abgekühlt war. Ich versprach zu kommen.

*

Weil ich trotzig war, aber auch weil ich bis Mitte August noch kein einziges
sommerliches Kleidungsstück angeschafft hatte, kaufte ich am Donnerstag eine
neue Bluse, die ich am Freitag nach der Arbeit umtauschte. Zuhause musste ich
mir eingestehen, dass aus der lila Tunika mit Spitzenbesatz am Kragen eine
weitere weiße Hemdbluse geworden war. Das Bügeln des taillierten Schnitts
musste der Wiedergutmachung eines weiteren Fehlgriffs dienen. Doch kombiniert
mit einer vernünftigen Hose und einer ebenso vernünftigen Jacke sah ich bei
Dietmars Ankunft so seriös aus, als wollte ich ihm einen Immobilienfond
verkaufen. Als Zugeständnis an einen potentiell romantischen Abend bauschte ich
meine Haare mit der Hand auf, ehe ich die Tür für ihn öffnete. Bei meinen
Haaren half Bauschen jedoch nichts. Fünf Minuten später zeigte mir mein Bild in
der Scheibe der Beifahrertür, dass die Haare wieder platt herunterhingen.

Dietmar kommentierte weder Haare noch Bluse, was in meinen Augen für seine
Glaubwürdigkeit sprach. Er hatte in einem Kino in der Johannisstraße Karten
bestellt. Dort standen wir mit anderen erwartungsvollen Zuschauern an den
Glasscheiben des Foyers und beobachteten die Radfahrer, die im Regen über den
Hof des Kinos abkürzten. Von dem Film behielt ich nur in Erinnerung, dass die
Leute viel redeten und die weibliche Hauptfigur oft mit tränenerstickter Stimme
sprach. Wieder im Regen spannte Dietmar seinen Schirm für uns auf.

„Trinken wir noch etwas?”

Wir fuhren einen knappen Kilometer zu Parkplätzen nahe der Fußgängerzone.
Dort führte Dietmar mich zu einem Lokal über einer Boutique für betuchtere
Damen, wo wir alkoholfreies Bier bestellten. Ich fragte mich, ob es das war,
was ich zwei Jahre lang vermisst hatte. Dietmar sprach von seiner Arbeit, ich
von meiner. Er berichtete von skurrilen Hotelgästen, ich von unbezähmbaren
Senioren. Auf dem Weg zu den Toiletten beobachtete ich die anderen Frauen und
fragte mich, ob sie für ihre Begleiter lachten, weil die so amüsant erzählten
oder weil sie ein Gähnen kaschieren wollten. Zumindest waren wir nicht das Paar
mit dem langweiligsten Aussehen. Dazu war ich dank mütterlichen Trainings viel
zu adrett, und Dietmar aufgrund professioneller Schulung zu smart. Andererseits
erschien mir sein Kuss auf meine Wange zu flüchtig, um ernstgemeint zu sein.
Ich fragte mich außerdem, ob ich es ohne Ermüdungserscheinungen aushalten
könnte, ihn am nächsten Tag schon wieder zu treffen.

*

Auch an jenem Tag regnete es. Endlich, sagten einige, wenn sie an ihre
Gärten dachten, andere schüttelten resigniert den Kopf. Die junge Frau
schwankte innerlich, ob sie trockeneres Wetter nicht vorgezogen hätte. Immerhin
würde der aufgespannte Schirm ihre Identität verbergen, bis sie ihm
entgegenträte. Seine Pausenzeiten kannte sie und sie wusste auch, dass er
gewöhnlich montags auf diesem Weg zur Bank ging. Aber die Zeit verflog, und sie
fürchtete, sie habe den Vormittagsunterricht umsonst geopfert.

Schließlich kam er doch noch. Sie beobachtete ihn, wie er unter seinem
Schirm über den Parkplatz ging, an der Ampel die Oldenburger Straße überquerte
und Richtung Sparkasse marschierte. In einiger Entfernung folgte sie ihm, bis
er hinter der automatischen Glastür verschwunden war. Im Inneren sah sie ihn
schemenhaft an Geldautomat und Kontoauszugdrucker hantieren. Zwischendrin, wenn
andere Kunden die Sparkasse verließen oder betraten, öffnete sich die Tür und
erlaubte einen klareren Blick auf ihn. Er wechselte ein paar Sätze mit einem
Bekannten und verließ mit diesem die Sparkasse.

Ihr Atem stockte. Sie hatte nicht mit einem zweiten Mann gerechnet. Es war
notwendig, ihm entgegenzutreten, wenn er alleine war. Doch glücklicherweise
stieg der Bekannte in ein Auto und fuhr Richtung Oldenburg davon. Mit
klopfendem Herzen lief sie hinter dem Regenschirm her und legte eine Hand auf
seinen Arm. Erschrocken fuhr er herum, erkannte sie und hatte die Dreistigkeit
zu lächeln. Sie atmete tief durch, aber er kam ihr zuvor.

„Ah, schickt dein Bruder jetzt dich? Glaubt er, du könntest fester
zuschlagen als er?” Innerlich zählte sie bis fünf, weiter kam sie in ihrer
Aufregung nicht.

„Du lässt sie in Ruhe, ist das klar?” Lachend wandte er sich zum Gehen. Sie
lief hinterher. „Sie sagt, du warst an der Schule. Was soll das?”

„Ich kann hingehen, wohin ich will. Dein Bruder kann mir nichts verbieten.
Und du auch nicht.” Mit so einer Bemerkung hatte sie gerechnet, nicht aber mit
seinem Lachen und dem widerlichen Grinsen. „Oder bist du eifersüchtig auf die
Kleine, weil sie gekriegt hat, was du partout nicht haben wolltest?”

Sie hatte zugeschlagen, ehe sie richtig begreifen konnte, was seine Worte
bedeuteten. Auf das Schlaggeräusch hin drehten fremde Leute sich um, sahen den
Mann sich die Wange reiben und setzten ihre Wege fort. Er grinste gezwungen.

„Tut mir leid, dein Bruder hat doch die festere Hand. Aber wenn handfestes
Zupacken dir Spaß macht, bist du herzlich willkommen. Du weißt ja, wo. Und
jetzt merk dir eins: Ihr lasst mich in Ruhe. Sonst wende ich mich an die
Polizei. Und dein Bruder kann es sich gerade jetzt nicht leisten, wenn man ihn
von der Arbeit weg aufs Revier holt. Glaub mir, Schätzchen, ich kenne den
Küchenchef. Der hat deinen sauberen Bruder schon längst auf dem Kieker.” Er
ließ sie stehen. An der Ampel holte sie ihn nochmals ein und überquerte neben
ihm die Oldenburger Straße.

„Du lässt sie in Ruhe.”

„Das hast du schon einmal gesagt. Aber dies ist ein freies Land, Kleines.
Dein Bruder kann mir nicht verbieten, deine Schwester zu treffen. Wenn es euch
so ernst ist, geht doch zur Polizei. Dann wird sich ja zeigen, was von euren
Behauptungen zu halten ist. Für kleinkarierte ethnische Spießereien haben die
da kein Verständnis, Schätzchen.”

Mit diesen Worten stieß er sie in einen Strauch auf dem Parkplatz und ging
ungerührt weiter. Sie arbeitete sich aus dem Busch heraus, zu wütend, um auf
die Dornen zu achten, zu verzweifelt, um an die Schmach dieses Sturzes zu
denken. Reden konnte man mit ihm nicht. Das war nun bewiesen. Es musste eine
andere Lösung gefunden werden.

3. Kapitel  —  Vor dem Frost

Meine Mutter wurde in der letzten Septemberwoche fünfzig Jahre alt. Da wir
unseren Vater kannten, hatten Heidi und ich diesen Tag beizeiten geplant und
beschlossen, dass mein Vater sie ausführen sollte. Nachdem wir ihr angedeutet
hatten, dass es angezeigt wäre, an ihrem Geburtstag Urlaub zu nehmen, hatte sie
das widerspruchslos getan. Mein Vater hingegen hatte zwar zugesagt, Urlaub zu
beantragen, es aber vermutlich vergessen und auch seinen Beitrag für den
Festsaal im Dorfgemeinschaftshaus in Hohenfelde noch nicht auf Heidis Konto
überwiesen. Nachdem sie am ersten Montag im September ihre Kontobewegungen
kontrolliert hatte, rief Heidi mich bei „Crea. Heim und Pflege” an, damit ich
persönlich für die Überweisung sorgte.

Also ging ich nach der Dienstbesprechung bei der Bank meines Vaters vorbei
und holte mir einen Blankoüberweisungsauftrag. Am späten Vormittag konnte ich
relativ sicher sein, ihn in seinem Büro anzutreffen. Es war die ruhige Phase in
der „Fischerkate”, nachdem das Frühstücksbuffet für die Hotelgäste abgeräumt
und gespült worden war. Um diese Zeit kamen die meisten Köche und Aushilfen
erst, nachdem mein Vater mit Vlady die Vorarbeiten für den Mittagstisch bereits
erledigt hatte.

Als ich über den Parkplatz ging, rollte ein Wagen an mir vorbei und hielt
quer vor der Zufahrt in den Personalparkpatz. Durch die Scheiben erkannte ich
Silhouetten von drei Köpfen. An der Beifahrerseite stieg Volkan aus, an der
Fahrerseite eine mir unbekannte junge Frau. Der Mann auf der Rückbank blieb
sitzen. Von ihm sah ich nur einen ausrasierten Nacken und hoch gegelte dunkle
Haare. Die Frau war an ihrer Seite stehengeblieben und zeigte hinüber zur
Rückfront der „Fischerkate”, wobei sie auf einzelne Fenster deutete. Als Volkan
mich neben dem Wagen bemerkte, unterbrach er sie mit einem kurzen Wort.

„Hallo, Christa”, begrüßte er mich dann.

„Hallo, Volkan.” Ich sah zu der Frau, die mich anstarrte, als hätte sie nie
Schlimmeres als eine Frau in Hemdbluse mit Pullunder gesehen. Wie sie aussah,
hatte sie es wahrscheinlich noch nie. Obwohl ein frischer Wind wehte, reichte
ihre eigene Bluse nur bis zwei Finger breit über einen mit bunten Steinen
besetzten Gürtel, unterhalb dessen ein Jeansrock knapp bis zum Knie fiel.

„Das ist Nilüfer. Meine Schwester.”

Ich sagte Hallo, und sie murmelte etwas Unverständliches, ehe sie mit einer
scharfen Bewegung das Gesicht zu Volkan drehte und ihm einen kurzen Satz an den
Kopf warf. Er machte ein ärgerliches Gesicht, nickte eilig und schlug die
Beifahrertür zu. Die Hände stopfte er in die Taschen, machte eine Entgegnung
und besann sich auf seine Zigaretten. Seine Schwester sah mich noch einmal
streng an, stieg wieder hinter das Steuer und lenkte den Wagen vom Parkplatz.
Ich konnte nicht umhin, mich zu fragen, weshalb der andere Mann nicht auf den
Beifahrersitz umgestiegen war. Männer saßen nach meiner Erfahrung ungern
hinten.

„Sie muss in Schule”, teilte Volkan mir mit. Er hatte sich mir angeschlossen
und ging rauchend die letzten Meter. Bei den Mülltonnen blieb er stehen, ich
aus Höflichkeit ebenfalls.

„Zu welcher Schule geht sie?” erkundigte ich mich, weil ich annahm, dass er
das erwartete.

„Berufsschule III. Das ist Kinderpflegeschule.” Ich nickte, weil ich keine
Ahnung hatte, für welchen Beruf man da lernte. „Für Kindergarten”, half er mir
auf die Sprünge.

„Ah. Ok.” Wir sahen uns an.

„Du gehst zu dein Vater?” wollte er wissen. Ich wusste nicht, wen ich sonst
hätte besuchen sollen. Dietmar hatte ich in den letzten beiden Wochen mehrfach
gesehen, aber den hätte ich nicht bei der Arbeit besucht.

„Ja.”

„Deine Vater ist OK. Hätte ich nicht gedacht. Ist aber so.”

„Oh, danke. Ja, er ist OK. Äh, ich gehe jetzt zu ihm.”

Volkan trat seine Zigarette aus und schob sie mit dem Fuß in einen Gully.

„Ich auch. Zeit für Arbeit.”

Im Flur hinter der Tür empfing uns ein Pfiff aus Richtung Küche.

„Dawai”, brüllte Vlady. Volkan grinste mich an.

„Rabota, rabota”, flüsterte er mir zu. Im nächsten Moment tönte es von
Vlady:

„Rabota, rabota! Gulasch wartet!”

„Sag ich doch”, murmelte Volkan und verschwand in die Umkleide. Vlady winkte
mir zu.

„Alles klar, Christa?”

„Alles klar, Vlady. Bringst du Volkan Russisch bei?”

„Kann er schon”, erwiderte Vlady und grinste so breit, dass alle seine
Goldzähne sichtbar wurden. „Hat er doch gemacht Prüfung in Maßnahme von
Arbeitsagentur, hat er auch gelernt Russisch. Ist so, Christa.”

Volkan kam in Arbeitskleidung aus der Umkleide, im Gehen stülpte er die
Einweghaube über die Haare. Ich wünschte den beiden viel Spaß bei der Arbeit
und ging weiter zum Büro meines Vaters. Der saß mit einem Bleistift im Mund an
seinem Schreibtisch, den Wochenarbeitsplan vor sich ausgebreitet. Zwei gelbe
Krankschreibungen lagen daneben.

„Was ist denn jetzt wieder?” fauchte er mich an, als ich die Tür öffnete,
lächelte aber sofort. „Oh, Christa. Dich hab ich nicht erwartet. Was gibt’s
denn?” Ich beschloss, direkt zur Sache zu kommen.

„Es ist wegen Muttis Geburtstag.” Er stöhnte auf und schlug sich an die
Stirn.

„Hast du den Urlaubsantrag gestellt?”

„Nein. Aber er liegt hier …irgendwo.”

Mein Vater kramte durch einen Stapel Papiere und zog schließlich den
Urlaubsantrag heraus. Unter meinen Augen füllte er ihn aus und legte ihn in den
Korb für die Verwaltung. Dann legte ich ihm den Überweisungsauftrag vor, und er
füllte auch den aus. Gerade wollte ich gehen, als Vlady ohne zu klopfen ins
Büro platzte.

„Chef, Messer fehlt. Eine von die großen Messer.”

„Was soll das heißen, Messer fehlt? Habt ihr gesucht?” Vlady nickte.

„Ja, Chef. Alles abgesucht. Volkan nimmt jetzt andere Messer, aber …”

„Stopp! Wer hat gestern mit den großen Messern gearbeitet?”

„Volkan, Dmitri, Kevin S und Kevin O”, antwortete Vlady prompt. Das war
offenkundig schon in der Küche geklärt worden. Mein Vater stand auf.

„Habt ihr bei den Abfällen gesucht? Schick einen zu den Abfällen. Schick
Volkan. Der hat gestern als Letzter Fleisch geschnitten. Seht zu, dass ihr das
Messer findet. In meiner Küche lässt keiner ein Messer mitgehen.” Vlady
salutierte und verschwand. Gleich darauf hörten wir ihn brüllen. „Tut mir leid,
Christa, aber das ist wichtig.” Mein Vater marschierte ebenfalls in die Küche.

*

Ich war unzufrieden, obwohl ich allen Grund hatte, zufrieden zu sein. Die
von Heidi erteilten Aufträge bei meinem Vater hatte ich erfolgreich erledigt,
ehe der Verlust des Messers ihn in die Küche rief. Unterdessen fragte Dietmar
per E–Mail an, ob ich mit ihm die Lesung eines bekannten Journalisten in
Oldenburg besuchen wolle, und ich konnte den Besitzer eines Hauses, in dem zwei
von „Crea. Heim und Pflege” betreute Wohnungen lagen, überzeugen, einen
Treppenlift einzubauen. Harry Meinert, der bei „Crea. Heim und Pflege” die
Mieter und Interessenten betreute, sprach mir ein dickes Lob aus.

„Eins, zwei, drei habe ich vier Interessenten für die Wohnung im zweiten
Stock. Die werden sich die Finger nach einer Wohnung in dieser Lage lecken.”

Er redete noch weiter, nicht nur über die Arbeit, und ich ließ ihn reden. In
seiner Jugend war Harry ein angehender Faustballstar gewesen. Doch eine komplizierte
Knieverletzung hatte ihn gezwungen, sein Pädagogikstudium fortzusetzen, damit
er nach vielen Jahren in der Erwachsenenbildung bei „Crea. Heim und Pflege” als
Wohnungsmakler auftreten durfte. Von seiner Faustballerkarriere sprachen nur
noch die extrem breiten Schultern, die alle Hemden um seinen mageren Restkörper
schlabbern ließen. Interessanter fand ich auch nach einem Jahr mit ihm im
gleichen Büro jedoch seine Haare, die dicht und kompakt wie eine trapezförmige
Matte von Stirn zu Schulterblättern wallten. Es gehörte eine besondere
Disposition zu so einer Frisur, und ich vergnügte mich des Öfteren damit zu
überlegen, welche Eigenschaften Harry in sich vereinen mochte. Eine gewisse
Überlegenheit gegenüber grundsätzlichen Regeln der Haarpflege musste vorhanden
sein, dagegen verfügte er mit Sicherheit über wenig Interesse an der Meinung
anderer.

Verglich man Harry mit Dietmar, sah man diese unterschiedlichen
Grundeinstellungen. Dietmar wäre nie herumgelaufen wie Harry, erstens weil er,
obwohl er deutlich jünger war, weniger Haare auf dem Kopf trug, und zweitens
legte Dietmar Wert darauf, der Welt keine Angriffspunkte zu bieten. Das machte
ihn mir sympathisch, aber in dieses Gefühl mischte sich Mitleid.

Zu Hause fragte ich mich, während ich im Wohnzimmer Wäsche vom
Trockenständer sammelte, ob ich mir Dietmar als Partner vorstellen konnte. Ich
wollte immer so vernünftig sein und alles richtig machen, und ausgerechnet
Dietmar erschien gleichzeitig richtig und falsch. Es wäre unvernünftig gewesen,
ihn nicht als Partner in Erwägung zu ziehen, einzig aufgrund der Tatsache, dass
er ein paar Jahre jünger war als ich und dünnere Haare als Harry Meinert hatte.
Aber etwas fehlte, und ich glaubte zu wissen, was das war. Bei mir zumindest
knisterte und funkte nichts. Ich hatte das Gefühl, mit einem Vierjährigen
auszugehen, was angesichts seiner Nettigkeit ein undankbarer Vergleich war.
Fraglich war aber auch, ob Nettigkeit angestrebt werden sollte. Ich betrachtete
mich als nett, wenn auch vernünftig, deshalb harmlos und umgänglich. Dass
jemand einen harmlosen Partner suchen sollte, müsste als Charakterschwäche
gedeutet werden. Ich wollte nicht von einem charakterschwachen Mann, der mich
außerdem an einen Vierjährigen erinnerte, ausgeführt werden. Verführung
schlossen diese Umstände sowieso aus. Ich wollte mich einfach wieder verlieben,
und dafür erschien mir Dietmar nicht die richtige Person.

Im Laufe des vergangenen Jahres hatte ich mir angewöhnt, verwickelte
Gedankengänge Bea vorzutragen. Sie hatte geduldig meinen Ausführungen
gelauscht, und irgendwie war es mir während des Redens gelungen, die
verworrenen Fäden in meinem Kopf zu sortieren. Dass mir dies in Zukunft
verwehrt wäre, ärgerte mich. Vielleicht sollte ich Bea doch wieder anrufen. Muh
konnte man sich nicht aufdrängen, und sollte im muhischen Denken auch kein
Konzept für Freundschaft existieren, so hatte Bea zuletzt in meinem Leben
einige Funktionen einer Freundin ausgefüllt. Ich drängte meinen Stolz zurück
und wählte die Nummer des Tagungshauses. Eine Muh–Frau verband mich mit Bea.
Die zeigte sich durch meinen Anruf nicht überrascht, denn Muh nahmen das
Unerwartete wie das Erwartete voll Gleichmut hin.

„Bist du zurück von deiner Vorstellungsreise?” fragte ich zur Tarnung meines
Redebedürfnisses.

„Ja”, bestätigte Bea und fügte von sich aus hinzu: „Es war eine neue
Erfahrung. Für mich, aber auch für die Familie dieses Muh. Sie leben in der
Welt und hatten, wie mir schien, nicht damit gerechnet, dass ihr Sohn bereits
jetzt in eheliche Fürsorge gegeben werden soll.”

„Wie alt ist denn dieser Sohn?” erkundigte ich mich, denn Beas
Ausdrucksweise ließ mich an einen Teenager denken.

„Ende zwanzig”, entgegnete Bea. „Muh heiraten meist erst spät, weißt du.
Eheliche Fürsorge verlangt Aufmerksamkeit für den Partner, was doch sehr von
der Gemeinschaft ablenkt. Auch gerade Kindererziehung bindet Aufmerksamkeit,
solange das Kind in der vorgemeinschaftlichen Phase ist, also jünger als drei
Jahre.”

Ich wusste nicht genau, wie alt Bea eigentlich war, nur dass sie etwas älter
war als ich.

„Dann bist du auch zu jung fürs Heiraten”, sagte ich ins Blaue. Bea
bestätigte dies.

„Es kommt selten vor, dass jemand in meinem Alter als Kodexwächter für ein
ganzes Zentrum und außerdem für Muh in der Welt auserwählt wird. Kodexwächter
legen meist auch erst später als andere Muh ein Fürsorgeversprechen für einen
Partner ab. Deshalb werden sie auch nicht auf den Ehe–Listen geführt.” Ich
überlegte.

„Wieso sollst du denn ausgerechnet jetzt diesen Muh heiraten?” Bea zögerte.

„Ich interpretiere die Entscheidung als eine Zusammenführung von
Expertenwissen. Besagter Muh hat eine Qualifikation als Bauingenieur erhalten.
Er soll den weiteren Ausbau des Tagungshauses begleiten.” Meine erste
Assoziation waren Herbergseltern. Eine gemeinsame Aufgabe wäre förderlich für
eine Beziehung, die vom Kodexmeister der Gemeinschaft angeordnet worden war.

Nach diesem Telefonat glaubte ich mich mit Bea wieder versöhnt, obwohl sie
natürlich gar keine Auseinandersetzung mit mir gehabt hatte. Während ich überlegte,
ob unter diesem Gesichtspunkt von Aussöhnung die Rede sein konnte, klingelte es
an der Haustür. Margo flatterte die Treppe herauf.

„Ich komme direkt von der Arbeit. Heute hat Robin seinen langen Tag im
Seminar, da bin ich den ganzen Tag in der Bank.”

Ich wusste mittlerweile, dass sie ihre halbe Stelle auf einen ganzen und
zwei halbe Tage verteilte. Was sie genau machte, war mir nicht klar, aber es
gelang Margo, den Eindruck einer vielbeschäftigten Bankerin zu vermitteln.
Neugierig sah sie sich in meiner Wohnung um.

„Hast du keine Angst? Das Grundstück geht direkt auf die Felder. Und du bist
ganz allein im Haus”, sagte sie plötzlich, als sie vom Balkon ins Wohnzimmer
trat und sich mit dem Rücken zu den Feldern auf das Sofa fallen ließ. Ihre
Frage erschien mir ungewöhnlich für eine Frau, die in einem allein stehenden
Haus inmitten von Maisfeldern lebte. Die Dächer der nächsten Häuser konnte man
von Margos Haus nur sehen, solange der Mais niedrig stand, während ich
zahlreiche Nachbarn besaß.

„Nein, Angst habe ich nicht”, entgegnete ich und stellte den
zusammengeklappten Wäscheständer in den Flur. Margo lachte auf.

„Ich dachte nur. Dietmar hat mir erzählt, dass deine Vermieterin einen
Stalker hatte.” Glücklicherweise redete sie nicht weiter, so dass ich im Gegenzug
an die Abgeschiedenheit ihres Hauses erinnern konnte. „Nun, ich bin das von
klein auf gewöhnt”, meinte sie.

Das traf nicht ganz zu. Ihre Eltern wohnten in einem ehemaligen Hofgebäude.
An der Straße standen drei oder vier solcher Häuser zusammen, so dass
ungewöhnliche Geräusche dort ebenso auffallen würden wie bei mir im
Patenbergsweg.

„Außerdem”, fuhr Margo fort, nachdem sie anscheinend meine Skepsis bemerkt
hatte, „ist das Haus normalerweise nicht leer. Bei Berthold im Büro ist
tagsüber immer jemand. Und Dietmar ist auch oft da.”

Ich war nicht sicher, aber sie schien rot zu werden, als sie ihren Schwager
erwähnte. Das hatte ich schon einige Male beobachtet. In einem unsinnigen
Anflug von Eifersucht musterte ich sie eingehender. Ihr Mann sah nicht nur
älter aus, er war älter als sie, und das ein Mehrfaches an Jahren als ihr
Altersunterschied zu Dietmar betrug.

„Stört es dich nicht, den kleinen Bruder deines Mannes immer im Haus zu
haben?” fragte ich mit mühsam zurückgehaltener Gehässigkeit. Margo zuckte mit
den Schultern.

„Es ist sein Elternhaus. Er … er hat natürlich gewisse Freiheiten.” Eilig
sah sie mich an. „Aber das berührt deine Rechte an ihm nicht, Christa.” Sie
sagte es so, als wäre ich mit Dietmar verheiratet.

„Ich erhebe keine Ansprüche an deinem Schwager”, verkündete ich ein bisschen
zu hochtrabend. Sie hatte es geschafft, dass in meinem Hinterkopf schmutzige
kleine Filmchen von ihr mit Dietmar abliefen. Für jemanden, der keine Ansprüche
auf einen der Beteiligten erhob, war ich plötzlich reichlich missgelaunt. Dies
schien Margo bemerkt zu haben, denn sie begann mir zu erzählen, wie nett
Dietmar mich finde, wie sehr er unsere letzte Verabredung genossen habe und
dass er sich auf die nächste am Donnerstag freue. Ihr Eifer ließ mich lachen.

„Du brauchst ihn mir nicht zu verkaufen, Margo.”

„Magst du ihn?” fragte sie scharf. Ich überging ihren Ton, weil ich ihn
nicht einordnen konnte.

„Er ist OK.”

„Es wäre gut für ihn, wenn er eine feste Freundin hätte”, teilte sie mir
mit, dabei sah sie mir direkt ins Gesicht. Die Wendung kam umso überraschender,
weil ich Margo eben noch mit Dietmar verkuppelt hatte. Womöglich wollte sie
einen Verehrer loswerden, der ihre einträgliche Ehe mit Robin gefährdete.

„Ich glaube”, sagte ich langsam, während ich versuchte, meine Gehässigkeit
zu mäßigen, „dass das für die meisten Männer vorteilhaft wäre.” Dazu sagte sie
einen Augenblick lang nichts.

„Das mag sein. Aber Dietmar …” Sie schien nach den richtigen Worten zu
suchen. „Dietmar ist noch jung. Er braucht eine Frau mit Führungsstärke. Die
hast du.”

Hätten wir über berufliche Zusammenhänge gesprochen, wäre ich geschmeichelt
gewesen. Im Kontext von Beziehungen fand ich Margos Formulierungen mehr als
befremdlich. Aber sie ließ mir keine Zeit für eine Entgegnung. Mit einem Blick
auf ihre goldene Armbanduhr sprang sie auf und umarmte mich in einer Wolke
süßlichen Parfüms.

„Ich muss los. Eugenia bereitet zwar das Essen vor. Aber ich muss es auf den
Tisch bringen, bis Robin da ist. Ciao, Christa.”

Vom Flurfenster sah ich ihr nach, wie sie in ihrem nachgemachten
Geländewagen aus dem Patenbergsweg fuhr. Meine Wohnung lag an ihrem Weg von der
Bankfiliale in Oldenburg nach Oberlethe. Allerdings blieb nach unserem Gespräch
der Eindruck, Margo hätte für ihre Mitteilung an mich auch Umwege in Kauf
genommen. Für mich klang es so, als sollte ich Dietmar an mich binden und ihn
von ihr ablenken. Aber dazu schien die Führungsstärke nicht zu passen.
Führungsstärke verlangte Handlungsschwäche bei den Geführten. Wenn ich Margo
richtig verstand, wies Dietmar Schwächen auf, die ich mit meiner Stärke
kompensieren sollte. Dieses Ansinnen fand ich dreist. Aber Margo hatte auch, ob
beabsichtigt oder nicht, den Keim der Eifersucht in mich gepflanzt. Es gefiel
mir nach ihrem Besuch viel weniger als zuvor, dass andere Frauen ihn attraktiv
finden könnten.

*

Dunst hing über der weiten Rasenfläche. Die Gebäude jenseits der Aschebahn
waren zu grauen Flecken verschwommen, die Lichter in den beleuchteten Fenstern
schienen kraftlos. Etwa zwei Dutzend junge Leute standen in fröstelnden Gruppen
zusammen. Von ihnen achtete niemand auf sporadische Spaziergänger in der
kleinen Parkanlage am Schmalende des Fußballfeldes. Sporthalle und Schulgebäude
zogen sich diskret in die Schwaden zurück und überließen den Sportplatz seinem
Schicksal. Weiß lastete der Himmel über den Bäumen längs der Aschebahn.
Dahinter zog sich der Huntedeich noch unbefestigt in einem tristen Grün,
begrenzte die Felder an der anderen Schmalseite und versank vor dem kaum mehr
sichtbaren Horizont. Auch dem Sportlehrer war die Motivation abhandengekommen.

„OK, Schluss für heute. Der Gerätedienst sammelt die Bälle ein, die anderen
gehen Duschen. Wer hat Dienst? Ihr zwei? Stellt die Kiste mit den Bällen vor
den Schiedsrichterraum. Abtreten.”

Von neuer Energie erfüllt strebte die Masse einem der grauen Gebäudeflecken
zu. Langsamer folgte ihnen der Lehrer. Ehe er die Sporthalle durch eine
Seitentür betrat, warf er einen letzten Blick in Richtung der beiden Mädchen.

„Macht mal hinne!” brüllte er. Daraufhin setzten sie sich langsam in
Bewegung.

„Wie viel Zeit haben wir denn noch?” fragte das eine Mädchen, dessen
ringelige Haare für den Sportunterricht zu einem Pferdeschwanz gebunden waren.

„Keine Ahnung. Mein Handy ist in der Umkleide”, entgegnete das andere und
rieb die klammen Finger an der Hose.

„Beeilen wir uns. Es ist saukalt. Du suchst hinten bei den Tribünen und ich
bei den Büschen”, entschied das Mädchen mit dem Pferdeschwanz und trottete
davon.

Das andere Mädchen lief zu den Tribünen. Schnell sammelte es fünf Bälle in
das umgeschlagene Sweatshirt. Weiter zum Ende der Tribünen sah es noch Bälle
liegen. Als auch die im Sweatshirt verstaut waren, blickte das Mädchen um sich.
Es war sichtlich nicht mit Enthusiasmus bei der Sache. Nur die Hoffnung auf
eine warme Dusche trieb es an, noch einige Schritte entlang der Sitzreihen zu
gehen.

Am Ende der Rasenfläche vollzog die Aschebahn ihren von den Gebäuden am
weitesten entfernten Bogen. Gräser und Breitwegerich hatten sich auf dem wenig
genutzten Abschnitt angesiedelt. Parallel zu dieser Bahn verlief die
asphaltierte Strecke für die Skater. Wo die Aschebahn an der Schmalseite des
Spielfeldes nach links schwenkte, gab es für die Skater eine Verlängerung um
eine mit Bäumen bestandene Insel herum. Dort lag noch ein Ball. Mit einem Fluch
trabte das Mädchen zu der Bauminsel. Als es sich nach dem Ball bückte, hörte
ein Rascheln im Unterholz. Nervös blickte es in Richtung des Geräuschs, sah
aber nur eine Elster auffliegen.

Plötzlich stand er mitten in der Kurve. Vor Schreck ließ das Mädchen den
Saum des Sweatshirts los, so dass die gesammelten Schlagbälle um es herum zu
Boden fielen.

„Pass doch auf. Schwarzer macht dir Ärger, wenn du nicht alle Bälle
zurückbringst”, sagte er. Das Mädchen warf einen Blick über die Schulter, doch
sie befanden sich so weit auf der Kurve, dass die Freundin nicht mehr zu sehen
war.

„Sie sieht dich nicht”, bestätigte er ihre Befürchtung. Dann begann er, die
Bälle einzusammeln. „Halt das Sweatshirt auf”, befahl er, und das Mädchen
gehorchte.

Nachdem alle Bälle in dem Stoffsack hingen, blickte er über den gesenkten
Kopf auf das Fußballfeld. Seine Hand, rau vom Sand an den Bällen, strich unter
dem Sweatshirt über die warmen Brüste. Das Mädchen krampfte die Finger um die
Stoffkanten und konzentrierte seinen Blick auf die Bälle. Er kniff hart in eine
Brustwarze, ehe er die Hand zurückzog.

„Sag deinem Bruder, er soll mich in Ruhe lassen. Und deiner tapferen
Schwester sagst du es besser auch. Die kriegt sonst dumme Ideen, und das würde
euch teuer zu stehen kommen. Ich gehe zur Polizei und erzähle, was dein Bruder
im Juli gemacht hat. Was glaubst du, wie ihm das gefällt? Dabei hat er doch
gerade genug Ärger bei der Arbeit. Hemmen glaubt ihm nicht, dass er das Messer
nicht mitgenommen hat. Hemmen kennt schließlich seinen Lebenslauf. Der weiß, wo
dein Brüderchen gelernt hat. Und der weiß zur Genüge, was für Jungs da lernen.
Deshalb guckt er deinem Bruder ganz genau auf die Finger. Und wenn ihm jemand
einen Tipp geben sollte, wo das Messer sein könnte … und es da auch ist … oh,
oh, oh.” Vom fernen Ende des Spielfeldes klang ein Ruf. „Und viele Grüße an
deine süße Schwester, Kleines”, rief er hinter dem Mädchen her, als es zurück
zur Kiste rannte. Ein Gong verkündete den Beginn der großen Pause.

„Mach hinne, ich will duschen. Wo warst du?”

Die Freundin stand mit verschränkten Armen bei der Kiste mit Schlagbällen,
bückte sich aber, um das eine Ende der Kiste anzuheben. Zu zweit schleppten sie
die Kiste in die Sporthalle. Die Umkleide war schon fast leer, zwei
Mitschülerinnen trockneten ihre Haare mit mitgebrachten Föhnen, eine andere
schloss gerade ihre karierte Jacke.

„Beeilt euch”, rief sie, ehe sie den Raum verließ. Nach einer lauwarmen
Dusche zerrte das Mädchen den Slip an den noch feuchten Beinen hoch. Im BH
knisterte Papier. Mit zitternder Hand zog es den Zettel heraus, darauf war eine
krude Zeichnung. Ehe die Freundin den Zettel bemerkte, stopfte es das Papier
tief in die Sporttasche. Irgendwie war er in die Halle gelangt. Ungesehen war
er auf den Sportplatz gekommen. Er konnte überall sein.

*

Ich war am Donnerstag mit Dietmar in Oldenburg im Säulenportal des Peter
Friedrich Ludwig–Kulturzentrums verabredet. In dem ehemaligen Krankenhaus
sollte ein bekannter Fernsehjournalist aus seinem Buch über China vorlesen. Ich
kannte das Buch nicht, hatte auch nicht gewusst, dass dieser Mann sich
neuerdings für die touristischen Aspekte der Länder, aus welchen er berichtete,
interessierte. Dietmar behauptete, einige der älteren Bücher des Autors über
Ägypten und Sri Lanka gelesen zu haben. Meinen Einwand, es sei fragwürdig, das
heutige China auf Tourismus und Denkmalschutz zu reduzieren, ließ er nicht
gelten.

„Wer seinen wohlverdienten Urlaub in einem fernen Land verbringt, hat keine
Zeit, sich zu fragen, wie die Eingeborenen da leben. Du denkst zu abgehoben,
Christa. Außerdem spart er so etwas nicht aus. Ich fand zum Beispiel in dem
Buch über Sri Lanka seine Schilderung tamilischer Bergdörfer interessant”,
belehrte er mich. „Die leben da wie vor hunderten von Jahren.” Ich nickte und
wollte nicht wissen, ob die Vertreibung der Bewohner im Bürgerkrieg erwähnt
worden war.

„Kommst du direkt von der Arbeit?” fragte ich stattdessen, weil er nach
Essen roch.

„Ja.” Er verzog das Gesicht. „Das Jackett habe ich gewechselt, ich will ja
nicht als Werbeträger für die ’Fischerkate‚ durch die Stadt laufen. Aber das
Hemd hatte ich natürlich im Büro an. Man riecht halt, wo ich arbeite.”

„Das hätte ich nicht gedacht”, meinte ich. Soweit ich wusste, befand sich
sein Büro am anderen Ende des Gebäudes der „Fischerkate”, weit weg von der
Küche und den Speisesälen des Restaurants.

„Ach, da ist alles durchdrungen. Jeder Raum”, winkte er ab. „Und zum Schluss
war ich an der Rezeption. Da geht jeden Augenblick die Tür zum Restaurant auf,
und der Dunst zieht rüber.” Ich bedauerte meine Bemerkung, schließlich wusste
ich, wie hartnäckig der Küchengeruch selbst nach einem kurzen Besuch im Büro
meines Vaters an meiner Kleidung haftete.

„Das ist halt so”, sagte ich, woraufhin er erleichtert lächelte.

Dietmar hielt mir die Tür auf, und wir gingen durch das Foyer die breite
Treppe hinunter in einen großen Saal, wo schon zahlreiche Plätze belegt waren.
Ich sah mich um. Von einigen Studenten abgesehen schienen wir zu den jüngsten
Besuchern zu zählen. Ein wenig merkwürdig kam ich mir vor, als ich mich neben
Dietmar auf einen der Holzstühle setzte. Von zu Hause aus war ich es nicht
gewöhnt, derartige Veranstaltungen zu besuchen und selbst als Studentin hatte
ich wenig vom kulturellen Leben meines Studienortes mitbekommen. Dietmar
dagegen hatte einen Bruder am Lehrerausbildungsseminar, einen Altsprachler, der
lateinische Zitate vorbrachte, wenn er den Redefluss von Gattin und Bruder
stoppen wollte. Dietmar bekam wahrscheinlich ständig Exempel bürgerlicher
Kultur an den Kopf geworfen, weil der Herr Fachleiter sich für den
Hotelkaufmann schämte.

Im Anschluss an die Lesung drehten wir eine Runde durch die Oldenburger
Fußgängerzone. Es war den ganzen Tag schon trüb gewesen. Auch jetzt, sogar
mitten in der Stadt, hing der Dunst in weiten Höfen um die Straßenlaternen.
Dietmar legte einen Arm um meine Schultern.

„Möchtest du noch etwas trinken? Einen Cappuccino vielleicht?” fragte er,
aber ich lehnte ab. Also blieb Dietmar nur, mich direkt zu meinem Auto zu
begleiten und hinter mir her zu winken. Ich hatte den Eindruck, er hätte mich
gerne geküsst. aber so weit hatte mich meine Eifersucht auf Margo noch nicht
getrieben.

*

Er kam aus dem Imbiss, als sie das Auto auf dem Parkstreifen abstellte.

„Warum rufst du mich an? Kann ich denn nicht ein einziges Mal in Ruhe
weggehen, ohne dass du oder der Vater oder die Mutter hinter mir her
telefoniert?”

Er faltete die Arme vor der Brust. Sie stieß ihn mit beiden Händen zurück
gegen die Hauswand.

„In Ruhe weggehen? In Ruhe? Du müsstest dich mal hören. Ich hab nie Ruhe.
Sie hat nie Ruhe. Warum dann du?”

„Was soll das?” fuhr er sie an, ihre Handgelenke umklammernd. Leute sahen zu
ihnen. Er ließ sie los. „Also, was ist?” Sie richtete sich auf.

„Er war wieder an der Schule! Er hat sie angefasst! Was glaubst du, warum
ich mich aufrege? Und was tust du dagegen?”

Ihr Atem ging so heftig, dass Speicheltropfen auf sein Gesicht flogen. Er
hätte die Tropfen abwischen mögen, doch er glaubte, damit Schwäche
einzugestehen.

„Ich regle das. Das hab ich dir doch gesagt.” Sie lief rot an unter ihrem
Makeup.

„Hast du das gesagt? Oh ja, große Reden schwingen, das kannst du. Du bist
unser Bruder, du musst endlich etwas tun!”

„Halts Maul! Red nicht so mit mir, sonst setzt‚s was”, brüllte er. Sie
stürzte von ihm zum Auto. Ehe sie einstieg, spuckte sie auf den Boden.

„Versager!”

So schwungvoll setzte sie zurück, dass ein Auto gerade noch bremsen konnte.
Alleine an der Wand stand er, bewusst, dass die Leute ihn immer noch
anstarrten. Ein Kunde verließ den Imbiss, sah zu ihm, bog um die Ecke. Er fuhr
sich mit den Händen durch die Haare, zündete eine Zigarette an. Zurück in den
Imbiss zu gehen, wagte er nicht. Sie beobachteten ihn durch die Scheibe,
bestimmt taten sie das hinter den großen Werbeaufklebern. Und sie redeten.
Natürlich redeten sie. Er gab ihnen jeden Grund. Ärgerlich warf er die
Zigarette in den Rinnstein und rannte die Straße hinunter, weg von den
neugierigen Blicken.

*

Am nächsten Mittag kam ich nach einem Besuch in einer neu angemieteten
Wohnung spät ins Büro zurück. Bei „Crea. Heim und Pflege” herrschte deutliches
Freitagsfieber. Das Kundenzentrum unten an der Friedrichstraße, wo
normalerweise die in den Crea–Farben uniformierte Frau Oldieks hinter einer Schaufensterscheibe
Anrufe annahm, war schon geschlossen. Harry Meinert saß an seinem Rechner. Als
ich eintrat, nickte er mir kurz zu. Die braunmelierte Filzmatte seiner Haare
wippte einmal vor und zurück. Wie immer sah ich fasziniert zu.

„Deine Schwester hat angerufen. Du sollst nachher bei ihr vorbeisehen.” Ich
riss mich von Harrys Haaren los.

„Hat sie gesagt, warum?” fragte ich, während ich meine Unterlagen auspackte.
Die Haarmatte bewegte sich von links nach rechts und wieder nach links, dabei
lugte sie jedes Mal hinter einem Ohr hervor.

„Nö. Sie war noch bei der Arbeit.”

Ich sah auf die Zeitanzeige am Monitor. Es war noch eine Stunde im Büro
auszuharren, ehe ich zu Heidi gehen konnte. Pläne für das Wochenende hatte ich
keine. Ich merkte, dass ich bedauerte, Dietmar nicht treffen zu können, aber
der hatte Wochenenddienst. Ärgerlich rief ich den Ordner für
renovierungsbedürftige Wohnungen auf und legte eine Datei für die eben
besichtigte Wohnung an. Harry stellte mir eine Tasse Kaffee hin.

„Danke.” Er schlürfte zur Erwiderung aus seiner Tasse.

„Wann werden die Treppenlifte eingebaut?” Ich runzelte die Stirn, raschelte
mit Briefbögen im Posteingangskorb.

„In zehn Tagen.”

„Okay.” Er plumpste auf seinen Stuhl mir gegenüber. „Wieder so eine
Ehrenmordgeschichte in Bremen”, teilte er mir mit. Ich warf ihm einen Blick
durch die Lücke zwischen unseren Bildschirmen zu.

„Warum erzählst du mir das jetzt? Das ist kein Fall von apropos”, bemerkte
ich genervt und löschte meinen letzten Eintrag, den ich an der falschen Stelle
eingegeben hatte.

„Nee, eigentlich nicht. Ich frage mich nur, wann wir in Wardenburg den
ersten haben.”

„Den ersten was?” murmelte ich. Meine eigene Schrift stellte mich vor ein
Rätsel. Harry hatte mich nicht gehört.

„Gestern haben sich an der Oldenburger Straße ein Mann und eine Frau
gestritten. Bruder und Schwester.” Ich gab meine Zahlen auf und starrte ihn an.

„Bekannte von dir?” Meine Stimme klang gereizt, aber Harry beantwortete nur
meine Frage.

„Nicht wirklich. Also, ich hatte beide noch nie gesehen, wenn du es wissen
willst. Aber die Jungs im Döner–Imbiss kannten den Mann.”

Harry verbrachte seine Mittagspause immer in dem Imbiss. Wahrscheinlich
kannte die gesamte Belegschaft dort die Geschichte von seiner tragischen
Knieverletzung.

„Wir sind hier auf dem Dorf. Da kennt man sich eben”, teilte ich ihm mit und
kippte mein Notizblatt um fünfundvierzig Grad nach hinten. Sofort wurden die
Zahlen lesbar. Ich gab sie ein, dabei ärgerte mich der Gedanke, dass meine
Behauptung gar nicht so absolut zutraf. Durch die Bevölkerung Wardenburgs zogen
sich feine Grenzlinien, nicht ausschließlich bedingt durch die zahlreichen
Ortschaften. Die Grenzlinien legten fest, wer von wem wusste und von wem nicht.

Ich behauptete gern, alle Leute in meinem Alter zu kennen, weil wir alle an
der gleichen Schule gewesen waren. Deshalb kannte ich Margo Poepken, früher
Margot Onken, und auch Frido Winkler, den Sohn vom Schlachter, oder Katja
Dreesen, die Tochter vom Friseur. Ich kannte sogar Greta Muh, Beas Schwester,
die kurz in Heidis Klasse gegangen war. Aber beispielsweise Volkan Tolka kannte
ich so gut wie gar nicht. Ich wusste nicht, wo er wohnte, wer seine Geschwister
waren, was sein Vater beruflich machte oder wen er nach der Arbeit traf. Ich
hatte ihn mit zwölf Jahren vergessen und hätte eine Bekanntschaft mit ihm guten
Gewissens bestritten.

Selbstverständlich kannte nicht jeder jeden anderen persönlich, oft verlief
das Kennen über dritte Personen. Aber selbst das schien mir in Volkans Fall
nicht zuzutreffen. Ich war überzeugt, niemanden zu kennen, der ihn kannte, und
deshalb auch niemanden, der etwa diese Nilüfer vom Parkplatz der „Fischerkate”,
gekannt hätte. Wenn ich es recht bedachte, hatte ich nur Volkans Wort dafür,
dass jene junge Frau Nilüfer hieß, seine Schwester war und die
Kinderpflegeschule besuchte. Sie hätte seine Freundin sein können, eine
Schwägerin, sogar seine Bewährungshelferin, sofern er eine benötigt hätte. Der
Mann auf der Rückbank hätte ebenso gut Volkans Cousin wie ein Verlobter dieser
Nilüfer sein können. Ich wusste es nicht und konnte nur glauben, was Volkan
sagte. Und dann dachte ich, dass mein Vater nur Volkans Wort hatte, dass das
verschwundene Messer nicht in seinem Spind verschwunden war.

*

Nach der Arbeit ging ich wie bestellt zu Heidi. Die öffnete mir etwas
genervt.

„Mutti ist da. Eigentlich wollte ich mit dir über ihren Geburtstag reden,
aber jetzt ist sie hier aufgetaucht”, zischte sie mir zu.

„Dann telefonieren wir heute Abend”, entgegnete ich beruhigend.

„Geht nicht. Druschka holt mich nachher ab. Dieses Wochenende besuchen wir
einen Vetter von ihm. In Papenburg.”

„Lernst du jetzt die ganze Familie kennen?” Das klang gefährlich nach
Eheanbahnung. Heidi hob die Hände.

„Glaubst du, er lässt das, wenn ich ihn zu Oma bringe?” Unsere Großmutter
mochte eine herzensgute Frau sein, ihre weiteren Eigenschaften aber machten das
oft vergessen. Unser Vater gab zu, sie sei ein wenig schwierig. So dezent
drückten seine Töchter sich jedoch nicht aus.

„Du bist gemein”, teilte ich Heidi in ernstem Ton mit, zwinkerte ihr aber zu
und ging ins Wohnzimmer, wo unsere Mutter gemütlich bei Tee und beim Bäcker
gekauften Kuchen saß.

„Hallo, Christa.” Ich setzte mich zu ihr aufs Sofa.

„Hast du heute frei, Mutti?”

„Überstundenabbau. Das passt gut, weil die Betreuerinnen dieses Wochenende
mit den jüngeren Mädchen nach Thüle in die Jugendherberge fahren. Die älteren
können sich morgen einmal selbst versorgen, und Sonntag kocht Olga.” Olga war
die Hauswirtschafterin des Wohnheims, eine Mathematiklehrerin aus Minsk, die vor
ihrer Umschulung lange als Reinigungskraft gearbeitet hatte.

„Du solltest mehr Abstand gewinnen”, stellte Heidi in diesem tiefen Ton
fest, den sie sich angewöhnt hatte, wenn sie Reife demonstrieren wollte. Meine
Mutter lachte.

„Danke für den Tipp, Heidi.”

„Was macht Vati?” fragte die wie jedes Mal pikiert, wenn unsere Mutter
durchblicken ließ, dass ihre Töchter bei aller Lebenserfahrung jünger als sie
waren.

„Oh, Vati ist sauer.”

„Weshalb?” wollte ich wissen. Meine Mutter legte einen Löffel Sahne neben
ihr Kuchenstück.

„Bei der Arbeit kommt im Moment einiges zusammen. Ein Beikoch fällt aus.
Länger, wie es aussieht. Und eine Küchenhilfe auch. Da muss er Personal
schieben, und das ist nicht immer so einfach. Dann hat die eine Auszubildende
Probleme in der Berufsschule. Ja, und diese Sache mit dem Messer ist immer noch
nicht geklärt.”

„Ist es nirgendwo aufgetaucht?” fragte Heidi. „Die Dinger sind doch groß,
die verschwinden nicht einfach im Abfall.”

„Eben”, gab meine Mutter zurück, während sie einen Teil der Sahne auf dem
Kuchen verstrich. „Vati ist sicher, dass jemand das Messer geklaut hat. Der
Neue hat als Letzter damit gearbeitet, aber eine Küchenhilfe sollte es danach
reinigen. Die schwört, dass sie es nie gesehen hat. Und der junge Koch schwört,
dass er es mit den anderen Arbeitsgeräten zum Spülen gegeben hat.”

Sie kaute mit geschlossenen Augen einen Bissen Kuchen. „Von wegen geriebene
Zitronenschale. Aroma ist das.” Wir ignorierten diesen Kommentar. Unsere Eltern
konnten es nicht lassen, Lebensmittel und Speisen zu kritisieren. „Eigentlich
kann es nur jemand aus der Küche an sich genommen haben”, redete meine Mutter
wieder zum Thema. „Falls es nicht verlegt worden ist, was auch nicht vorkommen
sollte. Ich meine, alle Leute wissen natürlich, dass es in einer Küche Messer
gibt. Da könnte einer vom Parkplatz in die Spülküche gehen und sich ein Messer
nehmen. Aber das Risiko gesehen zu werden, ist groß. Außerdem fällt jeder auf,
der keine Küchenkleidung anhat. Oder wenigstens Dienstkleidung von der
’Fischerkate‚. Aber einer, der in der Küche arbeitet, kann so ein Messer mal
eben ins Spind wandern lassen.”

„Hat Vati die Spinde durchsuchen lassen?” fragte ich. Meine Mutter nickte.

„Ja. So eine Durchsuchung ist natürlich eine heikle Angelegenheit. Er hat
mit den Kollegen gesprochen, und alle haben zugestimmt. Jeder hat den Spind von
einem anderen durchgesehen. Aber da war kein Messer.” Sie hob die Schultern.
„Das ist das eine. Und dann macht der Neue Ärger. Hat sich mit der
Auszubildenden angelegt, sie hätte ihm nichts zu sagen. Und der Junge ist nicht
zuverlässig. Kommt öfters zu spät, weil er angeblich seine kleine Schwester
irgendwo hinbringen oder abholen musste. Oder er will früher gehen, angeblich
wegen wichtiger Termine. Diesen Freitag wollte er unbedingt mit Montag tauschen
und morgen am Sonnabend nicht arbeiten. Wegen einer Familienfeier. Vati hat ihn
entsprechend eingeteilt, weil er glaubt, er würde sich sonst krank melden. Aber
er hat deswegen schon mit dem jungen Chef gesprochen. Der Junge ist noch in der
Probezeit, und es wäre ein Wunder, wenn er die übersteht.”

Wir nickten und wandten uns anderen Themen zu.

*

Am Sonntagmorgen fragte ich Bea, ob ich zu ihr kommen könnte. Sie meinte, an
diesem Tage fänden keine Seminare statt, deshalb habe sie einen gemeinsamen
Arbeitseinsatz der Muh geplant. Wenn ich jedoch Lust hätte, im Garten zu
helfen, wäre ich willkommen. Um Gartenarbeit machte ich normalerweise einen
großen Bogen, jedenfalls wenn meine Mutter mich einspannen wollte. Ich sagte
mir aber, dass mir Bewegung an der frischen Luft nicht schaden könne. Bei
meiner Ankunft am frühen Nachmittag arbeiteten alle Muh im Garten. Bea hatte
vor kurzem eine Ladung Flanellhemden günstig erstanden, und alle Hausbewohner
trugen an diesem Nachmittag Flanellhemden zu Jeans und Arbeitsschuhen. Mich
erinnerten ihre geschorenen Köpfe an Insassen eines Arbeitslagers, wenn auch
Ketten und Eisenkugeln fehlten.

Das Grundstück der Muh war wie alle Grundstücke in dieser Siedlung ein nur
teilweise bebautes Waldareal. Kiefern bedeckten einen großen Teil der Fläche.
Ihr Duft lag vor allem im Sommer über der gesamten Anlage, und auch an diesem
Septembertag weckte ihr Harz Erinnerungen an Hustensaft. Der Verhaltenskodex
der Gemeinschaft Muh hielt Zellen und Zentren an, möglichst autark zu wirtschaften.
Die Sandkruger Muh hatten selbstverständlich einen großen Gemüsegarten
angelegt, der nun allmählich auf den Winter vorbereitet werden musste, daneben
gab es noch Obst zu ernten. Bea grub mit Trini Beete um. Offenbar hatte sie das
Mädchen bewusst von Leo getrennt, denn der arbeitete auf der anderen
Grundstücksseite.

Wie so oft in Gesellschaft der Muh vergaß ich die Zeit. Gesprochen wurde
wenig, dazwischen schimpfte Trini sich in wiederkehrenden Ausbrüchen ihren
Ärger über Schule, Mutter und Gartenarbeit von der Seele und gelegentlich gab
Bea Anweisungen. Regen und Dunst der Wochenmitte waren klarem Sonnenlicht
gewichen, und hätten die Temperaturen mitgespielt, wäre es ein angenehmer
Spätsommertag gewesen. So roch man den Herbst und spürte ihn im Nacken und an
den Fingern.

Die Sonne schien schon lange nicht mehr über die Kiefern auf das Grundstück
der Muh, als vor dem Haus jemand nach Bea rief. Die rammte den Spaten in die
Erde, klopfte die Hände an der Hose ab, reckte sich und begann den Weg um das
Tagungshaus nach vorne. An der Hausecke kam ihr Mina Muh entgegen.

„Komm schnell, Bea. Da ist jemand für dich.” Sie kicherte, verstummte aber
schnell, als Bea ihr einen ihrer offenen Blicke schenkte.

„Wenn jemand mich sprechen möchte, Mina Muh, hast du keinen Anlass, deinen
Gleichmut zu verlieren. Kichern ist ein klares Zeichen für verlorenen
Gleichmut”, fügte sie zum Nutzen aller Anwesenden hinzu. Dennoch erhob sie
keinen Einspruch, als alle, die auf dieser Seite des Hauses gearbeitet hatten,
ihr in gebührendem Abstand auf die Rasenfläche vor dem Haus folgten.

Dort standen Leo und Inna und musterten mit vorbildlich neutralem Ausdruck
den Besucher. Der Mann war mitten auf dem Weg stehengeblieben. Auch er sah sich
um, aber nur soweit wie sein gesenkter Kopf ihm erlaubte. Die Haare trug er
sehr kurz, wenn auch länger als man bei einem Muh erwarten würde. Sein Schädel
war von dunklem Haar bedeckt, Wangen und Kinn schimmerten dunkel, als hätte er
sich auch dort seit einigen Tagen nicht rasiert. Ansonsten war nichts auffällig
an seiner alten Jeans und einem schäbigen Anorak. Nur der Rucksack stach ins
Auge, denn der war groß und sichtlich vollgestopft. Von Bea kam ein leiser
Laut. Ich drehte mich zu ihr um und entdeckte etwas wie Verlegenheit um ihren
Mund, ehe sie ein sorgfältig neutrales Lächeln auflegte. Langsam ging sie auf
den Fremden zu, die übrigen Muh blieben zurück.

„Wenn ich kein Muh wäre, wäre ich jetzt stolz auf ihren beispielhaften
Gleichmut”, flüsterte jemand hinter mir. Ich drehte den Kopf. Dort stand nur
Leo. Er zwinkerte mir zu. „Sieh hin”, riet er. Ich blickte wieder nach vorne.
Bea hatte den Fremden erreicht und war stehengeblieben.

„Willkommen, Edu Muh. Möge dieses Zentrum dir Heimat sein”, sprach sie
gemessen, ehe sie ihre erdige Hand ausstreckte. Der Fremde, den sie so
angeredet hatte, fuhr sich mit der Zunge über die Lippen.

„Ich danke der Kodexwächterin”, entgegnete er mit einem deutlichen Akzent.

Die übrigen Muh traten nun etwas näher. Leo schob mich von hinten, aber er
hatte auch Trini an der Hand. Als er meinen Blick bemerkte, ließ er uns beide los.
Bea war nun Edu Muh behilflich, den Rucksack abzusetzen. Ohne seine Last wirkte
er größer. Sicher überragte er Bea um einen halben Kopf, während ich fast einen
ganzen Kopf größer als sie war. Bescheiden folgte er Bea, als sie ihn jedem
einzelnen Muh vorstellte, auch Trini und mir. Bei den anderen nickte er nur und
sagte etwas, das vermutlich bei Muh die passende Floskel war. Mich starrte er
an.

„Christa Hemmen”, wiederholte er meinen Namen. „Es ist eine unerwartete
Ehre”, teilte er mir mit, woraufhin ich schwach nickte. Es machte mich jedes
Mal verlegen, wenn ein Muh durchblicken ließ, mein Name sei ihm bekannt.

Am Ende der Reihe blieb Edu mit neuerlich gebeugtem Kopf stehen. Ich
erwartete, dass Bea die Gartenarbeit nun einstellen ließe, doch stattdessen gab
sie Anweisung zum Weiterarbeiten. Edu schloss sich unaufgefordert der Gruppe
an, die hinter dem Haus arbeitete. Mir fiel auf, wie Bea ihm beinahe ratlos
hinterher sah.

„Bea, müssen noch andere Äste abgenommen werden?” wollte Leo wissen. Sie
drehte sich langsam zu ihm um.

„Ich … ich muss den Baum sehen”, murmelte sie und ging voran, blieb aber
stehen und schickte Trini, die Leo gefolgt war, zurück, falls Edu etwas
benötigte. Unter den Bäumen warf sie nicht einmal einen Blick auf die Äste.
„Nein. Äh, Leo, ihr könnt an dieser Seite Schluss machen. Sag es auch Mina und
geh mit ihr in die Küche. Wir essen, sobald ihr fertig seid.” Sie stand einen
Moment still da, murmelte dann etwas von einer E–Mail und ging ins Haus.

Ich half Leo und Mina beim Aufsammeln der abgesägten Äste. „Wie findet
jemand aus der Welt Edu Muh?” erkundigte sich Leo.

Mina sah mich von der Seite an. Ich zögerte. Meine Vorstellungen von
männlicher Schönheit waren andere, aber ich dachte, ich sollte Leo nicht ins
Gesicht sagen, dass ich Muh–Männer nicht sonderlich attraktiv fand.

„Irgendwie …”, begann ich und suchte nach einem Ende für den Satz.
„Irgendwie sieht er nicht so aus wie ihr”, teilte ich ihm mit. Mina richtete
sich halb auf. Inna, die gerade mit einer Schubkarre zurückgekommen war, blieb
neben ihm stehen. Leo ignorierte die beiden.

„Ich stimme dir zu, Christa Hemmen. Vielleicht habe ich eine Antwort. Meines
Wissens hat er in der Welt gelebt.”

„Ich dachte, alle Muh rasieren sich. Also die Männer. Im Gesicht.” Ich
stotterte. Inna und Mina lächelten leise und nahmen ihre Arbeit wieder auf. Leo
sah mich milde an.

„Bärte wachsen, Christa Hemmen”, informierte er mich ohne jede Spur von
Ironie. Ich war entwaffnet, wie man nur durch ein Gespräch mit einem Muh
entwaffnet werden konnte.

„Das wird es sein”, murmelte ich und folgte ihm zum Holzstapel hinter dem
Haus.

Nach dem Duschen im gemeinschaftlichen Bad der Frauen klopfte ich an Beas
offene Bürotür. Mein Rucksack stand in ihrem Büro und darin befand sich ein
sauberer Pullover. Bea saß noch in ihrer Arbeitskleidung am Schreibtisch. Der
Computer lief, aber sie hatte das Kinn in die Hand gestützt und sah mich müde
an.

„Alles klar?” fragte ich besorgt. Sie nickte und richtete sich auf.

„Ja. Ich habe nur nicht erwartet, dass er jetzt schon hierher geschickt
wird. In Anbetracht der Tatsache, dass er hier mitarbeiten soll, war das
vielleicht naheliegend und auch klug entschieden. Nichtsdestoweniger ist es
früh.”

„Was bedeutet das? Sollt ihr jetzt gleich heiraten?” fragte ich, denn ich
sah keinen anderen Grund, weshalb der Kodexmeister Beas Zugewiesenen
herschicken sollte. Bea schüttelte den Kopf.

„In der Welt gibt es Verlöbnisse. Muh fanden sich in Zeiten zusammen, in
denen ihnen das Recht auf Aufenthalt streitig gemacht wurde. Die Verlöbnisse
mussten umgedeutet werden, denn … Es klingt drastisch, ich weiß, Christa! Wenn
der heiratswillige Mann von der jeweiligen Militärpolizei nach Belgien oder
Preußen verschleppt wurde, blieb die Verlobte oft unversorgt zurück. Oft hatten
diese Frauen nämlich die Unterstützung ihrer Angehörigen aufgegeben. Die
Gemeinschaft Muh gab sie einem anwesenden Mann in eheliche Fürsorge. So hielt
man es auch während der Kriege und der deutschen Okkupation. Es galt: Wer da
ist, heiratet. Wer nicht da ist, ist meist längst tot. Darum geht heutzutage
der Muh, der laut Beschluss des Kodexmeisters oder des belgischen
Generalleiters seine Zelle oder sein Zentrum verlassen muss, probeweise zum
zugewiesenen Muh. Also kommt Edu Muh hierher, weil ich hier als unabkömmlich
erachtet werde. Aber ich habe ihn erst in ein paar Wochen erwartet. Ich hatte
auch keine Nachricht, die mir die Entscheidung mitgeteilt hätte. Ich habe jetzt
nachgefragt, und der Kodexmeister wusste ebenfalls nichts davon und wird sich
erkundigen.”

„Ja, dann”, murmelte ich. Die Heiratspolitik der Muh war verwirrend wie die
der Aristokratie im Mittelalter. Bea seufzte.

„Ich muss ihm einen Schlafplatz im Männerraum zuweisen. Und dann ziehe ich
mich um.” Sie blieb an der Tür stehen. „Ist Trini immer noch hier?” Ich hob die
Schultern.

„Wahrscheinlich.”

„Ja, wahrscheinlich. Christa, bitte, bleib zum Essen und zur Sammlung. Ich
fürchte, heute benötigte ich deine Außensicht.”

Ich wartete in Beas Büro. An einer Seite gab es eine normale Tür zum Flur,
an der anderen einen Durchgang zur Teeküche, wo auch die Getränke für die
Seminarräume auf dieser Etage vorbereitet wurden. Der Vorhang zu dieser kleinen
Küche war beiseitegeschoben, in der Teeküche brannte jedoch kein Licht.
Eingerichtet war Beas Büro wie jedes Büro. Das Fenster blickte hinaus auf den
Wald und zeigte nur wenig außer Kiefern und Himmel. Ungefärbte Leinenvorhänge
hingen beidseitig vor dem Holzrahmen. Auf dem Boden lag kein Teppich, an den
Wänden hing kein Bild. Persönlicher Schnickschnack, wie er in den meisten Büros
zwischen dem gestellten Mobiliar wächst, war nirgends zu sehen. Ich trat an das
Fenster. Ein Rasenstreifen verlief zwischen dem Haus und den ersten Bäumen.
Davor schimmerten Dahlien gelb und rot in der Dämmerung.

Bea stellte sich neben mich. Sie war nun ebenfalls umgezogen und trug ein
weißes Hemd zur Jeans, fast wie ein kleiner Junge auf einem Familienfest.

„Es steht mir nicht zu, Entscheidungen des Kodexmeisters zu kritisieren. Das
weiß ich, Christa. Aber als Kodexwächterin darf ich mich nicht auf bedingungslosen
Gehorsam berufen. Ich trage die Verantwortung für die Muh hier im Zentrum, für
die mir unterstellten Muh in der Welt und für dieses Tagungshaus, welches eine
finanzielle Investition der Gemeinschaft verkörpert. Jetzt soll ich einen Muh
führen, der das kaum gewöhnt ist und von dem mir gesagt wurde, dass er Regeln
nicht anerkennt. Ich bin im Zweifel, ob meine Erfahrung ausreicht. Und meine
Geduld.”

Das waren unerwartete Worte, doch Bea hatte öfters angedeutet, ihre Geduld
sei nicht hinreichend geschult worden. Das, was ich als Entscheidungsstärke
deutete, wäre möglicherweise mangelnde Geduld im Mantel von Spontanität.

„Es ist doch eine Art Probezeit, oder? Du kannst ihn wieder zurücksenden,
nicht?” Bea nickte kaum merklich.

„Das kann ich. Vielmehr könnte jede andere Muh das tun. Aber ich bin
Kodexwächterin eines Zentrums. Ist es nicht Verrat an dem großen Vertrauen der
Gemeinschaft in meine Fähigkeiten, wenn ich einen Muh nicht in eheliche
Fürsorge nehmen will, weil er sich bei anderen als schwierig erwiesen hat?”

„Vielleicht”, gab ich zu. „Aber musst du dich und eventuell auch den Erfolg
deiner Arbeit mit den anderen Muh hier opfern, weil dir jemand zugewiesen
wurde, der nicht zu dir und auch nicht zu den anderen Muh in deinem Zentrum
passt?”

„Das”, seufzte Bea, „überlege ich, seit ich ihn getroffen habe.”

Ich wollte gerade fragen, was Edu Muh so schwierig machte, als eine Glocke
klingelte. Wir gingen in das Refektorium neben der Küche. Ein langer Tisch mit
Bänken zu beiden Seiten wurde von zwei Hängelampen beleuchtet. Muh standen in
Grüppchen zusammen oder saßen bereits am Tisch, während Leo Teller verteilte.
Edu Muh stand abseits am Fenster und betrachtete seine künftigen
Lebensgefährten. Aus seinem Blick ließ sich nichts lesen. Er hatte geduscht und
sich an Schädel und Gesicht rasiert. In seinem weißen Hemd und den Jeans sah er
aus wie Beas großer Bruder, aber so sahen alle männlichen Muh aus und, offen
gesagt, auch die weiblichen. Trini befand sich nicht im Raum, anscheinend war
sie nach Hause geschickt worden.

Bea ging zu Edu. Ich sah, wie sie zu ihm sprach und er mit gebeugtem Kopf
vor ihr stand. Eine demütige Haltung ist schwierig anzunehmen, wenn man die
Autorität überragt. In Edus Fall sah die Demut angestrengt aus. Immer noch mit
gesenktem Kopf folgte er Bea zu mir an den Tisch. Sie bat mich, bei ihm zu
bleiben, während sie als Kodexwächterin am Kopfende der Tafel auf einen Hocker
Platz nähme. Unterdessen brachten Mina und Leo gefüllte Schüsseln und Platten,
während ein weiterer Muh die Gläser mit Wasser füllte. Als alle bei Tisch saßen
und es ruhig geworden war, erhob sich Bea.

„Als Gast isst Christa Hemmen mit uns”, verkündete sie, was mittlerweile
nichts Ungewöhnliches mehr war. „Ich begrüße nochmals Edu Muh in unserer Mitte.
Dies ist seine erste Mahlzeit an unserem Tisch. Gedenken wir der Gaben darauf
in Dankbarkeit und Bescheidenheit.” Sie nahm wieder Platz. „Guten Appetit.”

Der Wunsch der übrigen Muh ging in Schnattern und Scheppern unter. Jedes Mal
fühlte ich mich wie auf Klassenfahrt. Muh mochten bescheiden und demütig
auftreten, beim Essen griffen sie zu und unterhielten sich laut dabei. Ihre
Kodexwächterin saß isoliert am Kopfende und aß schweigend. Sie als einzige
musste demütig fragen, wenn sie etwas aus den Schüsseln nehmen wollte, die ansonsten
frei kreisten. Dankbar nahm ich von Leo das Gemüse, tat mir auf und reichte es
an Edu weiter.

„Wie bist du hierhergekommen?” fragte ich ihn. Er sah bei seiner Antwort
nicht auf.

„Mit dem Fahrrad bin ich nach Verviers zum Zentrum der Muh gefahren. Zu
dessen Bereich gehört die Schmiede meiner Familie. Der Kodexwächter dort hat
mich dann mit dem Auto zum Bahnhof nach Aachen gebracht. Dann bin ich mit zwei
Wochenendtickets im Zug bis Oldenburg gefahren und von da zu Fuß gegangen.” Die
umständliche Anreise erklärte vermutlich sein unrasiertes Auftauchen.

„Wie lange warst du unterwegs?” fragte ich. Er überlegte.

„Vorgestern Mittag bin ich zu Hause losgefahren. Zwischen zwei Uhr und fünf
Uhr fahren keine Züge.”

„Was hast du in der Zeit gemacht?” erkundigte sich Leo über mich hinweg. Edu
beugte sich tief über seinen Teller.

„Ich bin herumgegangen. Es war zu kalt, um vor dem Bahnhof zu sitzen.” Leo
bemühte sich nicht um ein bescheidenes Verbergen seiner Verwunderung.

„Und da gab es kein Zentrum und auch keinen Muh in der Welt, wo du hättest
bleiben können?” Edu zuckte mit den Schultern.

„Keine Ahnung, wo diese Bahnhöfe waren. Irgendwo auf dem Land. Der
Kodexwächter hatte keine deutschen Kontaktadressen, und der Akku meines Handys
war leer. Außerdem hatte ich nur eine belgische Karte drin und da war nicht
genug Geld drauf, um in Deutschland zu telefonieren. Drei Stunden ist nicht so
lange. Da brauchte kein Muh mitten in der Nacht aufzubrechen, um mich
abzuholen. Ich wollte mich nicht aufdrängen.”

Einige Muh nickten, ebenso Leo, der für einen Moment so aussah, als wollte
er widersprechen. Auch hatte ich den Eindruck, Bea, die in Hörweite saß,
blickte missbilligend auf ihren Fenchelauflauf. Muh sollten stets erreichbar
sein, deshalb trugen alle immer ein Handy mit sich herum. Wer Muh war,
benötigte kein Privatleben. Er lebte in und für die Gemeinschaft, konnte
nötigenfalls jeden anderen Muh ansprechen und stand für alle anderen Muh
bereit. Es mochte ein Zeichen für Bescheidenheit sein, alleine und zu Fuß durch
unbekannte und einsame Gegenden zu wandern, es wäre jedoch nicht notwendig
gewesen.

„Wo kommst du denn ursprünglich her?” fragte ich weiter. Edu warf einen
raschen Blick auf mein rechtes Ohrläppchen.

„Aus Belgien, Christa Hemmen. Aus der Nähe von Bastogne. Meine Familie ist
eine Zelle in der Welt. Der Kodexwächter vom Zentrum in Verviers führt uns. Wir
sprechen in der Familie meistens Französisch. Der Tradition folgend übt mein
Vater das Handwerk des Hufschmieds aus. Ebenso meine Mutter und die
Schwestern.”

Die Muh nahe uns hörten aufmerksam zu. Edu sprach mit Akzent, aber fließend,
als sei er es gewöhnt, sich auf Deutsch zu verständigen. Niemand fragte, ob er
auch Hufschmied sei oder wo er so gut Deutsch gelernt habe, aber vielleicht
hatte Bea diese Informationen über den Neuzugang im Vorfeld bekanntgegeben, um
ihn vor neugierigen Fragen wie meinen zu bewahren.

Nach dem Essen, als alle Muh zu der meditativen Übung, der Sammlung,
zusammenkamen, kniete ich abseits auf einem Stück Teppich, während die anderen
auf den blanken Holzbohlen knieten. Edu war keine Position zugewiesen worden.
Er hatte sich eine Stelle am Rande des Raumes ausgesucht, beinahe ebenso
abseits wie ich. Auf mich wirkte seine Haltung verkrampft, als wäre er nicht
geübt im Knien oder in der Sammlung, und seine Augäpfel unter den gesenkten
Lidern kamen nicht zur Ruhe.

*

Der Platz vor dem Haus war beinahe unverändert. Nur die Bäume hatten Laub
verloren, das der Wind raschelnd in den Ecken zusammenwirbelte. Unter ihren
Füßen knirschten Sand und die harten Körbchen der Eicheln.

Es waren entschlossene Schritte. Jeder sollte das denken, sie selbst machte
sich mit der Vorstellung Mut. Entschlossen würde sie auch klingeln,
entschlossen sagen, was zu sagen sie gekommen war.

Ehe sie die Tür erreicht hatte, öffnete die sich von innen. Zwei ältere
Frauen traten heraus. Die eine schloss die Tür von außen ab, die andere
betrachtete die junge Frau argwöhnisch.

„Was willst du hier? Kommst du wegen der Anzeige? Die Stelle ist weg. Heute
Morgen hat der Chef jemand eingestellt.” Die junge Frau schüttelte den Kopf,
während ihre Entschlossenheit zu Besorgnis zerrann.

„Nein. Ich meine, ist der Chef noch da?” Die Frau mit dem Schlüssel war zu
ihrer Kollegin getreten.

„Was geht dich das an?” Die Brillengläser an zwei vergoldeten Kettchen
blitzten im Sonnenlicht.

Die junge Frau ging zurück zu ihrem Auto, nun weit weniger entschlossen, auf
der Suche nach einer Alternative. Sie hatte sich alles zu einfach vorgestellt.
Als sie zurück zur Straße fuhr, sah sie im Rückspiegel die Autos der beiden
Frauen auf der kleinen Querstraße nach Norden abbiegen. Von Süden näherte sich
ein anderes Fahrzeug. Es hielt am Straßenrand. Die junge Frau hielt ebenfalls
an. Der andere Fahrer war ausgestiegen. Auch sie stieg aus.

„Was für ein Zufall. Wolltest du zu mir kommen? Tut mir leid, Schätzchen,
aber heute habe ich keine Lust auf dich.” Er lächelte und produzierte mit den
Lippen ein Geräusch, von dem ihr übel wurde.

„Ich wollte nicht zu dir”, brachte sie heraus, um Entschlossenheit flehend.
„Aber wenn du sie nicht in Ruhe lässt, komme ich wieder, wenn deine Familie da
ist. Dann sage ich allen, was du getan hast.”

Das Auto hinter ihr hielt sie aufrecht. Sie verlagerte ihr Gewicht von den
Knien gegen den Kotflügel und begegnete seinem Blick. Da war Panik, die kannte
sie bei ihm. Vor seinem Vater hatte er Angst. Aus der Panik strahlte eine
andere Empfindung.

„Das wagst du nicht.” Sie schluckte.

„Doch.”

Er beugte sich vor, bis sie die Äderchen in seinen Augen sehen konnte.

„Ich könnte auch deine Familie besuchen, Schätzchen. Was würden deine Eltern
sagen, wenn sie wüssten, was ihre Töchter getrieben haben? Dass sie sich
rumtreiben und von Männern anfassen lassen? Und was würden deine Eltern tun,
wenn sie wüssten, dass dein Bruder das einfach zulässt? Da würde dein Vater
doch etwas unternehmen wollen. Oder sein Onkel, der große Macker aus Bremen.
Oder ein anderer von deinen tausend Onkeln. Oder einer deiner Cousins, die alle
hinter dir her sind, weil du so ein süßes Flittchen bist und sie glauben, sie
hätten dich dann für sich. Oh je, wir alle wissen, was mit schlimmen Mädchen
passiert, nicht?”

Sie starrten einander an. Ein Auto näherte sich. Er trat zur Seite, sie
blieb stehen, ließ sich den Staub ins Gesicht blasen. Der fremde Kotflügel streifte
ihren Oberschenkel, der Fahrer machte ein obszönes Zeichen, ehe er wieder
beschleunigte. Als sie von dem sich entfernenden Fahrzeug zu ihm sah, war er in
seinen Wagen gestiegen.

„Du wagst es nicht, Schätzchen, mich vor meinen Leuten bloßzustellen. Und
wenn du es tust, rede ich mit deinen Leuten. Für mich, meine Kleine, hat das
alles überhaupt keine Folgen. Aber für dich und deine arme kleine Schwester, um
die du so besorgt bist? Lass es nicht darauf ankommen.” Er startete und fuhr
davon.

4. Kapitel  —  Wardenburger Woche

Seit ich ganz alleine wohnte, hörte ich während des Frühstücks Radio. So
waren immer ein paar vertraute Stimmen um mich, die mich sanft wachredeten. An
diesem Montag erfuhr ich von einer emotional engagierten Sprecherin, am
Sonnabend sei eine türkischstämmige Schülerin aus dem Landkreis Oldenburg von
der Polizei in Bremen vor einer Zwangsverheiratung gerettet worden. Ich musste
an Harrys Bemerkung über Ehrenmorde denken, ließ mich aber nicht von meiner
zweiten Scheibe Brot abhalten. Später fuhr ich nach Ahlhorn, zwanzig Kilometer
südlich von Wardenburg, wo „Crea. Heim und Pflege” ein Mehrfamilienhaus gekauft
hatte und zu behindertengerechten Wohnungen ausbaute. Ich traf den Architekten,
ließ mir den Stand der Baumaßnahmen zeigen und fuhr wieder nach Wardenburg.

Den Radionachrichten entnahm ich unterwegs, was mittlerweile zu der
verhinderten Zwangsheirat an die Öffentlichkeit gedrungen war. Offenbar hatte
eine aufmerksame Lehrerin das betreffende Mädchen schon vor den Sommerferien
wegen einer Verhaltensänderung beobachtet. Nachdem sie einen Türkischkurs für
Lehrer besucht habe, zu dessen Themenschwerpunkten unter anderem Zwangsehen
gehört hatten, habe die Lehrerin bewusst Gespräche dieser Schülerin und ihrer
Freundinnen verfolgt. So habe sie am Freitag, als das Mädchen im Unterricht
fehlte, erfahren, dass in Bremen eine Hochzeit geplant gewesen sei. Daraufhin
habe die engagierte Pädagogin die Polizei verständigt. Am Sonnabendnachmittag
sei ein Haus im Bremer Stadtteil Walle gestürmt worden, wo tatsächlich über
hundert Personen zu einer Hochzeit versammelt gewesen waren. Das Mädchen wurde
dem Jugendamt übergeben, der Vater des Mädchens, der Bruder, der Bräutigam
sowie einige andere Männer seien verhaftet worden. Es folgte ein Interview mit
der Geschäftsführerin der Bildungseinrichtung, die auf Spiekeroog, in Braunlage
und in Soltau Türkischkurse speziell für Lehrer anbot. Mich erinnerte das
Interview an mein vorheriges Gespräch mit dem Architekten und daran, dass ich
eigentlich eine Fortbildung in Baurecht benötigte.

Nach der Arbeit traf ich Heidi in deren Wohnung zu der verschobenen
Geburtstagsplanungssitzung. Während ihres Besuchs in Papenburg hatte Heidi in
Begleitung von Andrej und dessen Vetter eine Werftbesichtigung absolviert,
wodurch ihre Stimmung dauerhaft beeinträchtigt worden war.

„Ich stelle ihn jetzt unserer Oma vor”, drohte sie mehrfach.

Ich unternahm keinen Versuch, ihr dies auszureden. Früher oder später würden
Oma und Andrej aufeinandertreffen. Ich glaubte nicht, dass ein Mann wie Andrej
durch eine Frau wie Oma von Heiratsplänen abgeschreckt werden könnte. Es
erleichterte ihn vielleicht sogar festzustellen, dass Hemmen–Frauen nicht alle
patent und wohlgebügelt durchs Leben schritten.

Wieder zu Hause rief mich meine Mutter an. Mein Vater war gezwungen, zwei
Schichten zu arbeiten, weil Volkan sich krank gemeldet hatte.

„Das scheint mir ein Früchtchen zu sein”, sagte sie düster, als ob sie
fürchtete, die paar Monate in der gleichen Klasse könnten im Nachhinein
ähnliche Verhaltensweisen bei mir auslösen.

„Hast du diesen Schwager von der Margot am Wochenende getroffen?” erkundigte
sich meine Mutter dann. Sie ignorierte konsequent meine Hinweise, Margot heiße
jetzt Margo, wie der Rotwein. Den Affront überging ich, seit sie darauf
hingewiesen hatte, der Wein schreibe sich französisch korrekt Margaux. Die
Aussprache dieses Worts könne ein Norddeutscher eigentlich nicht wissen und
müsse es daher mitsamt dem X sprechen.

„Nö, er hatte Dienst. Ich fahre aber nachher zu ihm”, beantwortete ich nur ihre
Frage. Meine Mutter fragte in der letzten Zeit oft nach Dietmar. Sie schöpfte
aus jedem Treffen Hoffnung, mich doch noch unter die Haube zu bringen. Auch
jetzt klang ein Seufzer der Erleichterung durchs Telefon.

„Und was hast du am Wochenende gemacht? Warst du bei Bea?” Vor Jahren war
meine Mutter Bea auf Sichtweite nahegekommen, aber sie hatte nie mit ihr
gesprochen. Was Muh taten, wie sie lebten und dachten, wusste sie
ausschließlich durch mich. Ich verstand nicht, wieso sie, wenn sie wirklich so
besorgt um mich war, sich kein eigenes Bild von der Gefahrenlage machen wollte.
Stattdessen bekam sie nur diese besondere Stimme, aus der bei jedem Ton Skepsis
tropfte, und fragte, was wir getan hätten. Ausgerechnet sie, die bei spontanen
Besuchen schon einmal den Kuchen in der Küche ihrer Freundin backte, ahnte
Gefahr aus gemeinsamer Gartenarbeit.

„Pass auf dich auf, Christa. Erzähl denen nicht zu viel von dir.”

„Aber Mutti …”

„Nachher verliebst du dich noch in einen von diesen Kahlköpfigen und
rasierst dir auch die Haare ab.”

„Aber Mutti, du weißt doch, dass Muh nach Liste verheiratet werden. Bea soll
jetzt übrigens heiraten. Gestern ist ihr Zugewiesener angekommen.”
Erstaunlicherweise erleichterte die Nachricht meine Mutter.

„Dann wird sie ja erst mal beschäftigt sein. Also, du siehst heute Abend
bestimmt auch die Margot. Viele Grüße.”

*

Selbstverständlich sah ich am Abend Margo. Als ich in den Hof der Poepkens
fuhr, kam Berthold Poepken gerade aus dem Haus.

„Ah, Christa. Wie geht es Ihnen? Margo ist in der Küche, gehen Sie gleich
durch zu ihr.” Ich machte eine Bemerkung darüber, dass das Maisfeld zu einer
Seite des Hauses abgeerntet worden war. „Ja, in ein paar Wochen haben wir
wieder freie Sicht.” Er winkte mir zu und stieg in seinen überdimensionierten
Geländewagen, dessen Anblick bei schmaleren Rädern hätte vermuten lassen
können, die Poepkens lebten in der unzugänglichsten Wildnis.

Ich betrat das Haus und suchte mir den Weg in die Küche, wo Margo gerade die
Spülmaschine startete. Eugenia würde, wenn sie am Morgen rechtzeitig für das
Frühstück einträfe, das saubere Geschirr ausräumen. Wir umarmten uns und
hauchten Küsse hinter unsere Ohrläppchen. Margo hatte ihr Bankerinnenkostüm
gegen ein Strickkleid eingetauscht. Jede Welle ihres Körpers, auch Slip und BH,
zeichnete sich darunter ab. In früheren Zeiten als Margot Onken hatte sie ihre
Kleidung umspielend statt betonend ausgewählt.

„Hallo, Liebes. Dietmar kommt gleich. Robin und er besprechen etwas im
Arbeitszimmer.”

Ich fragte natürlich nicht, was die Brüder zu besprechen hätten, aber die
Falte zwischen Margos Brauen ließ eine gewisse Anspannung vermuten. Wir gingen
ins Wohnzimmer, wo der Kaminofen brannte.

„Nein, darüber kann ich nicht hinwegsehen. Sieh zu, wie du damit klarkommst.
Dann sehen wir weiter”, hörte man Robin im Flur sagen.

Er kam ins Wohnzimmer. Bei meinem Anblick schaltete er sein Gastgebergesicht
an, lächelte, entschuldigte sich dafür, dass er Dietmar zurückgehalten habe,
und entschuldigte sich gleich selbst, denn er müsse noch arbeiten. Damit zog er
sich zurück, ohne ein Wort an seine Frau gerichtet zu haben. Kaum war Robin
durch die eine Tür aus dem L–förmigen Raum hinausgegangen, betrat ihn Dietmar
durch die andere.

„Christa!” Ehe ich mich versah, hatte er mich in den Arm genommen und meine
Wange mit seinen Lippen gestreift.

Das hatte er noch nie getan, und wenn es mir auch nicht unangenehm war,
hätte ich es doch vorgezogen, wenn er mir die Wahl gelassen hätte. Als er mich
losließ, bemerkte ich aus den Augenwinkeln Margos angespannten Mund. Im
nächsten Moment strahlte sie über das ganze Gesicht und bot uns Knabbereien an.
Ich lehnte ab. Margo sank in einen Ledersessel und nahm dort eine Haltung an,
aus der man lesen durfte, dass sie vorhatte, in diesem Sessel notfalls den
gesamten Abend zu verbringen. Dietmar musterte sie kurz, sagte aber nichts. Mir
schien, ihre Anwesenheit störte ihn, denn immer wieder warf er dunkle Blicke in
ihre Richtung.

Vielleicht war seine Unterredung mit Robin nicht harmonisch verlaufen.
Dietmar brauchte fast eine Viertelstunde, bis seine Stimmung sich aufhellte,
dann jedoch war er aufgekratzter, als ich ihn kannte. Nach ein paar amüsanten
Geschichten über Hotelgäste sah er mich an.

„Bei deinem Vater in der Küche war heute dicke Luft.”

„Das kann ich mir vorstellen”, erwiderte ich. „Meine Mutter hat mir erzählt,
dass er zwei Schichten arbeiten musste.” Dietmar hüpfte beinahe in seinem
Sessel.

„Oh, er war stinksauer. Zweimal war er beim jungen Chef wegen dem neuen
Koch. Der fliegt, haha. Ist doch noch in der Probezeit. Aber mal im Ernst. Der
ganze Ärger kommt von dieser Sozialromantik. Diese Leute sind faul und bringen
es nicht unter Druck. Ich bin nicht der einzige, der das sagt. Vater Staat
wirft unsere Steuergelder raus, um solche Typen für einen Beruf zu qualifizieren.
Aber im Kern, tief im Kern ihres Wesens, verstehst du, Christa, sind sie nicht
für so etwas geeignet. Keine Disziplin. Kein Durchhaltevermögen.” Er leerte
sein Glas Mineralwasser.

„So verallgemeinernd kannst du das nicht sagen”, wandte ich ein. „Dann könnte
man auch behaupten, Ostfriesen wären wirklich so blöd, wie sie in den Witzen
dargestellt werden.”

„Das ist nicht zu vergleichen, Christa”, meldete sich nun Margo zu Wort.
„Ostfriesenwitze sind vielleicht ein bisschen gemein, aber in gewisser Weise
auch ein Kompliment. Denk doch an die Bayern. Da ist es auch so. Jeder weiß,
dass das Witze sind. Die Schwaben werben sogar für ihr Land, indem sie von sich
behaupten, sie könnten kein Hochdeutsch. Aber bei Typen wie diesem Türken in
der ’Fischerkate‚, was sich so Koch nennt, da sieht man einfach, dass es
stimmt. Heute erst war da wieder so etwas in den Nachrichten. Da hat die
Polizei in Berlin – oder war es Frankfurt? – ein Mädchen vor einer Zwangsheirat
retten müssen. Also, das ist doch wirklich dreist. Einmal, wenn sie so mit
ihren Mädchen umgehen, und dann muss unsere Polizei einschreiten. Die müssten
die Kosten dafür tragen. Wie die Demonstranten gegen die Atomtransporte. Wer
Ärger macht, muss zahlen.”

„Du meinst Atommülltransporte, Margo. Abgebrannte Brennstäbe und so’n Zeug”,
sagte Dietmar und zwinkerte mir zu.

„Aber es kann doch nicht so weit gehen, dass man für die Polizei bezahlen
muss”, wandte ich ein. „Ich meine, immerhin bezahlen wir Steuern, damit die
Polizei einsatzbereit ist.”

„Schutzgeld”, warf Dietmar ein und lachte. Margo zuckte mit den Schultern.
Sie wusste seine Bemerkung offensichtlich nicht zu deuten.

„Wenn die sich an Schienen ketten und dann freigeschnitten werden müssen,
sollen die zahlen. Und wer sich nicht an unsere Gesetze hält, kann gehen. Wir
haben in diesem Land schon genug Sozialgesocks”, meinte sie und zupfte an einem
BH–Träger, der ihr in den Ausschnitt gerutscht war. „Die lassen sich von uns
aushalten und nehmen uns die Arbeitsplätze weg.” Wir sahen sie an, Dietmar
beinahe strahlend, ich peinlich berührt. Er drehte sich zu mir um, als wollte
er seiner Schwägerin die kalte Schulter zeigen.

„Diese Zwangsehen werden nur aufgeblasen, da stimme ich Christa zu”,
erklärte er in neuem Ernst. Ehe ich sagen konnte, dass ich das nie behauptet
hatte und auch gar nicht dieser Ansicht war, sprach er weiter. „Es ist doch
klar, dass sie die Mädchen jung haben wollen. Das versteht jeder Mann, Margo.”
Er nickte ihr über die Schulter zu, drehte den Kopf aber nicht soweit, dass er
sie ansehen konnte. Mir dagegen sah er tief in die Augen. „Aber hier auf unsere
Kosten zu leben, das geht nicht. Das können wir uns nicht unendlich gefallen
lassen. Wer nicht zahlen kann, muss gehen. Im Restaurant ist das genauso.”

„Apropos Restaurant. Dietmar, ich habe für Bertholds Feier Hummer bestellt.
Kann der bei euch in der Küche zubereitet werden? Eugenia behauptet, diese
Mengen könnte sie in unserer Küche nicht bewältigen”, brachte Margo sich wieder
ins Gespräch. Dietmar nickte.

„Ich frage mal Ted Frölje, aber das müsste gehen. Eugenia drückt sich nur,
Margo. Die tut immer so, als hätte sie hier viel zu tun. Das ist auch so eine
Kandidatin. So eine will Deutsche sein.” Margo seufzte.

„Was dann alles an mir hängen bleibt.”

„Eben. Faules Polenpack. Aber deutsche Frauen findet man nicht mehr, die
sich ehrlich ihr Geld verdienen wollen. Glücklicherweise ist Christas Papa
flexibel.” Nun richtete sich Margo auf.

„Oh, Christa, ehe ich es wieder vergesse. Berthold sagt, du musst unbedingt
auch kommen.” Sie hatte sich vorgebeugt und sah mich über den niedrigen Tisch
hinweg aus großen Augen an.

„Wohin?” fragte ich irritiert. Es brachte mich immer aus dem Gleichgewicht,
wenn über meine Eltern in ihren beruflichen Zusammenhängen gesprochen wurde.
Nach Absprache mit dem Inhaber der „Fischerkate”, jenem Ted Frölje, bereitete
mein Vater gelegentlich Gerichte für private Feiern vor. Meist nahm er einen
Auszubildenden hinzu, der dann diese Extraaufgaben als Prüfungsvorbereitung
kochte. Ihn in seiner Küche als Partyservice zu benutzen, fand ich unverschämt,
auch in Hinblick auf den Chef, der bisher mit solchen Anfragen großzügig
umgegangen war.

Margo hatte bei meinem Unterton gestutzt und den Mund schon zu einer
Erwiderung geöffnet. Als Dietmar plötzlich einen Arm um mich legte, presste sie
die Lippen jedoch aufeinander und ließ sich gegen das Polster in ihrem Rücken
fallen.

„Mein Vater wird fünfundsiebzig. Natürlich kommst du auch, Christa. Er hat
extra nach dir gefragt. Er mag dich. Nun zier dich nicht. Bitte, sag ja,
Christa.” Der thematische Schwenk war zu unerwartet gekommen, dazu diese halbe
Umarmung. In mir war noch alles wegen der Inanspruchnahme der Dienste meines
Vaters gesträubt, nun sah Dietmar mich flehentlich an. „Ich geh auch auf die
Knie für dich. Wenn du nur ja sagst.” Margo in ihrem Sessel schnaubte unfein.
Ich streifte seine rechte Hand von meiner Schulter und fand die Linke auf
meinem Knie. Auch die schob ich weg.

„Bitte, Christa. Berthold möchte es wirklich gern”, warf Margo ein. Ich sah
zu ihr hin. Sie hatte sich wieder aufgesetzt und lächelte süßlich.

„Meinetwegen. Vielen Dank.”

„Toll! Was bin ich für ein Glückspilz!” Dietmar triumphierte seine
Schwägerin an. Ich schüttelte den Kopf und nahm Zuflucht hinter meinem Glas.
Als ich eine halbe Stunde später aufbrach, begleitete Dietmar mich zu meinem
Wagen.

„Margo denkt, ich mache dich ihr abspenstig”, sagte er, nachdem er für mich
die Fahrertür geöffnet hatte.

„Ist es nicht eher so, dass ich dich ihr abspenstig mache?” fragte ich durch
die Kohlensäure des Mineralwassers ermutigt. Dietmar zog die Brauen hoch.

„Meinst du wirklich? Nun, vielleicht, ganz vielleicht ist es so.” Er
lächelte, und in mir war dieses schäbige Gefühl, über Margos eindeutigere Reize
triumphiert zu haben. Als er mich küsste, schob ich ihn nicht zurück. Es war so
lange her, seit ich zuletzt geküsst hatte. „Ich rufe dich morgen an”, flüsterte
er mir zu, ehe er fürsorglich die Fahrertür schloss.

In plötzlicher Ernüchterung fuhr ich über die unbefestigte Auffahrt zur
gepflasterten Straße. Auf der rechten Seite wisperte der hochstehende Mais,
links lagen die abgeernteten Stoppeln im Licht des Halbmondes wie die Miniatur
eines gerodeten Regenwaldes. Während die Erinnerung an Dietmars Händen auf
meiner Haut abkühlte, fragte ich mich, ob ich jetzt den offiziellen Status
einer Freundin erhalten hatte und was dieser Status mir Wert sein sollte.

*

In der Teeküche von „Crea. Heim und Pflege” lag am Dienstag eine herrenlose
Zeitung. Während ich darauf wartete, dass der Kaffee durchlief, überflog ich
den Artikel über die verhinderte Zwangsheirat. Die sechzehnjährige Braut
stammte aus dem Landkreis Oldenburg. Die Hochzeit selbst hatte im Haus von
Verwandten in Bremen–Walle stattfinden sollen, wo auch die Verheiratung eines
weiteren Mädchens, einer zwanzigjährigen Mechatronikerauszubildenden, geplant
gewesen war. Die minderjährige Schülerin stehe nun unter dem Schutz des
Jugendamtes. Vater und Bruder, die am Sonnabend festgenommen worden waren,
befänden sich wieder auf freiem Fuß.

„So geht’s, wenn man nicht aufpasst”, bemerkte Harry und hielt mir seine
Tasse hin, damit ich die ebenfalls füllte.

„Die Leute, die wir betreuen, machen so etwas nicht mehr”, versuchte ich ihn
scherzhaft zu beruhigen.

„Ja, jetzt. Aber überleg mal, Christa. Wie viele von den rüstigen
achtzigjährigen Witwen haben vor sechzig Jahren ihren Traumprinzen geehelicht?
Das waren damals keine guten Zeiten fürs Fröscheküssen auf Verdacht.”

Seine leicht dahingesagte Bemerkung erinnerte mich an Beas Darstellung der
historischen Bedingungen für das Entstehen der muhischen Heiratstraditionen.
Unter bestimmten Voraussetzungen war Romantik Luxus. Mein Hirn verlangte zu
wissen, ob in meinem Fall die Voraussetzungen erfüllt wären, mein Körper
antwortete mit einem lauten Ja. Ich reichte Harry seinen Kaffee und ging voran
zur Dienstbesprechung.

Deren einziges bedeutsames Ergebnis war meine Entscheidung, vor meiner Fahrt
zu den Ahlhorner Wohnungen Dietmar in seinem Büro aufzusuchen. Ich wollte
testen, ob sein Anblick bei Tage ohne Mondlicht und Sterne irgendwelche
Regungen bei mir auslöste. An der Rezeption der „Fischerkate” saß eine ältere
Dame am Computer.

„Ich möchte zu Herrn Poepken. Ist er im Hause?” Sie warf einen Blick auf
meinen grauen Hosenanzug, die weiße Hemdbluse und die Aktentasche.

„Die Treppe hoch, dritte Tür.” Ich bedankte mich und stieg gemessenen
Schrittes die für Hausgäste verborgenen Stufen hinauf. Oben war ein kurzer Gang
mit drei Fenstern zur Oldenburger Straße auf der einen Seite und drei Türen auf
der anderen. Hinter der dritten Tür hing Dietmar vor einem
Tabellenkalkulationsprogramm, hantierte aber am Handy.

„Christa!” Ehe ich mich versah, hatte er mich im Arm, seine Lippen auf
meinen. Ich ließ mich in seine Umarmung und den Röstzwiebelgeruch sinken,
ungeachtet des Sirrens seines Computers. „Was für eine Überraschung”, flüsterte
er, als ich mich wieder von ihm löste und einen Schritt zurückwich.

„Ja”, gab ich zu, denn Küsse hatten nicht zu meiner Planung gehört. Er sah
mich an.

„Ähm … Gab es, gibt es noch einen anderen Grund für …? Ich meine …”

„Nein. Ich wollte dich sehen”, teilte ich ihm mit. Er errötete.

„Das ist toll.”

Er sah sich im Büro um. Zwei Schreibtische standen Rücken an Rücken wie bei
„Crea. Heim und Pflege”, auf dem zweiten dümpelte ein Teebeutel in einem
dampfenden Becher. Mir fiel ein, dass hier auch die Hausdame Maite Bruns saß.
Der wollte ich, obwohl, vielmehr weil Maite mit meiner Mutter befreundet war,
an diesem Vormittag nicht begegnen. Mir gegenüber stopfte Dietmar das Handy in
seine Hosentasche.

„Sehen wir uns heute Abend?”

„Ja”, sagte ich, ehe mein Gehirn Einspruch erheben konnte. „Komm zu mir.” Er
nahm meine Hand und küsste die Fingerspitzen.

„Gerne.” Das altmodische Telefon auf dem Schreibtisch klingelte. „Ich muss
jetzt weiterarbeiten. Der junge Chef ist krank, und ich muss an seiner Stelle
diese Abrechnungen erledigen. Und die alte Bruns ist nur kurz raus.”

„Klar. Bis dann.” Ehe ich das Büro verließ, hörte ich, wie Dietmar sich mit
dem Namen des Hotels meldete.

Da ich schon einmal in der „Fischerkate” war, ging ich auch zu meinem Vater.
Der fertigte auf dem Flur einen Vertreter ab. Die rechte Hand schwenkte ein
feuchtes Geschirrhandtuch, als wollte er den jungen Mann damit peitschen,
sollte der sich als zu hartnäckig erweisen. Aus der Küche schallte der Lärm von
Köchen bei der Arbeit. Ein intensiver Geruch ließ eine große Gesellschaft auf
Kohlfahrt erahnen.

„Und jetzt hauen Sie ab, ich muss fünfzig Ihrer Kollegen aus der
Versicherungsbranche mit Grünkohl versorgen. Das macht man nicht auf dem Flur.”
Mein Vater, der an diesem Tag die weiße Stoffmütze seiner Zunft aufhatte,
rückte deren Bund energisch in die Stirn und wandte sich um. Sein Blick fiel
auf mich. „Und was bringt dich hierher, Christa?” Ich beschloss, meinem Vater
die Wahrheit zu sagen.

„Ich war oben bei Dietmar.”

„Mit dem hatte ich heute auch schon das Vergnügen. Der junge Chef ist krank,
da ist Didi Poepken hier aufgelaufen und hat den großen Macker von der
Verwaltung gegeben. Dabei hatte Maite ihn geschickt. Tja, ein Glück für manche
Leute, dass Ted mit Grippe im Bett liegt. Wäre er da, wäre Volkan heute schon
geflogen. Na, Galgenfrist ist auch nicht schön.” Da stimmte ich ihm zu.

Wir wechselten noch ein paar Worte, ehe er in seine Küche ging und ich durch
die Hintertür auf den Parkplatz trat. Etwas entfernt von der Tür stand Volkan.
Er hatte den Kopf weit zurück in den Nacken gelegt und blies langsam
Rauchwolken in die Luft. Als er die Tür zufallen hörte, sah er schnell zu mir
hin. Offensichtlich hatte mein Vater unmissverständliche Worte zum Thema
Galgenfrist gesagt. Volkan sah aus, als erwartete er jederzeit seine Exekution.
Von der rechten Schläfe zog sich ein Bluterguss bis hinunter auf die Wange. Es
war nachvollziehbar, weshalb er sich gestern hatte krankschreiben lassen, und
umso verwunderlicher, dass er heute da war, denn seine Augen waren gerötet und
die Wangen beinahe grau.

„Hallo, Volkan. Hattest du einen Unfall?” Er schüttelte den Kopf, trat seine
Zigarette aus und kam auf mich zu.

„Nein, Christa. Nur kleinen Zusammenstoß.”

„Mit dem Auto?” Der Wagen, aus dem ich ihn letztens hatte steigen sehen,
stand direkt an der Tür geparkt und sah unbeschädigt aus. Trotzdem nickte er,
aber so vage, dass ich nicht sicher war, ob sich das Nicken auf meine Frage
bezog. Seine rechte Hand fischte in der Hosentasche, wahrscheinlich nach der
Zigarettenschachtel oder auch dem Handy, kam aber leer wieder heraus. Er
betrachtete die leere Hand, als könne er die Tatsache der Leere nicht erfassen
und räusperte sich. „Ich hab's bei deinem Vater verschissen.” Sein Grinsen
geriet ihm schlecht. Die drohende Kündigung ging ihm nahe, auch wenn er sie mit
seiner Unzuverlässigkeit herbeigeführt hatte. „Pech gehabt. Ich bin sonst guter
Koch, echt.” Ratlos stand ich vor ihm. In diesem Moment tat er mir leid, doch es
war klar, dass er sich als untragbar erwiesen hatte. Pech eignete sich nicht
als Ausrede.

„Schade”, brachte ich heraus, wohlwissend dass das auch nicht das richtige
Wort war. Er nickte jedoch.

„Ja, schade. Aber es war gut, dass ich dich habe wiedergetroffen, Christa.
Mach‚s gut.” Ohne ein weiteres Wort schlurfte er ins Gebäude. Natürlich war das
gelogen oder höchstens zur Hälfte wahr. Unter Garantie hatte er seit dem Ende
der sechsten Klasse auch nicht mehr an mich gedacht.

*

Dietmar kam gegen zwanzig Uhr und ging gegen zwei. Ehe ich zur Arbeit
aufbrach, rief er an, fragte, wie es mir gehe, und teilte mir mit, dass er
Spätdienst hätte.

„Oh, schon okay”, versicherte ich ihm, denn ich hatte das Gefühl, über die
Nacht und ihn und auch über mich nachdenken zu müssen. Ich fuhr zur Arbeit und
lauschte stetig in mich hinein, stellte aber nur fest, dass mein Körper
befriedigt war und mein Gehirn sich den Aufgaben des Tages widmen wollte. So
bedauerlich es mir vorkam, aber ich hatte weiterhin nicht den Eindruck, dass
irgendwo in mir oder an mir Funken sprühten. Sicherlich existierten Leute, die
wie Heidi bestritten hätten, dass ich zu so etwas in der Lage wäre. Ich aber
wusste, dass ich schon im wahrsten Sinne des Wortes verknallt gewesen war, dass
ich glühen und Funken sprühen konnte, und, das war leider unbestreitbar, dass
Dietmar bei mir nichts Pyrotechnisches auslöste.

Es klang hart, als ich es mir in der Teeküche zum wiederholten Male sagte.
Sex mit Dietmar war Sex mit dem Vierjährigen in seinem Kopf, der im Körper des
halbwegs ausgereiften Hotelkaufmanns seinen Forscherdrang an mir auslebte.
Solche Parallelexistenzen fand ich befremdlich, um nicht zu sagen beängstigend,
aber eben auch erregend. Korrekterweise hätte ich Dietmar sofort sagen sollen,
dass ich nicht vorhatte, seine Freundin zu sein. Doch dazu fehlte mir an diesem
Mittwochmorgen der Mut. Außerdem protestierte mein Körper, der wieder
behauptete, immer zu kurz zu kommen. Solche widerstrebenden Empfindungen kannte
ich nicht. Ich war ein Kopfmensch und bildete mir zumindest ein, meine
körperlichen Bedürfnisse rational zu steuern und notfalls erfolgreich zu
ignorieren. Diesmal gelang mir das nicht. Als Dietmar nach dem Spätdienst
anrief, erlaubte ich ihm zu kommen. Diesmal blieb er, bis ich aufstehen musste,
bereitete mein Frühstück, während ich duschte, und ging mit mir aus dem Haus.

Ich redete mir zu, es sei gut für mich, mit einem Mann, der mich begehrte,
zusammen zu sein. Zeigte doch die Tatsache, dass ich mich so bereitwillig
jemandem hingab, den ich kaum kannte und dessen Ansichten, so wir je darüber
gesprochen hatten, meinen nicht zu entsprechen schienen, wie ausgehungert ich
in emotionalen Dingen sei. Es genügte momentan, Dietmar tun zu lassen, was er
wollte und wie er es wollte. Aber ich hatte gedacht, ich hätte höhere
Ansprüche.

Im Laufe jenes Donnerstagvormittages kam die Meldung, in Oldenburg sei die
Leiche einer jungen Frau gefunden worden. Bis zum Nachmittag wurde auf den
Straßen von Wardenburg gemunkelt, tatsächlich habe man die Leiche zwischen Wardenburg
und Sandkrug gefunden. Die Straße An den Ruten hinter der Abzweigung Am
Fischteich und auch an der Einmündung in die Sandkruger Straße seien angeblich
von der Polizei abgesperrt. Bei diesem Straßenabschnitt handelte es sich um
einen besseren Feldweg, der sich breit, aber unbefestigt zwischen dem Deich der
Hunte und den Feldern hinzog. Außer Landwirten nutzten ihn hauptsächlich
Radtouristen, und jetzt, außerhalb der Kanusaison, gehörte der Huntedeich
daneben fast ausschließlich Schafen. Weil der Weg so abseits lag und nur wenig
frequentiert wurde, dauerte es einige Stunden, bis sich die Sperrung unter den
Wardenburgern herumgesprochen hatte. Aber schon am Nachmittag hörte man in den
Kassenschlangen der Verbrauchermärkte die Leute darüber spekulieren, ob die
Gerüchte stimmen mochten. Offiziell wurde erst in den Abendnachrichten
zugegeben, dass man die Tote an einer Autobahnunterführung der A29 bei
Wardenburg entdeckt hatte.

Die Zeitungen am Freitag waren voll von dem Mord. Es war nicht die erste
Leiche, die man im Umkreis von Wardenburg gefunden hatte, wenn man die Gemeinde
auch nicht als gefährliches Pflaster hätte bezeichnen können. Aber bei der
aktuellen Toten handelte es sich um eine junge Frau türkischer oder arabischer
Herkunft, die zudem erstochen worden war. Damit war sie Schlagzeilenmaterial,
und bereits die ersten Agenturmeldungen sprachen von einem Ehrenmord. Dies war
das Signalwort, welches den Wardenburger Leichenfund in die überregionale
Berichterstattung katapultierte.

Beinahe jede Person, mit der ich am Freitag zu tun hatte, erwähnte den
Wardenburger Ehrenmord. War am Morgen noch unklar gewesen, wen man gefunden
hatte, erhielt die junge Frau gegen fünfzehn Uhr einen Namen. Sie sollte
Nilüfer Tolka geheißen haben, und ihren Bruder und Vater habe man bereits
verhaftet. Am Tatort war das Handy des Bruders entdeckt worden. Vermutlich habe
der sie mit einem Anruf an die abgelegene Unterführung gelockt. Innerhalb einer
Stunde fuhren nun Leute, die die junge Frau nie auf der Straße gegrüßt hätten,
an den Huntedeich, um an der Absperrung in Plastikfolie gewickelte Blumen
abzulegen.

Selten berührten mich Nachrichten so sehr wie dieser Mord. Ich war Nilüfer
Tolka einmal kurz begegnet, häufiger als die meisten, die ihren Namen jetzt
exemplarisch im Munde führten. Bei der Gelegenheit hatte sie mich feindselig
angestarrt, und ich war unter ihrem Blick verlegen geworden, obwohl dafür
objektiv kein Grund bestanden hatte. Vielleicht war es dieses feindselige
Starren, das mich im Nachhinein so bewegte. Hätte sie mich neutral betrachtet
oder den Blick abgewandt, wäre sie mir gleichgültig geblieben. So aber,
obgleich ich keine Erklärung für mein Gefühl finden konnte, blieb der vage
Eindruck, sie habe mir etwas mitteilen wollen. Ein Hilferuf war es nicht gewesen,
mehr ein Rausschmiss auf freiem Gelände, eine Zurechtweisung, keinesfalls
Anstalten zur Freundlichkeit zu machen.

Auch musste ich den ganzen Tag über Volkan nachdenken. Immer noch besaß ich
keinerlei Erinnerungen an ihn. Er war gelöscht, meiner Gleichgültigkeit
anheimgefallen. Auch als Erwachsener hatte er mich nur mäßig beeindruckt, denn
natürlich sah der schönste Mann in weißer Arbeitskluft mit Vorbinder und grüner
Haube exakt so aus wie sein unscheinbarer Kollege. Gefährlich war Volkan mir
bei den wenigen Treffen unserer neuerlichen Bekanntschaft nicht erschienen,
aber ich wusste nichts über ihn, und vielleicht hätten ihn engere Bekannte von
Anfang an anders eingeschätzt.

Das Wort Mentalität fiel oft an diesem Freitagnachmittag. Sogar mein Vater
benutzte es, wenn auch in einem anderen Bezug. Er saß schimpfend über seinem
Dienstplan, als ich auf dem Weg zu Dietmar den Kopf in sein Büro steckte.

„Bandscheibenvorfall. Okay, Köche tragen schwer. Herzrhythmusstörungen.
Allerdings, der Job ist stressig. Hier, fühl mal meinen Puls. Rast. Kein
Wunder. Sieh dir das an: Zwei Krankschreibungen für die zweite Woche.
Gerechtfertigt beide, keine Frage. Und jetzt lässt sich dieser Volkan
verhaften. Die ’Fischerkate‚ ist voll hungriger Journalisten.”

„Volkan ist doch gekündigt worden. Er wäre sowieso nächste Woche nicht
dagewesen”, wandte ich milde ein, in einem Ton, der an Bea erinnerte. Mein
Vater schnaubte.

„Aber ihm hätte nicht gekündigt werden müssen, Christa. Er hätte pünktlich
kommen können. Er hätte sich an meine Anweisungen halten können. Eben
zuverlässig sein. Und dann: Du glaubst es nicht, was für ein Idiot der Junge
ist! Er hat seine Schwester mit meinem Messer erstochen!”

Dieser Aspekt bewegte meinen Vater mehr als alles andere, sogar mehr als die
Probleme im Dienstplan, die Volkans Unzuverlässigkeit herbeigeführt hatte. Die
Polizei war zu ihm gekommen, hatte ihm die Tatwaffe in einer Plastiktüte unter
die Nase gehalten und auf Straßenschuhen seine Küche in Augenschein genommen.
Vor allem Letzteres verzieh mein Vater Volkan nicht. Ihm blieb nur eine
Erklärung.

„Es ist eine Frage der Mentalität. Eine bestimmte Schicht der Leute kann
einfach nicht richtig arbeiten. Nicht, dass sie unwillig wären. Oder keine Lust
hätten. Oder nichts könnten. Sie halten nichts durch. Kein Rückgrat. Nicht bei
der Arbeit, nicht im Leben. Wenn sie nicht mehr weiterwissen, machen sie
garantiert etwas total Dummes. Automatisch, das ist wie programmiert oder
eingepflanzt. Ich hatte schon ein paar von der Sorte. Kriegen in der Schule nichts
zustande, kommen nur irgendwie durch die Ausbildung, bringen es einfach nicht,
wenn es drauf ankommt. Solche gibt es massenhaft, Christa. Wenn sie Pech haben,
bauen sie Scheiße. Drogen. Gewalt. Es ist mir egal, wie sie diesen Mord nennen.
Ehre oder Unehre. Ich will nicht, dass meine Küche da reingerissen wird. Und
das hat er getan. Ohne nachzudenken. Das nenne ich Mentalität. Es ist etwas im
Kopf, Kind. Im Kopf. Und weil es überall solche Idioten gibt, darf ich morgen
den verdammten Hummer für deinen Dietmar zubereiten, als ob es sonst nichts zu
tun gäbe.”

Ich wusste nicht, wie ich auf den Vorwurf wegen Dietmars Hummer reagieren
sollte. Die selbstverständliche Anfrage des Poepken–Clans ärgerte mich nach wie
vor, und ich konnte nicht nachvollziehen, wieso der junge Chef nach all dem,
was die Arbeit in der Küche bereits durcheinandergebracht hatte, sein Angebot
aufrecht erhielt. Um meine Unsicherheit zu überspielen, brachte ich mein
Anliegen für diesen Besuch vor.

„Ich bin bei diesem Hummeressen eingeladen, Vati. Aber wie isst man Hummer?
Das wissen die Freunde von Poepkens bestimmt alle, nur ich nicht. Ich will mich
nicht blamieren.”

Dankbar griff mein Vater das Problem auf, da er so sein Expertenwissen unter
Beweis stellen konnte. So merkwürdig ihm meine neue Beziehung zu Dietmar und
die Einladung von dessen Vater erschienen, es ging nicht an, dass seine Tochter
sich vor reichen Emporkömmlingen blamieren sollte. Also führte er mich in das
Vorratslager, wo die Hummer träge in einem Tank lagen, fischte einen heraus und
wies mit dem Kugelschreiber auf die kritischen Stellen.

„Ich persönlich steh nicht so sehr auf Hummer”, meinte er zum Abschied.

Ich dankte ihm und ging hinauf zu Dietmar, um ihn wie vereinbart abzuholen.
Seine Laune war sogar für einen Freitagnachmittag ausgesprochen gut. Bei meinem
Eintreten hob er mich in die Luft, wenn auch nicht sehr hoch, weil seine
Konstitution dies nicht erlaubte.

„Jetzt wird alles gut, Christa. Du bist da.” Ich lachte, so albern das war,
wie ein kleines Mädchen herumgeschwenkt zu werden. Er lachte ebenfalls.

„Du bist eine richtige Frau”, teilte Dietmar mir mit, als wir über den
Parkplatz gingen.

„Gut beobachtet”, gab ich zurück. Er schüttelte den Kopf.

„Nun, es ist offensichtlich. Wie du dich bewegst.”

Heidi hatte zu diesem Thema vor nicht allzu langer Zeit eine andere Meinung
geäußert. Ich zog es vor, diese unterschiedlichen Auffassungen von meiner
Weiblichkeit auf den Umstand zurückzuführen, dass Heidi eine Frau war und dazu
noch meine Schwester, Dietmar dagegen ein Mann. Er sollte wissen, was er vor
sich hatte.

*

Seine gute Stimmung blieb den ganzen Tag. Souveräner durch erweiterte
Kenntnis meines Körpers bemächtigte er sich meiner. Es war natürlich der Vierjährige
in seinem Kopf, der ein neues Spielzeug ausprobierte, und ich fand Gefallen an
diesem Spiel. Obwohl nichts funkte, war die Erfahrung intensiv, eben rein
körperlich.

Sonnabend begleitete ich Dietmar dann zur Feier seines Vaters. Meine Wangen
glühten noch, denn auf der kurzen Fahrt hatte er angehalten, um seinen Samen
aus mir zu lecken.

„Wenn es der Samen eines anderen Mannes wäre, wäre es noch geiler”, sagte
er, während seine Finger unter dem Kleiderstoff meine Brüste massierten.

„Von wegen”, gab ich atemlos zurück.

„Doch, doch. Kannst du dir keinen anderen vorstellen? Robin zum Beispiel?”

„Dein Bruder? Quatsch.” Aber ich konnte seine Hände nicht zurückschieben.

„Stell es dir einfach vor. Ist doch egal, wer. Und anschließend nehme ich
dich.”

Ich stöhnte und presste seinen Kopf in mich hinein. Später in seinem Zimmer,
während er sich frischmachte, betrachtete ich die Innenseiten meiner Schenkel.

„Seidenweich und wunderschön”, sagte er und küsste mich dorthin. „Heute
kommen lauter alte Männer und glotzen dich an. Aber ich fahre mit dir in deine
Wohnung.”

„Denkst du nur an Sex?” fragte ich ihn. Dietmar lachte.

„Mit dir kann ich an nichts anderes denken. Seit ich dich das erste Mal
gesehen habe.” Es war nicht das, was ich hatte hören wollen, aber das, was ich
von ihm erwartet hatte.

Der Rest des Abends entsprach dem Muster. Die alten Herren glotzten auf
mich, aber sie glotzten auch Margo an. Wir aßen Hummer, und ich fiel durch
meine Kompetenz auf, die zumindest die Poepkens nicht erwartet hatten. Berthold
hatte mich im Vorfeld ermuntert, keine Scheu vor dem Krustentier zu zeigen, und
Margo sah mit zunehmend dunklerer Miene zu, wie ich mich nicht blamierte. Bei
Tisch war natürlich der Mord an Nilüfer Tolka ein Thema. Man sprach wie in den
Medien von einem Ehrenmord. Forderungen an die Politik folgten und
Spekulationen über Mentalität und biologische Ursachen. Schon gegen Mitternacht
brachen Dietmar und ich mit der plausiblen Entschuldigung auf, er habe um
sieben Uhr Dienst.

*

Um zwanzig vor sieben fuhr Dietmar zur Arbeit. Ich schlief aus und lag
anschließend eine Weile wach, bedauernd, dass er nicht da war, und erleichtert,
mich eine Weile mit der wahren Welt befassen zu dürfen. Auch war mir siedend
heiß eingefallen, dass ich keinerlei Verhütung benutzte, seitdem ich in
Wardenburg wohnte. Unwillig zog ich mich aus dem Bett, duschte ausgiebig und
frühstückte. Nach kurzem Abwägen rief ich im Tagungshaus der Muh an, um zu
hören, wie die Dinge sich dort entwickelt hatten. Bea klang erleichtert, was
mir sofort zu denken gab.

„Ich wäre dir dankbar, wenn du heute kommen könntest. Ich muss laut
nachdenken. Dabei bist du mir immer so gut behilflich.”

Es war ein seltsames Kompliment, welches eher umgekehrt zutraf. Doch gerne
schlüpfte ich an diesem Nachmittag aus der Welt. Seit unserer letzten Begegnung
hatte sich für mich einiges ergeben, womit ich zuvor nicht gerechnet hatte, und
ich fragte mich, ob es Bea ähnlich ergangen war. Es war schwer zu glauben, dass
nur sieben Tage vergangen sein sollten.

Bei meinem Eintreffen klang Hämmern und Sägen über den Waldweg, an dem das
Tagungshaus der Muh stand, aber es war Wochenende, und die Geräusche nicht
eindeutig den Muh zuzuordnen. Viele Anwohner nutzten die freien Tage, Haus und
Garten winterfest zu machen. Leo saß an der Rezeption und gestaltete einen
neuen Flyer. Aus dem Flur vor den Seminarräumen hörte man einen Shanty unter
Ziehharmonikabegleitung.

„Was ist das denn?” fragte ich Leo.

„Gruppenfindungsseminar des Männergesangvereins ’Wellenbrecher‚ ”,
antwortete er, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen. „Sie kommen seit
Freitagnachmittag und haben jetzt anscheinend ihre innere Harmonie
wiedergefunden.”

In so einer Aussage hätte ich Ironie vermutet, fehlte die nicht völlig im
Repertoire eines Muh. Leo mochte Defizite in der Lehre aufweisen und keinem Muh
in ehelicher Fürsorge zuzumuten sein, aber nach meinem Dafürhalten entsprach er
mit seiner Fähigkeit, ohne das Gesicht zu verziehen, die skurrilsten Aussagen
zu machen, meinem Muh–Klischee vollkommen.

„Immerhin hattest du einen musikalischen Arbeitsplatz”, sagte ich, bemüht,
selbst jeden Unterton auszufiltern. Leo drehte sich auf seinem Stuhl zu mir um.

„Christa Hemmen, ich mache dir einen gewagten Vorschlag. Setze du dich hier
drei Tage hin, während nebenan Stimmübungen gemacht werden.”

„Dazu fehlt mir das Talent zur Hinnahme”, gab ich zurück und fragte mich, ob
man mir unterstellen könnte, mit einem Muh zu flirten.

Leo sah mich an. Man hätte meinen können, er meinte es ernst, und weil er
Muh war, meinte er es wahrscheinlich ernst.

„Ja. Das auf jeden Fall, Christa Hemmen. Klaglos hinzunehmen, ist eine Kunst
wie der Gesang des Vogels. Natürlich für Muh, harte Arbeit für Menschen in der
Welt.”

Wer so etwas ohne das leiseste Zucken im Gesicht sagen konnte, musste in der
Lehre gefestigter sein, als Bea behauptete.

„Ist Bea auch an der Gruppenfindung dieser Sänger beteiligt? Sie sagte am
Telefon, sie wäre bis fünfzehn Uhr in einem Seminar.” Obwohl er über den
Einsatz seiner Kodexwächterin vermutlich informiert war, warf Leo einen Blick
auf den Plan vor ihm.

„Ja. Sie unterstützt den Chorleiter bei der Atemschulung. Ich habe den
Eindruck, die Gruppe arbeitet nicht gemäß Zeitplan. Du musst auf Bea warten,
Christa Hemmen.”

„Kein Problem.”

Ich sah mich um. Im Foyer standen einige Rattansessel um niedrige Tische,
darauf waren absolut gängige Zeitschriften und Zeitungen verteilt. Die
regionale Tageszeitung kündigte neuste Erkenntnisse im Wardenburger Ehrenmord
an.

„Hast du von dem Mord gelesen?” fragte ich Leo, indem ich mit der Zeitung in
der Hand wieder an den Tresen trat. Er erinnerte mich geduldig, dass Muh diese
Zeitungen für die Lektüre der Tagungsgäste auslegten, nicht zu ihrer eigenen
Erbauung.

„Aber zu eurer Information? Ein Ehrenmord in Wardenburg muss doch eure
Tagungsgäste sehr beschäftigen.” Leo saß einen Moment schweigend da.

„Was bitte ist ein Ehrenmord?” Ich wollte antworten, hielt aber inne. Er
hatte in der Welt gelebt, sollte das Wort also kennen.

„Wenn Gemeinschaften, etwa Familien, meinen, Angehörige der Gemeinschaft
hätten eine verwerfliche Tat begangen oder führten einen inakzeptablen
Lebenswandel, der das Ansehen der Gemeinschaft beschädigt, kommen sie manchmal
zu dem Schluss, der Betreffende müsse sterben. So soll das Ansehen gerettet
werden. Sehr traditionelles Denken. In der ganzen Welt verbreitet.” Leo
runzelte die Stirn.

„Ich habe davon gehört. Ähm … Die frühen Muh waren oft solche Leute, glaube
ich. Für Bevölkerungen, die Militärdienst als Ehrendienst auffassen, waren natürlich
diejenigen, die sich dem Dienst entzogen, Abtrünnige.”

„In der Welt wird die Ehre von Gemeinschaften oft über das Geschlecht oder
die Geschlechtsrolle definiert. Deshalb sind hauptsächlich Frauen betroffen.”
Ich war zugegebenermaßen nicht ganz sicher, ob das so stimmte.

Aber Leo nickte nur langsam und strahlte die Bereitschaft aus, mir zu
glauben, wenn er mit dem Gesagten auch nichts anfangen könne. Interesse an dem
Ehrenmord zeigte er keines. Zwar saß er an einem Arbeitsplatz mit
Internetzugang, aber er hatte früher schon betont, er greife nur auf von Bea
genehmigte Seiten zu. Das musste ich ihm glauben, denn Muh waren sehr strickt
mit der Wahrheit.

„Was macht euer Neuzugang?” fragte ich und legte die Zeitung auf dem Tresen
ab. Leo warf einen Blick auf den Raumverteilungsplan und tippte eine
Raumnummer.

„Er nimmt an der Gemeinschaft teil. Bea hat ihn gebeten, diesen großen
Schuppen hinter dem Tagungshaus provisorisch einzudecken. Im Frühjahr soll der
Schuppen zu einer Garage umgebaut werden. Möchtest du dir die Arbeit ansehen?
Wenn Bea kommt, schicke ich sie zu dir.”

Es hätte ein Rausschmiss sein können, aber das glaubte ich nicht, obwohl ich
beim Hinausgehen mit halbem Auge sah, wie er hinter dem Tresen vorkam und die
Zeitung ordentlich in den Zeitschriftenfächer, aus dem ich sie genommen hatte,
schob. Leo hatte mir das zur Unterhaltung angeboten, was gerade im Tagungshaus
passierte. Viel gab es nicht, außerdem wusste er nicht, was für eine Frau aus
der Welt interessant war. Nicht sonderlich neugierig ging ich um das Haus
herum, wo Hämmern und Sägen lauter klangen. Drei Muh arbeiteten dort, Edu
erkannte ich oben auf dem Dach. Trini hockte unten auf einem umgedrehten Eimer
und sah ihm beim Festnageln der Dachpappe zu.

„Hallo, Trini. Ist das nicht zu kalt, hier zu sitzen?”

Sie hob den Kopf und musterte mich aus violett umrahmten Augen, deren
künstliche Wimpern wie mobile Antennen klappten. Neben Muh beiderlei
Geschlechts wirkte sie außerordentlich farbstark und überraschend künstlich,
wie eine Plastikorchidee zwischen Hundskamille.

„Hi, Christa. Doch. Aber Leo hat mich rausgeschickt.”

Sie schmollte, als habe Leo ihr großes Unrecht angetan. Dass er ihre
Anwesenheit meiner nicht vorzog, uns wenigstens gleich behandelte, gefiel mir.
Darum konnte ich Trini freundlich ansprechen, was bei unserem Alters– und,
tatsächlich, Mentalitätsunterschied sehr tantenhaft geriet.

„Trotzdem ist es mit so einem kurzen Rock zu kalt.” Sie fröstelte
theatralisch.

„Vielleicht sollte ich nach Hause gehen.”

„Vielleicht”, stimmte ich zu.

Wie an unsichtbaren Fäden zog Trini sich von ihrem Eimer hoch und trottete
ohne ein weiteres Wort davon. Ich sah ihr nach, drehte mich dann um, als Edu
die knatschende Leiter hinunterstieg.

„Das war’s fürs Erste. Ihr wisst besser als ich, wo die Leiter hinsoll. Sagt
Bea Bescheid, dass wir hier fertig sind. Ich räume auf.” Die beiden Muh
schleppten die Leiter davon.

„Soll ich auch gehen oder kann ich helfen?” fragte ich, weil er meine
Anwesenheit ignorierte. Edu sah kurz zu meiner linken Schulter, ehe er weiter
Nägel in Kartons ordnete.

„Christa Hemmen braucht nicht zu helfen.”

„Christa Hemmen langweilt sich.” Seine Entgegnung brauchte eine Weile, doch
schließlich stieß er sie heraus.

„Arbeit beugt Langeweile vor. Komm her.” Ich hockte mich zu ihm, und er
zeigte mir, was ich tun sollte.

„Hast du dich eingelebt?” fragte ich nach ein paar Minuten, während derer er
mich erneut ignoriert hatte. Anders als Muh fand ich es belastend, mit jemandem
zusammenzuarbeiten, ohne gelegentlich ein paar Worte zu wechseln.

„Ja.” Mehr kam nicht.

„Gefällt es dir in Deutschland?” Er reinigte Pinsel in einer stinkenden
Flüssigkeit.

„Als ich in der Welt lebte, war ich in Aachen im Studentenwohnheim. Da war
ich in Deutschland.”

„Aber gefällt es dir? Gefällt es dir hier im Norden?” hakte ich nach, denn
seine Bemerkung verstand ich lediglich als Hinweis, Deutschland als solches sei
ihm nicht fremd. Eine Wertung hatte ich nicht daraus lesen können. Edu ließ
sich Zeit. Er hantierte mit den Pinseln und stellte sie dann in ein altes
Weckglas.

„Bea ist sehr freundlich. Die anderen Muh auch. Ich werde es bedauern, nicht
bleiben zu können.” Überrascht sah ich zu ihm hinüber. Er räumte nun lautstark
Werkzeuge in große Holzkisten.

„Ich dachte, du solltest hierbleiben. Ich dachte, du solltest Bea heiraten”,
entfuhr es mir. Er hielt inne, drehte den Kopf aber nicht zu mir.

„Das ist richtig. Ich …ich habe Bea gebeten, davon abzusehen.”

Er wuchtete zwei der Kisten übereinander hoch und trug sie davon. Wie vor
den Kopf geschlagen blieb ich zurück. Aus Solidarität zu Bea war ich empört
über seine Weigerung, den Wünschen des Kodexmeisters nachzukommen. Auch als er
zurückkam, um das restliche Werkzeug zu holen, schwieg ich und trottete langsam
hinter ihm her zum Haus. Auf dem Weg zur Tür begegneten wir Bea. Sie nickte ihm
zu, ehe sie mit mir zurück zu dem Schuppen ging, um das reparierte Dach zu
inspizieren.

„Du machst Stimmbildungsübungen?” fragte ich sie. Bea schüttelte den Kopf.

„Nein. Atemübungen, die die Stimmbildungsübungen ergänzen können. Naja, es
war das erste Mal, dass ich so etwas gemacht habe. Ich habe viel gelernt.”
Langsam ging sie um den Schuppen herum.

„Edu will nicht bleiben?” fragte ich weiter. Sie drehte sich um und zeigte
mir ihr offenes Gesicht ohne jeden wertenden Ausdruck.

„Das ist so, ja. Er hat mir Gründe genannt, die ich nun abwägen muss. Aber …
auch wenn mein Stolz verletzt ist, bin ich nicht berechtigt, ihn zu zwingen.
Das führt zu nichts Gutem, wenn der Muh nicht so sehr gefestigt ist, dass er
die eheliche Fürsorge ohne Gegenleistung annehmen kann. Obwohl gerade dieser
Muh der Führung bedarf.” Sie schüttelte den Kopf wie jemand, der einer
Erklärung nicht folgen kann, strahlte aber nur Bescheidenheit aus. „Christa,
ich habe mir zuerst den Kopf zerbrochen, was ich mit ihm anfangen soll. Und
jetzt bin ich verletzt, weil er meine Führung und Fürsorge nicht annehmen will.
Das zeigt doch, wie wenig wir uns auf unsere eigene Festigung verlassen dürfen.
Sie ist kein undurchlässiges Bollwerk, im Gegenteil. Wir müssen uns immer
hinterfragen, unsere Motive wie auch unsere Überzeugungen.”

Das war genau, was mich bewegte, nur in den Worten einer Muh ausgedrückt.

„Ich bin jetzt mit Dietmar zusammen. Aber ich liebe ihn nicht”, platzte ich
heraus und lief in der Dämmerung rot an, weil man das nicht sagte und auch
nicht so empfinden sollte. Bea dachte kurz nach, als übersetzte sie meine
Worte.

„Dann sehe ich keinen Grund, weshalb du mit ihm zusammen sein solltest”,
teilte sie mir neutral mit. Ihr Ton beeindruckte und ärgerte mich zugleich.

„Sex”, entgegnete ich. Es sollte provozierend klingen, doch ich spürte, wie
der Dunst von meinen Wangen aufstieg. Bea schien über dieses Argument
nachzudenken.

„Das ist eine Sichtweise, die mir fremd ist”, gab sie dann zu. „Muh benutzen
Muh nicht als Mittel zum Zweck. Ihre Sexualität existiert, aber – wie soll ich
sagen? —die geht keinen anderen Muh etwas an.” Ich musste nachdenken.

„Sprichst du von Zölibat und Selbstverleugnung? Kein Gedanke an Sex, denn
das ist Sünde?”

„Nein, nein.” Bea runzelte die Stirn. „Muh in ehelicher Fürsorge können
übereinkommen, ihre Sexualität miteinander auszuleben. So entstehen Kinder,
verstehst du?” Ich verstand, und musste sofort an meine unterlassene Verhütung
denken.

„Sie müssen es nicht. Eheliche Fürsorge beruht auf Solidarität. Sie verlangt
keine Gegenleistung außer der Gewissheit, respektvoll gehalten zu werden. In
der Theorie”, Bea seufzte tief, „entscheiden sich die Muh in der ehelichen
Fürsorgegemeinschaft für eine Beziehung, die niemand von außen hinterfragt und
die gekennzeichnet ist durch bescheidene Hinnahme des jeweils anderen.” Sie
blickte in den trüben Spätnachmittagshimmel.

„Aber für die Praxis ergeben sich anscheinend Fragestellungen, die in den
Schulungen für Kodexwächter nicht thematisiert werden. Daher fahre ich nach
Nideggen und konsultiere den Kodexmeister. Eine andere Möglichkeit sehe ich
nicht, ohne Edu Muh in eine Situation zu bringen, die ihn erneut dazu treibt,
die Gemeinschaft zu verlassen.”

„Geht das?” Sie zuckte mit den Schultern.

„Die Gemeinschaft verlassen? Ein offizielles Entlassungsverfahren existiert
meines Wissens nicht. Aber er könnte sich der Gemeinschaft entziehen, indem er
unerreichbar wird. Das soll er früher schon versucht haben. Aber er ist
zurückgekehrt.”

„Passiert so etwas öfter?” wollte ich wissen. Bea fuhr sich mit der Hand
knisternd über den rasierten Kopf.

„Es kommt vor. Besonders bei Muh, die bei schwacher Führung in der Welt
aufwachsen. Zahlen kenne ich nicht, Muh sind keine Statistiker.” Sie lachte und
es klang beinahe wie Sarkasmus, als sie weitersprach.

„Ich glaube, es kommt in jedem Zentrum einmal vor. Aber Muh sind immer Muh.
Sie brauchen die Gemeinschaft. In der Jugend ist man jedoch anfällig für die
Vorstellung, man könnte ohne die Gemeinschaft leben. Irgendwann merkt man dann,
dass alle, wirklich alle Beziehungen in der Welt von einem
Kosten–Nutzen–Prinzip bestimmt werden. Daran scheitern Muh. Sie träumen von
romantischer Liebe und finanziellem Erfolg. Und oft kehren sie zurück, als
weisere Muh, aber als enttäuschte Menschen. Leo hat das auch hinter sich. Und
ich? Ja, ich habe auch damit geliebäugelt. Aber ich kam in dieser Zeit in die
Wächterschulung und hatte keine Zeit zum Grübeln. Das war gut für mich. Wenn
ich Edu Unterstützung leisten könnte, würde ich diese Verantwortung annehmen,
in ehelicher Fürsorge oder als Kodexwächterin. Nur fürchte ich, ist er zu stur.
Er will zurück in die Gemeinschaft, aber er verzeiht sich weder, dass er sich
einst von ihr abwandte noch dass es ihn in sie zurückzieht. Aber gehen wir
rein, Christa, es wird kalt.”

Bea erschien mir um den ihr anvertrauten Muh besorgter als durch sein
Verhalten gekränkt. Vielleicht kannte sie das Gefühl nicht oder tat Kränkungen
als Eitelkeit ab. Als wir das Haus betraten und zu ihrem Büro hinaufgingen,
fragte ich mich, wie Muh in ehelicher Fürsorge lebten, wenn sie sich, in den
Worten der Welt, gegen Sex entschieden hatten. Da taten sich wahrscheinlich
Probleme auf, die auch die betreffenden Muh nicht vorausahnen konnten. Während
ich die Teetassen in ihr Büro trug, fragte ich Bea, ob sie von dem Wardenburger
Ehrenmord gehört hätte. Sie zögerte mit der Antwort, gab dann aber zu, einen
Blick auf den Artikel der regionalen Zeitung geworfen zu haben.

„Der Bruder, den sie verhaftet haben, war mit mir in der Schule”, berichtete
ich.

Bea holte die Teekanne aus der Küche. In der Etage unter uns sangen tiefe
Stimmen von hohen Wellen und tosender See.

„Kanntest du ihn gut?”

„Das ist es ja. Ich besitze keinerlei Erinnerung an ihn. Er hat bei meinem
Vater in der Küche gearbeitet, ehe er verhaftet worden ist. Aber er wäre
sowieso geflogen. Unzuverlässig, weißt du. Mein Vater sagt, er kennt den Namen
noch von früher. Mein Vater, aber ich nicht.”

„So etwas kommt vor.”

„Ja.”

Wir tranken Tee. Mit Bea konnte man schweigend sitzen, ohne sich bedrängt zu
fühlen, doch lange hielt ich die Stille nicht aus. Ich musste etwas sagen und
immer aufpassen, nicht zu plappern wie ein Kind.

„Seine Schwester habe ich einmal gesehen”, verriet ich Bea. Die sah mich in
wortloser Milde an. „Aber sie hat nichts gesagt. Mich nur feindselig
angestarrt.” Bea nickte langsam.

„Machst du dir Vorwürfe?”

„Nein”, wehrte ich erschrocken ab. „Bestimmt nicht. Weshalb auch?”

„Eben. Du hast nichts mit ihr zu tun gehabt. Ein kurzer Moment zählt selten
im Leben.”

Ich betrachtete Bea. Wahrscheinlich konnte sie nicht umhin, an die Vorfälle
damals zu denken, als ihr Vater erschlagen worden war. Ihr Umgang mit jenen
Ereignissen machte sie zu etwas Besonderem für die Muh. Leo hatte einmal
gesagt, Bea habe im Gegensatz zu den anderen Kodexwächtern gelebt. Sie habe
damals nicht alles einfach hingenommen. Aber aus meiner Sicht war damit nichts
zum Guten gewendet worden.

Ende der Leseprobe 

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