Leichenschatten. Ein Rosenheim-Krimi

Titel: Leichenschatten. Ein Rosenheim-Krimi
Reihe: Michael Warthens Rosenheimkrimis #4
Verlag: Wieken-Verlag
erschienen: 2016
Autor: Peter Brand
Genre: , ,
ISBN13: 978-3-943621-53-2 (mobi-E-Book) 978-3-943621-54-9 (EPUB-E-Book) 978-3-943621-51-8 (gedruckt Amazon) 978-3-943621-52-5 (gedruckt Buchhandel)

Februar in Rosenheim. Privatdetektiv Michael Warthens bemerkt Rauch aus der Wohnung von Sepp Falterer im Wohnhaus gegenüber. Sofort alarmiert er die Feuerwehr. Für den alten Mann im Rollstuhl kommt jede Hilfe zu spät. Da Hauptkommissar Obermeier von der Mordkommission den Unfallort aufsucht, vermutet Michael, Sepp wurde Opfer einer vorsätzlichen Brandstiftung – und liegt damit richtig.
Kurz darauf folgen weitere Morde. Michael findet nicht zuletzt dank seiner Tante Berti Gemeinsamkeiten der Opfer heraus und entdeckt ein System hinter der Mordserie. Unter anderem spricht dafür: an einem Sonntag im Jahr 2010 besuchten alle Opfer die bayerische Landesgartenschau in Rosenheim!
Welche geheimen Ereignisse liegen dem Mordmotiv zugrunde? Dieses Rätsel bringt den Hauptkommissar und Michael in große Lebensgefahr.
Wenn da nicht Michaels Freundin Conny wäre …

Aus Tante Bertis Rezepten: Apfelstrudel und Rosenbowle

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In der Reihe erschienen auch:

Eis

(Mittwoch, 13. Februar)

Auf dem kalten Boden kauerte er in der Dunkelheit. Hart und glatt fühlte sich die Wand an, die seinem Rücken Halt gab. Seine Finger würden ihm sicher bald abfrieren. Und sein Arsch auch.

Er spürte, wie die Luft vor seinem Mund zu Eis gefror. Oder kam es ihm nur so vor? Okay, es war Winter. Aber waren die Winter nicht immer wärmer geworden in den letzten Jahren? Wann war es zuletzt wirklich so kalt, dass sich selbst sein Magen wie mit Eiswürfeln vollgepackt anfühlte? Als er ein junger Mann war vielleicht. Damals hatte ihm die Kälte nichts ausgemacht. Die viel besagte jugendliche Hitze hatte optimal gewirkt, um beim Fummeln im frostigen VW-Käfer seinen Mann zu stehen. Jetzt verlor er bei jeder Schlotterzuckung Urin, der an seiner Hose festfror. Der vereiste Stoff klebte an seinen Schenkeln und bewirkte so etwas wie Gefrierbrand auf seiner Haut.

Ein tiefer Atemzug genügte, dass seine Nase sich anfühlte, als hätte sie einen geschleuderten Schneeball abgekriegt. Der Reiz ließ ihn einen Moment klar werden. Wo war sein Rettungsanker? Sein Handy?

Seine Handgelenke waren mit einem Kabelbinder zusammengeschnürt worden. Wenigstens nicht auf dem Rücken. Wahrscheinlich arbeitete ein Betäubungsmittel in seinen Adern. Niemand musste befürchten, er würde die Kraft aufbringen zu fliehen. Trotzdem hatte man auch seine Füße an den Knöcheln aneinandergefesselt.

Mit den verschnürten Händen strengte es ihn unheimlich an, seine nähere Umgebung zu ertasten. Er musste doch erkunden, wo er war! Jedes Mal, wenn er glaubte, in der Dunkelheit etwas Vertrautes gefunden zu haben, raubte ihm die Taubheit in seinen Fingern die Gewissheit. Doch. Jetzt. Über seiner rechten Schulter: ein Lichtschalter?

Ohne wirklich zu wissen, was für Folgen es haben würde, wenn der Kippschalter so nah an seinen Schläfen nicht fürs Licht bestimmt war, drückte er zu. Es folgte ein Geräusch wie von einem Tropfen, der in klares Wasser plumpste. Zaghaft flackerten Leuchtstoffröhren auf und schickten ein schwaches, für den ersten Augenblick dennoch grelles Licht in den Raum. Er blinzelte mit vor Reif weißen, schweren Wimpern. Regale, dicht beladen mit allen möglichen Verpackungen für Lebensmittel, offenbar Tiefkühlwaren, formierten sich vor seinen Augen wie Reihen aus Wolkenkratzern. Die Zwischenräume erinnerten ihn an die kerzengeraden Straßenschluchten von New York. Nur, dass keine Autos die Fahrbahnen verstopften.

In der Ferne, am Ende einer der Regalstraßen, hing eine Schweinehälfte mit dem Kopf nach unten von der Decke. Ein Schwein? Aus dem als Aufhängung benutzten Hinterlauf des Schweins ragte ein Fleischerhaken, der wiederum das Ende einer Kette darstellte. Die Kette selbst lief über eine Rolle an der Decke und verlor sich im hinteren Ende in diffusem Licht.

Er war so entsetzlich müde. Erfrieren heißt: einschlafen. Er wehrte sich mit aller Macht dagegen. Wie war er hierhergekommen? Welche letzte Erinnerung konnte er in seinem halbgefrorenen Hirn aufrufen? Da war nichts. Und das halbe Schwein dort? War es überhaupt eine tote Sau? Die grau-rosa Hautfarbe stimmte. Bewegte sich das aufgehängte Tier? Die Kette ratterte über die Rolle und machte ein Geräusch wie ein fahrender Zug. Er konnte Details erkennen, glaubte, die borstigen Wimpern des Schweineauges flatterten wie Schmetterlinge. Zwinkerte das tote Tier? Wollte es ihn verarschen? Vermutlich spielte ihm das Licht-Schatten-Spiel einen Streich. Jemand ließ die halbe Sau an der Kette über die Regalstraße schweben. Auf ihn zu!

Mit letzter, schwacher Entschlossenheit wehrte er sich gegen die Müdigkeit. Er merkte, wie seine Augenlider aneinander froren und zu Eis wurden. Das Licht erlosch. Wer schaltete es aus?

Nur noch schlafen … Ausruhen …

*

Sepp

(Neun Tage zuvor, Montag, 04. Februar)

„Scheiß Februar!“, schimpfte Sepp auf den für ihn schlimmsten Monat im Jahr, weil er dann nur 28 Tage Zeit zum Jammern hatte. Ein Fünfzigerschein, den er blöderweise zwischen die Kontoauszüge vom Vorjahr gelegt und dort vergessen hatte, ging soeben im Kaminofen gemeinsam mit alten Papieren in Flammen auf.

„Zefixsakrament!“

Wenn jemand dem Sepp beim dauernden Fluchen zuhörte, konnte er meinen, der sei ein rechter Kotzbrocken, und läge damit richtig. Genau wie seine Nachbarn, die sich immer wieder über den Alten beschwerten, weil er mit dem Ton seines Fernsehers die Fensterscheiben zum Klirren brachte.

Im Sommer, wenn der Ofen aus blieb, wäre ihm das mit dem Geldschein nicht passiert. Außer er hätte die Papiere in die Mülltonne geworfen. Sie zum Sammelcontainer zu bringen, stand für ihn nicht nur wegen der Zeitverschwendung außer Frage. Er saß im Rollstuhl und kam trotz Personenaufzug im Haus nicht mehr so oft raus.

Jemand wusste das.

Statt für ein paar Maß Bier und mindestens eine gescheite Brotzeit herzuhalten, drohte der Fünfziger wie eine Sternschnuppe zu verglühen. Sepp rollte noch näher vor den Kaminofen und schnappte sich einen der beiden Schürhaken. Seine geschwollene Nase und seine apfelroten, fleischigen Backen glänzten im Feuerschein. Mit dem Schürhaken versuchte er zu retten, was zu retten war. Wütend stocherte er in der Glut. Funken stoben auf. Der gut ziehende Ofen saugte sie wegen der offenen Tür wie ein kräftiger Staubsauger nach oben in den Kamin. Sepp war so auf die sinnlose Rettung des Geldscheins fixiert, dass er den Schatten nicht bemerkte, der plötzlich über seinen Rücken fiel. Der zweite Schürhaken durchbohrte von hinten seinen Hals. Ein Schwall Blut schoss aus seinem Mund. Jemand zog den Rollstuhl unter seinem Hintern weg. Eine gewaltige Kraft drückte seinen Kopf in die lodernde Brennkammer. Allmählich roch es im Raum nach verbranntem Schweinsbraten.

*

1. Der Detektiv

Michael Warthens schaute aus dem Fenster und dachte: aha, der Sepp heizt ein. Besonders kalt war es zwar nicht für Februar, aber viele ältere Menschen besaßen ein anderes Temperaturempfinden. Starker Rauch quoll aus einem der Kamine des Wohnblocks auf der anderen Straßenseite. Michael wusste, der zweite von links war der für Sepps Kaminofen. Vielleicht sollte er den alten Brummbär mal wieder besuchen. Sepp war zehn Jahre älter als Michael, 67, und er lebte allein.

Michael konnte den Sepp gut leiden, weil der trotz seiner rauen Schale ein ganz patenter Kerl war. Vor ein paar Jahren hatte Sepp Michaels Tante Berti beim Möbelaufbau im Margarethen-Hof geholfen. Aber sonst motzte er dauernd wegen irgendwas und stand unter Dampf, als wäre er eine Weißwurst in der Mikrowelle – kurz vorm Platzen. Vielleicht war es der Bluthochdruck, der ihn bald nach seiner Mithilfe in Bertis Apartment in den Rollstuhl gezwungen hatte. Schlaganfall. Aber gelernt hatte der Falterer-Sepp nichts daraus. Noch auf der Reha hatte er sich mit sämtlichen Therapeuten, Pflegern und Schwestern dermaßen angelegt, dass er früher als geplant nach Hause entlassen wurde.

*

Irgendwas stimmte nicht mit dem Rauch, der aus Sepps Kamin quoll. Michael öffnete sein Küchenfenster. Leichter Wind trug pechschwarze Schwaden in seine Richtung. Merkwürdig bitter-süßer Geschmack beizte sich schon beim ersten Atemzug in seine Nase, nicht wie üblich der speckige Geruch von Ruß. Was hatte Sepp da nur wieder in seinen Ofen geworfen? Plastik? Nein, das stank ganz anders zum Himmel.

*

Seit zwei Jahren arbeitete Michael Warthens selbstständig als Privatdetektiv. Außerdem war er von Natur aus neugierig. Jetzt mischte sich in seinen Hang zur Wahrheitsfindung die Befürchtung, es könnte etwas Schlimmes passiert sein. Der in der Luft wabernde Gestank roch buchstäblich nach Katastrophe!

Michael riss seine Jacke vom Kleiderhaken, lief die Treppe hinunter und rannte auf die Straße. Dort war der Rauch nicht ganz so penetrant wahrzunehmen. Trotzdem spürte Michael das Kitzeln in der Nase und den leichten Würgereiz im Hals, den der Geruch bei ihm auslöste. Schweinefleisch. Grillte Sepp etwa in der Wohnung? Im Februar? Sepp würde kräftigen Ärger bekommen, wenn andere Nachbarn sich wieder über sein seltsames Heizverhalten beim Vermieter beschwerten. Vor ein paar Wochen roch es mal dermaßen übel nach verbrannten Autoreifen in der Umgebung, dass jemand die Polizei und die Feuerwehr geholt hatte. Sepp hatte die alten Reifen seines Rollstuhls ins Feuer geworfen, wütend über den Karren, der ständig Luft verlor. Danach ließ er Vollgummireifen aufziehen.

*

Michael klingelte Sturm bei Falterer, aber Sepp reagierte nicht. Er versuchte es bei Özgül. Gleich darauf summte der elektrische Türöffner, und er zog die schwere Haustür auf. Der Luftzug trieb starken Brandgeruch durchs Treppenhaus. Feuer! Bilder von züngelnden Flammen, Erinnerungen an Sirenengeheul und unheimlich lautes Knistern schossen in Michael auf, als hätten sie nur auf so einen Auslöser gewartet, um die Angst wieder zu erwecken.

Frau Özgül, die ihre Wohnungstür im Parterre einen Spalt breit geöffnet hatte, wich vor dem beißenden Geruch zurück, schlug sich die Hand vor den Mund und schaute Michael ängstlich an.

Es kostete ihn seine ganze Überwindung, ruhig zu bleiben.

„Entschuldigung, Frau Özgül, ich wollte eigentlich zu Herrn Falterer. Aber ich glaube, jetzt brauchen wir erstmal die Feuerwehr.“

Hatte er das gesagt? Völlig unaufgeregt? Er drückte den Notrufbutton seines Smartphones und nannte die Adresse.

Lautes Knistern hallte durch den Hausflur, begleitet von ersten Rauchschwaden.

Sepp wohnte ganz oben, und das Feuer breitete sich von dort aus wie eine gierige Bestie. Über die Treppe nach oben zu laufen, das wäre Wahnsinn gewesen. Mit dem Lift, ohne den der Sepp hier nicht hätte wohnen können, ging ebenfalls nichts mehr. Aufzug im Brandfall nicht benutzen, las Michael und dachte: macht Sinn.

Während seiner Ausbildung zum Geprüften Detektiv hatte er unter anderem einen Tageskurs bei der Feuerwehr belegt. Ungern zwar, da er Feuer noch nie als seinen Freund betrachtet hatte, weder kontrolliertes im Kamin oder am Grillplatz, schon gar kein außer Kontrolle geratenes. Aber er hatte gelernt, gegen einen solch fortgeschrittenen Brand selbst etwas zu unternehmen, das wäre nicht nur wegen des giftigen Rauchgases lebensgefährlich gewesen.

Am Klingeltableau neben der Eingangstür zu Hausnummer Zwei standen weitere Namen. Michael läutete überall. Außer den Nachbarn von Frau Özgül im Erdgeschoss reagierte niemand. Er hoffte, alle restlichen Bewohner seien ausgeflogen, zur Arbeit, wohin auch immer.

Bange Minuten vergingen, bis Michael die Martinshörner hörte.

Frau Özgül hatte in der Zwischenzeit einen Kinderwagen mit einem erbärmlich schreienden Kleinkind in den Hausflur geschoben. Michael half ihr, ihren Enkel samt Wagen hinauszutragen.

Anschließend übernahm es Oma Özgül, ihre Nachbarn im Erdgeschoss, eine weitere türkische Familie, davon zu überzeugen, es sei endlich an der Zeit, sich die Sache von der Straße aus zu betrachten.

Als die Feuerwehr mit den Löscharbeiten begann, befand sich niemand mehr im Haus. Außer Sepp.

...

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