Leseprobe Das-Nemesis-Projekt

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Freitag, 8. April

Anonymus

An diesem Tag stand der Wagen hinter der Einfahrt am Straßenrand. Ein fremder Fußgänger wäre aufgefallen, ein Auto hingegen konnte in der Nähe des Hauses parken. Mittlerweile war es so oft da gewesen, dass es zum Bild der Fladderstraße gehörte.

Zwei Stunden wartete es auf dem unbefestigten Streifen neben dem Feld. Gegen drei Uhr öffnete eine Frau das Tor in der Eibenhecke und trat auf die Straße. Sie sah zum Himmel, wo große weiße Wolken zogen. Bedächtig knöpfte sie ihre Strickjacke zu und zog an den Enden ihres Halstuches. Nach diesen Vorbereitungen eilte sie zurück. Als sie zwei Minuten später erneut hinter der Hecke hervorkam, führte sie einen Mann am Arm.

Windböen zerrten am Halstuch der Frau und stellten die spärlichen Haare des Mannes auf. Er ging gebeugt, als wollte er sich in seiner geräumigen Jacke vor dem Wind verstecken. Auch seine Hose war weit. An den Absätzen berührte sie fast den Boden, obwohl sie offensichtlich gekürzt worden war.

Im Auto richtete sich ein Fotoapparat auf die beiden. Vor dem leerstehenden Nachbarhaus blieben sie stehen. Die Frau zeigte dem Mann das Schild eines Immobilienmaklers, doch er drehte den Kopf weg Richtung Wald. Sie gingen weiter, wobei seine schlurfenden Schritte das Tempo vorgaben. Am Ende des Grundstücks blieben sie wieder stehen. Die Frau zeigte auf das Feld neben der Straße. Der Mann nickte. Vom Wind aufgewehte Schleier trockener Erde waberten über den frisch gepflügten Boden. Ein leichter Brandgeruch verriet, dass auch Asche des Osterfeuers vom vergangenen Samstag aufgewirbelt wurde.

Auf der leeren Fladderstraße gingen sie weiter Richtung Wald. Am Ende der Straße standen dunkel die Bäume des Staatsforsts Tüddick. Das Objektiv schwenkte an ihnen vorbei bis zum Waldrand, fand keine anderen Menschen und kehrte zu den beiden zurück. Der Mann blieb stehen. Er machte eine abwehrende Bewegung auf den Wald zu, stampfte wie ein kleines Kind, riss sich los und schlurfte zurück. Das Objektiv wurde gesenkt. Die Frau zuckte mit den Schultern. Sie folgte ihm, nahm wieder seinen Arm und führte ihn durch das Tor in der Eibenhecke von der Straße.

Das Auto entfernte sich langsam.

*

Freitag, 15. April

Christa

Christa Hemmen hasste den Freitagsverkehr auf der Bundesstraße 401 entlang des Küstenkanals. Es waren mehr Lastwagen zwischen den Niederlanden und Oldenburg unterwegs, und mehr aggressive Fahrer, die demonstrieren wollten, weshalb die Strecke im Volksmund Todesstrecke hieß. An der Abfahrt Wardenburg überquerte sie den Kanal und fuhr über die Dörfer vorbei an moorigen Wiesen zwischen sanften Geesthügeln. Bäume und Hecken zeigten grüne Blattspitzen, und junge Halme auf den Maisfeldern begannen, den Boden festzuhalten.

Christa nahm die Landschaft kaum wahr. Zu oft war sie auf dieser Straße gefahren, viel zu oft hatte sie die Häuser und Gärten gesehen. Vor dem Haus im Patenbergsweg stellte sie ihr Auto ab. Wind fegte über die Straße, aber die Luft war deutlich milder als in den vergangenen Tagen. In einigen Gärten tanzten immer noch künstliche Ostereier an den Sträuchern. Entlang des Plattenweges zur Haustür wogten Narzissen, zwischen deren Blättern schwarz verfärbtes Laub des vergangenen Jahres klebte. Der Garten gehörte zur unteren Wohnung, in der ihre Vermieterin Sandra Menserhagen gewohnt hatte. Eines Tages, wenn es Sandras Ärzten im ehemaligen Landeskrankenhaus gelingen sollte, sie zu überzeugen, dass sie nicht verrückt war, würde sie vielleicht dorthin zurückkehren. Bis zu diesem ungewissen Tag wohnte Christa allein in dem Haus. Nachdem sie vor zwei Jahren die Stelle in Rhauderfehn angetreten hatte, war ihr von Freunden und Kollegen ein Umzug nahegelegt worden, doch Christa fuhr täglich die fünfzig Kilometer nach Ostfriesland. Insgeheim gefiel ihr die Unabhängigkeit, die das einsame Wohnen gestattete.

Christa fischte die Post aus ihrem Briefkasten, dabei merkte sie, dass auch in dem unteren Kasten Umschläge steckten. Im Laufe des Wochenendes würde jemand kommen, um in Sandras Wohnung nach dem Rechten zu sehen und ihre Briefe mitzunehmen. Diese Helfer bekam Christa selten zu Gesicht, oft hörte sie nicht einmal, wenn jemand unten war. Sie schloss die Haustür auf und öffnete sie bis zur Wand, um die Klappkiste mit ihren Einkäufen hineinzutragen. Ein Umzug nach Rhauderfehn kam für sie nicht infrage, doch ihren Wochenendeinkauf erledigte sie nach der Arbeit dort.

Während sie ihre Kiste zur Oberwohnung hinauftrug, begann im Haus ein Telefon zu klingeln. Gelegentlich rief noch jemand in der unteren Wohnung an, Christa erkannte jedoch am Klingelton, dass es ihr Telefon war. Lust auf ein Gespräch verspürte sie nicht. Freitagnachtmittags fühlte sie sich zu erschöpft, um die Sorgen anderer anzuhören. Nur zwei Menschen aus ihrem Bekanntenkreis ignorierten die Bitte, ihr am Freitag wenigstens eine Stunde Ruhe zu gönnen. Mit beiden war sie verwandt. Ein Blick auf das Display des Telefons bestätigte Christas Verdacht.

„Hi! Du rätst nicht, was ich dir zu sagen habe!“, schmetterte Heidis Stimme aus dem Telefon, als stünde sie mitten im Raum.

„Vermutlich so etwas wie Wie geht es dir?“ Christa war froh, dass das Telefon auf Raumhörer stand. Wenn Heidi aufgeregt war, hatte sie immer Angst um ihre Ohren. Sie legte das Telefon in ihre Einkaufskiste und nahm es mit in die Küche, damit sie während des Gesprächs die Ware einräumen konnte.

„Dir geht es doch immer gut. Also rate mal.“

„Was soll ich raten?“ Heidis Einleitung hatte Christa für einen Witz gehalten.

„Weshalb ich dich anrufe, natürlich.“

„Keine Ahnung. Warum?“ Heidi seufzte und machte eine Pause, die Christa unheimlich wurde, weil Heidi normalerweise losplapperte, sobald sich eine Gelegenheit ergab.

„Druschka und ich — wir heiraten.“ Christa wartete ab, ob noch mehr käme. Als Heidi nicht weitersprach, beschäftigte sie sich mit dem, was sie gehört hatte.

„Toll. Meinen Glückwunsch.“

„Na, du klingst ja enthusiastisch. So, dann schreib dir mal auf: Freitag, zehnter Juni. Trauzeugin bist du nicht, keine Sorge. Es ist so peinlich, wenn die eigene Schwester als Trauzeugin aufläuft. Oder als Brautjungfer.“

Die Kühlschranktür fiel aus Christas Hand. Flaschen und Gläser in der Tür klirrten, aber Christa sah nur auf den mit Magneten an die Tür gehefteten Einkaufszettel, bis ihr klar wurde, dass Heidi sie regelrecht ausgebootet hatte.

„Sehe ich auch so. Zieht ihr denn jetzt zusammen?“, wollte sie wissen.

„Hast du das etwa noch nicht mitbekommen? Mutti hab ich es schon letzte Woche erzählt. Wir werden ein Haus kaufen.“

„Wie sich das gehört“, murmelte Christa. Laut fragte sie: „Super. Wo denn?“ Heidi antwortete nicht sofort, als habe sie genug gehört, um zu überlegen, ob sie weitersprechen sollte.

„Bümmerstede. Das Oldenburger Bümmerstede.“ Ein Teil Bümmerstedes gehörte zur Stadt Oldenburg, ein anderer zur Gemeinde Wardenburg.

„Wie nett. Wann denn?“

„Demnächst. Wir hoffen, dass wir vor der Hochzeit eingezogen sind.“

„Ihr habt’s ja eilig. Müsst ihr heiraten?“ Ehe die Worte aus ihrem Mund waren, wusste Christa, dass die Frage ein Fehler gewesen war. Von Heidi kam ein anhaltendes Zischen als Einleitung ihrer Antwort.

„Das ist mal wieder typisch für dich. Du kannst dir nicht vorstellen, dass Leute heiraten, weil es ihnen Spaß macht. Druschka und ich lieben uns. Aber das kannst du dir nicht vorstellen. Mutti will es nicht wahrhaben, aber du bist eine verklemmte Zicke, die eh keiner will.“

Mit diesen schmeichelhaften Worten beendete Heidi das Gespräch. Nun war es an Christa zu zischen. Sie sah vorwurfsvoll das Telefon an, doch das stand nur auf dem Küchentisch und tutete hektisch, als wollte es jede Verantwortung von sich weisen. Sie drückte auf den roten Knopf. In der plötzlichen Stille überlegte sie, ob sie sich bei Heidi entschuldigen sollte. Aber Christa fühlte sich nicht schuldig und sah auch nicht ein, weshalb ihre Frage Heidi so geärgert hatte.

Während sie darauf wartete, dass das Nudelwasser kochte, überlegte sie, was es für sie bedeutete, wenn Heidi heiratete. Christa war seit ein paar Monaten dreißig, Heidi würde erst nach ihrer Hochzeit achtundzwanzig Jahre alt werden. Im einundzwanzigsten Jahrhundert störte das vermutlich nicht einmal Hella Kloopmann, die älteste Nachbarin ihrer Eltern und größte Giftspritze Wardenburgs. Trotzdem war sich Christa eines dumpfen Nagens bewusst. Wahrscheinlich war es an der Zeit, die letzten romantischen Illusionen aufzugeben und sich einzugestehen, dass sie Heidi an Attraktivität und Beliebtheit nie gleichkommen würde. Heidi hatte Verehrer, und demnächst Mann und Haus, Christa hatte einen guten Job und Geld. Damit sollte sie zufrieden sein.

*

Sonntag, 17. April

Christa

Am Sonntag stattete Christa ihren Eltern den wöchentlichen Pflichtbesuch ab. Anders als Heidi hielt sie es nicht aus, knappe vier Kilometer entfernt zu wohnen und sich nicht regelmäßig zu zeigen. Heidi meldete sich nur, wenn sie meinte, es gebe einen Grund. Noch seltener erschien sie persönlich. Da anzunehmen war, dass es Heidi genügte, ihren Eltern die Hochzeitspläne telefonisch mitgeteilt zu haben, konnte Christa sicher sein, sie nicht zu treffen.

Die Straße Im stillen Tal lag südlich des Ortsausgangs von Wardenburg. Wie oft an milden Tagen hing an diesem Sonntag ein deutlicher Güllegeruch in der Luft. Vor der Haustür ihrer Eltern überlagerte Kuchenduft die Gülle. Christa fand Jörn in der Küche beim Dekorieren einer Torte. Sie hatte das Glück oder, je nach Sichtweise, Unglück, einen Restaurantkoch und eine Hauswirtschaftsleiterin als Eltern zu haben. Während Kati Haus und Garten penibel pflegte, beschränkten sich Jörns Aufgaben darauf, gelegentlich zu kochen und oft zu backen. Die hagere Christa hatte nichts gegen Sahne und Buttercreme einzuwenden, Heidi protestierte dagegen schon beim Anblick von Jörns Rezeptsammlung auf dem Küchentisch.

„Mutti ist oben“, murmelte Jörn, ohne von einem Spritzbeutel voll hellgrüner Creme aufzusehen. Christa überließ ihn seiner heiklen Arbeit und stieg hinauf in die Etage. Dort hatte Kati Christas ehemaliges Kinderzimmer zu ihrem Büro umfunktioniert. Bei der Arbeit in einem Mädchenwohnheim in der Wardenburger Ortschaft Harbern II hatte sie ein eigenes kleines Büro, in den heimischen Regalen standen Unterlagen für die Prüfungskommission der Landwirtschaftskammer neben Ordnern für die Landfrauen. Christas Mutter kniete vor dem zum Sofa umgebauten Bett. Auf dem Boden neben ihrem schwarzen Lederrucksack lagen unzählige Flyer und Broschüren mit niederländischer Aufschrift.

„Hallo Mutti. Wie war’s in Groningen?“ Glücklicherweise war Christa rechtzeitig eingefallen, dass ihre Mutter am Vortag von einer Städtetour mit den Landfrauen zurückgekehrt war. Kati hatte die Tour organisiert und für die Durchführung mehrere Urlaubstage geopfert.

„Oh, Christa. Dich hab ich noch gar nicht erwartet. Toll war’s. Ein voller Erfolg.“ Kati wies auf den Haufen Papier. Wenig interessiert trat Christa näher.

„Seid ihr da überall gewesen?“

„Nicht überall“, gab Kati zu. Sie hievte einen Hochglanzkatalog vom Boden und setzte sich damit auf das Sofa. Christa setzte sich zu ihr, nachdem sie sich mit einem schnellen Blick durch den Raum vergewissert hatte, dass es nicht zu weiteren unverzeihlichen Veränderungen gekommen war. Kati ließ den Katalog wie einen Stein in ihren Schoß fallen.

„Das“, erklärte sie stolz, „ist der aufregendste Nachmittag meines Lebens gewesen. Wir waren im Groninger Museum. So etwas Tolles wie diese Ausstellung habe ich noch nie gesehen.“

Christa hoffte, dass Kati übertrieb. Für sie gab es kaum etwas Langweiligeres als eine Kunstausstellung, und sie fragte sich irritiert, seit wann Kati Interesse für moderne Kunst aufbrachte.

„Und das hier ist …?

„Der Katalog des Museums. Der Ausstellungskatalog war leider vergriffen, da habe ich den hier gekauft. Die ganzen Sonderausstellungen dieses Jahres sind auch darin.“

Christa wollte blättern, doch Kati griff über sie hinweg und schlug eine Seite mit einer grellbunten Skulptur auf.

„Diese Ausstellung haben wir uns angesehen: Leben mit Rückfahrkarte. Auf Niederländisch klingt es vermutlich besser.“

Wieder wollte Christa weiterblättern, und wieder schlugen Katis Finger ein paar Seiten um. Vor Christa lagen jetzt Abbildungen weißer Figuren vor bedrückend dunklen Hintergründen. Auf den ersten Blick sah sie nichts, was sie angesprochen hätte. Ein Hirsch balancierte in seinem Geweih ein brennendes Herz, aus den Augenhöhlen eines menschlichen Schädels krochen zwei Schlangen und wanden sich wie eine Krone um die Stirn, ein Baum streckte Zweige mit skelettartigen Händen empor. Nachdem sie die einzelnen Bilder höflich betrachtet hatte, entdeckte Christa auf der nächsten Seite einen weißen Mädchenkopf. Die Augen blickten aufmerksam in die Ferne, als suchte das Mädchen den Horizont ab. Seine gewellten Haare waren im Nacken lose zusammengebunden. An der Stirn hielt ein breites Band die Haare zurück, nur war das Band aus den Leibern züngelnder Schlangen geknüpft. Ihre erhobenen Häupter umrahmten den Kopf wie die Strahlen einer Sonne. Aus ihren Rücken wuchsen Blüten, Adler und Pferde.

„Das ist der schöne Kopf der Rebecca Kern“, erläuterte Kati. „Amelon hat dafür mehrere Preise gewonnen. Das Groninger Museum ist stolz auf diese Leihgabe. Normalerweise befindet sich die Rebecca Kern in Privatbesitz.“

Der Kopf der Rebecca Kern schien sogar reduziert auf ein Foto zu sprechen, wenn Christa sich auch außer Stande sah zu verstehen, was die marmornen Lippen ausdrücken wollten. Das Mädchen wirkte jung und stark, sein Gesicht hatte Anklänge an eine griechische Göttin, bei der die Nase die Jahrhunderte überdauert hatte.

„Amelon. Ist das der Name des Künstlers?“

„Der Künstlerin. Greet Amelon. Eine Amerikanerin mit belgischen Wurzeln. Die Ausstellung ist über Künstler, die ihre Heimat für eine Weile verlassen haben und mit einer neuen Kultur zurückgekommen sind. Ich werde einen Vortrag über Greet Amelon halten.“

„Einen Vortrag über diese Frau? Du?“ Christa hoffte, nicht unhöflich zu klingen. Kati war zum Glück erfüllt von ihrer Idee.

„Ja, bei den Landfrauen. Für das Herbstprogramm hatte ich mir einen Termin freihalten lassen, nur das Thema stand noch nicht fest. Bisher wollte ich einen Workshop für Weihnachtsgestecke durchführen, das wird immer gern angenommen. Aber jetzt werde ich über Greet Amelon sprechen.“ Christa verbarg ihre Skepsis nur mühsam.

„Mit Weihnachtsgestecken kennst du dich aus. Aber so eine Künstlerin und ihr Werk? Kriegst du das hin?“ Optimistisch nickte Kati.

„Ach, so schwer kann das nicht sein. Da muss ich eben mal meinen Grips zusammennehmen, dann klappt das schon. Ich habe bereits in der Oldenburger Stadtbibliothek ein paar Bücher über Amelon vorbestellt. Heidi bringt sie mir vorbei, wenn sie da sind. Hat sie dich schon angerufen?“

„Wegen der Hochzeit? Ja.“ Die nächsten Minuten schwärmte Kati über Heidis und Andrejs Heiratspläne, das neue Haus und die unvermeidlichen Brautkleider. Christa ließ sie reden. Solange Kati sprach, schenkte sie ihrem Gesichtsausdruck keine Beachtung. „Wann bist du nach Hause gekommen?“

„Gestern Nachmittag. Vati musste erst um siebzehn Uhr bei der Arbeit sein. Er hat uns am Marktplatz in Wardenburg abgeholt und Maite und mich nach Hause gefahren.“

Selbstverständlich war Maite Bruns mitgefahren. Christa kannte Maite schon ihr ganzes Leben. Sie war mit ihrer Mutter von der Grundschule an in eine Klasse gegangen und hatte alle Stationen der Ausbildung parallel mit ihr durchlaufen. Offiziell galten Kati und Maite als Freundinnen. Christa spekulierte schon lange, ob diese Bezeichnung zutraf. Wenn die beiden zusammen waren, schienen sie sich ständig zu vergleichen.

Von unten verkündete Jörn, der Tee sei fertig. Erleichtert hob Christa den Katalog von ihren Beinen und folgte Kati in die Küche. Eine zartrosa und grün dekorierte Torte prangte in der Mitte des Tisches.

„Eine Hochzeitstorte! Jörn, die sieht fantastisch aus.“ Jörn nickte bescheiden. Christa sah ihn an.

„Hast du vor, die Torte für Heidis Hochzeit zu backen?“ Er schüttelte den Kopf.

„Sie wird mich nicht fragen. Es ist ja auch nicht stilvoll, wenn der eigene Vater die Torte backt. Und auf Stil legen die beiden Wert.“

Christa konnte sehen, dass er es sich zu Herzen nahm, nichts zur Hochzeit seiner Tochter beisteuern zu dürfen. Heidi hatte bei ihrem Anruf am Freitag deutlich gemacht, dass Andrej und sie die Hochzeit selbst finanzierten. Damit waren Umfang und Stil der Feier vorgegeben, denn beide liebten opulente Feste. Auch Katis Freude über eine verheiratete Tochter schien getrübt von der Aussicht, keinerlei Einfluss auf die Gestaltung der Feier zu erhalten. Während des Teetrinkens unterbreitete sie Christa ihre Ideen, die Heidi nicht hören wollte.

„Guck doch mal, Christa. Für so ein Kleid braucht Heidi nicht nach Hamburg zu fahren. Das kann man im Handumdrehen selbst nähen.“

Unter der Küchenbank zog Kati einige Hochglanzhefte hervor. Perfekt geschminkte blonde Models mit Heidis ausgewogenen Kurven lächelten hoheitsvoll von den Titelblättern. Christa erhob keinen Anspruch auf Modewissen, doch selbst sie ahnte, dass Kleider wie die abgebildeten nicht von jeder Schneiderin genäht werden konnten. Diese Erkenntnis ließ sie der Hochzeit mit einem noch mulmigeren Gefühl entgegenblicken.

*

Kati

Nachdem Christa gegangen war, zog Kati sich in ihr Büro zurück. Vor dem Sofa lag immer noch der ungeordnete Haufen Broschüren. Morgen Abend, wenn Jörn arbeitete, würde sie Musik anmachen und in Ruhe ihre Schätze durchsehen. Den Ausstellungskatalog legte sie aufgeschlagen auf ihren Schreibtisch. Zufrieden über die Entscheidung, schlampig zu sein, schaltete Kati das Laptop an. Sie sah ihre E-Mails durch, postete auf Facebook einen kurzen Bericht über die Groningenfahrt der Landfrauen und wandte sich ihrer Wochenplanung zu.

Gerade wollte sie ihren privaten Speise- und Einkaufsplan für die nächste Woche durchgehen, als unten das Telefon klingelte. Kati lauschte. Heidi rief meistens auf dem Handy an, Christa war bis eben bei ihnen gewesen. Vielleicht hatte sie etwas vergessen. Mit einer seiner Töchter hätte Jörn aber länger gesprochen. Sie hörte ihn bereits auf der Treppe.

„Maite“, flüsterte er und zog sich zurück. Erstaunt kontrollierte Kati das Display. Maite und sie telefonierten nur selten. Sie sahen sich regelmäßig bei den Landfrauen und hatten gerade vier Tage miteinander verbracht. Einen Anruf hätte Kati frühstens im nächsten Monat erwartet.

„Was gibt’s denn, Maite?“ fragte Kati und hoffte, nicht zu abweisend zu klingen.

„Kati, ich muss mit jemand reden.“ Kati fühlte sich nicht wie irgendjemand.

„Ist etwas passiert?“

„Ja. Ich weiß nicht. Doch, könnte man sagen.“ Das klang nicht nach der selbstgewissen Maite.

„Rück‘ schon raus damit.“ Maite, die nicht für Zögerlichkeit bekannt war, gab sich hörbar eine Ruck.

„Gestern, als wir in Wardenburg angekommen sind, hat Jörn uns doch am Bus abgeholt. Der Hartwig war ja noch beim Fußballtraining. Ich war kaum in der Wohnung, da ist die Hilde hochgekommen. Ich soll doch mal gucken, ob der Vater in der Wohnung ist. Ich sag, Hilde, der Vater kann nicht hier sein, die Wohnung war doch abgeschlossen. Da meint sie, nee, guck mal trotzdem. Weißt du, es kommt schon mal vor, dass der Vater sich erinnert, dass das sein Haus ist, und dann nimmt er sich einfach die Schlüssel. Darum bin ich schnell durch die Wohnung gelaufen. Aber der Vater war nicht da.“

„War er denn weg?“ Kati fand selbst, dass ihre Frage unbedarft klang.

„Ja. Und irgendwie war das ganz komisch. Die Hilde hat den Vater gestern Nachmittag mit raus genommen zum Wäscheaufhängen. Sie hat sich noch mit ihm unterhalten, was man so unterhalten nennt. Dann musste sie die große Tischdecke vom Esstisch aufhängen. Da konnte sie ihn nicht sehen, und geantwortet hat er ihr auch nicht. Und als die Decke hing, war der Vater weg.“ Maite holte tief Luft, wie nach einem Geständnis.

Kati versuchte, sich den Garten von Maites Haus in Erinnerung zu rufen. Maite und ihr Mann Hartwig bewohnten die Oberwohnung eines Hauses in der Fladderstraße am westlichen Rand von Wardenburg. Hilde und Wolfgang Bruns lebten mit Johannes Bruns in der Unterwohnung. Zur Straße hin hatten sie ein bisschen Rasen mit Beeten, nach hinten eine riesige Wiese, die am Ende nur von einem Weidezaun begrenzt wurde. Dahinter lagen Felder und das Gewerbegebiet Rheinstraße. Nachbarn gab es kaum.

„Er kann doch nicht einfach weg gewesen sein“, behauptet Kati.

„Doch“, beteuerte Maite. „Hilde sagt, sie war vielleicht zwei Minuten abgelenkt. Als sie ihn im Garten nicht gesehen hat, ist sie ums Haus gelaufen. Im Vorgarten war er nicht und auch nicht auf der Straße.“

Die Fladderstraße zog sich von der Litteler Straße zweieinhalb Kilometer nach Südosten. Der letzte Kilometer verlief durch den Staatsforst Tüddick. Von Maites Haus war es fast ein Kilometer bis zur Litteler Straße und über fünfhundert Meter bis zum Waldrand. Innerhalb von zwei Minuten konnte Maites Schwiegervater nicht außer Sichtweite gelaufen sein.

„Ist er vielleicht zu den Nachbarn?“ Das direkte Nachbarhaus war seit ein paar Wochen leer, das nächste bewohnte Haus stand fünfzig Meter entfernt Richtung Litteler Straße.

„Die hat Hilde gleich angerufen. Aber er war nicht da. Na, und dann bin ich gekommen.“ Maite berichtete ausführlich, was ihre Schwägerin und sie unternommen hatten, um den Vater wiederzufinden. „Die Hilde hat Angst, dass er zu jemand ins Auto gestiegen ist.“

„Wieso sollte er das tun?“ Natürlich konnte niemand ahnen, was Johannes Bruns bewegte, etwas zu tun. Die Leute auf der Fladderstraße kannten ihn und hätten ihn zu Hilde gebracht. Außer Anwohnern kam niemand in die Fladderstraße.

„Ja, warum? Vielleicht wollte er zurück zu seinem Hof.“ Maite klang müde. Normalerweise strahlte sie Energie aus. Wenn sie in ihrem weißen Kittel durch das Hotel der Fischerkate an der Oldenburger Straße schritt, wusste jeder sofort, dass dort eine Frau mit Zielen kam. Am anderen Ende der Leitung holte sie tief Luft. „Mein Hartwig und der Wolfgang sind dann zur Polizei gefahren. Da wollten die keine Vermisstenanzeige annehmen. Der Vater wäre ja noch keine vierundzwanzig Stunden weg.“

„Das kann nicht richtig sein“, widersprach Kati. „Dein Schwiegervater ist alt und total dement dazu. Da ist doch Gefahr im Verzug, oder wie die das nennen.“

„Meinst du?“ Maite klang skeptisch. Schnell nahm sie wieder den Faden auf. „Jedenfalls haben wir vierundzwanzig Stunden gewartet. Dann sind Hartwig und Wolfgang noch einmal zur Polizei. Gerade eben sind sie zurückgekommen.“

„Und?“, fragte Kati. Doch mehr hatte Maite nicht zu erzählen. Kati sagte noch ein paar tröstende Worte, weil sich das so gehörte. Ihr war klar, dass sie Maite nicht beruhigen konnte.

Nachdem Maite aufgelegt hatte, rief Kati auf dem Laptop eine Karte vom Süden Wardenburgs auf. Der Tüddick war nicht groß. Von Maite aus fuhr man mit dem Fahrrad etwa eine Viertelstunde durch den Wald bis Im stillen Tal. Der kürzeste Weg bis zum Siedlungsgebiet Wardenburgs führte anderthalb Kilometer über die gepflasterte Straße Zum Fladder. Dann stand man am Ende einer Wohnstraße und musste noch einmal einen Kilometer zurücklegen, bis man in der Ortsmitte war. Die ganze Umgebung von Maites Haus war eine Ebene mit Wiesen und Feldern, auf denen um diese Jahreszeit kaum eine Pflanze höher als zehn Zentimeter stand. Wer sich auf diesen Straßen bewegte, war weithin sichtbar. Trotzdem war Johannes Bruns verschwunden.

*

Montag, 18. April

Christa

Seit zwei Jahren leitete Christa zusammen mit Harald Meinert die Rhauderfehner Niederlassung von Crea. Heim und Pflege. Das Unternehmen rühmte sich, alle Ansprüche alter oder pflegebedürftiger Menschen freundlich und effizient zu erfüllen. Crea. Heim und Pflege beriet in Rhauderfehn Senioren mit Interesse an einer praktischen Wohnung ebenso wie Angehörige, die auf Erleichterung bei der Pflegearbeit hofften. Neben angemieteten Appartements für Wohngruppen im gesamten Gemeindegebiet gab es am Kanal Untenende einen Neubau für betreutes Wohnen, und Christa begleitete seit Anfang des Jahres die Einrichtung eines Seniorenhotels am Hauptfehnkanal. Auch Harry pendelte jeden Tag aus Oldenburg, wo seine Frau und er ein Haus besaßen und seine Frau in führender Position für einen Wohlfahrtsverband arbeitete. Über vergleichbare Gründe, in Wardenburg zu bleiben, verfügte Christa nicht, trotzdem berief sie sich auf ihn.

Am Montagmorgen brach sie um sieben Uhr in Wardenburg auf und fuhr durch den Frühdunst nach Ostfriesland. In Rhauderfehn löste die Sonne die Schwaden auf, sodass die Gemeinde Christa mit glitzerndem Wasser im Untenende begrüßte. Sie fuhr vorbei an leuchtenden Narzissen, weißen Brücken und roten Ziegelhäusern aus dem neunzehnten Jahrhundert und bog im Kreisverkehr in die Rhauderwieke ab. Nicht weit vom Kreisverkehr befand sich das von Crea. Heim und Pflege angemietete Gebäude. Die Fassade traf beinahe perfekt das Cremeweiß der Crea-Uniform. Fronttür und Fenster waren hellblau eingerahmt, und im Besucherzentrum standen ein zartgrüner Tresen und hellblaue Tische auf glänzenden Fliesen.

Hinter dem Gebäude stellte Christa ihr Auto neben eines der cremeweißen Dienstfahrzeuge der mobilen Pflegerinnen. Als sie die zum Treppenhaus hin graue Metalltür aufstieß, schlug ihr eine Mischung aus Apothekenduft und Kaffee entgegen. In diesem hinteren Bereich lagen die Räume der Pflegerinnen. Nach vorne öffnete sich der Flur zum Besucherzentrum. Kurz vor dieser Erweiterung lagen Christas Büro, die Waschräume und die Teeküche des Verwaltungsbereichs.

In der Teeküche arbeitete die Kaffeemaschine am ersten Aufguss des Tages. Harry hatte sich standhaft gegen Kaffeezubereitung mit Pads gewehrt. Daher wurde trotz Hochglanzkulisse bei Crea-Rhauderfehn Kaffee nicht tassenweise zubereitet, sondern traditionell in Thermoskannen aufbewahrt. Ihr gemeinsames Büro war leer. Wie jeden Morgen, nachdem sie ihre Tasche abgestellt hatte, öffnete Christa das Fenster und nahm einen tiefen Zug ostfriesischer Parkplatzluft. Nach dieser Stärkung wagte sie sich zum Tresen, wo Frau Hahn residierte.

„Guten Morgen, Frau Hahn.“ Gegen den Hall im Besucherzentrum hatte der Architekt Teppichboden vorgeschlagen, doch der passte nicht in das Selbstkonzept von Crea. Heim und Pflege.

Frau Hahn sah von der Samstagspost hoch. Ihre Frisur erweiterte den Kopf zur Größe eines Medizinballs. Der Rest ihres Körpers war zierlich und schien den überdimensionierten Kopf nur mühsam auf hohen Absätzen zu balancieren.

„Guten Morgen, Frau Hemmen. Ich bin gleich mit den Briefen fertig.“

Christa nickte knapp und zog die Sonntagszeitung heran. Die Titelseite war wie an den meisten Montagen eingerissen. Daneben lagen drei Ausgaben des General-Anzeigers von Rhauderfehn, ebenfalls angerissen. Zwei Exemplare würde Frau Hahn nachher aufbügeln und auf den Besuchertischen auslegen.

„Wie war Ihr Wochenende, Frau Hemmen?“ Frau Hahn war das Nachfragen nicht abzugewöhnen. Sie hatte früher in einem Büro gearbeitet, in dem man Small Talk für notwendig hielt.

„Ging so. Sind Sie mit der Post fertig? Es ist zehn nach acht.“

Anfangs hatte Frau Hahn Christa nach so einer Antwort betrübt angesehen. Jetzt setzte sie nur den Eingangsstempel auf den letzten Brief und schob ihr wortlos den Stapel hin.

„Danke.“ In dem Moment kam Harry ins Besucherzentrum. Harald Meinert war der einzige Mensch in Christas Bekanntenkreis, auf dessen Gangart Schlendern zutraf. Alle anderen gingen lediglich langsam. Nur das leichte Nachgeben des rechten Beines verriet, dass sein Gang Folge einer Verletzung war.

„Einen wunderschönen Montagmorgen, Frau Hahn. Wie war Ostfriesland am Wochenende?“ Frau Hahns Hals nahm einen fleckigen Rotton an. An ihren Wangen war unter der perfekten Grundierung keine Farbveränderung auszumachen.

„Guten Morgen, Herr Meinert. Ich war in Leer tanzen. Und was haben Sie in Oldenburg gemacht?“ Die beiden tauschten Anekdoten aus, Frau Hahn kicherte, Harry lachte. Christa stand daneben und wartete auf den Moment, an dem sie ihn ins Büro mitnehmen und auf die anstehende Besprechung einstimmen konnte. Nach drei Minuten Geplänkel bemerkte er sie.

„Ob es denn schon Kaffee gibt, Frau Hahn? Ich hatte heute morgen nur eine Tasse“, leitetet er das Ende des Small Talks ein.

„Sie Ärmster.“ Frau Hahn hatte während ihres Gesprächs die ganze Zeit mit dem Brieföffner gespielt. Nun legte sie ihn ab und strahlte Harry an. „Ich bringe Ihnen gleich eine Tasse. Ihnen auch, Frau Hemmen?“ Ehe Christa antworten konnte, nickte Harry bekräftigend.

„Machen Sie doch gleich eine ganze Kanne draus, Frau Hahn. Frau Kehl kommt rüber zur Besprechung.“

„Gerne.“

Christa ging voran ins Büro, wo Harry bereits seine Brotdose auf dem Schreibtisch abgestellt hatte. Trotz des offenen Fensters roch der Raum nach Salami. Es war ein Wunder, dass noch keine Katze durch das Fenster gesprungen war.

„Warum hattest du nur eine Tasse Kaffee?“ Er zuckte mit den Schultern, als handelte es sich um ein Problem von minderer Bedeutung.

„Im Bad getrödelt. In meinem Alter ist Körperpflege wichtig, sonst droht der Verfall.“ Christa maß ihn aufmerksam, Anzeichen ungewohnter Pflegeaktionen konnte sie nicht ausmachen. Harry sah aus wie ein Pädagoge jenseits der mittleren Jahre, den man in einen Anzug gesteckt und zu Seriosität verdammt hatte. Seine Haare fielen wie eine braun gesprenkelte Filzmatte kompakt vom höchsten Punkt des Kopfes. Vorne endete die Matte knapp über den Augenbrauen, hinten touchierte sie den Hemdkragen. Eine Krawatte für den Notfall hing aus der linken Tasche seines Jacketts, rechts beulten Schlüssel und gebrauchte Taschentücher den Stoff.

„Ja, den Verfall muss man eindämmen“, stimmte Christa zu.

„Meine Rede.“ Er ließ sich auf den Schreibtischstuhl fallen und rieb sein Knie. Frau Hahn brachte eine Kanne Kaffee und drei Becher. Bei jedem Schritt ging der Stoß ungefedert durch den hohen Absatz und ihren schmalen Körper bis in das Tablett. Klirrend rutschten die Tassen gegen den Tablettrand.

„Du siehst mir allerdings übernächtigt aus“, bemerkte Harry, nachdem Frau Hahn den Raum verlassen hatte. Christa rieb mit den Fingerspitzen unter ihren Augen, falls Mascara in die Lidfalte geschmolzen war.

„Ach, ich hatte gestern Abend noch ein etwas seltsames Gespräch mit meiner Mutter. Dabei ist es spät geworden.“ Er sah sie zwischen den Monitoren auf ihren Schreibtischen an.

„Probleme?“

„Nein. Meine Schwester heiratet.“

„Ist das so seltsam?“

„Wie bitte? Nein, da war noch etwas anderes. Eigentlich hat es nichts mit meiner Familie zu tun. Der Schwiegervater einer Freundin meiner Mutter ist abhanden gekommen. Er ist ziemlich alt und dement. Am Samstag war er mit der anderen Schwiegertochter im Garten. Sie hat einen Moment nicht aufgepasst, da war der Mann weg. Spurlos verschwunden.“

Harry und Christa hörten öfters solche Geschichten. Normalerweise fand die Polizei oder ein aufmerksamer Spaziergänger den Betreffenden innerhalb weniger Stunden. Dass ein alter Mann beinahe zwei Tage verschwunden blieb, war ungewöhnlich, aber nicht unmöglich. Harry wunderte sich nur wenig, dass die örtliche Polizei am Samstag versucht hatte, die Angehörigen unter Verweis auf die Vierundzwanzig-Stunden-Regel abzuwimmeln.

„Jetzt verdächtigt die Kriminalpolizei die Söhne.“ Beide nickten wissend, während Kati sich am Vorabend über den Verdacht aufgeregt hatte.

„Ist Geld im Spiel?“

„Ich glaube, eine ganze Menge. Der Vater war Bauer und hat vor Jahren sein Land verkauft. Ein halbes Gewerbegebiet steht darauf. Der Rest ist verpachtet.“ Sollte bei Harry der Eindruck entstehen, dass die Polizei die Söhne des Verschwundenen nicht grundlos verdächtigte, fand Christa das nicht tragisch. Maite traute sie keine kriminellen Machenschaften zu, die Frau erschien ihr zu fantasielos, aber Hartwig Bruns hatte so einen getriebenen Blick. Wenn jemand wie Hartwig in finanzielle Schwierigkeiten geriet, konnte er auf die Idee kommen, dem Schicksal vorzugreifen.

Es klopfte. Harry stand auf, um der Pflegedienstleiterin Frau Kehl einen Stuhl am Besprechungstisch herauszuziehen. Diese altmodische Geste wirkte noch absurder, weil sie ihn fast einen Kopf überragte. Amke Kehl war, in ihren eigenen Worten, ein ganzer Kerl. Christa fühlte sich in ihrer Gegenwart an die Wand gedrückt. Möglicherweise ging es Harry ähnlich, und sein Rückgriff auf das Repertoire älterer Herren diente der Selbstverteidigung.

„Danke, Herr Meinert.“ In ihrem cremeweißen Kasack zur gleichfarbigen Hose wirkte sie wie eine antike Säulenfigur, die ihren Standort an einem Portal verlassen und sich auf dem zierlichen Besprechungsstuhl niedergelassen hatte. Der spezielle Crea-Ton ihrer Pflegetracht schmeichelte dem rosigen ostfriesischen Teint. Zwei Zöpfe in der Farbe bitterer Orangenmarmelade waren von der Stirn nach hinten geflochten und im Rücken zusammengebunden. Christa konnte sie sich gut als Kriegerin neben einem Goldschatz vorstellen.

Frau Kehl beobachtete Harrys Gang, als er sein Laptop vom Schreibtisch holte. Sie hätte auch Physiotherapeutin für Pferde sein können, denn als Harry das Laptop auf den Besprechungstisch stellte, fragte sie sofort nach seinem Knie. Nach zwei Jahren kannte sie die tragische Geschichte des Knies, im Gegensatz zu Christa zeigte sie jedoch keinerlei Anzeichen von Ungeduld, als Harry zu einer Schilderung ansetzte.

„Das war in meiner ersten Saison in der Bundesliga.“ Er sprach, als hätte er bei Bayern München Fußball gespielt, tatsächlich war er Ersatzspieler einer Alhorner Faustballmannschaft gewesen. „Ein Foul, ein unglücklicher Sturz. Das Ende einer vielversprechenden Karriere.“ Frau Kehl nickte mitfühlend.

„Darf ich das Knie ansehen?“ Harry schwang auf dem Stuhl herum und zog bereitwillig sein Hosenbein hoch. Christa wandte sich ab. Sie kannte Harrys Knie und seine Narben zur Genüge.

„Ich hol Ihnen mal etwas Salbe.“ Als Frau Kehl weg war, drehte Christa sich wieder um.

„Machst du das nur, um Salbe zu schnorren?“ Harry starrte sie überrascht an.

„Wie kommst du darauf? Ich bin überzeugt, dass sie fachliches Interesse an meinem Knie hat.“ Sie nickte nur. Dieses Gespräch war, trotz Harrys großer Augen, Routine.

*

Anonymus

Nachdem er von der Landstraße abgebogen war, erkannte er die Umgebung wieder. Eichen beiderseits der Fahrbahn schwankten im Wind, ihre Äste schlugen hoch über dem Asphalt ineinander. Von diesen Kollisionen abgerissene Zweige prallten gegen die Windschutzscheibe. Sonnenlicht und Schatten jagten über die Fahrbahn, so dass er manchmal glaubte, vor ihm laufe ein Tier. Aus diesem Grunde hatte sein Fuß bereits mehrmals das Bremspedal berührt.

Neue Häuser waren nicht hinzugekommen, seit er vor Jahren zuletzt hier gewesen war. Rechts stand das weiße Haus, etwas verspielt mit seinem gläsernen Windfang und den hohen Sprossenfenstern, links das rote Haus im traditionellen Stil der Fehnhäuser. Hinter der Kurve war der Zwilling dieses Hauses von alten Eichen halb verdeckt, ein weiteres Fehnhaus kam nach fünfzig Metern auf der rechten Seite. Mehr Häuser gab es nicht bis Schatteburg.

Er passierte das vierte Haus, bis die schwankenden Bäume es im Rückspiegel verbargen, und parkte ein Stück von der Straße entfernt in einer Wiese. Als er zu Fuß bei der Straße ankam, sah er, wie gut das trockene Gestrüpp am Zaun sein Auto verdeckte. Schnell erreichte er das offen stehende Tor des zurückliegenden Fehnhauses. Die anderen Häuser lagen wie ausgestorben. Vermutlich befanden sich die Bewohner bei der Arbeit. Er hatte nichts Verwerfliches vor, wollte nur ein Gespräch, dennoch brauchte niemand von seinem Besuch zu wissen.

In den Eichen vor dem Haus siedelte eine Kolonie Saatkrähen. Ihr Kreischen erfüllte die Luft, hunderte weißer Sprenkel zierten die Auffahrt. Geduckt lief er unter den schwarzen Vögeln, die schreiend über ihm kreisten. Anscheinend waren sie es nicht gewöhnt, von Menschen gestört zu werden. Das passte zu der Hexe.

Zu Hause war sie. Ihr Auto stand unter dem Carport. Er ging ein Stück weiter bis zum Obstgarten. Wäsche flatterte an der Leine. Sie tat harmlos, als sei sie eine normale Frau, doch er wusste, wozu sie fähig war. Sie hatte seinen Vater umgarnt wie keine andere. Aus der Hand hatte er ihr gefressen, der alte Narr.

Er machte kehrt und wollte zur Haustür gehen, als er aus dem ehemaligen Stall ein Husten hörte. Natürlich war sie dort. Er hatte sie auch bei seinem letzten Besuch zwischen ihren Tonblöcken angetroffen. Erst danach hatte sie ihn in ihr Wohnzimmer gelockt. Ohne anzuklopfen stieß er die Tür auf.

„Was soll das?“ Sie hatte von ihrem Hustenanfall noch die Hand vor dem Mund. Nun rückte sie ihre Brille zurecht. „Ach, Sie sind das.“

Er erkannte, wie sehr er darauf gesetzt hatte, sie mit seinem unerwarteten Auftauchen zu verunsichern. Immerhin war sie nicht mehr jung und lebte allein in diesem einsamen Haus. Normale Frauen sollten erschrecken, wenn plötzlich ein Mann in ihren privaten Bereich eindrang. Sie zeigte keinerlei Angst. Eine Hexe wie sie fürchtete sich nicht vor Menschen.

„Ja, ich bin es. Gut, dass Sie sich erinnern.“

„Natürlich erinnere ich mich. Was wollen Sie denn jetzt noch?“

Sie hustete hinter der vorgehaltenen linken Hand. Wie eine schwarze Spinne saß ein riesiger Ring auf ihren Fingern, so breit, dass er nicht erkennen konnte, an welchem Finger sie ihn trug. An den Ring erinnerte er sich. Schon damals war er ihm unheimlich gewesen, eine Bestätigung, dass sie eine böse Frau war. Nun bemerkte sie seinen Blick. Mit dem Zeigefinger der rechten Hand strich sie über das dunkle Metall.

„Ich weiß, was Sie getan haben“, platze er heraus. Er hatte nicht geplant, schnell auf den Punkt zu kommen, aber da er sie aus der Fassung bringen wollte, musste er offen sprechen. Sie sah ihn unverwandt an. Ihre Ruhe war unerträglich.

„Und?“ Er holte tief Luft.

„Ich könnte zur Polizei gehen.“

Sie betrachtete ihn abschätzend, als wäre er einer ihrer Tonhubel, die in Folie verpackt im Regal lagerten. Immer noch fuhr sie mit der Fingerspitze über den Rand des Ringes. Er fragte sich, was für ein Material es war, so dunkel und offensichtlich schwer. Ihre Finger erschienen viel zu dünn für dieses unförmige Schmuckstück.

„Sie wollen mich erpressen? Süß.“

„Süß? Was soll das heißen?“

„Sie glauben, ich hätte Angst vor der Polizei. Wozu? Ich kann zu allem stehen. Aber Sie? Könnten Sie mit dem, was herauskommen würde, leben? Sie sollten so schlau sein zu erkennen, dass ich der Polizei alles erzählen würde. Das wäre meine Pflicht, wie Sie bestimmt verstehen. Nur … es käme natürlich das eine oder andere ans Tageslicht.“

„Nein!“ Er brüllte seinen Hass heraus, und seine Angst. Sie war eine Hexe. Er hatte es immer gewusst. Hektisch stieß er an ihrem Arbeitstisch vorbei, bis er vor ihr stand. Als er die Hände nach ihr ausstreckte, blieb sie reglos stehen. Er packte sie an den Oberarmen und schüttelte sie. Unter ihrem Pullover schien sie nur aus losen Knochen zu bestehen. Angewidert ließ er von ihr ab. Sie taumelte rückwärts, ihr Kopf prallte gegen die Wand. Schmerz zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab, als sie an ihren Hinterkopf tastete. Sie hielt ihm die rot verschmierte Hand hin, ein beinahe triumphierendes Lächeln auf den blassen Lippen.

„Sie schrecken vor nichts zurück. Da erkennt man die Ähnlichkeit.“ Sie begann schrill aufzulisten, worin die Ähnlichkeit bestand, was er jetzt mit ihr tun würde und was andere wie er getan hatten.

Er hasste sie für diese Worte. Ähnlichkeit. Er war er selbst. Er war kein Mörder. Er brauchte sich nicht vor einer wie ihr zu fürchten. Mit der rechten Hand stieß er sie gegen die Wand. Sie flog zurück wie eine Puppe, dabei lachte sie, bis ein Hustenanfall sie zusammenkrümmte. Beinahe rechnete er damit, dass sie unter seinem Arm hindurch zu fliehen versuchte. Doch sie hustete nur. Als sie den Kopf hob, waren ihre Wangen grau und die Augen gerötet. Ihr Blick war weiterhin kühl.

„War das alles?“

Es war nicht alles. Kaum hatte sie es ausgesprochen, spürte er eine Welle der Wut. Mit beiden Händen packte er sie und drückte die Daumen gegen ihren Kehlkopf. Nun hob sie doch die Hände. Ihre Finger krallten sich in seine Unterarme, schwach, als versuchte ein Vogel ihn wegzuschieben. Als sie die Hände fallen ließ, schlug er ihren Kopf noch mehrmals gegen die Wand. Dann ließ er sie los und starrte auf den dunkelroten Fleck an den gekalkten Steinen, während er das Gewicht ihrer Schulter auf seinen Füßen spürte.

Dies war das Werk der Hexe. Sie hatte ihn dazu gebracht zu tun, was er niemals gewollt hatte.

(…)

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