Leseprobe „Die Ordenskette des Schwanenordens“

  • Vorwort
  • Die Ordenskette des Schwanenordens
  • Vorbemerkungen des Verfassers
  • I. Teil Die Ordenskette der „Gesellschaft unserer lieben Frauen zum Schwan“ und ihre überlieferte symbolische Deutung
    • 1.1 Die Ordenskette, selbst gleichfalls „Gesellschaft I“ benannt, ihre Kettenglieder und ihre beiden Kleinode
    • 1.2 Die symbolische Deutung der „Gesellschaft“ mit ihren Kettengliedern und den beiden Kleinoden nach den Urkunden
    • 1.3 Die Ordenskapelle, ihr Patrozinium und die überkommene Kasel (Meßgewand)
    • 1.4 Ereignisse im Zeitraum zwischen der Abfassung des Stiftungsbriefes 1440 und der Aufstellung der Statuten 1443
    • 1.5 Die Schwerterkette des Deutschen Ordens. Ein Vergleich
    • 1.6 Ein Gewölbeschlußstein in Aachen und unser Marienmedaillon. Vergleichender Hinweis
    • 1.7 Das Emblem König Wenzels und unser Schwanen-Medaillon. Ein Vergleich
    • 1.8 Darstellung der Ordenskette auf gemalten Bildnissen sowie Bildwerken aus Stein und Holz. Eine Auswahl
    • 1.9 Auflösung der Gesellschaft unserer lieben Frauen. Nachträglich neue Benennungen
  • II. Teil Zur Wahl des Schwanensymbols. Zusätzliche Annahmen
    • 2.1 Die Überlieferung der Artus- und Gralssagen sowie das Gedenken an Gottfried von Bouillon im Fränkischen Bereich 1400/1440
    • 2.2 Die altfranzösische Schwanenrittersage, verknüpft mit Gottfried von Bouillon
    • 2.3 Die ersten beiden Kurfürsten (Friedrich I. und Friedrich II.) und das Herzoghaus Kleve. Begegnungen und Beziehungen
    • 2.4 Die Überlieferte symbolische Bedeutung des Schwanes im Blickfeld des Ordensstifters (Friedrich II.)
    • 2.5 Der Ansbacher Schwanenritterordens-Altar, ebenso wie einst die Ordenskette, Zeuge der verbindenden Wirkung unserer Gesellschaft zwischen Nord und Süd
  • Biografie von Friedrich Streng
  • Literatur
  • Abbildungsverzeichnis
  • Anmerkungen Teil I
  • Anmerkungen Teil II

Vorwort

Der Schwanenorden wurde 1440 von Kurfürst Friedrich II zu Brandenburg gestiftet. In seiner Tradition besteht seit 1980 eine Neugründung.

Das Bild heutiger Leser von vergangenen Zeiten ist weitgehend durch Darstellungen in den Medien geprägt. Dort erscheint das Mittelalter als eine dunkle Zeit, in der Schmutz, Krankheiten, Religion und Kriege die Menschen zermürbten. Dichtungen, Sagen und Mythen des Mittelalters sind weitgehend unbekannt; wenn Leser ihre farbenprächtige Bilderwelt entdecken, sind sie jedoch unweigerlich fasziniert. Dies war bereits im neunzehnten Jahrhundert so. Der Komponist Richard Wagner ließ sich durch das Versepos Parzival von Wolfram von Eschenbach seinen Opern Lohengrin und Parsifal inspirieren, und auch im einundzwanzigsten Jahrhundert ist die Handlung zahlreicher Historienromane an mittelalterliche Sagen und Mythen angelehnt (beispielsweise die Artus-Chroniken von Bernard Cornwell).

Das vorliegende Buch „Die Ordenskette des Schwanenordens zu Brandenburg und Ansbach. Eine kulturgeschichtliche Skizze“ von Friedrich Streng verdankt sein Entstehen den kulturhistorischen Studien des Autors, welche er begleitend zu seinen familiengeschichtlichen Untersuchungen betrieb. Friedrich Streng greift für seine Betrachtungen ein Element aus der reichen Geschichte des spätmittelalterlichen Schwanenordens heraus: die Ordenskette.

Allerdings ist die Bezeichnung Schwanenorden für die von Friedrich II gegründete Vereinigung erst im neunzehnten Jahrhundert auf die Stiftung angewendet worden, als Friedrich Wilhelm IV König von Preußen vergeblich versuchte, die Gemeinschaft neu zu beleben. Der ursprüngliche Name „Gesellschaft unseren lieben Frauen zum Schwan“ verweist auf die damalige Organisationsform. Adelsgesellschaften waren ein Phänomen des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit. Die Mitglieder fanden sich auf Initiative eines Herrschers oder aus eigenem Antrieb zusammen, um politische und karitative Ziele zu verwirklichen. Einige Gesellschaften wie die von Friedrich II gestiftete nahmen auch Frauen auf. Auch Friedrich II verband mit seiner Stiftung soziale wie politische Ziele. Die Angehörigen der Gesellschaft verpflichteten sich zu Zusammenhalt und Einigkeit im Handeln, aber auch zu einem sittsamen und frommen Lebensstil. Raufereien und Alkoholgelage sollten regelmäßigem Gebet weichen.

Friedrich Streng ordnet in seiner Studie die Ordenskette in die höfische Lebenswelt des Spätmittelalters ein. Für die frommen Adeligen spielten die Verehrung der Gottesmutter Maria und die Mythen um die Entstehungsgeschichten der Herrscherhäuser, insbesondere die Sagen, welche die symbolische Bedeutung der Schwäne begründeten, eine bedeutsame Rolle. Diese Aspekte sah Friedrich Streng in der Literatur über den Schwanenorden vernachlässigt. Vor dem Hintergrund von Glauben, Sagen und Politik der Herrscherhäuser verleiht der Autor einem auf den ersten Blick nichtssagender Gegenstand wie der Ordenskette Farbe und Bedeutung und erzählt seine eigene spannende Geschichte, beispielsweise weshalb die langestreckten Rechteckrahmen der Kettenglieder das mittelalterliche Folterinstrument Premsen (auch Premtzen) darstellen, in denen Herzen gepeinigt werden.

Das letzte bekannte Exemplar der Ordenskette befand sich in einem Berliner Museum, wo es im zweiten Weltkrieg zerstört wurde.

Der moderne Name Schwanenorden geht zurück auf eines der Kleinode an der Ordenskette. Diese weist zwei Kleinode auf. Das erste ist ein Medaillon mit einer Darstellung der Maria mit Kind. Dieses Medaillon erinnert an die Widmung „Unserer lieben Frauen“. Das zweite, kleinere Medaillon stellt einen Schwan dar. Als in späteren Jahren in der Folge der Reformation die Verehrung Marias als Gottesmutter in den Hintergrund trat, gewann der Schwan an Bedeutung. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Gesellschaft ihre Blütezeit längst überschritten und befand sich auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit.

Zur Zeit der Stiftung existierten mehrere Gesellschaften, die der Gottesmutter gewidmet waren. Der Namenszusatz „Zum Schwan“ sollte Friedrichs II Gesellschaft von diesen unterscheiden. Mit seinem weißen Gefieder galt der Schwan bereits in der Antike als Symbol der Reinheit. Der sprichwörtliche Schwanengesang sollte die Träger der Kette an die Allgegenwart des Todes erinnern. Nach der Ausdehnung des Ordens nach Süddeutschland erhielt der Schwan zudem eine politische Bedeutung. Als freier und ungebundener Vogel symbolisierte er die freien Franken und Sachsen.

Neben seiner symbolischen Bedeutung vermutet Friedrich Streng weitere Gründe für die Wahl einer Darstellung des Schwans in der Ordenskette. Auch wenn diese nicht gesichert sind, helfen sie dem Leser doch, die Gestaltung der Kette und der Kleinode in ihren kulturgeschichtlichen Hintergrund einzuordnen. So erinnert Friedrich Streng an das Streben einflussreicher Familien im Mittelalter, berühmte Könige oder andere herausragende Männer als Stammväter zu identifizieren. Aus diesem Grunde versuchte man beispielsweise Gottfried von Bouillon (1060-1100), die sagenhaften Ritter von König Artus Tafelrunde oder Lohengrin in den Familienstammbaum einzupflegen.

Gottfried von Bouillon stammte aus Niederlothringen. Er nahm am ersten Kreuzzug teil und wurde der erste Regent von Jerusalem. Aufgrund dieser Position wurde er später als Beschützer des Heiligen Grabes idealisiert und mythologisiert. Gottfried von Bouillon wurde einer der neun guten Helden, einem literarischen und kunstgeschichtlichen Motiv, das zu Beginn des 14. Jahrhunderts in Europa aufkam. Darstellungen dieser neun als ideale Ritter bezeichneten Männer sollten Rats- und Stadtherren zu einer guten Regierung ermahnen.

Laut einer französischen Dichtung war ein Großvater von Gottfried von Bouillon der Schwanenritter. Es existieren mehrere Sagen von Rittern und Kindern, die mit goldenen Ketten um den Hals geboren werden. Nimmt man ihnen diese Ketten ab, verwandeln sie sich in Schwäne, erhalten sie ihre Ketten zurück, nehmen sie wieder Menschengestalt an. Der deutsche Dichter Wolfram von Eschenbach griff diese Sagen um die Schwäne auf und verarbeitete sie und die Artussage in seinem Versepos Parzival. Bei ihm ist der Schwan ein Sinnbild für ritterliche Tugenden. Das Haus Kleve vom Niederrhein machte sich die Sagen um den Schwan zu eigen. Es berief sich zu Friedrich II Zeiten auf Gottfried von Bouillon als Stammvater. Durch mehrere Heiraten war das Haus Kleve mit dem Haus Brandenburg verwandt. Friedrich II wusste um diesen Bezug zu Gottfried von Bouillon und dem Schwanenritter. Möglicherweise floss dieses Wissen in seine Entscheidung für den Schwan als Symbol auf der Ordenskette ein.

Der mittelhochdeutsche Text des Parzival ist in der Bibliotheca Augustana nachzulesen. Dort finden sich auch einige Illustrationen der Handschrift mit Szenen aus dem ritterlichen Leben und der Gesellschaft an König Artus Hof. Eine neuhochdeutsche Übersetzung gibt es unter www.zeno.org. Zum besseren Verständnis ist jedem Buch der Dichtung eine Inhaltsangabe voran gesetzt. Weitere Informationen über Wolfram von Eschenbach, den Parzival und externe Links zu Sekundärliteratur befinden sich bei www.mediaevum.de.

Friedrich Strengs kulturgeschichtliche Skizzen sind nach der alten Rechtschreibung verfasst. Diese Schreibweise wurde beibehalten.

Der Text erschien erstmals in gedruckter Form im BDOS-Jahrbuch 2004, S. 2-13. (Deutsche Gesellschaft für Ordenskunde)

Die Ordenskette
des Schwanenordens
zu Brandenburg und Ansbach.
Eine kulturgeschichtliche Skizze
von Friedrich Streng

Vorbemerkungen zur kulturgeschichtlichen Skizze „Ordenskette“

Nunmehr konnte gegen Ende des Jahres die „kulturgeschichtliche Skizze über die Ordenskette des Schwanenordens zu Brandenburg und Ansbach“ fertiggestellt werden.

Die letzte bekannte Original-Ordenskette aus dem Spätmittelalter ist leider im letzten Weltkrieg verloren gegangen.

Zu ihrer Beschreibung sind wir daher heute leider auf eine ältere, jedoch gute fotografisch-lithografische Abbildung und auf Beschreibungen im früheren Schrifttum angewiesen. Die dort auch enthaltenen Angaben über die Art und die Organisation des Ordens selbst sowie Zusammenstellungen des bisher erschienenen Schrifttums wiederholen wir hier bewußt nicht, da sie als bekannt gelten dürfen und nachlesbar sind. Dagegen weisen wir aufgrund der überlieferten Urkundentexte nach, daß der Ordensstifter ursprünglich einzelne Teile der Ordenskette anders gestalten wollte, als die lange Überkommene Kette zeigte. Auch bringen wir u.a. Vergleiche der zugehörigen „Kleinode“ zu anderen Kunstwerken neu ein.

Weiter weisen wir wohl erstmals auf ein zeitgenössisches Damenbildnis, geschmückt mit der Ordenskette, hin, das sich in der Alten Pinakothek in München befindet.

Der zweite Teil unserer Abhandlung stellt der in den Statuten mitgeteilten Begründung zur Wahl des Schwanensymbols andere Annahmen als Beweggründe zu dieser Wahl gegenüber. Diese, auf verbürgten Ereignissen und Begegnungen beruhend, schildern zugleich den kulturgeschichtlichen Hintergrund für das Entstehen und die Formung des Ordens und seiner Ordenskette.

Möge dieser neue Beitrag zur Geschichte des Schwanenordens den Freunden der frühen kurfürstlich-brandenburgischen Geschichte und der Schwanenordenskapelle zu Ansbach einige beziehungsreich skizzierte Anregungen bieten.

Diese Arbeit ist gewidmet dem Andenken an meinen Vater

GEORG STRENG (1872- 1918),
Verfasser des Buches Das Rosettenmotiv in der Kunst- und Kulturgeschichte, Verlag Müller & Fröhlich, München 1918.

I. Teil
Die Ordenskette der „Gesellschaft unserer lieben Frau zum Schwan“ und ihre Überlieferte symbolische Deutung.

1.1 Die Ordenskette, selbst gleichfalls „Gesellschaft“ benannt, ihre Kettenglieder und ihre beiden Kleinode

„Unser lieben Frauen Kettenträger“ 1) heißen in alter Zeit die brandenburgischen Ritter, die sich in der neugestifteten „Gesellschaft zum Lobe der Jungfrau Maria“ mit ihrem Kurfürsten (dem Stifter) und untereinander verbunden haben. Kurfürst Friedrich II besiegelt den Stiftungsbrief am Michaelstag 1440.

Später, zumal im Ansbachischen, kommt zuweilen die Bezeichnung „Gesellschaft unserer lieben Frauen zum Schwan“ vor. 2) Dieser Name ist für die Eigenart dieser Gesellschaft besonders aufschlußreich. Denn dieser Ritterorden, wie er in unserer modernen Sprache bezeichnet wird, ist hauptsächlich der mittelalterlichen Marienverehrung gewidmet. Der Zuname „zum Schwan“ soll ihn offensichtlich von anderen, ähnlich ausgerichteten Orden unterscheiden. Hängen doch an der Ordenskette der Gesellschaft, einer Halskette, die damals gleichfalls „Gesellschaft“ genannt wird, zwei „Kleinode“ untereinander: ein Marienmedaillon und ein Schwanenmedaillon.

Ist schon die Verdoppelung des sonst üblichen einzigen Kleinods an der Halskette ungewöhnlich, so ist vor allem die Formgebung der einzelnen, aufgereihten Kettenglieder Überraschend und vermutlich schon für viele der Zeitgenossen befremdlich. Denn jedes einzelne Kettenglied stellt ein sehr stark verkleinertes, mittelalterliches Folterinstrument dar, wie es einst bei richterlichen „Peinlichen Befragungen“ Geständnisse erpressen sollte. Der Stiftungsbrief 3) nennt die Instrumente „Premtzen“ (auch „Premsen“).

Auf den ersten flüchtigen Blick scheinen diese Gebilde sehr langgestreckte Rechteckrahmen aus dünnen Metallstäben zu sein. Die Längsstäbe sind jedoch nach innen sägeförmig gezahnt und an den Enden einerseits durch kleine Ringe, andererseits durch kurze Schraubenbolzen mit Flügelmuttern verbunden, während in der Rahmenmitte symbolisch je ein kleines (rotgefärbtes) Herz eingeklemmt ist.

In der Regel bilden 18 derartige Kettenglieder die Halskette. An ihr trägt ein dreipaßförmiger Zwischenring zunächst das Marienkleinod. Unsere liebe Frau, mit dem Kind auf dem Arm, ist als Halbfigur unten durch einen nach oben offenen Halbmond begrenzt und sonst ringsum von einem Sonnenstrahlenkranz umgeben.

Eine Inschrift auf der Mondsichel begrüßt die Himmelskönigin mit „AVE MUNDI DOMINA“

Das angehängte zweite Kleinod zeigt ebenfalls als Rundmedaillon ein in sich stark verwundenes Handtuch, das somit die Gesamtform eines Kranzes annimmt. Die Tuchenden sind am unteren Reifenabschnitt leicht überschlagen und hängen senkrecht abwärts, ihre Säume sind beiderseits mit je fünf Fransen besetzt, die kleine Glöckchen tragen. Inmitten des Tuchreifens ist die Figur eines (weißen) Schwanes eingefügt, der auf dem Überschlag sitzt (oder schreitet) und dabei sein Gefieder leicht entfaltet (oder auch angelegt) hält.

Eine einzige vergoldete Schwanenordenskette hatte seit dem Spätmittelalter die Zeiten bis zum Ende des zweiten Weltkrieges überdauert. Sie ist jedoch leider in einem Berliner Museum bei der Zerstörung der großen Stadt zugrunde gegangen. Glücklicherweise ist jedoch diese Originalkette, nach einer sehr guten Fotografie, als gute Abbildung im grundlegenden Werk „Das Buch vom Schwanenorden“ (Berlin 1881) schon vordem veröffentlicht worden, so daß uns diese Abbildung heute noch eine gute Vorstellung dieser alten Ordenskette vermittelt (Abb. 1).


Abb. 1: Abbildung der Ordenskette des Schwanenordens in Stillfried und Haenle, 1881.

Abb. 1a: Das Detail der Ordenskette zeigt die Kettenglieder in Form des Folterinstruments Premse. Sehr gut erkennbar sind die Zähne an den Längsseiten der Kettenglieder und das gequälte Herz in der Mitte. Darunter hängen die Kleinode Marienmedaillon und Schwanenmedaillon. Abbildung in Stillfried und Haenle, 1881.

Bei dieser haben die Durchmesser des Zwischenringes und des Marienmedaillons jeweils die 1 1/2fache Breite der Kettenglieder. Der Durchmesser des Handtuchkranzes die doppelte Breite, so daß das Schwanen-Medaillon als namengebendes Kleinod besonders hervortritt.

1.2 Die symbolische Deutung der „Gesellschaft“ mit ihren Kett

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