Leseprobe „Der Schwan ist tot“

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Er wachte auf. Der Geruch von frischer Bettwäsche irritierte ihn. Aus durchsichtigen Schläuchen tropften Flüssigkeiten in seine Adern. Augenscheinlich war er in einem Krankenhaus. Er drehte sich auf die Seite. Die Infusionsnadeln pieksten unter der Haut.

Wenn das hier seine Endstation bedeutete, fragte er sich, liefen die Jahre dann wirklich wie ein Film vor einem ab? Das Auf und Ab in seinem Leben hatte ihm noch nie Angst gemacht. Doch nur die Bilder seines letzten Schuljahrs besetzten sein Gehirn. Unerlaubt, aber lebendig und aufdringlich, als wollten ihm sogar die Erinnerungen Qualen zufügen. Er wusste warum. Ergeben murmelte er vor sich hin: Der Herr ist mein Hirte – mir wird nichts mangeln – er weidet mich auf grüner Au …

Mit schläfrigen Augen beobachtete er, wie die Tür zum Zimmer behutsam aufging. Zwei schwarz verschleierte Gestalten betraten den Raum. In welchem verfluchten Land war er? Jemand beugte sich über ihn. Ein Augenpaar sah ihn für Momente an. Liebevoll? Nur, es ergab keinen Sinn. Wieder stachen ihn die Nadeln. Tief unter die Haut. Der Schmerz kam heftig – die grausame Erkenntnis brannte schlimmer als der Schmerz: keine dünnen Nadeln bohrten sich in sein Fleisch – Dolche!

Nacht.

1. Kapitel

Dienstag, 9. Oktober. Nördlicher Landkreis. Herbstruhe.

Die Nebelsuppe auf der Fahrt von Rosenheim nach Griesstätt zerrte an Michaels Geduldsfaden. Wenn er schon seine Tante aus der Klinik abholen musste, hätte wenigstens das Wetter mitspielen können. Welch ausgedehnte Autoschlange seinem Smart im Nacken saß, konnte er sichtbedingt nur ahnen. Erst auf der Anhöhe kurz vor Griesstätt stach die Sonne durch. Sofort zogen ein paar ganz Eilige an ihm vorbei.

„Das hätten die jetzt auch noch abwarten können“, grantelte er und bog rechts ab zur Klinik.

Tante Berti erwartete Michael in der Vorhalle. Sie hatte eine Ellbogen-OP hinter sich. Die Schwester seiner verstorbenen Mutter wirkte durch ihre gebückte Haltung erstaunlich klein. Ihre ähnlichen Gene aber waren nicht zu übersehen: Michaels einzig verbliebene Verwandte besaß die gleichen warmen, braunen Augen wie ihr Neffe.

„Grüß dich, Tante Berti, bist schon ferti’?“, reimte er.

Schon ist gut!“, tadelte sie ihn, „ausgemacht war eine Stund’ früher.“

Michael verkniff sich eine Ausrede. Nach dem Nebel hatte er mit der Parkplatzsuche gekämpft, weil Krankenwagen und beachtlich viele Polizeiautos die Zufahrten verstellt hatten.

Tante Berti war nicht wirklich eingeschnappt.

„Ist aber nicht schlimm, weil: da hast jetzt ein bisserl was versäumt wegen deiner Verspätung.“

Vor kurzem hatte sie erfahren, was der Michi Warthens neuerdings beruflich so trieb. Ganz glaubte sie noch nicht daran, er würde seine Selbstständigkeit wirklich durchziehen. „Privatdetektiv – so ein Schmarren. Die gibt’s doch bloß im Fernsehen“, war ihr einziger Kommentar dazu gewesen. Aber jetzt…

„Michi, also echt, da war grad ein Trubel wegen einem Patienten.“ Sie senkte ihre Stimme und zischelte ihm dezent zu: „Ich glaub’, wegen einem ermordeten Patienten!“

Grundsätzlich glaubte Michael, seine Tante sei in ihrem Alter schon noch bei Verstand. Jetzt fragte er sich, ob sie nur eine blühende Fantasie oder erste Anzeichen von Demenz zeigte.

„Ist schon recht“, wiegelte er ab, „hast eigentlich schon ausgecheckt?“

„Was denkst denn du? Wegen dem Aufruhr haben die doch keine Zeit gehabt. Aber ich kriege alles nachgeschickt.“

„Ins Heim?“

Tante Berti wohnte seit ein paar Jahren in einem kleinen Apartment im Margaretenhof. Michael hatte oft mit ihr über das doch teure „Betreute Wohnen“ gesprochen. Er hätte sich freilich um sie gekümmert, wenn sie ihn gebraucht hätte – und das ohne Hintergedanken. Zu erben gab’s bei Berti sowieso nichts. Ein Zuschuss für Michi, wenn sein Konto mal wieder leer war wie der Stadtbach bei der Auskehr, war aber durchaus drin.

„Stell dir vor, noch dazu schicken sie es mit der Post!“, frotzelte sie. „Durch’s Telefon geht’s nämlich nicht.“

Michael trat von einem Bein aufs andere.

„Also, was ist jetzt?“

„Jetzt wart halt mal!“ Berti schielte zu den drei Herren, die soeben über die Treppe vom ersten Stock in die Vorhalle herabstiegen. Alle drei kamen Michael bekannt vor, und einer von ihnen ganz besonders:

„Gerald?“

Der smarte Typ in weißem Arztkittel schaute überrascht, bis ihm klar wurde, wer ihn da mit Vornamen angesprochen hatte.

„Mike?“

Michael verzog sein Gesicht zu einer Grimasse. Mike hatten ihn seine Schul- und Fußballfreunde genannt. Er nickte.

„Sag bloß, du bist Arzt geworden?“

Gerald wimmelte ihn sanft ab.

„Du, könnten wir später… Wir haben ein Problem hier.“

Das sah Michael selbst. Geralds Begleitung bestand aus Kriminalhauptkommissar Obermeier, einem rotgesichtigen, schwammigen und pensionsreifen Beamten, und Piet Maurer. Piet hatte einige Jahre die Schulbank mit Michael gedrückt und war demnach im selben Alter – um die Fünfzig. Während seiner Karriere als Polizeibeamter war er extrem schlank geblieben, genau gesagt, dürr wie eine Zaunlatte. Er hatte seinen ehemaligen Mitschüler sicher ebenfalls erkannt und in die richtige Schublade gesteckt.

Mit todernsten Mienen tauschten die drei Herren ein paar Worte in der Nähe des Haupteingangs der Klinik. Die Verabschiedung zwischen Gerald und den beiden Kriminalern markierte augenscheinlich das vorläufige Ende eines turbulenten Vormittags.

„Fahren wir?“, Tante Bertis Frage klang eher nach Befürchtung als nach Drängelei.

„Ja, gleich.“ Michael hätte auch „irgendwann“ sagen können. Durch die gläserne Ausgangstür beobachtete er, wie draußen die Einsatzwagen das Klinikgelände verließen. Flatterbänder, die er vorhin für eine Art Baustellenabsperrung gehalten hatte, wurden wieder eingerollt.

Tante Berti seufzte gekünstelt und setzte sich wieder auf eine der Wartebänke.

Michael winkte Gerald zu. Seinen ehemaligen Fußballkumpel musste er unbedingt sprechen.

Gerald gab ihm die Hand. Sein gestärkter Arztkittel knisterte dabei wie elektrisch geladen.

„Mike! Du hast mich tatsächlich noch erkannt?“

„Freilich. Seit wann bist du denn in den Miller’schen Kliniken?“

Gerald spitzte seine, von einem Dreitagebart gesäumten Lippen.

„Oh. Eigentlich schon immer, trotz des Skandals durch meinen Vater und Dr. Jockl. Ich habe meine Professur gemacht, geheiratet und den Namen meiner Frau angenommen, damit’s nicht so auffällt. Meinem Schwiegervater gehören die Mehrheitsanteile der Klinik – meiner Frau übrigens auch –, und ich darf sie leiten.“

Michael grinste amüsiert.

„Die Klinik natürlich“, verbesserte sich Gerald, „und ausschließlich die Chirurgie. Für das Kaufmännische ist Gott sei Dank ein anderer zuständig.“

Die bis vor einigen Jahren der Öffentlichkeit weniger bekannte psychiatrische Abteilung des Krankenhauses hatte einst zweifelhafte Berühmtheit erlangt, als sich ein hoher Politiker dort behandeln lassen musste und die Presse durch Indiskretionen Wind davon bekommen hatte. Der Mann kam politisch nicht mehr auf die Beine, da öffentlich an seiner psychischen Stabilität und Zuverlässigkeit gezweifelt wurde. Der Leiter der Klinik, Geralds Vater Professor Partenberg, und ein weiterer Arzt mussten ebenso abdanken wie ihr berühmter Patient.

Partenberg hatte seinen Fehler zunächst vehement bestritten, dann nach und nach zugegeben, und schließlich eingestehen müssen, selbst die undichte Stelle zu sein.

Michael war mit Gerald, dem Sohn jenes Professors, befreundet. Der Akademikersprössling war zwar nie mit Michael auf derselben Schule – er besuchte ein Gymnasium im Landkreis – spielte aber mit ihm zusammen im selben Fußballverein. Oft lud Gerald ihn und ein paar andere aus der Elf zu sich nach Hause in den Partykeller. Die Villa des Professors war so groß, dass die laute Musik aus dem Keller im Westflügel nicht bis zum Ostflügel vordrang, wo das Professorenehepaar seine vermutlich verdiente Nachtruhe suchte. Michael hatte das Gefühl, dass ihnen sowieso egal war, was ihr Junior in seiner Freizeit trieb, wenn er nur einigermaßen gute Noten vorzeigte.

Geldprobleme spielten in Geralds Familie nie eine Rolle – bis zu jenem fatalen Fehlschlag mit der Presse. Michael konnte gut verstehen, warum Gerald den Namen seiner Frau angenommen hatte.

„Klar – oder besser, eigentlich nicht klar, Professor Miller!“

Gerald lehnte sich gegen die Empfangstheke und atmete hörbar aus.

„Miller. Genau. Was führt dich denn hierher? Hast du Angehörige hier – kann ich was für dich tun?“

Michael stellte ihm seine Tante vor und fragte sie, ob es ihr was ausmache, wenn er und Gerald in die Cafeteria verschwinden würden.

Tante Berti zeigte sich entzückt, dass ihr Neffe solch eine berühmte, fesche Kapazität kannte und sogar duzte. Sie strahlte, als bliebe sie am liebsten noch vier Wochen.

„Ich wart’ schon noch.“

*

Am Tisch in der Cafeteria überzeugte sich Michael noch einmal davon, dass er den Professor nicht nervte.

„Ich denke, du hast nicht viel Zeit, oder?“

„Doch! Ich warte sowieso auf Sara, meine Frau. Sie ist gebürtige Amerikanerin und pünktlich wie eine stehen gebliebene Uhr. Bis gerade eben war ganz schön was los hier, aber jetzt hab ich Zeit. Für dich sowieso, Mensch!“ Gerald beugte sich vor und legte Michael kumpelhaft seine Hand auf die Schulter. „Wo warst du die letzten Jahre? Was machst du so? Erzähl!“

„Ich ermittle in – sagen wir: Fällen.“

„Auch Polizist? O-kaaay.“ Gerald zog das Okay in die Länge wie Kaugummi, als glaubte er nicht ganz daran.

„Privater Ermittler“, präzisierte Michael, „kein staatlich finanzierter.“

Vielleicht gefiel Gerald das besser. Er nickte anerkennend.

„Und was ermittelst du?“

„Dies und das. Was man so allgemein als Schnüffler zu erledigen hat. Private Aufträge.“

Dass er bis jetzt außer einem Kaufhausdieb niemanden gestellt hatte, musste Gerald ja nicht erfahren. Vor ein paar Tagen hatte er allerdings einen Brief von einer gewissen Claudia erhalten, die ihm ein fürstliches Honorar versprach, wenn er einen alten Schulfreund wiederfinden würde.

„Apropos Auftrag. Ich weiß nicht, inwieweit du dich an einen gewissen Arno Ellers erinnern kannst. Er hat einmal eine Zeit lang mit unserer Mannschaft trainiert, hat Fußball aber dann sein lassen. So ein Weißblonder war das, wie ein Albino, aber ganz finstere Augen hat er gehabt.“

Gerald richtete sich ruckartig auf, als hätte ihn der Name erschreckt. Er schaute ernst und fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen.

„Ich – erinnere mich. Ja.“

„Tatsächlich?“ Arnos markantes Aussehen hatte sich bestimmt bei einigen eingeprägt. Dessen Ausflug in die Fußballwelt hatte allerdings nur ein paar Monate gedauert.

„Diese Claudia, an die ich mich nur dunkel erinnere, hat den Arno angeblich aus den Augen verloren, was mich nicht wundert, denn: er ist tatsächlich wie vom Erdboden verschluckt. Ich hab ihn schon gegoogelt und so… aber nix. Und ein Foto vom Abitur, ja das hab ich nicht mehr.“ Michael verriet nur ungern, warum er kein Foto von der Abiturklasse besaß. Er lenkte das Gespräch lieber in eine andere Bahn: „Übrigens – was war denn hier los? Überall Polizei, und meine Tante hat was von Mord gemunkelt.“

Er hatte das schlicht nicht ernst genommen. Und die Polizei? Wahrscheinlich hatten sich Diebe in größerem Stil über die Wertsachen von Patienten hergemacht. Gerald wand sich unwohl auf dem ohnehin unbequemen Bistrostuhl.

„Hör zu, wenn deine Tante das schon ahnt, werden andere ebenso eins und eins zusammenzählen. Einen weiteren Skandal können wir uns aber ganz sicher nicht leisten. Also belassen wir es bei einem Gerücht, okay? Merkwürdig ist nur, dass du jetzt auch von diesem…“, er machte eine Pause, als sei ihm der Name entfallen, „… Arno Ellers anfängst.“

„Auch?“

„Dein Schulfreund ist erst gestern hier eingeliefert worden, und heute früh – behalt das aber bloß für dich – wurde er tot in seinem Bett gefunden.“

Michael schluckte die Nachricht widerwillig wie einen Löffel Lebertran. Er bemühte sich, Fassung zu wahren und spielte seine Überraschung herunter:

„Ist doch kein Beinbruch. Oder ist in deiner Klinik noch nie jemand gestorben?“

„Nicht so.“

„Hey, ich hab den Job, den Arno zu suchen – gehabt. Also hab ich das Recht zu erfahren, was los ist!“

Nervös fuhr Gerald mit Daumen und Zeigefinger über seinen Bart. Nach all der Aufregung fand er sogar seinen Dialekt wieder.

„Umbracht hat’n wer!“ Verschwörerisch flüsterte er Michael zu: „In seinem Zimmer auf der Station. Schlimm zug’richt – aber sag’ ja nix, zu irgendwem auch immer – unter uns, weil wir zwei ihn gekannt haben, Mike: das war Wut. Eine Scheißwuat!“

2. Kapitel

Auf dem Rückweg nach Rosenheim sagte Michael kein Wort. Tante Berti wusste, wenn Michi seine Brauen derart in Richtung Erdmittelpunkt zog, war es besser, ihn nicht anzusprechen. Außerdem fühlte sie sich trotz ihrer kleinen Statur beengt in dem Kleinwagen, was auch an der Gepäckmenge hinter ihrem Rücken liegen konnte.

Michael schaute stur geradeaus. Der Nebel hatte sich zum Inn hinunter verzogen. Der Fluss dampfte, als würde er kochen. Nur in den Senken standen noch vereinzelte Dunstschleier über den Wiesen. Um den heißen Brei wollte er gar nicht lange herumdenken: Er war einfach nur saumäßig grantig. Endlich hatte er einen vernünftigen Auftrag mit anständiger Honoraraussicht, und dann wurde ihm das Objekt seiner Suche vor der Nase weggemordet. Erstochen im Krankenzimmer. Das hatte nur in einem Einzelzimmer passieren können, dachte er bissig, und er nahm sich vor, wenn es mal so weit sein sollte, darauf zu achten, minimal in ein Zweibettzimmer verfrachtet zu werden.

Nun also musste er Claudia die Nachricht vom Ableben ihres Gesuchten berichten. Er ahnte, dass er nur einen Teil des vereinbarten Honorars dafür erhalten würde. Der würde zwar immer noch ganz ordentlich ausfallen, trotzdem fragte er sich, wieso eine Schulfreundin nach Jahrzehnten ausgerechnet dann jemand sucht, wenn der kurz darauf ermordet wird. Freilich, er sollte damit zur Polizei gehen – falls Gerald den Kommissaren diesen Zufall nicht gleich brühwarm steckte. Er musste nachdenken. Denn irgendwas stimmte mit dieser Claudia nicht, an die er sich nur recht unscharf erinnerte. Das Gefühl, dass Arnos gewaltsamer Tod mit ihrer Suche nach ihm in Zusammenhang stand, brachte seinen Verstand zum Sieden. So konnte er einfach nicht Auto fahren.

Auf Höhe des Hofstätter Sees bog er links ab und blieb am Waldrand stehen.

„Ich bin gleich wieder da!“, beruhigte er seine Tante und tat so, als müsse er nur schnell an einen der Bäume pinkeln. Auf der Jagd nach einem geeigneten Platz, den man von der Straße aus nicht sehen konnte, trat er auf ein paar abgestorbene Äste. Vom Regen der vergangenen Tage waren sie so nass, dass sie nicht mal knackten. Michaels Segeltuchschuhe saugten die Feuchtigkeit des Waldbodens auf wie ein Schwamm. Schließlich setzte er sich auf einen der zahlreichen, leicht glitschigen Baumstümpfe. Er stützte sein Gesicht in beide Hände. Hier roch es nach Moos und so pilzig, dass es ihn an seine Kindheit erinnerte, als er mit seinem Opa oft zum Schwammerlsuchen gegangen war. Er atmete die frische, taufeuchte Luft tief ein und aus, um einen klaren Kopf zu bekommen. Was war in den letzten Tagen passiert, seit er Claudias Brief mit dem Auftrag, Arno zu finden, erhalten hatte?

Claudia, die sich ihm gegenüber nur mit ihrem Vornamen zu erkennen gegeben hatte, sei ihren Angaben zufolge durch seinen Werbeslogan unter „Verschiedenes“ in der Lokalpresse auf ihn aufmerksam geworden. Sie habe sich an ihre Schulzeit erinnert, und da sie angeblich seit Jahren erfolglos nach Arno Ellers gesucht habe, sei es ihr ein Bedürfnis gewesen, einen ehemaligen Schulfreund mit der Suche zu beauftragen. Sie wollte allerdings keinen persönlichen oder telefonischen Kontakt. Die Korrespondenz sollte ausschließlich über ihre Postfachadresse abgewickelt werden. Als Erfolgshonorar stellte sie ihm beeindruckende 10.000 Euro plus Spesen in Aussicht, eine hübsche Summe, die Michael von Grund auf saniert hätte. Vermutlich würde sie über die Todesnachricht nicht erfreut sein, obwohl sie ja doch mit solch einer Möglichkeit hatte rechnen müssen, wenn sie selbst Arno schon nicht aufgespürt hatte. Warum sie ihn so dringend finden musste, hatte sie freilich nicht erwähnt.

Michael entlaubte mit seinen Fingern den Strang eines Farns, der am Baumstumpf unter ihm wuchs. Was er zu tun hatte, war klar: Als Nächstes musste er Claudia Bescheid geben. Viel mehr interessierte ihn dagegen – bevor er vielleicht doch noch die Polizei über Claudias Anliegen informierte –, wo Arno vor seiner Einlieferung in die Miller’sche Klinik gewesen war, warum er so schwer zu finden war, und vor allem, wieso jemand so einen Hass auf ihn hatte, dass er gewaltsam sterben musste. Es konnte nur jemand sein, der Arnos Aufenthaltsort erfahren hatte, Claudia also ausgeschlossen.

Der Fall gespensterte so undurchsichtig und unfassbar in seinem Kopf wie die Mücken, die sich immer zahlreicher seiner annahmen. Fluchtartig verließ er den Sitzplatz, um doch noch seine Blase zu entleeren. Zu lange war er auf dem feuchtkalten Baumstumpf gesessen. Mäßig erleichtert nahm er sich vor, in seiner und damit Claudias und Arnos Vergangenheit zu forschen. Auch wenn er dafür kein Honorar erwarten konnte.

*

Große Pause

Auf dem Pausenhof achten Lehrkräfte darauf, dass die Schüler nicht rauchen oder sonst wie Blödsinn anstellen. Für morgen steht der große Tag der Abiturfeier an. Die unteren Klassen haben noch Schulaufgaben zu schreiben, aber die „Dreizehnten“ sind bereits in Ferienstimmung.

Herr Hofner – der einzige Studienrat am Gymnasium, der Mitglied in einem Trachtenverein ist und sich traut, das vor seinen Schülern zu zeigen – trägt anlässlich der sommerlichen Hitze eine kurze Lederhose. Die Mode treibt dagegen bunte Blüten. In Lederhosen steigt man nicht mal zum Rosenheimer Herbstfest, außer die Trachtler beim Wies’neinzug, und die Mädels werfen sich mit Ausnahme von ein paar ganz Eisernen in keine Dirndlg’wänder. Trotzdem lacht keiner über Hofner. Er trägt einen schwarzen Schnauzer, wie der siebenfache Weltrekordschwimmer Mark Spitz 1972 in München, und er sieht ihm sogar ähnlich. Inklusive Koteletten. Hofner ist eine volkstümliche Lehrkraft, der die Schüler mit Respekt begegnen.

Eine Schülerin drückt sich in seiner Nähe herum. Sie hat Turnschuhe an und eine viel zu warme Latzhose. Ihr Haarlook, kurze, brave Zöpfchen, hat mit den angesagten Frisuren wenig zu tun, abenteuerlich aufgedrehte Föhnwellen oder „Ponys“ bis zu den Brauen. Die Girls von „ABBA“ geben stilistisch, nicht nur musikalisch, den Ton an. Nur wenige Mädchen trauen sich, auch an den Rosenheimer Schulen bereits mit Punk-Bürste den Lehrern – und ihren Eltern – unter die Augen zu treten. Gegensätzlicher kann der Kontrast von Studienrat Hofner und der kindlich gekleideten Schülerin zu ihren Zeitgenossen nicht sein. Trotzdem fallen beide kaum auf – Hofner, weil man sein Outfit gewohnt, und das Mädchen, weil sie es ihren Mitschülern nicht wert ist, sich über sie lustig zu machen oder gar aufzuregen. Sie stamme aus einer geheimnisvoll reichen Familie, munkelt man. Jetzt, nachdem sie ihr Abitur hinter sich gebracht hat, macht sie den Eindruck, als wolle sie am liebsten sofort von hier abhauen. Wenn da nicht dieser hübsche junge Kerl wäre.

Hofner hat gerade Arno angesprochen, einen auffällig weißblonden Schüler, der mit seiner fast bartlosen, zarten Haut recht weibisch wirkt, sich aber ganz und gar männlich gibt. Ungeniert nimmt er einen Schluck aus einer Whiskyflasche, reicht sie Piet, der Sportskanone der Schule, und der gibt die Flasche weiter an Heino, Sohn eines begüterten Kaufhausbesitzers.

Hofner staucht die drei zusammen, und Arno diskutiert danach lautstark mit ihm über Volljährigkeit, und was ihm eh schon alles egal sei, jetzt, kurz vor der Abifeier. Und überhaupt: diese ständige Beobachtung sei so was wie der „Big Brother“. (Es geht auf das Jahr 1980 zu, der Roman „1984“ von George Orwell lässt nicht nur Schüler über Überwachungsstaaten diskutieren.) Hofner schmunzelt nur wegen der „Halbstarken“. Er nimmt ihnen die Flasche ab, schraubt sie zu und steckt sie seelenruhig in die weite Lederhosentasche, dass nur noch der Flaschenhals herausragt. Er will die drei bloß davor bewahren, von der Feier ausgeschlossen zu werden, sagt er ungerührt. „Dei’ Papa wird sich fei freuen, was meinst, Heino? Zum Schluss noch ein Verweis wegen Alkoholmissbrauch auf’m Schulgelände?“

Schnaubend schlendern die drei auf ihren gerade noch modernen Plateausohlen und in schlabbernden Schlaghosen zurück zum Eingangsportal.

Das Mädchen in der Latzhose tut so, als würde sie das Ganze nichts angehen.

3. Kapitel

Sie nannten ihn „Schwan“. Claudia hatte das in ihrem Brief erwähnt. Michael sollte sich dadurch an das ungewöhnliche Aussehen des weißblonden Jungen mit dem dünnen Hals erinnern. Das Bild von Arno, dem Schwan, hatte sich tatsächlich wieder vor seinen Augen aufgetan. Ein schlanker Kerl war das, mit tief liegenden, dunklen Augen und solch femininen Zügen, dass ihn die Burschen oft mit den Titeln „Schwuchtel“ oder „Mädel“ belegten, hinter vorgehaltener Hand nur, denn irgendwie hatten auch alle einen Heidenrespekt vor ihm. Niemand wusste, was passieren würde, wenn sie ihn beleidigten – damals, vor über dreißig Jahren.

Michael lieferte seine Tante im Margaretenhof ab und schleppte ihre Sachen nach oben. Sie trug jetzt keine Schlinge mehr am Arm, nur noch einen Verband.

„Es geht schon!“, murrte sie. So klein sie war, und so gebrechlich sie manchmal wirkte, genauso resolut wehrte sie sich dagegen, als alte, schwächelnde Schachtel durchzugehen.

„Nix zu danken, Tante Berti“, überging Michael einfach ihren Protest. „Dafür machst du mir nächste Woch’ wieder Schmalznudeln.“ Die liebte er wie kaum ein anderes Gebäck. Aus den Augenwinkeln beobachtete er, wie ihr ein Schmunzeln übers Gesicht glitt.

„Sonst noch was!“, grummelte sie.

Ein wenig gehetzt schaute er auf die Uhr. Jetzt war es kurz nach elf. Wenn er sich beeilte, schaffte er es noch vor Mittag zum Gymnasium.

„Pfüadi, Tanterl.“ Die Verniedlichung ließ ihren Blutdruck stets steigen, was ihr nicht schadete.

„Schleich dich – und schau, dass du was rauskriegst wegen der Sach’ in Griesstätt.“

Sie hatte ihn durchschaut. Manchmal behandelte sie ihn wie den kleinen Jungen, der er vor vierzig Jahren mal war. Gut, er sah nicht wirklich wie fünfzig aus, aber womöglich war dieses Verhalten alter Damen gegenüber ihren jüngeren Verwandten völlig normal. Der Altersunterschied blieb ja immer gleich.

*

Sein Smart schnurrte. Eine quietschige Frauenstimme aus dem Radio warnte die Autofahrer vor Blitzern, bevor wieder Oldies dröhnten. Die Musik des Lokalsenders war ihm zwar manchmal ein wenig zu volkstümlich, aber für eine Blitzerwarnung war er immer dankbar. Back to the roots, dachte er und schlug den Weg zum Gymnasium ein.

Rosenheim hatte sich heftig verändert in den letzten Jahren. Der Verkehr hatte über die Maßen zugenommen, und ständig wurden irgendwelche Straßen aufgerissen oder ausgebaut. Lange Jahre war Michael zu Fuß zur Schule gegangen oder später mit dem Rad zum Gymnasium gefahren. Über eine Kreuzung zu kommen war damals jedenfalls leichter als im Moment. Er brauchte zwanzig Minuten für die Autofahrt vom westlichen Stadtteil in die Innenstadt. Mit dem Rad waren’s früher zehn.

Manche Gebäude an der Straße sahen aus wie versteinerte Spuren aus der Vergangenheit. Seit seiner Kinderzeit hatten sie sich nicht verändert. Andere waren glatt rasierten Fassaden gewichen. Läden waren gekommen und gegangen, Jahrzehnte alte Traditionsfirmen und Familienbetriebe waren plötzlich verschwunden. Die Gebäude standen leer, wurden renoviert und zu Spielhallen oder Ramschläden umfirmiert. Das Gymnasium kurz vor der Innenstadt sah dagegen aus wie immer, und das seit mehr als hundert Jahren. Ehrwürdig grau, Stuckfassade und Türmchen an der Südseite. Die Isolierfenster waren neueren Datums, und ein provisorischer Anbau mit Flachdach zeugte vom Run auf die höhere Schule. Die Räumlichkeiten platzten aus allen Nähten. Natürlich fand er keinen Parkplatz in der Nähe, schon gar keinen kostenlosen. In einer Seitenstraße zog er zähneknirschend einen Parkschein für zwei Euro aus dem Automaten. Früher konnte man wenigstens noch Parkuhren mit falschen Münzen bescheißen.

*

Auf dem Schulhof wimmelte es von lärmenden Schülern. Wahrscheinlich war große Pause oder doch schon Mittagsschluss – für alle, denn die Tür zum Sekretariat war abgeschlossen. Michael fand, der Geruch in den Gängen hatte sich kaum gewandelt. Sofort drängten sich ihm typisch schulische Gefühle auf, eine gewisse Unruhe, gepaart mit ein wenig schlechtem Gewissen, als hätte er seine Hausaufgaben nicht gemacht – aber er war gerade dabei.

Eine hektisch wirkende, nicht mehr ganz junge Frau tippelte auf Stilettos den Gang entlang. In der einen Hand hielt sie einen großen Pappbecher, mit der anderen schleppte sie einen offensichtlich schweren Aktenordner. Michael war gespannt auf ihren Versuch, so das Sekretariat aufzusperren. Im letzten Moment bemerkte sie Michael und lächelte ihn spontan an.

„Wollen Sie zu mir?“ Auf ihrem Namensschild am Revers stand schlicht und einfach Müller.

„Wenn Sie die rechte Hand vom Direktor sind, ja!“

Sie verbesserte ihn: „Von der Direktorin, wenn schon. Frau Dr. Messert. Apropos rechte Hand. Könnten Sie, bitte…“

Sie verrenkte ihre breiten Hüften und reckte den Arm mit dem Kaffeebecher in die Höhe.

„Der Schlüssel. In der Jackentasche.“

Michael griff in die winzige Tasche ihres Hosenanzugs. Er spürte ein paar Krümel, wollte lieber nicht wissen, von was, und fand den einzelnen Schlüssel.

„Bitte nach Ihnen.“

Nachdem beide Platz am Schreibtisch genommen hatten, nippte die Frau mit den etwas zu jugendlich langen Haaren an ihrem Kaffee.

„Vom Kiosk – erstklassig“, schwärmte sie, „unsere Maschine hier liefert nur schwarze Tinte. Wie kann ich helfen? Ist es wegen Ihres Sohns oder Ihrer Tochter?“

Das Alter war also geklärt.

„Ich heiße Michael Warthens, ich bin ein ehemaliger Schüler und suche einen Klassenkameraden.“ Entzückt wiederholte Frau Müller das Wort:

Klassenkamerad! Den Ausdruck hab ich schon ewig nicht mehr gehört. Wen denn?“

Michael gab ihr die zwei Informationen, die er hatte, Name und Jahrgang. Sie traktierte Tastatur und Maus.

„Arno Ellers…“, wiederholte sie ein paar Mal. Angestrengt schaute sie in den Bildschirm. „Ah – da ist er. Hat’s Abitur bestanden. Sonst noch was?“

„Das ist ja hoffentlich nicht alles?“

„Doch schon. Ich kann Ihnen schließlich keine näheren Auskünfte über ehemalige Schüler geben. Schon mal was von Datenschutz gehört?“

„Klar.“ Michael hätte es wissen müssen.

Frau Müller lächelte und strich mit dem Finger eine sichtlich schwarz gefärbte, widerborstige Strähne hinters Ohr. Sie klärte ihn auf:

„Die Information hätten Sie aber auch aus dem Internet holen können. Ist alles eingepflegt.“

Das hatte Michael stundenlang versucht, hatte aber auch nicht viel mehr herausbekommen. Er hakte nach:

„Hat er sich nach dem Abi nicht noch einmal gemeldet? Oder gab’s Klassentreffen, von denen ich nix weiß, das heißt, außer dem von vor zehn Jahren? Oder Zusammenkünfte mit ehemaligen Lehrern?“

„Bitte? Woher soll ich das wissen?“

„Ein paar Lehrer von damals sind ja wohl noch aktuell im Einsatz, oder?“

„Wohl weniger, wenn Ihr Jahrgang stimmt. An wen dachten Sie denn?“

„Herr Hofner zum Beispiel. Johann Hofner.“ Der Kreidewerfer war damals noch nicht allzu alt gewesen.

Frau Müller triumphierte.

„Daneben. Der ist seit einigen Jahren in Pension.“

„Haben S’ noch seine Telefonnummer?“

„Ja, aber ich gebe sie Ihnen nicht.“

Genervt atmete Michael durch. Frau Müller schien das zu amüsieren.

„Die steht aber im Telefonbuch! Also, Detektiv dürften Sie nicht werden.“

Vielleicht hatte sie Recht. Er verabschiedete sich knapp. Er hatte schon die Türklinke in der Hand, da drehte er sich noch mal zu ihr um.

„Wie ist’n das eigentlich, wenn auf einmal ein wildfremder Mann in einer Schule auftaucht und im Flur vorm Sekretariat rumlungert? Werden Sie da nicht misstrauisch? Schon mal was von Amokläufern gehört?“

Fast verlor Frau Müller den letzten Kaffeeschluck aus ihrem gestrengen Gesicht.

„Muss ich Alarm schlagen?“

„Schmarren. Wiederschau’n.“

4. Kapitel

Nachdenklich setzte er sich in seinen Smart. Ein wenig Parkzeit war noch übrig, und er verschenkte ungern bezahlte Minuten. Seit seinem unrühmlichen Abgang von dieser Schule hatte er sie nie wieder betreten. Nun war es, als hätte er soeben eine Zeitreise unternommen. Viele Momente und Menschen kamen ihm in den Sinn, purzelten durch Raum und Zeit, so dass er seine Gedanken erst wieder halbwegs ordnen musste. Wichtig war die Abiturklasse, seine Klasse. Arno. Claudia.

Wenn sie das Mädchen war, an das er dachte, dann war das eine ausnehmend stille, unscheinbare Person gewesen, nie besonders modisch gekleidet oder durch ihr Wesen irgendwie auffallend, kaum präsent, hatte keinen Freund, und vielleicht auch keine Freundin. Michael kannte kaum jemand in jugendlichem Alter, der so lautlos durchs Leben gegangen war. Vielleicht erinnerte er sich deswegen so wenig an sie. Man erhielt keine Antworten auf Fragen nach dem, was sie machte, was sie interessierte, mochte und nicht mochte – Musik, Filme, Idole – nichts. Irgendwann ließ man es bleiben, sie anzusprechen, und sie war wohl ganz froh darüber. Sie war und blieb die graue Maus der Klasse. Auf privaten Partyeinladungen wurde sie einfach vergessen.

So viele Worte wie in dem Brief an „Mike“ hatte sie in den fünf, sechs Jahren gemeinsamer Schulzeit zusammengezählt nicht herausgebracht. Sie musste es sein, diese Claudia, die damals tatsächlich Zöpfe trug, und zwar immer, und die bestimmt hübsch sein konnte, wenn sie es darauf angelegt hätte. Im Gegenteil: sie verhässlichte sich selbst mit Latzhosen, blass gefärbten Kleidern und gesunden Schuhen, auch noch mit achtzehn, neunzehn. Ein Jammer. Ja, er kannte sie. Ja, er konnte sich an sie erinnern. Aber nicht an die Claudia, die solche Worte schrieb: Bitte, nimm das Angebot und den Auftrag an, als alter Kumpel – der er sicher nie war.

*

Reifezeugnis

Die Feier in der Aula am Vormittag, samt Übergabe der Reifezeugnisse, findet wie jedes Jahr in festlichem Rahmen statt. Die jungen Leute haben sich in Schale geworfen, wie sie sonst nie auf die Straße gegangen wären – die meistens davon jedenfalls – und sogar Studienrat Hofner erscheint im formvollendeten Trachtenanzug.

Die Reden sind vorbei, das Schülerorchester spielt ein Stück von Joseph Haydn, und anschließend dürfen die Abiturienten ihre Zeugnisse persönlich aus der Hand des Direktors entgegennehmen. Alphabetisch. Manche der jungen Frauen tragen Hosenanzüge mit Schlag und Stiefeletten mit dicken Blockabsätzen. Die angehenden jungen Herren bemühen sich, in ihren neuen, unter den Achseln viel zu engen Polyesterhemden nicht zu arg zu schwitzen.

Beim Buchstaben „O“ geht leises Raunen durch ein paar Reihen – durch die der Schüler der oberen Klassen. Wer ist die junge Frau, die in einem fliederfarbenen, langen Kleid, das an einen indischen Sari erinnert, mit artigem Knicks ihre Urkunde entgegennimmt? Einige kommen drauf. Manche lässt sie einfach nur kalt.

5. Kapitel

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