Im stillen Tal – Leseprobe

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Im stillen Tal

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Kapitel 1

Gestern bin ich zu Besuch bei meinen Eltern eingetroffen. Seit ich in Süddeutschland studiere, fahre ich nur noch selten ins stille Tal. Ich begründe dies mit der umständlichen Anreise. Niemand hier würde meine Erklärung anzweifeln.

Inzwischen hat die Gemeinde Wardenburg angefangen, die Ruine des Bergerschen Hauses einzureißen. Das war das Erste, was Andy Vosgerau mir erzählte, als er mich mit seinem Polizeiauto an der Bushaltestelle am Wardenburger Marktplatz auflas.

„Wird endlich Zeit, dass wieder Leben in die Bude kommt, Christa“, sagte er noch. „Diese öden, schwarzen Mauerreste erinnern doch nur daran, was damals passiert ist. Das Leben aber geht weiter, wie wir wissen.“

Dazu nickte ich. Seine Worte entsprachen meiner Erfahrung. Das Leben ging weiter. Mittlerweile sind vier Jahre vergangen. Erinnern will sich niemand mehr.

Meine Mutter sagte später, die Gemeinde habe endlich einen Interessenten für das Grundstück gefunden. Man munkelte, ein Investor wolle ein Wellnesshotel dort errichten.

„Ist das nicht einmal eine gute Nachricht?“ verlangte sie von mir zu wissen. „Vielleicht kann ich da als Hausdame arbeiten. Stell dir das mal vor. Früher im Altenheim hatte ich zehn Hauswirtschafterinnen unter mir.“

Das ist natürlich reine Gedankenspielerei, dafür hängt sie zu sehr an ihrer jetzigen Stelle, wo sie ungestört von der Geschäftsführung schalten und walten kann. Andererseits glaube ich auch nicht, dass dieser Investor sich materialisieren wird. Aber das sagte ich nicht laut.

Im stillen Tal ist keine eigenständige Ortschaft der Gemeinde Wardenburg, obwohl das in den letzten Jahrzehnten von den Anwohnern immer wieder angestrebt wurde. Im stillen Tal ist eine Straße von etwa achthundert Metern Länge, an der in lockerem Abstand schmucke Häuser aus der Nachkriegszeit stehen. In vielen Häusern lebt, so wie bei uns, die zweite Generation. Man kennt sich. Als Kind war es für mich das Paradies. Der Zugang zu unserer Straße ist leicht zu übersehen. Verlässt man Wardenburg nach Süden, geht das stille Tal kurz hinter dem Abzweig Wikingerstraße links ab und führt, nachdem sich die Straße wie eine Haarnadel gebogen hat, keine hundert Meter weiter wieder auf die Oldenburger Straße zurück. Viele halten die Einmündungen im Vorbeifahren für Feldwege. Selbstverständlich liegt die Straße, obwohl sie so heißt, in keinem Tal, so wie Auf dem Berge sich nicht auf einem landschaftlichen Gebilde befindet, was deutschlandweit als Berg empfunden werden würde. Es gibt einen Geestrücken, von dem aus das Land zur Oldenburger Straße hin abfällt. Mit etwas Fantasie könnte man im Bereich der Einmündungen ein Tal vermuten. Aushilfspostboten verwechseln Im stillen Tal manchmal mit anderen malerischen Adressen. An der Stelle, wo unsere Straße die enge Kurve vollzieht, lag früher das Bergersche Haus. Ursprünglich war es ein Bauernhof, dessen Wohnhaus noch der Vater des alten Herrn Berger umgebaut hatte. Glaubt man den Leuten im stillen Tal, war der alte Herr Berger früher der größte Bauer in Wardenburg. Nach dem Tod seiner Frau verkaufte er jedoch das meiste Land. Die Hofanlage wurde bis auf das Wohnhaus eingerissen. Seitdem sprach man nur noch vom Bergerschen Haus. Jetzt ist dort eine ausgebrannte Ruine. In meinen Augen dominiert sie die Straße viel mehr, als es das alte Haus je getan hat.

Ich kann mich gut an die Aufregung unter den Nachbarn wegen dieser Veränderungen erinnern. Damals ging ich noch zur Grundschule. Der alte Herr Berger fragte meine Mutter, ob sie seine Haushälterin werden wolle, und sie nahm an, obwohl sie Hauswirtschaftsleiterin eines Altenheims in Oldenburg war. Sie sah wohl, dass ihre Mutter gesundheitlich der Betreuung meiner kleinen Schwester und mir auf Dauer nicht gewachsen war. In den nächsten zehn Jahren blieb sie im stillen Tal, nahm Pakete und Einschreiben für die Nachbarschaft an und hatte ein Auge auf die Häuser. Letzteres konnte sie von allen westlichen Fenstern des Bergerschen Hauses aus, sowie von den Fenstern unseres Hauses. Jene zwei Gebäude stehen erhöht auf dem Geestrücken und überragen die beiden Arme des stillen Tals Richtung Oldenburger Straße.

Vor vier Jahren änderte sich alles.

Angefangen hat es an jenem Tag im August, an dem der alte Herr Berger auf dem neuen Wardenburger Friedhof beigesetzt wurde. An dem Tag kam ein Mann ins stille Tal, den man dort bisher nie gesehen hatte. Meine Mutter sah ihn von unserem Küchenfenster aus, wie er über das Bergersche Grundstück ging und versuchte, von außen durch die Fenster zu blicken. Meine Mutter hielt Stallwache. Alle anderen Bewohner der Siedlung waren mit dem vom jungen Herrn Berger gestellten Bus zum Begräbnis gefahren. Ihre eigentliche Aufgabe an diesem Tag war es, die Kaffeetafel für das anschließende Beisammensein vorzubereiten. Aus zeitökonomischen Gründen arbeitete sie gleichzeitig in den Küchen beider Häuser. Mit einem heißen Blech Apfelkuchen marschierte sie hinüber zum Bergerschen Haus. Als sie dort ankam, war der fremde Mann nicht mehr zu sehen. Sie sagte aber später, sie habe keinen Augenblick geglaubt, dass er fortgegangen sei. In diesem Fall hätte er an ihrem Küchenfenster vorbeikommen müssen, was er nicht getan hatte. Besorgt war sie nicht. Im stillen Tal passierten keine Verbrechen, das kam nur in dichtbesiedelten Orten vor. Damals schloss bei uns niemand seine Türen ab. Auch die Tür des Bergerschen Hauses war unverschlossen, stand sogar mit einem Stuhl aufgesperrt, damit meine Mutter ungehindert von Küche zu Küche laufen konnte.

Beim Betreten des Hauses kontrollierte sie am Sand hinter der Eingangstür, ob nach ihr noch jemand im Hause gewesen war. Dem war anscheinend nicht so. Meine Mutter trug das Kuchenblech in die Küche, nahm dort ein weiteres Blech aus dem Backofen, schob ein auf der Arbeitsfläche wartendes hinein und füllte Kaffee aus der Maschine in eine große Thermoskanne, ehe sie neuen Kaffee aufsetzte. Sicherheitshalber stieg sie die halbe Treppe hinauf nach oben, wo die gesamte bewegliche Habe des alten Herrn Berger, mit Ausnahme der Ausrüstung für das Kaffeetrinken, in Kartons verpackt darauf wartete, abtransportiert zu werden. Solche Kartons, schwer, aber kompakt, wären ein praktisches Diebesgut gewesen. Meine Mutter war nicht darüber informiert, was sich in den Kartons befand, denn der junge Herr Berger hatte ausschließlich mit einem alten Kumpel aus Jugendzeiten gepackt. Sie kannte jedoch den Haushalt des alten Herrn Berger, weshalb sie den Wert jedes Kartons auf mehrere hundert Euro schätzte. Von der halben Treppe aus ließ sich allerdings niemand in der oberen Etage ausmachen. Etwas später, als sie die letzte Kanne Kaffee auf der Tafel abstellte, klopfte jemand an den Rahmen der Eingangstür. Meine Mutter ist wahrlich nicht schreckhaft, dennoch hätte sie beinahe mit dem Handgelenk eine Blumenvase umgestoßen. Als sie zur Tür blickte, stand dort der Unbekannte. Mir gegenüber behauptete sie später, etwas an seiner Erscheinung habe sie stutzig gemacht. Ich konnte mir das nicht vorstellen, denn sie musste aus dem düsteren Raum zu einem Mann geblickt haben, in dessen Rücken die Nachmittagssonne glühte. Aber meine Mutter hielt an dieser Behauptung fest und begründete so, weshalb sie nicht sofort auf sein Klopfen reagiert habe.

Der Mann war an der Tür stehen geblieben. Diese Zurückhaltung missfiel meiner Mutter, als sie schließlich zu ihm ging. Sie schätzte bei Männern einen forschen Auftritt und war von Nachbarn und Kollegen nichts anderes gewöhnt. Der Fremde, ein kleiner Mann in Cordhose und Pullover, war ihr schleimerisch wie ein professioneller Anzugträger erschienen. Nachdem sie ihn kühl und korrekt begrüßt hatte, nannte jener kleine Mann seinen Namen und sagte, er habe einen Termin mit dem jungen Herrn Berger. Damit berührte er unwissentlich einen wunden Punkt bei meiner Mutter, denn anders als der alte Herr Berger weihte der junge Herr Berger sie nicht in seine Pläne ein. So konnte sie dem Fremden nur mitteilen, er müsse warten, bis der junge Herr Berger von der Beisetzung zurückgekehrt sei. Der kleine Mann nickte und setzte sich auf eine niedrige Mauer, die den vorderen Hof einfasste. Dort wartete er geduldig, ein altmodisches Pappköfferchen auf den Knien. Auf diese Weise wurde meine Mutter Kati Hemmen die Erste im stillen Tal, die Herrn Muh zu Gesicht bekam. Sie sollte auch die Letzte sein, die ihn lebend sah, doch bis dahin würden noch ein paar Wochen vergehen.

Als wir anderen aus dem Bus kletterten und in lockeren Grüppchen zur Haustür schlenderten, fiel uns Herr Muh auf dem Mäuerchen nur auf, weil der junge Herr Berger seine Unterhaltung mit Hella Kloopman einfach abbrach und zu ihm ging. Die beiden sprachen kurz miteinander, dann führte der junge Herr Berger den kleinen Mann durch das Haus, während die anderen Nachbarn sich schon an der Tafel niederließen. Ich assistierte unterdessen meiner Mutter. Kaum saßen auch wir, da brachte der junge Herr Berger Herrn Muh zur Tür. Meine Mutter hatte mir in der Küche von seinem Schnüffeln, wie sie es nannte, erzählt, und ich reckte nun den Hals, konnte aber keine Einzelheiten seiner Erscheinung ausmachen. Mir fiel nur auf, dass Herr Muh so viel kleiner als wir alle war. Inzwischen hatte sich der junge Herr Berger, ein in Wahrheit gar nicht mehr so junger Mann, links neben meine Mutter an das Kopfende der Tafel gesetzt. Er beugte sich zu ihr und flüsterte relativ laut, er habe soeben das Haus an Herrn Muh verkauft. Die Züge meiner Mutter versteinerten für Sekundenbruchteile, doch lächelnd stimmte sie ihm zu, dass dies eine gute Nachricht sei. Herr Berger nickte sichtlich zufrieden. Dann erhob er sich, um eine Rede zu halten, in der er den Verkauf des Hauses mit keinem Wort erwähnte. Mir fiel auf, wie abschätzend meine Mutter den Sohn ihres verstorbenen Arbeitgebers betrachtete. In den nächsten Tagen berichtete sie jedem, der sie auf den Hausverkauf ansprach, ihr sei Herr Muh als neuer Nachbar unpassend erschienen. Bis dahin hatte sich unter den Nachbarn die Nachricht von dem Vertragsabschluss verbreitet. Verantwortlich dafür war Frerk Deepken. Der galt als das größte Klatschmaul des stillen Tals, manche behaupteten, der Gemeinde Wardenburg.

Auf der Beerdigungsfeier schien der junge Herr Berger jedoch keine weiteren Gedanken an den Verkauf seines Elternhauses verschwendet zu haben. Er unterhielt sich mit alten Nachbarn, lachte laut, was nachher einige missbilligten, und gab zum Schluss noch eine letzte Runde Korn aus den Beständen seines Vaters aus. Am Abend, nachdem seine Gäste in ihre Häuser zurückgekehrt waren, wo sie hinter den Gardinen weiter die Vorgänge auf dem Vorhof des Bergerschen Hauses verfolgten, ließ er alle Kisten aus der oberen Etage auf einen Lkw laden. Ein paar Männer aus der Nachbarschaft halfen dem Fahrer beim Schleppen. Der junge Herr Berger beteiligte sich nicht. Er lehnte mit Frerk Deepken an der Hauswand und hörte sich an, was der ihm an weisen Worten mitzugeben hatte. Aufgrund des Korns war Frerk guter Dinge. Mit verschwörerischer Miene, wie das seine Art war, redete er in das Ohr seines alten Kumpels. Zwischendrin lachte er laut. Als der junge Herr Berger Frerk endlich abgeschüttelt hatte, merkte man ihm an, dass der endgültige Abschied aus dem stillen Tal ihm doch naheging. Meiner Mutter überreichte er nur kurz die Hausschlüssel mit dem Hinweis, Herr Muh werde sich in Kürze mit ihr in Verbindung setzen. Er selbst stieg in seinen roten Sportwagen und folgte dem Lkw.

Mit gemischten Gefühlen winkten wir ihm nach. Seit er als junger Mann Wardenburg verlassen hatte, war kaum etwas — und das Wenigste davon gesichert — über sein Fortkommen in der Welt gehört worden. Laut der älteren Leute hatte er es in seiner Jugend toll getrieben. Mehr sagten sie nicht. Nun war er nach dem Tod seines Vaters zehn Tage im Bergerschen Haus gewesen, hatte seine Kameradschaft zu Frerk aufgefrischt und die übrigen männlichen Nachbarn mit seinem roten Flitzer, wie meine Mutter sich ausdrückte, zu beeindrucken versucht. Ein richtiger Sportwagen, hatte Andy Vosgerau vertraulich zu meinem Vater gesagt, sei das gar nicht. Andy hatte einen Kumpel bei der Autobahnpolizei, dessen Hobby die Dokumentation unterschiedlicher Ausprägungen von Totalschäden an Sportwagen war. Andy behauptete, aus den Bilddateien des Kumpels habe er viel gelernt und könne mit Sicherheit sagen, der Wagen des jungen Herrn Berger sei zwar unzweifelhaft rot, aber ebenso unzweifelhaft ein Möchtegernsportwagen. Mein Vater und die übrigen Männer im stillen Tal zeigten sich zwar von so viel Sachkenntnis beeindruckt, bewunderten aber trotzdem das rote Auto, mit dem sich jeder von ihnen zufriedengegeben hätte. Ich war nicht so leicht zu beeindrucken. In der Schule — zu Hause hatten wir kein Internet — hatte ich recherchiert und Andys Behauptung bestätigt gefunden. Noch etwas anderes hatte ich entdeckt. Der junge Herr Berger behauptete, er sei Geschäftsmann. Da er wohl meinte, für die Leute im stillen Tal genügten diese Mitteilung und sein dunkler Anzug, hatte er sich nicht zu der Art seines Geschäfts geäußert. Das Internet offenbarte mir eine solche Vielzahl Firmen im Besitz eines Herrn Berger mit dessen Allerweltsvornamen, dass es unmöglich war, die unseres jungen Herrn Berger zu identifizieren. Außerdem hieß es allgemein vom jungen Herrn Berger, er besitze in Köln ein großes Haus, sein Autokennzeichen hingegen war DN für Düren, was allerdings nahe Köln liegt. Stillschweigend beschloss ich, dem jungen Herrn Berger aufgrund der unklaren Datenlage nur unter Vorbehalt zu glauben.

Etwa eine Woche nach seiner Abreise kam Herr Muh wegen der Schlüssel zu meiner Mutter. Er konnte einen schriftlichen Kaufvertrag vorweisen und erhielt den Schlüsselbund ausgehändigt. Im Laufe jenes Nachmittags traf der Rest seiner Familie ein und bezog das Haus Im stillen Tal 11.

Kapitel 2

Sie kamen mit einem alten, roten Bauwagen, dessen Seiten verblichene Reste einer exotischen Bemalung schmückten. Ins stille Tal gezogen hatte ihn ein Transporter, der aber wieder abfuhr, sobald die Muhs ihn ausgeräumt hatten. Ein Auto besaßen sie offenbar nicht, alle notwendigen Fahrten unternahmen sie auf keineswegs fachgerecht angemalten Fahrrädern. Wegen des Bauwagens dachten wir anfangs, die Familie Muh käme von einem Zirkus.

Zunächst wussten wir gar nicht, wie viele Menschen eigentlich in das Haus gezogen waren. Wenn ich aus der Schule kam, fand ich immer ein Mitglied meiner Familie am Küchenfenster stehend vor, und jedes Mal wurde mir ratlos mitgeteilt, es sei unmöglich zu sagen, was diese Leute dort drüben trieben.

„Sie renovieren das Haus“, sagte ich gleichgültig.

Sofort war meine Mutter empört.

„Als hätte der alte Herr Berger das Haus verkommen lassen!“ rief sie.

Ich nickte begütigend, denn ich war hungrig und wollte vermeiden, dass sie in ihrer Erregung vergaß, mir mein Essen aufzuwärmen. Weil ich in Oldenburg zur Schule ging, kam ich immer als Letzte nach Hause und musste mit den Resten des Mittagessens vorliebnehmen. Meine Mutter stellte einen Teller in die Mikrowelle.

„Aber Mutti, du siehst doch, dass sie renovieren. Und sie haben das Haus gekauft.“

„Das haben sie.“

„Und würdest du dein neu gekauftes Haus nicht auch renovieren wollen?“ fragte ich sie, die Augen auf der digitalen Zeitanzeige der Mikrowelle.

Meine Mutter hob laut die Schultern. Das war eine ihrer speziellen Eigenschaften, denn sie konnte dabei den Stoff beinahe jeden Kleidungsstücks rauschen lassen, als trüge sie einen gestärkten weißen Kittel. Ihr Schulterzucken drückte aufgrund seiner Lautstärke aggressive Resignation aus. In solchen Fällen empfahl meine spätpubertäre Weisheit Schweigen, gleich, wie schwer es fiel. Es war besser für den Hausfrieden.

Die Mikrowelle klingelte. Meine Mutter stellte mir den Teller hin. Hungrig fiel ich darüber her. Sie sah mir zu.

„Sitz gerade beim Essen, Christa. Und schling nicht.“

Ich setzte mich gerade hin und bemühte mich, trotz meines Hungers nicht zu schlingen. Familie Muh und ihr Tun interessierten mich nicht.

Als ich später bei den Hausaufgaben saß, ertappte ich mich selbst dabei, wie ich zu dem Haus hinüberblickte. Zahlreiche Leute liefen ameisengleich herum. Alle waren sie klein. Alle trugen Jeans und ausgeleierte Pullover, was ich angesichts der Renovierungsarbeiten normal fand, egal, was meine Mutter sagte, und alle hatten ganz kurze Haare, als rasierte sich die gesamte Familie einmal im Monat den Kopf.

„Läuse“, mutmaßte meine Schwester Heidi, die selbst im letzten Winter Läuse gehabt hatte und nur knapp um eine vergleichbare Rasur herumgekommen war. Meine Mutter besaß die Neigung zur Gründlichkeit.

Heidi hatte sich neben meinen Schreibtisch gestellt, um besser auf das Bergersche Haus sehen zu können. Das Fenster ihres Zimmers ging auf den Garten der Braaschs von nebenan und, wenn sie sich aus dem geöffneten Fenster beugte, auf das Gestrüpp, welches unter kommunaler Aufsicht als Ausgleichsmaßnahme für eine Abholzung anderswo an der Grundstücksgrenze des Bergerschen Hauses verwildern durfte.

„Bist du bald fertig?“ fragte sie mich.

Sie selbst hatte selten mehr als eine halbe Stunde zu tun und war meist mit den Hausaufgaben fertig, ehe ich meinen Teller leergegessen hatte.

„Nee“, gab ich zurück. „Wieso?“ fragte ich dann aber neugierig.

Nachdem wir uns als Kinder gut verstanden hatten, unternahmen wir als Teenager freiwillig nur wenig miteinander. Sie erschien mir zu albern, ich ihr zu langweilig. Beide hatten wir recht.

„Wir könnten mal rübergehen. Fragen, ob sie etwas brauchen.“ Heidi wirkte sehr unschuldig. Ich glaubte ihr kein Wort.

„Du bist einfach neugierig“, stellte ich fest.

Sie hob die Schultern, anders als meine Mutter lautlos und ohne Nebeneffekte. Ich überlegte. Neugierig war auch ich, und meine Hausaufgaben übten keinen zu großen Reiz auf mich aus. Den Rest könnte ich später erledigen.

„Okay, Heidi. Komm schnell, ehe Mutti etwas merkt.“

Eilig sammelten wir einige Äpfel in einer glänzenden Papiertüte. Mit dieser Tüte als gutnachbarlicher Tarnung schlüpften wir durch die Küchentür aus dem Haus. Da meine Mutter seit dem Verkauf des Bergerschen Hauses nicht mehr arbeitete, nutzte sie die freie Zeit, sich mit Hilfe des Fernsehens über den Zustand der Republik zu informieren. Aufgrund der Geräuschkulisse einer Talkshow blieben unsere Aktivitäten in der Speisekammer von ihr unbemerkt.

Fünf Minuten später traten wir auf den Vorhof des Bergerschen Hauses. Ich kannte dieses Haus beinahe so gut wie unser eigenes. Ein Jahrzehnt lang hatte meine Mutter dort gearbeitet, und während dieser zehn Jahre hatte ich jeden Tag mindestens einmal den Vorhof überquert und war um das Haus herum zur Küchentür gelaufen, um ihr irgendeine hochwichtige Mitteilung zu machen. Nun aber hatte ich das Gefühl, ich beträte fremdes Terrain. Da stand der ehemals bunt bemalte Bauwagen. Die Tür war offen, und man konnte im Inneren Kartons und Holzkisten erkennen. Vom Bauwagen bis zur Haustür hatten zahlreiche Füße einen dunklen Pfad in den Kies getreten. Neben der Haustür lehnten Holzteile an der Wand. Erst im Nachhinein erkannte ich, dass es Enden und Seiten eines auseinandergebauten Bettes gewesen sein mussten. Erstaunlicherweise war niemand zu sehen. Auch die auf Umbaumaßnahmen schließen lassenden Geräusche waren verstummt. Ich warf Heidi einen Blick zu, den sie mit einem Schulterzucken beantwortete. Beide waren wir stillschweigend davon ausgegangen, dass uns nach den ersten Metern ein Mitglied der Familie Muh entgegenkommen würde. Mit einem scheinbar verlassenen Haus hatten wir nicht gerechnet.

„Sie können nicht weggefahren sein“, flüsterte Heidi. Ich fragte mich, weshalb sie flüsterte, antwortete aber ebenso leise:

„Stimmt. Wir hätten sie gesehen. Oder gehört. Jemand muss da sein.“ Wir sahen zu der offenen Haustür und dann einander an.

„Sollen wir einfach reingehen?“ schlug ich vor. Heidi nickte.

An der Tür hielten wir nochmals an. Wie in vielen ehemaligen Bauernhäusern war diese Tür in den früheren Torbogen eingesetzt worden. Oft waren es Glastüren mit einem Rahmen hübscher Fenster, die Licht in den dahinterliegenden Wohnraum ließen. Am Tor des Bergerschen Hauses gab es nur einen glaslosen Holzrahmen, in dem eine braunrote Tür saß. Der große Raum dahinter war von dem alten Herrn Berger als eine Art öffentliches Wohnzimmer benutzt worden. Nun war er leer, nicht einmal unausgepackte Kisten oder Werkzeuge standen herum. Zwar roch es nach Farbe und Holz, aber lediglich Sand- und Kiesspuren auf dem Boden und ein zusammengefegtes Häuflein Sägespäne deuteten auf die Aktivitäten hin, die wir alle in diesem Haus vermuteten.

Unsicher, wie wir uns nun verhalten sollten, standen Heidi und ich an der Türschwelle. Ich für mein Teil wäre am liebsten umgekehrt, doch für den Fall, einer der Nachbarn hätte uns beobachtet, glaubte ich, den Besuchsversuch jetzt ausführen zu müssen. Also klopfte ich in Ermangelung einer funktionierenden Klingel an den Türrahmen.

Heidi sah mich vorwurfsvoll an.

„Warum machst du das?“ zischte sie.

„Damit uns einer hört. Oder?“ gab ich zurück. Aber niemand schien das Klopfen bemerkt zu haben. Ich klopfte ein zweites Mal, wieder ohne Erfolg.

„Dann musst du rufen“, entschied Heidi. Ich starrte sie an.

„Ich? Warum ich?“

„Du bist die Ältere“, erinnerte sie mich gemütlich. Sie fand immer Gelegenheit, für sich den Vorteil aus zwei Jahren Altersunterschied zu ziehen. Da ich jedoch unbestreitbar älter als sie und deshalb gewohnt war, auf sie aufzupassen, musste ich wohl das Rufen übernehmen.

„Hallo!“ rief ich also. Vorsichtshalber rief ich erst einmal nicht zu laut, als aber auf meinen ersten Ruf niemand reagierte, rief ich lauter. Auch auf den lauteren Ruf kam niemand.

„Und jetzt?“ fragte ich Heidi. Sie warf einen Blick über die Schulter.

„Da geht die alte Kloopman zu Mutti.“

Heidis Worte nahm ich als implizite Aufforderung zum Eintreten, denn den neugierigen Fragen unserer Nachbarin wollte ich mich nicht aussetzen. Lieber ging ich unaufgefordert in das fremde Haus und suchte dort nach den Bewohnern.

Wir betraten den Eingangsraum und sahen uns nach Lebenszeichen um. Als solche deuteten wir eine Flasche mit Resten einer goldbraunen Flüssigkeit, daneben einige benutzte Gläser und Teller mit Krümeln darauf, alles nahe der Tür auf den Holzdielen abgestellt und vergessen. Heidi roch an der Flasche.

„Apfelsaft“, flüsterte sie enttäuscht. Wahrscheinlich hatte sie ein exotisches Getränk erwartet, obwohl die Muhs nach unseren Beobachtungen hinsichtlich Exotik viel zu wünschen übrig ließen. Aber Heidi neigte zu übertriebenen Erwartungen, die im stillen Tal zumeist nicht erfüllt werden konnten.

Ich wollte gerade meine Anspannung durch Schimpfen mindern, als ein hoher, langgezogener Ton erklang. Wir fuhren zusammen. Wahrscheinlich wären wir auch bei einem Räuspern zusammengezuckt, in einer späteren Diskussion dieses ersten Besuches zogen wir es aber vor, das Zusammenfahren auf den Ton zurückzuführen. Dergleichen hatten wir nicht erwartet und, wie Heidi herausstrich, nicht erwarten können.

„Was war das?“ fragte meine mutige Schwester nun.

„Hörte sich an wie eine Glocke“, klärte ich sie auf, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht sicher war, was wir gehört hatten.

Sie sah mich geringschätzig an und schüttelte hoffnungslos über so viel Sachlichkeit den Kopf. Wieder erklang dieser Ton. Ich beschloss zu handeln, da eine Heidi zu beeindrucken war.

„Jemand ist im Haus“, verkündete ich und begann, mich aufmerksamer umzusehen.

Der Raum war langgestreckt mit einer niedrigen Holzdecke, die man eingezogen hatte, um eine Etage mit zusätzlicher Wohnfläche zu schaffen. Im vorderen Bereich, dem ehemaligen Stall, gab es seitlich einige winzige Lichtschächte im Mauerwerk, durch die nur schmale Streifen Licht einfielen. Zu öffnen waren sie auch nicht, deshalb konnte man den großen Raum nur schlecht belüften. Zwei Fenster von annähernd normaler Größe lagen sich am Ende des Raumes gegenüber. Sie standen beide offen, was den Luftaustausch kaum verbesserte. Bis auf diesen hinteren Bereich wurde der Raum auch nur unzureichend erhellt. Dem Eingang gegenüber führten zwei Türen jeweils in die Küche und in eine Kammer, die der alte Herr Berger als Arbeitszimmer genutzt hatte. Zwischen diesen Türen stieg eine Holztreppe hinauf zur Etage, dem umgebauten Heuboden früherer Generationen, wo sich mehrere Zimmer befanden. Ich vermutete die Muhs oben, denn Küche und ehemaliges Arbeitszimmer lagen ebenso verlassen da wie der Eingangsraum. Instinktiv schleichend bewegte ich mich zur Treppe. Die führte steil und völlig gerade nach oben und hätte jeden Sicherheitsingenieur das Fürchten gelehrt, weil es keinen Handlauf gab und die Stufen aus ungleichmäßig breiten Bohlen gezimmert waren.

Kaum hatte ich die oberste Stufe erreicht, erklang erneut der langgezogene Ton. Diesmal zuckte ich nicht zusammen, sondern nahm den Ton als Beweis, dass die Muhs hier oben anzutreffen waren. Eilig winkte ich Heidi, die am Fuß der Treppe lungerte. Es hätte mich nicht verwundert, wäre von ihr als Nächstes die Behauptung gekommen, durch mich zu diesem Hausfriedensbruch verleitet worden zu sein. Da ich nicht sicher war, ob wir uns nicht doch eines Vergehens schuldig machten, wartete ich nicht auf sie. Von meinem Standort an der Treppe waren einige offene Eingänge zu sehen. Entlang einer Wand hatte man Kartons aufgestapelt, und am Ende des Flurs lehnten die ausgehängten Zimmertüren. In einem der Räume mussten sich die Muhs aufhalten. Offenkundig hatten sie erst kürzlich ihre Renovierungsarbeiten unterbrochen. Links lag ein Zimmer, dessen Boden eine Plastikplane vor Farbflecken schützte. Mitten im Raum stand eine Leiter, darauf ein Farbtopf, die Farbrolle lag in einem Plastikbeutel daneben. Ich ging weiter. Das nächste Zimmer auf dieser Seite des Flurs war offenbar fertig gestrichen. Die Fenster — hier oben gab es viel mehr und deutlich größere als unten — standen offen, und auf den Dielen lagen Schlafsackrollen aufgereiht. Ich sagte mir, dies alles sei völlig uninteressant für mich, nahm die Schlafsäcke und Isomatten dennoch von der Tür aus in Augenschein. Sie verrieten mir nicht viel, außer dass die Muhs nichts von Markenware hielten. Gerade wollte ich weitergehen, als eine Art Sprechgesang einsetzte.

Erschrocken sprang ich herum. Die Zimmertüren beiderseits des Flurs lagen einander nicht gegenüber. Bis zu dem ersten Zimmer auf der rechten Seite hatte ich mich noch nicht vorgearbeitet. Vorsichtig trat ich einen Schritt vor und konnte nun um den Türrahmen herum in das Zimmer sehen. Dort fand ich die Familie Muh versammelt. In zwei ordentlichen Reihen knieten sieben Personen mit dem Rücken zum Eingang vor einer Metallschale. Der Familie gegenüber kniete eine Frau, nach unseren bisherigen Beobachtungen die Mutter. Über ihren Kopf hoch erhoben hielt sie einen Stab. Mit geschlossenen Augen führte sie die übrigen Familienmitglieder durch den Sprechgesang, von dem ich kein Wort verstand, obwohl ich den Eindruck hatte, die Sprache schon einmal gehört zu haben. Verblüfft stand ich im Türrahmen. Inzwischen meldete sich mein Verstand zurück, mir mitzuteilen, ich befände mich in einer peinlichen Situation und täte besser daran, entweder auf mich aufmerksam zu machen oder unauffällig zu gehen. Da fiel von hinten eine Hand auf meine Schulter. Ich stieß einen Schreckenslaut aus. Die Frau mir gegenüber öffnete die Augen und sah direkt in mein Gesicht. Hinter mir sog jemand Luft ein.

„Oh“, wurde gemurmelt. Heidi hatte mich eingeholt. Heiß breitete sich in mir ein Gefühl tiefster Peinlichkeit aus. Ich wollte sie anschreien, traute mich aber nicht in Gegenwart der Muhs.

Die Frau sagte ein Wort, das die restliche Familie aus ihrer transzendentalen Ruhe löste. Alle richteten sich auf und sahen sich verwundert zur Tür um, wo Heidi und ich, mittlerweile beide rot vor Verlegenheit, standen.

„Entschuldigung“, stammelte ich. Etwas in dieser Richtung war offenkundig vonnöten. Die Frau trat vor mich hin.

„Guten Tag?“ sagte sie unsicher.

Heidi richtete sich hinter mir zur Verteidigung auf.

„Wir wollten Sie nicht stören. Aber unten war niemand.“

„Da sind wir einfach heraufgekommen“, ergänzte ich, ehe mir einfiel, was außerdem erwähnt werden sollte. „Ich bin Christa Hemmen. Das ist meine Schwester Heidi. Wir sind Ihre Nachbarn. Das heißt, unsere Eltern sind Ihre Nachbarn. Wir sind deren Kinder“, faselte ich. Zum Dank stieß Heidi mich an.

Die Frau musterte uns einen Moment, ehe sie ihre Hand ausstreckte.

„Ihr habt uns nicht gestört. Es wäre auch nicht angebracht, euer unerwartetes Kommen als störend aufzufassen. Die Zeremonie konnte abgeschlossen werden. Ich bin Sinaida Muh. Und das ist meine Familie.“

Mit einem Arm, dessen weiße Farbbesprenkelung an der sorgfältig gewaschenen Hand endete, wies Sinaida Muh auf die Personen, die hinter ihr versammelt standen. Da waren der Herr Muh, zwei Söhne sowie vier Töchter. Die Vornamen der Kinder klangen für unsere Ohren ungewohnt, weshalb wir die meisten sofort wieder vergaßen. Alle Namen waren vor allem kurz, wie die Muhs alle klein waren. Wegen ihrer geringen Größe fiel es uns schwer zu erkennen, wie alt die Kinder sein mochten, so sehr waren wir daran gewöhnt, das Alter anhand der Körpergröße einzuschätzen. Wir vermuteten, dass sie sich wahrscheinlich alle im Schulalter befanden, auch die zu ihren Geschwistern relativ hochaufgeschossene Greta; Bea dagegen möglicherweise nicht mehr, denn die hatte anscheinend die schlimmste Pickelphase hinter sich gebracht. Fragen wollten wir nicht. Wie Heidi und ich uns nachher eingestanden, wäre das die Krönung der Peinlichkeit gewesen.

Trotz des unglücklichen Anfangs gaben sich die Muhs große Mühe mit uns. Sie führten uns hinunter in den großen Eingangsraum, wo wir ihnen die Äpfel als Einzugsgeschenk überreichten. Ihre Freude über diese lächerliche Gabe erschien uns unaufrichtig, aber sie wollten wohl höflich sein. Man trug Holzkisten als Sitzgelegenheiten heran, nötigte uns Kekse und Apfelsaft auf. Widerstandslos akzeptierten wir ihre Angebote. Herr Muh und die jüngeren Kinder aßen im Hintergrund schweigend ihre Kekse, während Frau Muh unsere Fragen, ob sie sich schon eingelebt hätten und mit den Renovierungsarbeiten vorankämen, zwar nicht unfreundlich, aber äußerst reserviert beantwortete. Als ihr Handy klingelte und sie sich für das Telefonat in die Küche zurückzog, übernahm Bea die Rolle der Gastgeberin. Sie fragte nach den Schulen in Wardenburg und erkundigte sich, ob es einen Wochenmarkt gebe. Während Heidi vom Schulzentrum am Everkamp erzählte, kam Frau Muh zurück. Mir fiel auf, wie viel ernster als vorher sie nun dreinblickte. Bea bemerkte es ebenso. Keine der Frauen sprach es aus, aber ich sah, dass sie uns loswerden wollten. Überstürzt erhob ich mich.

„Wir müssen jetzt gehen. Hausaufgaben und so. Muss ja erledigt werden. Sie haben hier ja auch noch zu tun“, stammelte ich zu Heidis Verwunderung und zog sie hinter mir her. Bea begleitete uns bis zur Tür, die sie hinter uns schloss.

„Was sagst du zu denen?“ fragte ich Heidi auf dem Weg zu unserem Haus.

Sie verzog erst den Mund, grinste dann.

„Die Kekse waren gut“, lautete ihr Kommentar. Ich lachte.

„Lass das nur Mutti nicht hören.“

Kapitel 3

Entgegen der Erwartungen aller Bewohner des stillen Tals fuhren die Kinder der Muhs nicht spätestens nach Ablauf der ersten Woche mit uns anderen zur Schule. Morgens standen sie nicht an der Haltestelle, und sie fuhren auch nicht mit den Fahrrädern Richtung Wardenburg. Ein Monat verging. In dieser Zeit sah ich so wenig von den Muhs, wie man von Nachbarn sehen kann, wenn man morgens um zwanzig vor sieben zum Marktplatz nach Wardenburg radeln muss, dort um sieben Uhr in den Bus nach Oldenburg steigt, und erst am Nachmittag auf umgekehrten Wege nach Hause zurückkehrt. Ich besuchte damals die zwölfte Klasse des Landkreisgymnasiums, während Heidi und die anderen Kinder aus dem stillen Tal täglich das Schulzentrum in Wardenburg anstrebten. Bis zur zehnten Klasse war auch ich bequem dorthin geradelt, hatte gemütlich von halb acht bis Viertel vor eins in der Realschule gesessen und nach einem frisch gekochten Mittagessen und den läppischen Hausaufgaben meine eigenen Interessen verfolgt. Ohne mich sonderlich anzustrengen, hatte ich den Realschulabschluss geschafft und schon frühzeitig einen Ausbildungsplatz als Bürokauffrau ergattert. Mein Leben war bis dahin wie das aller Mädchen in der Nachbarschaft verlaufen, nur in einigen wenigen Aspekten hing ich hinter dem Durchschnitt zurück. Doch bald hätte auch ich einen netten Jungen kennengelernt, worauf meine Mutter schon lange hoffte, vielleicht einen ausgelernten Automechaniker oder einen Gerüstbauer. Der hätte viel Zeit und Geld in sein Auto investiert, mich aber großzügigerweise überall hingefahren und als Gegenleistung nur Sex erwartet. Irgendwann hätten wir dann geheiratet, unsere Bausparverträge zusammengeworfen und auf dem Hintergrundstück seiner oder meiner Eltern mit viel Eigenleistung ein Haus gebaut. Da hätten wir dann mit zwei Kindern von seinem Lohn und meinem Minijob sparsam, aber wohlanständig nebeneinander her gelebt. Erfolg maß sich im stillen Tal in Bodenständigkeit und sichtbarem Besitz, der dem der Nachbarn zumindest gleichkam, ihn aber rücksichtsvoll niemals weit übertraf. Beides war auch Maßstab für Zufriedenheit. Ich hätte sehr zufrieden werden können, wie meine Mutter bis heute nicht müde wird zu beteuern.

Mein Vater sei schuld, dass die Dinge sich anders entwickelten, klagte sie schon damals. Ganz ging sie nie davon ab, egal was für Zeugnisse und Urkunden ich ihr vorlegte, und obwohl ich auch vorher schon wenig Neigung zu den netten Jungen gezeigt hatte. Wenn mein Vater nicht mit Andy Vosgerau über den Erfolg der Fußballnationalmannschaft in einem Qualifikationsspiel gewettet oder diese Wette wenigstens gewonnen hätte, dann wäre ich Bürokauffrau und als zwingende Konsequenz zufrieden geworden. Der Gedanke lässt sich weiter ausspinnen. In den letzten Jahren habe ich das oft getan, obwohl ich genau um die Müßigkeit solcher Überlegungen weiß. Wenn einerseits ich nicht zum Gymnasium gegangen wäre, dann hätte es andererseits der Familie Muh besser ergehen können. Das jedoch ist reine Spekulation. Tatsache dagegen ist, dass mein Vater mit seinem Kumpel Andy Vosgerau auf ein bestimmtes Spielergebnis wettete. Im Falle des Verlierens wollte Andy seine Haare auf pferdeschwanzgeeignete Länge wachsen lassen. Mein Vater fühlte sich Andy in Sachen Fußball überlegen, auch wollte er nach ein paar Flaschen Bier nicht hinter Andy zurückstehen. Folglich sann er auf einen ähnlich abstrusen Einsatz. Er erklärte darum, er würde mich zum Gymnasium schicken. Beide Männer fanden das sehr witzig, wie sie mir versicherten. Ich sah das anders. Da ich aber meine Zukunft als Bürokauffrau für beschlossen hielt, verschwendete ich keinen weiteren Gedanken an die kindische Wette, bis mein Vater mir am Tag nach dem Qualifikationsspiel mitteilte, er sei nun doch und entgegen jeglicher Wahrscheinlichkeit gezwungen, mich in Oldenburg am Gymnasium anzumelden. Als gute Tochter beschwerte ich mich nicht sehr laut oder sehr lange, obwohl ich damals keine Vorteile für mich erkennen konnte.

Seitdem war ich tagsüber nur kurze Zeit im stillen Tal und erfuhr viele interessante Dinge aus zweiter Hand. Dass die Kinder Muh an keiner Wardenburger Schule gesehen worden waren, hatte sogar ich mitbekommen, den daran anknüpfenden Überlegungen der Nachbarn folgte ich aus Zeitmangel nur mit halbem Ohr. Bewusst wurde mir das Problem erst, als ich eines Tages aus der Schule nach Hause kam. Vor unserem Haus stand ein Polizeiauto. Für mich war das nichts Besonderes. Es hieß nur, dass Andy Vosgerau sich einen inoffiziellen Tee abholte, schlimmstenfalls hätte er keinen Klatsch für uns dabei. Tatsächlich saß Andy mit meiner Mutter am Küchentisch. Von oben hörte man Wasserrauschen. Mein Vater machte sich fertig für die Arbeit. Er war Koch in einem Wardenburger Restaurant und hatte an diesem Tag Spätdienst, deshalb war er noch zu Hause. Erfreut begrüßte ich Andy. Seine Geschichten, von denen er viele und ständig neue erzählen konnte, waren meistens spannend und hatten die pikante Eigenschaft, auf wahren Begebenheiten zu beruhen. Diesmal schien er mir allerdings nicht ganz so gut gelaunt wie sonst.

„Christa, kennst du die da drüben?“ fragte er mit einer komplizierten Kopfbewegung, die es ihm erlaubte, mit dem Kinn auf das Bergersche Haus der Muhs zu zeigen.

„Kennen?“ fragte ich zurück, denn mir war der gekränkte Blick meiner Mutter aufgefallen. Sie hatte es nicht gut aufgenommen, dass Heidi und ich ihr mit der offiziellen Begrüßung der neuen Nachbarn zuvorgekommen waren. Selbst hinübergegangen war sie danach aber nicht mehr.

„Du warst doch bei denen?“ beharrte Andy. Er hatte die Geschichte des Besuchs offensichtlich zu hören bekommen.

„Ja“, gestand ich ohne schlechtes Gewissen. „Aber deshalb kenne ich sie nicht.“

„Klar. Kennen ist was anderes“, stimmte er mir zu. Dann seufzte er. „Das hört ihr jetzt nicht“, teilte er uns mit.

Meine Mutter und ich brauchten keinen Blick zu wechseln. Wir kannten diese Einleitung und wussten sie zu deuten.

„Ich muss die auffordern, ihre Kinder in die Schule zu schicken“, sagte Andy.

Das Thema schien ihm etwas peinlich zu sein, vielleicht weil er meine Schulkarriere leichtfertig mit beeinflusst hatte. Überrascht war ich über seine Mitteilung nicht, immerhin sah man die Kinder der Muhs von früh bis spät auf dem Grundstück arbeiten. Stets hielten sie sich nahe beim Haus auf, und nie waren sie alleine. Dass daran etwas Regelwidriges, insgesamt Verdächtiges sei, war allen anderen Kindern der Straße vermittelt worden. Bereits jetzt, nach nur etwas mehr als einem Monat, wurden die Kinder der Muhs als schlechte Beispiele angeführt, obwohl außer meiner Mutter, Heidi und mir niemand je mit einem Muh gesprochen hatte.

Inzwischen war mein frisch geduschter Vater die Treppe heruntergekommen.

„Andy! Bist du schon lange da?“ rief er.

Andy bestätigte das, sein leerer Kuchenteller ebenfalls.

„Tut mir leid, Jörn, ich muss los. Ich hab drüben zu tun.“

Wieder vollzog er die komplizierte Kopfbewegung in Richtung des Bergerschen Hauses. Mein Vater war angemessen beeindruckt. Seit sie sich kannten, war Andy nie in offizieller Mission im stillen Tal gewesen. Bei uns lebten eben friedliebende Menschen, begründete Andy diesen Umstand damals noch.

„Was haben die ausgefressen?“ erkundigte mein Vater sich interessiert. Andy winkte ab.

„Oh, ausgefressen haben die nichts. Schicken die Kinder nicht zur Schule. Kommt vor. Wir sehen uns, Leute.“ Mit diesen Worten schlüpfte er zu unserer Küchentür hinaus.

Meine Eltern und ich traten wie abgesprochen an das Fenster, welches uns einen direkten Blick auf den Vorhof des Bergerschen Hauses gewährte. Auf diesem Hof fegte Frau Muh. Als sie den uniformierten Andy auf ihr Haus zukommen sah, warf sie den Besen zu Boden und rannte Hals über Kopf ins Haus. Andy zögerte. Er sah zu unserem Fenster, schließlich war ihm klar, dass wir ihn im dienstlichen Einsatz beobachteten. Mein Vater winkte ihm zu. Ärgerlich winkte Andy zurück. Inzwischen stand Frau Muh wieder in der Haustür. Hinter ihr konnte man ihren Mann ausmachen. Wir sahen, wie Andy mit ihnen sprach. Die Muhs schüttelten kontinuierlich den Kopf, Andy hob bekräftigend die Hände. Weiterhin schüttelten sie den Kopf. Schließlich wandte Andy sich ab und stapfte zu seinem Polizeiauto. Die Muhs schlugen die Haustür zu. Den ganzen Nachmittag blieb der Besen auf dem Hof liegen.

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