Virtuelle Fenster

 Gestern habe ich über die schlichten Glasfenster geschrieben, jene durch die wir unsere Mitmenschen beobachten. Sei es aus Neugier, sei es aus weniger ehrenwerten Gründen, wir lernen, wenn wir hinaussehen auf die Welt draußen.

Neue virtuelle Fenster

Mittlerweile beinahe ebenso vertraut wie das Fenster aus Klarglas ist uns heute das Internet. Es ist für viele ein Fenster in die weite Welt geworden, ohne die Mühen der Reise, ohne gewisse Lernprozesse, die das körperliche Reisen mit sich bringt.

Aber mittels des Internets sind wir in der Lage Kontakt zu Menschen weitab auf der anderen Seite der Erde aufzunehmen. Wir können lesen, was sie schreiben, hören, was sie sagen. Und wenn auf diese Weise die Erfahrungen der tatsächlichen Reise fehlen, so sammeln wir doch Informationen, die wir ohne das Iternet nie bekommen hätten.

Blogger öffneten Fenster in den Arabischen Frühling

Ich finde den Ausdruck Arabischer Frühling furchtbar, scheint er doch anzudeuten, dass wie der Prager Frühling ein Ende durch Waffen droht. Möglicherweise kennen diejenigen , die den Arabischen Frühling in den deutschen Medien prägten, die Verbindung zu jenem anderen vermeintlichen Aufbruch 1968 in der damaligen CSSR nicht. Vielleicht entstand der Ausdruck auch durch blinde Anlehnung, wurde eine Analogie gebildet, die weder wünschenswert noch passend ist.

Doch was der sogenannte Westen aus den arabischen Ländern erfuhr, wie die Leute dachten, was sie planten, wie sie das Geschehene bewerteten, das kam von Bloggern über das Internet. Natürlich waren es gebildete und englischschreibende Leute aus priviligierten Schichten, die sich artikulierten und die wahrgenommen wurden. Wer nicht die Lingua Franca der modernen Welt verwenden kann, bleibt international meist ungehört. Unabhängig von der tatsächlichen Rolle dieser Blogger öffneten sie ein Fenster in ihr Land und in ihre Gedankenwelt.

Beidseitig verspiegelte Fenster

Nicht umsonst versucht man in China, den Zugang der Bevölkerung zum Internet zu kontrollieren. Wer im Internet über sein Land schreibt, erfährt von anderen, wie es jenseits der Landesgrenzen zugeht. Der Versuch, Gedanken zu kontrollieren ist nicht neu. Auch in Deutschland wurden einmal Bücher verbrannt, es ist nicht allzu lange her.

Bücher sind ebenfalls Fenster in die Welt. Ihr Papier macht den Blick langsamer als das Display eines Handys, doch die Ideen verbreiten sich dessen ungeachtet. Wir sollten froh um unsere Fenster in die Welt sein und sie nutzen zu lernen, was unsere Nachbarn in ihren Gärten treiben.

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