By | 2. August 2018
Flynn Todd

Sie finden die Beiträge über die ersten Schreibversuche auch im Menü unter Gastbeiträge. Dort können Sie auch die Beiträge der Sommeraktionen der vergangenen Jahre entdecken. Spannend sind ebenfalls die Autoreninterviews im Menüpunkt Interviews.

Flynn Todd Schreibversuche

Es fing an im Sommer 1982. Ich war zwölf Jahre jung und besuchte die sechste Klasse der Orientierungsstufe. Es stand bereits fest, dass ich auf die Hauptschule kommen sollte. Zu schlecht waren doch meine Noten. „Der Junge ist nicht blöd, der ist nur faul“ hieß es von pädagogischer Seite her. Doch ich wusste es besser. Faul war ich keinesfalls, nur interessierte mich der Schulstoff einen Scheiß. Ich war froh, dass ich rechnen und schreiben konnte. Besonders Schreiben machte mir großen Spaß. Deswegen sollte ich zukünftig auf allen folgenden Zeugnissen im Fach Deutsch eine vier oder fünf erhalten. Das wechselte sich ab. Aber woran lag das?

Meine Stärke lag darin, besonders gute Aufsätze zu schreiben. Die besten der ganzen Schule. Woher ich das weiß? Die Inhalte meiner Geschichten sprachen sich schnell bei den Schülern herum, sogar die Nachbarklassen und Schüler, die ich zuvor noch nie gesehen hatte, fragten mich, ob sie wohl meine Geschichten lesen dürften. Was für ein tolles Gefühl – Schüler, die sonst nie freiwillig ein Buch in die Hand nehmen würden, saßen in der Pause in einer Ecke und lasen meine Geschichte.

Den Lehrern war das ein Dorn im Auge, denn beim Schreiben hielt ich mich nie und niemals an die Vorgabe eines bestimmten Themas, so wie es die Lehrer vorgaben. Wie ich mir „einen Tag auf einem Bauernhof“ vorstellte, war mir nicht spektakulär genug. Auch „was ich in den Sommerferien erlebte“, ging mir gegen den Strich. Dass sich gerade in diesem Sommer mein Körper veränderte und mir Haare an unmöglichen Stellen wuchsen, wollte ich nun ganz und gar nicht mit meinen Mitmenschen teilen, geschweige denn einen ganzen Aufsatz darüber verfassen.

Rocker, die in der Innenstadt Wolfsburgs die Kunden von Neckermann überfielen und ausraubten, eine Familie, die von einem fiesen Dämon heimgesucht wurde, ein fleischfressendes Ungeheuer, das auf dem Grund des örtlichen Sees auf Opfer lauert. Das waren Geschichten nach meinem Geschmack. Wenn es nicht mindestens vier Tote oder wenigstens sechs Schwerverletzte gab die ein paar Liter Blut verloren, war es in meinen Augen keine gute Geschichte.

Meine unerschöpfliche Phantasie wurde in all den Jahren mit Fünfen und Sechsen belohnt. Sogar Gespräche mit Eltern und Lehrern fanden statt. Eindringlich baten sie mich, „damit“ aufzuhören. Und was ein bärtiger Lehrer, dem Äußeren nach aus Kommune 1 entsprungen, mit erhobenen Zeigefinger den Erziehungsberechtigten eintrichterte, das muss ja richtig sein.

Ach, wenn der kleine Flynn doch nicht so eine ausgeprägte Phantasie hätte, es wäre doch viel leichter für ihn. Leider ist man als Zwölfjähriger der Dummheit der Erwachsenen ausgeliefert. Es gibt kein Entrinnen, kein Entfliehen. Du musst ganz einfach das tun, was andere für richtig halten. Deine Meinung zählt nicht. Du darfst nur entscheiden, ob du Wurst oder Käse zum Abendbrot essen willst. Schließlich habe ich irgendwann selber daran geglaubt, dass meine Aufsätze schlecht sind. In diesem Glauben befand ich mich ganze vierunddreißig Jahre. Erst ein junger amerikanischer Schauspieler, dessen Spiel mich im Jahr 2016 unglaublich beeindruckte, kitzelte an meiner Hirnrinde und verpasst mir dann den alles entscheidenden kreativen Schlag in mein Gesicht. Dieser Schlag war so heftig, dass ich mich ein paar Stunden später vor den Rechner setzte, und das erste Kapitel meines ersten Buches schrieb. Fünf Monate schrieb ich an der Story und feilte an den Charakteren. Während des Schreibens fiel mir schon die komplette Story für die Fortsetzung ein. Als ich schließlich diese schrieb, hatte ich schon genau im Kopf, was im dritten Buch geschehen wird. Herausgekommen sind die „Blackfin Boys“, denen ich sicherlich viele meiner Verhaltensweisen und Gedanken auferlegt habe. Welche das genau sind, behalte ich für mich.

Als ich das Manuskript meiner Lektorin schickte, rief sie an und meinte „…wenn du das so schreibst, nimmt es kein Verlag. Das ist heftig für ein Jugendbuch“. Ich antwortete „…dann ist es genau richtig.“

Ich schreibe über Dinge, die mich glücklich machen. Über die ich lachen kann, auch über Dinge, die mich Rotz und Wasser heulen lassen. Ich schreibe über Dinge die mich anwidern, über Dinge, die mich verletzen. Aber ich lasse es meistens gut ausgehen. Das ist ein schönes Gefühl.

Wo wäre ich wohl gelandet, wenn es 1982 einen Menschen gegeben hätte, der mein Talent gefördert hätte? Diese Frage stellte ich mir oft. Jetzt ist es aber unerheblich, ich konzentriere mich auf die Zukunft. Ich schreibe einfach. Machen, nicht quatschen. Gefällt es anderen – schön. Wenn nicht, egal.

Wie vielen anderen geht es aber genauso? Wie viele junge potentielle Autoren werden auf diese Weise zunichte gemacht? Ihre gerade eben entdeckte Phantasie und Kreativität mit Füßen totgetrampelt, bevor es überhaupt zu einer Entfaltung kommt?

Da ich schon seit neun Jahren Dialysepatient bin und auf eine Spenderniere warte, habe ich zeitweise ein bisschen Panik, dass ich nicht alles erzählen kann was ich will, weil mir die Zeit wegläuft. Aber wenn ich mir neue Abenteuer ausdenke, verschwinden die negativen Gedanken ziemlich schnell. Das Problem der verkürzten Lebenserwartung ist dann unwichtig.

Was ich erreichen will? Ich möchte meinen Jungs noch viele Abenteuer spendieren und ihnen das schöne Gefühl von Freundschaft, Vertrauen und Empathie, aber auch Thriller und Horror einhauchen. Bis zum letzten Atemzug.

 

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