By | 5. August 2019
Titel: Im Kopf des Detektivs. Rosenheim - 4 sonderbare Fälle
Reihe: Michael Warthens Rosenheimkrimis #5
Verlag: Wieken-Verlag
erschienen: 2019
Autor: Peter Brand
Genre: , ,
ISBN13: ISBN E-Book mobi 978-3-943621-79-2 ISBN E-Book EPUB 978-3-943621-78-5 ISBN Taschenbuch Amazon 978-3-943621-80-8 ISBN Taschenbuch Buchhandel 978-3-943621-81-5 ISBN gebundene Ausgabe 978-3-943621-82-2

Der Rosenheimer Detektiv Michael Warthens findet sich auf einem Berg über der Stadt wieder. Er hat keine Erinnerung, wie er dorthin gekommen ist. Während er dort sitzt, erinnert er sich jedoch an vier sonderbare Kriminalfälle, die er in Rosenheim gelöst hat. Allmählich versteht er, dass es einen Grund gibt, warum er an diesen Ort gekommen ist ..."Im Kopf des Detektivs" ist der fünfte Rosenheim-Krimi mit dem Detektiv Michael Warthens. "Im Kopf des Detektivs" schließt direkt an den vierten Fall "Im Netz des Täuschers" an.

Der Rosenheim-Krimi erscheint am 1. Oktober 2019.

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In der Reihe erschienen auch:

Hannover, Klinikum Siloah, Abteilung Anästhesiologie und operative Intensivmedizin.

Vorläufiger Bericht: Bei einem Undercover-Einsatz im Auftrag des Zentralen Kriminaldiensts wurde Michael W. durch einen Messerangriff lebensgefährlich verwundet.

Am 5. August wurde der Patient in ein künstliches Koma versetzt, um seine schweren Verletzungen zu heilen, Schmerzen auszuschalten und seine kardiologischen Werte stabil zu halten. Dabei ist u. a. gelungen, die Herzfrequenz und den Blutdruck auf einem gleichmäßigen Niveau zu halten. Seit knapp zwei Wochen befindet sich der Rosenheimer Privatdetektiv in diesem Zustand. Wann die Aufwachphase eingeleitet wird, entscheiden die Ärzte in diesen Stunden.

Privater Vermerk: Ob er dabei ins Hier und Jetzt zurückfindet, steht in den Sternen.

Dr. Bertram, KRH Klinikum Region Hannover

Plötzlich Tag

Mein Name ist Michael Warthens. Soweit schon mal gut. Bin ich wirklich sechzig Jahre alt? Glaub ich nicht, aber ich kann mich an diese Zahl erinnern. Gefeiert habe ich den Geburtstag nicht. Das wüsste ich. Das Alter ist ja sowieso egal.

Wie ich hierher komme, darauf habe ich keine Antwort. Ich sitze auf einem verrottenden Baumstumpf und schaue ins Tal. Im Schatten von Heuberg und Kranzhorn fließt der Inn träge auf Rosenheim zu, und auf der Inntal-Autobahn ist mal wieder Stau-Saison. Die Morgensonne scheint auf die Häuser von Brannenburg an den Ausläufern des Wendelsteins. Gerade noch kann ich Burg Falkenstein am Tor zum Tal oberhalb von Flintsbach erkennen.

Der Blick ist mir seit meiner Kindheit vertraut. Wie oft bin ich mit meinen Eltern diese Berge hinauf gelaufen, später als junger Mann mit meiner ersten Liebe, dann als Bankkaufmann und noch später, sehr viel später, als Privatdetektiv? Antwort: an tausend Tagen. Auch die Hochries, dieser Berg wie ein Satteldach geformt, sieht von hier heimelig aus und gibt mir das Gefühl, zu Hause zu sein. Hunderte Male stieg ich von der Startrampe dort mit meinem Flugdrachen in die Lüfte, beobachtete die sich langsam bewegenden Dinge von oben wie ein Bild von Google-Earth. Viel besser noch: wie ein lebendes Bild, real und ehrlich, ungeschminkt.

Nur, warum bin ich jetzt hier? Stürzte ich ab und kann mich an nichts erinnern? Mein Flugdrache ist nirgendwo zu sehen. Und ich bin schmerzfrei.

Was soll das also? Ich muss mich konzentrieren.

Was mache ich, außer Drachenfliegen? Ich ermittle als Privatdetektiv und verlange eine Menge Kohle von meinen Kunden und Auftraggebern, ein Job, der früher nicht so toll lief, weshalb ich … ja genau, meine Tante Berti anpumpen musste. Die alte Sennerin verbrachte hier viele Sommer. Vier- oder fünfhundert Höhenmeter weiter oben liegt die Alm, die sie einst bewirtschaftete. Sie ist viel zu alt und gebrechlich geworden, meine letzte noch lebende Verwandte. Manchmal kann sie ein regelrechter Drachen sein, und fliegen wäre mit diesem Tierchen nicht möglich. Ich glaube, ich mag sie trotzdem, oder gerade wegen ihrer forschen Art. Im Grunde ist sie eine herzensgute Seele. Mit ihrem Wissen über unsere Heimatstadt Rosenheim und die alten Zeiten, die manchmal nicht so gut waren, wie man sie in Erinnerung haben möchte, half sie mir oft bei meinen Aufträgen.

Na also, geht doch. Nur weiter. Zu Conny. Sie könnte sehr viel mehr sein in meinem, in unserem Leben, aber sie will nicht. Ich manchmal schon, dann wieder nicht. Wir sind fast gleich alt, zu alt für alberne Verliebtheit.

Trotzdem sind wir gerne zusammen. Meistens jedenfalls. Auch sie trug viel zur Aufklärung von Verbrechen bei. Mit ihrer feinfühligen Art, ihrer Menschenkenntnis und erstaunlichen Hellsichtigkeit ist sie so etwas wie das Gegenteil von Berti, der manchmal arg derben Nörglerin.

Das klappt ja ganz prima mit dem Erinnern. Nur sind das eben meine nächsten und liebsten Menschen. Die trägt man immer in sich mit, ob es einem schlecht oder gut geht. Wie es mir gerade geht, das liegt irgendwo dazwischen. Angst hält mich auf diesem Baumstumpf. Was, wenn ich mich bewege? Kann ich mich überhaupt bewegen?

Ich versuche es erst gar nicht. Das harte Holz unter meinem Hintern spüre ich seltsamerweise nicht, also können meine Arschmuskeln auch nicht einschlafen.

Wo war ich? Ach ja, bei meinen Damen. Einmal befreiten mich beide aus einem Kühlraum. Junge, das war eine Aktion damals. Die haben echt Courage. Ohne sie wäre ich jetzt sehr viel weiter oben als auf einem Berg oberhalb von Brannenburg. Dort, wo die weißesten Wolken der Welt über den tiefblauen Himmel ziehen. Na ja, oder sehr viel weiter unten, unterhalb der Erdkruste, wo es heiß wie die Sau ist, falls ich es verbockt haben sollte, zur Belohnung als Engelchen auf einem Wölkchen Hosianna zu singen.

Das Problem ist, ich weiß es eben nicht. Bin ich gut oder böse? Oh, jetzt fällt mir ein, dass ich trotz, oder sogar wegen meiner Arbeit als Privatdetektiv mal als ein schlimmer Finger angesehen wurde. Als Mörder. Das muss — scheiße, ich habe kein Zeitgefühl, kein Zeitgedächtnis. Nicht mal mein Handy habe ich bei mir, um nachzusehen. Vielleicht war es zwischen dem Fall, bei dem ich in einem Kühlraum eingesperrt war, und dem in Dings, in … in Hannover, glaube ich. Was hab ich denn da gemacht? Egal. Ich komme schon noch darauf.

Ameisen streben in Reih und Glied auf ihrer ganz eigenen Straße an meinem Baumstumpf vorbei. Mit Leichtigkeit überwinden sie meine Schuhe, blaue, abgelatschte Segeltuchschuhe, die für hier oben völlig ungeeignet sind. Warum trage ich sie dann? Meistens habe ich die doch an, wenn Hochsommer herrscht, in der Stadt auf heißen Pflastersteinen, oder am Ufer eines Sees. Dabei muss ich an eine glänzende Wasserfläche denken, an eine Wasserfontäne, finde aber — zumindest jetzt nicht — keine Erklärung dafür.

Die Ameisen jedenfalls tragen braune Tannen- oder Fichtennadeln, Stecknadelkopf große Blättchen und Dinge, die ich nicht zuordnen kann. Rechts von mir ist ihre Heimat, ein niedriger Haufen, der ganz sachte dampft, als glühe er tief in seinem Inneren. Es riecht nach Waldboden, erdig, nach Pilzen und trotzdem frühlingshaft frisch. Auf der Wiese etwas weiter unten blühen Maiglöckchen. Ihr süßes Aroma schwebt mit einem Hauch von Aufwind davon und mischt sich mit dem hier oben. Sofort ist das Bild wieder in meinem Kopf, das ich mit diesen Blumen verbinde.

Manchmal sind es Gerüche, die Erinnerungen zurückbringen. Mehr als Töne oder Bilder. Und an diesen Geruch kann ich mich sehr wohl sehr genau erinnern.

Der Fall Warthens - Im Süden

Der Blumenstrauß duftete intensiv nach Maiglöckchen. Dahinter verbarg sich das Gesicht einer jungen Frau. Das war mein erster Eindruck von Sarah. Wenn ich ihr später begegnete, wenn ich nur an sie dachte, roch ich Maiglöckchen. Ehrlich gesagt passte der Duft weniger zu ihr. Maiglöckchen sind Frühlingsblumen, Sarah selbst erinnerte mich eher an Herbst. Oder Winter, wenn ich mir ihre eisblauen Augen ohne die Stupsnase dazu vorstelle, ohne die leicht engelhaft gekringelten, mehlblonden schulterlangen Haare. Ihre helle Haut wurde nur am Hals von einem Daumennagel großen Muttermal gestört. Was heißt gestört? Früher sagte man Schönheitsfleck dazu, der meistens auf einer Wange oder über der Oberlippe zu sehen war. Sarah sah sehr hübsch aus, zweifelsohne auch deswegen, weil sie jung war, zwanzig damals, und sie lächelte mich über den bunten Strauß hinweg an. Zuckersüß, zu süß. Ich mag Süßigkeiten zwar kaum, aber das sollte mich nicht stören, ihren Auftrag anzunehmen. Eine harmlose Sache von Beschattung ihres Freundes, mit dem sie sich verloben wollte. So ein Treueprüfungs-Scheiß eben, den ich nie gerne mache. Doch Auftrag ist Auftrag, Geld ist Geld, und die Heizkostenabrechnung lag wie ein Mahnmal der fehlerhaften Sparsamkeit auf meinem Schreibtisch. Es ging mir finanziell gut, aber die Kaution für mein neues Büro hatte ein Loch in meinen Geldspeicher gerissen.

Wieso brachte sie mir Blumen? Üblicherweise nehme ich Geld für meine Dienste. Ich bat Sarah herein und ließ sie wissen, dass ich den Strauß als Anzahlung nicht akzeptierte.

„Der ist ja auch nicht für Sie“, amüsierte sich Sarah, „sondern für Ihre Frau. Ich dachte …“

„Falsch gedacht“, korrigierte ich die junge Frau in den hautengen Jeans. „Ist zwar nett, dass Sie gleich nach unserem ersten Telefongespräch so etwas Persönliches wie Blumen zu einem Geschäftstermin mitbringen. Aber das ist weder der Brauch, noch bin ich verheiratet oder lebe hier mit jemandem zusammen.“

Sarah sah sich um. Sie nickte.

„Das sieht man.“

Damals war ich gerade dabei, mein Büro am Ludwigsplatz in Rosenheim einzurichten. Meine Wohnung sah aus wie eine Mischung aus Studentenbude und Baustelle. Nicht alle Sachen, die ich ins Büro mitnehmen wollte, lagen bereits in Umzugskisten. Ihr Blick blieb am dem Halfter mit der Pistole hängen, für die man den kleinen Waffenschein braucht. Der ist nötig für Schreckschuss-, Reizstoff- und Signalwaffen. Meine Resi,(ich gab der Pistole wegen ihrer Harmlosigkeit den netten Namen), fällt unter die Kategorie Schreckschuss. Ich nahm Sarah den Blumenstrauß ab, und während ich vergeblich eine Vase suchte, schnappte sich Sarah meine Resi.

„Peng, peng“, machte sie und zielte auf mich.

Die spinnt wohl, dachte ich und sagte laut: „Legen Sie sofort die Waffe wieder zurück!“

Sie wusste ja nicht, dass Resi einen zwar gehörigen Knall von sich geben konnte, aber niemand töten. Wahrscheinlich hatte Sarah auch einen Knall, und der hätte mir bereits zu diesem Zeitpunkt auffallen sollen.

Sarah folgte artig und zog mit ihren feurig rot geschminkten Lippen einen gespielten Schmollmund, der sofort wieder verschwand, wie ich aus meinen Augenwinkeln beobachtete. Der Strauß musste ins Wasser, und ein besseres Gefäß als ein Weißbierglas fand ich auf die Schnelle nicht. Die durstigen Stinker war ich nun erstmal los, Sarah nicht.

Wir besprachen die Vorgehensweise der Beschattung ihres vielleicht baldigen Verlobten Tim, Timotheus van Damme, wohnhaft im Rosenheimer Süden in einer Villa am Kaltenbach. Alter 27, Beruf: Sohn, wie ich aus Sarahs Informationen über den Studenten mit Studien-Abbruch heraushörte. Also besaß er die dicke Kohle, auf die Sarah aus war. Sollte es ihr dabei nicht egal sein, ob der nach den Fotos zu urteilen zweifelsohne attraktive schwarzhaarige Kerl treu war? Und blieb? Noch waren sie weder verlobt noch verheiratet. Aber gut, ihre Sache. Ich nannte meinen Preis und wies auf eine spätere Spesenabrechnung hin, die eventuell anfallen konnte. Natürlich fiel die immer an, schließlich muss man von etwas leben.

Sarah zeigte sich mit allem einverstanden. Einen Bericht über die Ergebnisse sollte sie in etwa zwei Wochen bekommen. Am nächsten Samstag würde Tim eine Party steigen lassen, auf der Sarah nicht auftauchen würde. Irgendeine Ausrede würde ihr schon einfallen, sagte sie mit finsterer Miene.

Das Fest sollte im Freien stattfinden, am Haus von Tims Eltern, und dieser Garten sollte so groß sein wie ein Park.

*

Am nächsten Tag, einem sonnigen Maien-Donnerstag, machte ich mich zum ersten Mal auf den Weg dorthin. Hausnummer 212 gehörte eindeutig reichen Leuten. Ziemlich reichen. Phantastisch reichen.

Sämtliche Jalousien waren heruntergelassen, obwohl es elf Uhr vormittags war. Wahrscheinlich weilten die alten van Dammes gerade auf ihrer Finca auf Mallorca, oder in ihrem Waldschlösschen bei Monaco.

Von wo aus konnte ich den Garten gut beobachten? Die gegenüberliegende Seite war unbebaut, und die Fichten des Waldstücks waren hier noch nicht von Borkenkäfern befallen worden. Die Bäume standen also hoch und in Reihen und boten guten Sichtschutz. In meinem Alter hatte ich natürlich Probleme damit, auf Bäume zu klettern, aber ein nachlässiger Jäger hatte seinen Hochsitz im Zustand des Verfalls einfach stehen lassen. Eine morsche Sprosse der Leiter war bereits durchgebrochen, die anderen trugen mich ganz gut. Die Aussicht aus vier Metern Höhe war perfekt. Mit meiner braunen Hose und der blattgrünen Jacke ging ich, wenn ich still hielt, selbst als Baum durch, war also ganz gut getarnt.

Ein Blick durch meine Kamera, Zoom bis auf weniger als zwei Meter bis zum Ziel eingestellt, ließ keinen Zweifel aufkommen: wenn dort jenseits der Straße eine Party abging, konnte ich jede Augenfarbe der Teilnehmer benennen. Vorausgesetzt die Jalousien gingen irgendwann hoch, würde ich in einem Schlafzimmer quasi mit auf der Bettkante sitzen.

Ich probierte die eine oder andere Einstellung der Linse. Schließlich sollte ich Timmy in flagranti ertappen und Bilder von hoher Qualität liefern, falls er es wagte, Sarah zu hintergehen.

Ein leises Summen ließ mich aufhorchen. Bienen? Wespen? In der van Damme-Villa fuhr eine Jalousie im Obergeschoss hoch. Haben die Herrschaften ausgeschlafen, dachte ich noch, da stoppte ein lichtscheuer Bewohner den Elektromotor des schneeweißen Sichtschutzes. Ein Schatten hinter dem Fenster bewegte sich hektisch hin- und her. Nein, auf und ab. Ich holte alles aus meinem Zoom heraus. Sarah! Und sie benutzte kein Trampolin für ihre wippenden Bewegungen. Sie war nackt, und langsam wurde es mir peinlich. Wenn sie ihren Zukünftigen schon vor der Hochzeit völlig fertig machen wollte, wie es aussah, ging mich das nichts an.

Warum sie allerdings die Jalousie halb hochrollen ließen, war mir ein Rätsel. Vielleicht hatten sie in der Hitze des Gefechts die Fernbedienung versehentlich betätigt. Oder sie wollten sich ansehen beim … Damit war es sehr plötzlich vorbei. Ich war ja nicht persönlich neugierig, nur beruflich, und ich testete noch weitere Kameraeinstellungen, bei denen ich ab und zu, ups, versehentlich den Auslöser drückte. Sarah atmete schwer. Ihre Brust hob und senkte sich, als hätte sie alles gegeben. Sie verschwand aus meinem Blickfeld. Der Mann unter ihr — ich hatte bisweilen nur einmal seine Knie sehen können — erhob sich und schaute durchs Fenster. Konnte er mich sehen? Wohl kaum. Aber ich hatte ihn auf die Platte gebannt, wie man früher sagte. Er war keineswegs dieser Tim, dessen Fotos mir Sarah gezeigt hatte!

Zuhause wertete ich mein Bildmaterial aus. Diese Digitaldinger sind ja genial heutzutage. Wenn das Sarahs Timmy sein sollte, dessen Gesicht ich da so schön vergrößert erblickte, dann war er innerhalb eines Tages um dreißig Jahre gealtert.

(...)

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