Das Buch sagt dir, was du gerade tust: Erzählperspektive Du und Ihr

(c) Ole Sevecke
(c) Ole Sevecke

Bücher mit einer Erzählperspektive aus der zweiten Person Singular (Du) oder Plural (Ihr) sind selten. Größte Bekanntheit haben wahrscheinlich die 1000 Gefahren. Du entscheidest selbst-Bücher. Am Anfang dieser Geschichten steht eine Ausgangssituation. Der Leser wird mit Du angesprochen und erfährt, warum er sich an diesem Ort aufhält, was seine Pläne sind und welches Problem sich ihm stellt. Dann muss der Leser sich für eine Handlungsstrategie entscheiden und an der angegebenen Stelle weiterlesen.

Diese Art der Ansprache kann Lesern das Gefühl vermitteln, sie stünden direkt in der Handlung, als irrten sie selbst durch einen Dschungel, flüchteten in einem Taxi durch die Straßen von New York oder kämpften in einem heruntergekommenen Hotel mit wilden Hunden. Das kann im Einzelfall dazu führen, dass der Leser erfährt, gerade gestorben zu sein.

Vorstellbar ist auch ein einschmeichelnder, hypnotisierender Ton. Der Leser kann so der Eindruck erhalten, er flüsterte einem Protagonisten die Reaktionen auf Eindrücke ein, sage ihm, wie sich Stoff auf der Haut anfühlt oder wie ein Schlag ins Gesicht schmerzt. Möglicherweise gerät der Leser auch in die Rolle eines Regisseurs, wenn er dem Protagonisten vorschreibt, was zu tun oder zu sagen ist, oder in die Rolle eines psychologischen Beraters bei einer Geiselnahme, wenn er dem Polizisten Handlungsanweisungen erteilt.

Die Möglichkeiten der Erzählperspektive aus der zweiten Person Singular oder Plural sind reizvoll, aber mit Vorsicht zu genießen. Traditionell sind Leser an andere Erzählperspektiven gewöhnt und scheuen vor einer ungewohnten Perspektive zurück. Das gilt auch für Agenten und Lektoren in Verlagen.

Probieren Sie die unterschiedliche Wirkung von Erzählperspektiven aus. Stellen Sie sich folgende Ausgangssituation vor:

Eine Frau kommt nach Hause. Sie stellt fest, dass die Wohnungstür zugezogen, aber nicht abgeschlossen ist. Im Flur ihrer Wohnung riecht sie Zigarettenrauch, obwohl niemand in ihrem Haushalt raucht. Sie öffnet die Küchentür und sieht einen Fremden, der an ihrem Tisch Kaffee trinkt.

Beschreiben Sie diese Szene zunächst aus Sicht eines Ich-Erzählers oder aus der dritten Person Singular. Anschließend beschreiben Sie die selbe Szene aus der zweiten Person Singular.

Beachten Sie, was sich außer den Personalpronomen ändert. Was empfinden Sie beim Schreiben aus den verschiedenen Perspektiven? Nehmen Sie die geschilderten Orte und Geschehnisse unterschiedlich wahr? Was empfinden Sie beim Lesen der beiden Texte?

 

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