Was ist ein guter Schreibstil? Steven Pinker warnt vor blindem Gehorsam

 Was unterscheidet eigentlich Sprechen und Schreiben? Beim Sprechen stehen Sprecher und Zuhörer in einem direkten und wechselnden Austausch, der über die Sprache andere Signale wie Körperhaltung, Blickkontakt und Elemente wie Nicken, Kopfschütteln, Stirnrunzeln, und auch bestimmte Laute beinhaltet. Sprechen ist spontan. Ein guter Sprecher oder Redner erreicht uns nicht nur über Wörter und Sätze. Was machen gute Schreiber?

Schreiben ist ein einsamer Vorgang. Die Leser sind weit weg. Selbst in Zeiten der Sozialen Medien, in denen die Rückmeldung durch Leser so schnell geschieht wie nie zuvor, besteht immer eine Distanz zwischen Schreibenden und Lesenden. Wer schreibt, betreibt Kommunikation ins Leere. Ob Leser irgendetwas verstehen, und was sie aus dem Gelesenen verstehen, bleibt unklar.

Diese Erkenntnis ist nicht neu. Empfehlungen für einen guten und verständlichen Schreibstil existieren seit langer Zeit. Nicht immer sind diese Empfehlungen vor den Tatsachen der Sprache, Grammatik und Sprachgebrauch, zu rechtfertigen.

Im englischen Sprachraum erschien Ende 2014 ein neues Buch von Steven Pinker. Pinker ist Sprachwissenschaftler und Psychologe. Er untersucht, wie Sprache entsteht und welche Bedeutung Sprache im Zusammenleben der Menschen hat. Sein „The Sense of Style. The Thinking Person’s Guide to Writing in the 21st Century“ (Der Sinn für Stil. Ein Sprachführer für denkende Menschen im einundzwanzigsten Jahrhundert) betrachtet Sprachregeln und ihre Auslegung und erklärt, welche Regeln aus Sicht eines Sprachwissenschaftlers das Lesen  eines Texts erleichtern und welche es Autoren unnötig schwer machen auszudrücken, was sie mitteilen möchten.

Laut Pinker gibt es drei Gründe, weshalb jeder Schreibende auf einen guten Schreibstil achten sollten:

  1. Ein guter Schreibstil ist auch gut lesbar. Autoren können ihren Lesern schneller mitteilen, was sie zu sagen haben.
  2. Ein guter Schreibstil schafft Vertrauen. Leser nehmen an, dass ein Autor, der sich bemüht, klar und verständlich zu schreiben, auch in anderer Hinsicht vorbildlich handelt.
  3. Ein guter Schreibstil bringt Schönheit in die Welt. Erfahrene Leser wissen gute, angemessene und klare Sprache zu schätzen.

Wenn Autoren ihre Arbeit ernst nehmen, lernen sie auch, immer besser zu schreiben. Am angenehmsten lernen sie am Beispiel anderer Autoren. Deshalb ist Lesen, in verschiedenen Genres, über verschiedene Epochen und Entstehungsländer eine erstklassige Schulung für den persönlichen Stil. Allerdings wird aufmerksamen Lesern auffallen, dass die Großen und Anerkannten gelegentlich Satzstrukturen oder Wörter verwendeten, die Sprachführer verteufeln.

Und damit öffnen sich für Autoren die Türen zu zwei geheimnisvollen Kammern: der Kammer des Schreckens, auch der Grammatik gewidmet, und die Kammer der Sprachgebrauchs.

Grammatikunterricht erleben viele Menschen als Zwangsarbeit, nur dass sie nicht Steine klopfen, sondern Regeln pauken müssen. So lernen sie nur eine Seite der Grammatik kennen und hassen. Nach der zweiten Seite fragen sie meist nicht mehr. Sie haben genug. Um so überraschender ist es daher, dass so geschundene Schüler im späteren Leben nach Schreibvorschriften verlangen. Dass sie die Regeln dieser Schreibvorschriften dann nicht zu bewerten wissen, liegt daran, dass sie die zweite Seite der Grammatik nicht kennen.

Grammatik untersucht nämlich, welche Regelmäßigkeiten in einer Sprache auftreten. Außerdem formuliert Grammatik diese Regelmäßigkeiten. Autoren tun also gut daran, Texte unter grammatischen Gesichtspunkten zu betrachten. So erkennen sie, wie Wörter in einem Satz zusammengehören, wie Nebensätze in ein Satzgefüge passen und welche dieser Passungen für Leser verständlich sind. Auch die Unterschiede von Aktiv und Passiv treten so hervor und damit die Erkenntnis, dass das Passiv durchaus seinen Platz in Texten hat.

Autoren, die verstehen, wie Sprache funktioniert, begegnen den Schreibvorschriften, die immer wieder durch die Sozialen Medien vagabundieren, mit Zurückhaltung. Diese ist auch angebracht, denn in vielen Fällen handelt es sich um Übersetzungen aus dem Englischen, gelten also, wenn überhaupt, für eine andere Sprache.

Was tun Sie, um gut zu schreiben? Wie stimmen Sie Ihren Schreibstil auf Ihre Leser ab? Schreiben Sie in den Kommentaren, was für Sie wichtig ist.

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