Sommerinterview 2015 – Marianne Hollmann-Wobschall

 Dies ist das sechzehnte Sommerinterview auf meinem Blog. Hier lernen Sie Autoren oder Kollegen kennen, entdecken neue Bücher, finden Gemeinsamkeiten und sammeln vielleicht den einen oder anderen Tipp auf. Heute lesen Sie über Marianne Hollmann-Wobschall.

Passfoto_kleiner
(c) privat

 

Bitte stellen Sie sich und Ihre Bücher kurz vor.

Da ich vor nunmehr zwanzig Jahren meine professionelle Schreiblaufbahn mit der nahezu massenhaften Herstellung von Geschichten aller Art für Frauenzeitschriften und TV-Zeitungen begonnen hatte, lag es nahe, 2013 mit dem Selfpublishing von E-Books zu beginnen, in denen ich eine Auswahl dieser Storys vorstelle. Bisher sind unter meinem Pseudonym Anne Beeskow drei solcher E-Books auf dem Markt, weitere werden folgen.

Da ich jahrelang auch Ratgeberseiten für Zeitschriften verfasst und zusätzlich Monatshoroskope und Heftromane geschrieben habe, blieb leider bislang keine Zeit für ein größeres Projekt wie zum Beispiel einen Roman. Seit 2005 schreibe ich außerdem Autobiographien im Auftrag von Privatpersonen, 2010 habe ich den Berliner Biographieservice ins Leben gerufen. Darüber hinaus verfasse ich Hochzeitstexte, arbeite als Lektorin und als Schreibcoach.

Für 2016 habe ich geplant, endlich doch meinen ersten „richtigen“ Roman zu beginnen und hoffentlich auch bald abzuschließen.

Mehr über mich und meine Schreib-Angebote, Kurse und E-Books findet man auf meiner Website www.berliner-biographieservice.de sowie auf meinen Blogs.

Wie lange schreiben Sie schon? Wann wussten Sie, dass Sie Ihre Texte veröffentlichen wollten?

Schon während der Schulzeit habe ich gern Aufsätze geschrieben und Gedichte verfasst. Ich habe mir auch häufig Geschichten ausgedacht, die ich allerdings nicht immer aufschrieb. Aber ich habe fortwährend meine Umwelt beschreiben müssen, daran erinnere ich mich noch gut. Ich lag zum Beispiel auf der Wiese, schaute auf die Stare, die den Kirschbaum plündern wollten und habe mir selbst erzählt, was dort gerade passierte, und was mir dazu noch alles so einfiel. Das Ganze wurde in einer altmodischen Sprache präsentiert, die stark am Märchen orientiert war, und die ich damals für hochliterarisch hielt. Eine gute Übung im Fabulieren war es sicher trotzdem.

Das Schreiben zum Beruf zu machen, habe ich lange nicht in Erwägung gezogen. Ich bin so erzogen, dass man einen „ordentlichen“ Beruf haben muss. Romane zu schreiben, galt dagegen in meiner Familie als „brotlose Kunst“.

Als die Mauer fiel, wollte ich mich neu erfinden und begann Schicksalsberichte, Lovestorys und Kurzkrimis für Zeitschriften zu schreiben. Damals hielt ich es für ganz normal, heute muss ich über so viel Glück staunen, aber es war tatsächlich so, dass mehrere Frauenzeitschriften sofort zugriffen. Die Redaktion Frauenerlebnispresse des Pabel-Moewig-Verlags bot mir darüber hinaus sogar recht bald die Mitarbeit an zwei Heftromanreihen an. Nach nur zwei oder drei Monaten konnte ich vom Schreiben leben. Das war 1994. Und es begann übrigens noch mit einer Schreibmaschine.

Wie groß ist der Anteil, der das Schreiben in Ihrem Leben einnimmt? Was machen Sie, wenn Sie nicht schreiben?

Ich muss gestehen, dass das Schreiben im weiteren Sinne im Grunde mein gesamtes Leben bestimmt. Alles dreht sich um Texte. Ich schreibe fast täglich, ich recherchiere, ich lese viel, ich lektoriere, ich bringe Interessenten das Handwerk des Schreibens bei, ich tausche mich regelmäßig mit anderen Schreibenden aus, ich beschäftige mich mit Leben und Werk berühmter und unbekannter Personen, halte Vorträge, moderiere Lesungen, fahre zur Buchmesse und zum Schreibworkshop …

Ich gehe auch gern und oft ins Theater, ins Kino, liebe die Oper und das Kabarett, Hörspiele und Dokumentarfilme. Mich interessiert alles, was irgendwie mit dem Wort, mit Sprache zu tun hat. Das könnte so weit gehen, dass ich, wenn ich mich zwischen einem Kinobesuch oder dem Lesen des Filmdrehbuchs entscheiden müsste, das Drehbuch wählen würde, weil ich damit näher am Text bin.

Um meinen Kopf „auszulüften“, gehe ich regelmäßig ins Fitnessstudio – am liebsten zum Aqua-Fitness bei lauter Musik. Und ich habe einen kleinen Freundeskreis sowie eine 95jährige Mutter. Nicht zuletzt gibt es einen Ehemann und eine Katze. Und eine große Wohnung. Mehr geht nicht, auch mein Tag hat schließlich nur 24 Stunden.

Wodurch lassen Sie sich inspirieren? Wie entstehen aus Ihren Ideen Texte?

Inspiration bietet mir das Leben schlechthin, die Welt ist ja voll von interessanten Merkwürdigkeiten und bemerkenswerten Alltäglichkeiten, aus denen man neue Ideen schöpfen kann.

Ich glaube, dass jeder Schreibende bestimmte Themen in sich trägt, die nach außen drängen. Mich beschäftigen von jeher die Liebe – oder was man dafür hält, der Tod und die Rache. Natürlich musste ich mich in meinen Storys und Heftromanen stets danach richten, was von den Redaktionen gewünscht wurde. Der Tod durfte nur in den Kurzkrimis eine Rolle spielen; die Rache fand ihren Platz in Schicksalsberichten und ebenfalls im Krimi. Dagegen durfte die Liebe überall vorkommen. In einem Roman, wie er mir vorschwebt, sollten allerdings Liebe, Tod und Rache gleichermaßen ihre Berechtigung haben, erst das wäre für mich ein optimaler Text.

Ansonsten bin ich eine Ideen-Sammlerin. Es gibt etliche Mappen und Kartons mit Zetteln, die immer mal wieder aussortiert werden. Ich müsste ein biblisches Alter erreichen, um der Mehrzahl dieser Ideen eine angemessene schriftliche Form geben zu können. Einerseits finde ich das beruhigend, andererseits ist es eigentlich schade um die vielen kreativen Einfälle, die sozusagen mit mir sterben werden.

Planen Sie Ihre Bücher oder schreiben Sie ins Blaue? Wie behalten Sie die Übersicht über Handlungsstränge, Charaktere und Orte?

Um meine Abgabetermine gegenüber den Redaktionen einhalten zu können, habe ich von Anfang an die gesamte Schreibtätigkeit so exakt wie möglich geplant. Das war zwar nicht gerade das, was ich mir ursprünglich unter einer künstlerischen Tätigkeit vorgestellt hatte, aber es vermittelte mir Sicherheit. Und weil ich mit dieser Arbeitsweise gute Erfahrungen gemacht habe, bin ich beim planvollen Schreiben geblieben, zumal es wohl ohnehin eher meinem Wesen entspricht. Ich arbeite mit dem Textverarbeitungsprogramm Word und habe mir damit jede Menge Dateien mit Listen, Strukturen, Aufstellungen und Zeitplänen erstellt. Ich plane alles: von der Kurzbiographie der Protagonisten über Umfang und Art notwendiger Recherchen bis hin zum täglichen Schreibpensum.

Andererseits habe ich nichts dagegen, wenn sich eine Figur in meinem Text mal selbstständig macht und anders agieren will, als ich es geplant hatte. Das darf sie erst mal, vielleicht überzeugt sie mich ja sogar; in ihre (geplanten) Schranken verweisen kann ich sie schließlich immer noch.

Wie überarbeiten Sie Ihre Texte?

Der Text wird gründlich korrigiert, Rechtschreibung, Grammatik und Zeichensetzung müssen stimmen. Dabei achte ich auch auf Schachtelsätze und sonstige allzu lange Satzkonstruktionen. Außerdem versuche ich, von den Füllwörtern jene zu streichen, die sich im Text eingeschlichen haben, obwohl ich auf sie verzichten kann. Ich überarbeite gern, es macht mir Spaß, immer wieder neue Formulierungen auszuprobieren, bis endlich jedes Wort im Satz an der richtigen Stelle steht und das Ganze sich stimmig anhört. Es ist hilfreich, sich den gesamten Text laut vorzulesen, dabei hört und spürt man, wo Worte stolpern und irgendetwas nicht überzeugend klingt.

Bisher konnte ich weder meine Geschichten noch meine Heftromane oder die Autobiographien so lange liegen lassen, bis ich den nötigen Abstand zu den Texten gefunden hätte. Es gab immer Abgabetermine, die das verhindern haben. Ich habe mir vorgenommen, meinen geplanten Roman besser zu behandeln. Auch bin ich auf die Ergebnisse gespannt, die mir meine Testleser liefern werden, denn eine solche Zusammenarbeit mit Kollegen und potenziellen Lesern ist neu und spannend für mich.

Wie sieht der Ort aus, an dem Sie schreiben?

Ich habe ein Arbeitszimmer mit zwei Schreibtischen. Auf dem einen steht mein Laptop, der für das Internet zuständig ist. Auf dem anderen steht ein PC, das ist meine Schreibmaschine. Während des Schreibens schaue ich manchmal aus dem Fenster ins Grün einiger Bäume oder auf blühende Balkonpflanzen. Da ich als „Eule“ meine Hauptschreibzeit allerdings dann habe, wenn die meisten Menschen schlafen und es draußen dunkel ist, brennen in meinem Arbeitszimmer stets ein paar Kerzen und mehrere Arbeitsleuchten. Das Radio spielt Klassik, die Katze schnarcht auf dem Stuhl, und die PC-Tastatur klickt leise. In diesen Stunden fühle ich mich wie auf einer einsamen Insel – besser geht es nicht.

An Autobiographien und Biographien arbeite ich häufig im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde. Die Atmosphäre dort empfinde ich als sehr inspirierend. Archive und Bibliothek versorgen mich mit Fakten, die Mitarbeiter sind sachkundig und hilfsbereit, und eine Kantine sorgt dafür, dass ich gern auch mal eine Pause einlege.

Wer sind Ihre Leser? Kennen Sie Ihre Leser? Warum schreiben Sie ausgerechnet für diese Leser?

Als ich mit dem Schreiben von Storys für die Yellow Press begann, dauerte es nicht lange, bis mir eine Chefredakteurin erklärte, wie ich mir meine Zielgruppe vorzustellen hatte: Frauen mit wenig Zeit und viel Interesse an leichter Unterhaltung mit großen Gefühlen. Zum Schreiben von Heftromanen gab es darüber hinaus konkrete Regeln, aber die musste man sich in den Neunzigerjahren im Grunde selbst erarbeiten. Schreibratgeber suchte man damals noch vergeblich in den Regalen der Buchhandlungen. „Lesen Sie dreißig Romanhefte aus unserem Verlag, dann wissen Sie, was wir und Ihre Leserinnen von Ihnen erwarten“, wurde mir mal gesagt.

Ich denke, dass man tatsächlich eine ziemlich konkrete Vorstellung von und sogar ein Gefühl für die Zielgruppe bekommt, wenn man ungefähr dreißig Romane aus genau dem Genre liest, in dem man sich selbst schreibend bewegt oder bewegen möchte.

Die Zielgruppe, für die ich zukünftig gern schreiben würde, sind gestandene Frauen ab 40, die gern Bücher von Karin Fossum, Joan Barfoot und Ingrid Noll lesen und sich spannende Lektüre vorstellen können ohne watteweiches Happy End mit rosa Liebesperlenzuckerguss aber auch ohne vermisste Leichenteile und kaputte Serienmörder.

Was unternehmen Sie für den Erfolg Ihrer Bücher?

Neben meiner Website www.berliner-biographieservice.de betreibe ich ein Blog, in dem ich über meine Ghostwriting-Angebote, meine Kurse und das Schreiben im Allgemeinen informiere. Als Anne Beeskow unterhalte ich ein Blog für meine E-Books. Beide Blogs sind auch über Google+ zu finden. Facebook und Twitter sind mir nicht so sympathisch. Dagegen halte ich die diversen Presseportale im Internet für eine gute Möglichkeit, sich mit seinen Leistungen bekannter zu machen. Mit diesem Thema will ich mich unbedingt noch beschäftigen.

Wenn Bücher verboten wären, welches Buch würden Sie heimlich behalten?

Ich würde mich für ein möglichst dickes Autorenlexikon entscheiden. Oder für „Der ewige Brunnen“, ein Hausbuch deutscher Dichtung, herausgegeben von Ludwig Reiners. Beides mit dem Ziel, Literatur für die Zukunft bewahren zu können.

Was wäre Ihr wichtigster Tipp für einen neuen Autor?

Nutze Deine rechte Gehirnhälfte zum Schreiben des ersten Entwurfes Deines Textes. Dafür ist sie vorgesehen, denn sie ist z. B. zuständig für Intuition, Kreativität, Neugier, Bildersprache, Gefühle.

Zum Überarbeiten Deines Textes nutze die linke Gehirnhälfte. Sie ist z. B. zuständig für Sprache, Logik, Regeln, Analyse, Details.

Bring das nie durcheinander, schicke die jeweils nicht geforderte Gehirnhälfte in den Urlaub, sie schadet sonst Dir und dem Text.

Die Zeit und Mühe, die Du fürs Schreiben des ersten Entwurfes aufgebracht hast, multipliziere mit der Zahl 2. So erhältst Du eine Vorstellung von Zeit und Mühe, die Du dem Überarbeiten des Textes zu widmen hast.

Aus all dem folgert, dass Du nur beim Verfassen Deines Textentwurfes KünstlerIn sein darfst; hierbei kannst Du träumen, fantasieren, Menschen erschaffen, Menschen töten, Gott sein und Teufel. Anschließend bist Du lediglich ein hart arbeitender Schreiberling an einem hart arbeitenden PC. Wenn ein Verlag Deinen Text endlich als Buch unter eine hoffentlich interessierte Leserschaft gebracht hat, darfst Du wieder KünstlerIn sein, auf Lesungen brillieren, Deine Romane signieren und Dich für einen Buchpreis bewerben.

Übrigens: Literaturagenturen und Verlage arbeiten lieber mit hart arbeitenden Schreiberlingen zusammen als mit Künstlern. Wetten?

Kommentar verfassen