Sommergastbeitrag: Harald Risius – Segelkrimis

 _MG_9263-Bearbeitet-Bearbeitet_ppAls ersten Autor für die Sommergastbeiträge begrüße ich den Harald Risius.PaBCover


Als ich von der Idee des Wieken Verlages erfuhr, verschiedene Autoren einen Sommergastbeitrag zum Thema Expertenwissen eines Krimiautors schreiben zu lassen, war ich zunächst etwas verwirrt.

Zwar schreibe ich selber Ostfrieslandkrimis, bezeichne mich aber nicht als Experte für Mord und Totschlag. Und darauf kommt es in einem Krimi schließlich an, oder?

Ein Experte muss sein Handwerk doch ausüben, dachte ich! Zumindest gelegentlich, wie bekommt er sonst die nötige Erfahrung? Allerdings, ein praktizierender Mörder sollte bald im Knast sitzen. In meinen Krimis ist das Dank der Protagonisten Hinni Boomgarden und seiner fränkischen Freundin Renate Reichle meistens so! Hinter Gittern möchte ich jedoch nicht enden und deshalb beziehe ich mein Wissen über Morde und dessen Aufklärung immer nur vom Hörensagen oder aus Zeitungsmeldungen, wenn jemand doch genau das getan hat, worüber ich mich nur zu schreiben traue. Eine schlechte Quelle, wenn es um Authentizität geht.

Cover Leinen losAber warum erfreuen sich meine Bücher trotzdem einer gewissen Beliebtheit, obwohl ich noch niemals wissentlich jemanden umgebracht habe? Ich habe intensiv darüber nachgedacht und schließlich festgestellt: Es muss das Segeln sein!

In all meinen Büchern der Reihe Sail&Crime wird gesegelt! In den Segelromanen sowieso, aber auch in den Ostfriesenkrimis. Oft nur als bescheidene Nebenhandlung, je nachdem, wie es für die Story gebraucht wird. Hinni und Renate sind begeisterte und erfahrene Segler und dieser Sport garantiert schließlich immer Spannung und Abenteuer!

Allerdings gilt es für mich als Autor die Balance zu finden. Manchen Lesern wird in meinen Büchern zu viel, anderen dagegen zu wenig gesegelt. „Elk sien Mög“, sagt der Ostfriese in diesem Fall. „Jedem nach seinem Geschmack.“

Manchmal werden die Boote in meinen Geschichten auch zu Tatorten. Das schleicht sich ganz automatisch in den Plot ein, ohne dass ich darüber nachdenken muss. Segeln und Boote gehören in Ostfriesland mit seinen Meeren und Kanälen in allen Lebenslagen einfach dazu, auch wenn es um die Ausübung niederer Triebe, wie Sex oder Mord, geht.

Aber wie wurde ich zu einem Segelexperten? Ganz einfach: Seit meiner frühesten Kindheit, bewege ich mich auf dem Wasser! Ich hatte das Glück, schon als Schuljunge in den Ferien mit den Greetsieler Fischkuttern hinauszufahren und gelegentlich auch steuern zu dürfen, wenn eine Hand an Bord fehlte. Das wäre heute unmöglich, der Staatsanwalt käme sofort an Bord, weil jede Menge Vorschriften verletzt würden.

Dann lernte ich das Handwerk des Bootsbauers, um meinen besorgten Eltern zu beweisen, dass Wasser doch Balken hat. Die Hieve und das Große Meer sowie die umliegenden Tiefs und Kanäle waren die Reviere, auf denen ich meine ersten Eigenbauten testete. Später machte ich alle notwendigen Scheine, die man für das Segeln – mit oder ohne Motor – für die verschiedenen Reviere braucht, einschließlich der Hochsee. Sogar das ‚Allgemeine Funksprechzeugnis’, und ein Erlaubnisschein, um Seenotraketen abfeuern zu dürfen, war dabei. Die Yachten wurden größer und ich segelte schließlich in weltweiten Revieren. Viele zigtausend Seemeilen kamen dabei zusammen. Dabei unterlag ich immer wieder der Faszination in Einklang mit der Natur, dem Wind und den Wellen, zu leben und zu überleben.

Viele meiner Leser sind ebenfalls Segler, sei es auf einem Surfbrett oder mit einer großen Yacht. Die Motive sind allerdings unterschiedlich: Die einen möchten einfach auf dem Wasser bummeln, andere suchen Spannung und Abenteuer und der Rest liebt die Herausforderungen des Regattasports. Noch mehr Menschen mögen Krimis. Idealerweise kommt beides zusammen und für diesen gar nicht so seltenen Fall schreibe ich die passenden Bücher. CoverMordmit Risiken

Als Segler freue ich mich natürlich über andere Bücher und Filme, in denen gesegelt wird. Manchmal ist das Segeln auch die Haupthandlung. Oft graust es mich jedoch, wie dilettantisch manche Autoren und Regisseure die seglerischen Elemente in Szene setzen: Der Wind passt nicht zur Segelstellung, die Wellen und das Schiff haben ein Eigenleben und scheinen völlig unabhängig voneinander zu agieren. Es werden Kommandos gegeben, die kaum zur gezeigten Situation passen und Protagonisten kämpfen schwer, um das Schiff zu retten, wo sie doch eigentlich nur die Segel reffen müssten. Kennen Sie den Film „Lost“, in dem Robert Redford als Skipper kläglich versagte und schließlich sein Schiff versenkte? Zum Glück war er alleine an Bord, sonst wäre das eine kriminelle Handlung gewesen. Dies war sicherlich alles der Dramatik und der Spannung geschuldet – aber Segelexperten waren an dem Drehbuch nicht beteiligt.

Schade, warum gibt es so wenige stimmige Segelfilme? Nun, ich hoffe, dass ich es in meinem Büchern besser mache und der Leser dies auch bemerkt.

Eine Leserin hat mich einmal gefragt, woher ich eigentlich die kriminelle Energie nehme, um mir immer wieder neue Handlungsabläufe und Tötungsmethoden auszudenken. Gute Frage, denn außer gelegentlichem Parken im Halteverbot oder Überschreiten der zulässigen Höchstgeschwindigkeit, habe ich bisher keine strafbaren Handlungen begangen. Zumindest keine, bei denen ich erwischt wurde.

Ich glaube, das liegt am Segeln! Zwar ist Segeln kein riskanter Sport; nicht gefährlicher als Autofahren oder auf dem Sofa liegend im Fernsehen zusehen zu müssen, wie der Lieblingsverein gerade absteigt. Allerdings sollte man auf einem Boot doch stets wissen, wo man hinlangt und welche Situationen besser vermieden werden. Vorausschauendes denken ist gefragt! Da ist der schwere Großbaum, der bei einem Wendemanöver und einer unerwarteten Böe schon mal wuchtig den Kopf eines Mitseglers treffen kann. Oder die Winschkurbel, die sich, außer dem von dem Konstrukteur zugedachten Zweck natürlich, nicht nur dazu eignet, gefangenen, unschuldigen Fischen den Todesschlag zu versetzen. Manch ein Segler ist auch schon den Niedergang hinabgestürzt, wenn sich das Schiff in einer Welle arg auf die Seite legte und Skipper versäumte, rechtzeitig gegenzusteuern.

KG_Cover_webSegler lernen auch hilfreiche Knoten, mit denen sich nicht nur das laufende und stehende Gut (so nennt man den Mast und alles was daran befestigt ist) perfekt fixieren lässt. Und die an Bord unverzichtbare Seenotpistole erscheint harmlos – bis man darüber nachdenkt, dass diese ein Kaliber von 26,77 mm hat.

Schwierige Situationen ahnt der erfahrene Segler voraus und vermeidet sie. Aber als segelnder Krimiautor kommt man schon einmal auf die Idee, ob sich an Bord eines Bootes nicht der perfekte Mord verüben ließe, rein theoretisch natürlich. So manche Yacht kam nach einer an sich gelungenen Atlantiküberquerung mit verminderter Mannschaft auf der anderen Seite des Ozeans an und nicht immer stimmten die Eintragungen im Logbuch mit den tatsächlichen Geschehnissen überein (im Ernst, dafür gibt es Beweise).

Segeln erfordert Teamgeist – mal abgesehen von alten Männer oder ganz jungen Frauen, die lieber völlig allein um die Welt segeln – und Kreativität, eine gute Beobachtungsgabe und die Fähigkeit, vorausschauend denken und handeln zu können. Alles Eigenschaften, die der Krimiautor auch benötigt. Bei letzterem kommt allerdings erschwerend noch hinzu, dass er seine Gedanken in wohlklingende Worte umsetzen können muss und dabei möglichst die mannigfaltigen Regeln der Rechtschreibung und der Orthografie beachtet.

Manche Leser stellen mir auch die Frage: „Wenn du soviel schreibst, wann segelst du dann noch?“ Oder andersherum: „Wann schreibst du, wenn du andauernd mit dem Boot unterwegs bist?“

Die Antwort ist einfach: Das funktioniert nur als Einheit. Mein erster Segelroman wurde komplett auf meinem Schiff während eines Segelsommers im Mittelmeer geschrieben! Im Prinzip habe ich unseren Törn von einer fiktiven Crew nachsegeln lassen, die Segelerlebnisse zu einem Roman verdichtet und ein paar Spannungselemente eingebaut. So entstand das ostfriesische Urgestein Hinni Boomgarden, der sich plötzlich dem Kommando der Skipperin Renate (einer fränkischen Frau!) unterordnen musste. Nun, damals ging alles gut, die beiden verliebten sich, machten noch weitere Törns und wurden schließlich in Hinnis Heimatort Bedekaspel in verschiedene Mordfälle verwickelt. So entstand die Reihe Sail&Crime.GE_Cover_web

Heute schreibe ich keine kompletten Bücher mehr auf dem Boot, aber viele Ideen entstehen dort. Manchmal entwerfe ich in einer Ankerbucht den Plot zu einem neuen Buch, bei einem Manöver habe ich plötzlich einen interessanten Dialog im Ohr oder die Idee für eine interessante Wendung, die das Geschehen noch nehmen sollte.

RN_Cover_neu_webBin ich nun der segelnde Krimiautor oder der schreibende Segelexperte? Oder beides? In meinen Büchern können Sie, sehr geehrter Leser, sich ein Bild davon machen!

Harald H. Risius

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