Mein leichtgläubiger Held

Leser wünschen sich Spannung, selbst in Handlungen, die nicht mit gefährlichen Szenen, Mord und Betrug assoziiert werden. Gerade in diesen nicht offensichtlich „spannenden“ Handlungen können Missverständnisse, Fehleinschätzungen und Fehlinformationen die Spannung steigern. Dabei genießen Leser einen Wissensvorsprung vor dem Helden/der Heldin.

Der latente Voyeurismus in jedem Menschen macht es für Leser interessant mitzuerleben, wie ein idealistischer Protagonist ein Ziel verfolgt und dabei von einer Grundannahme ausgeht, die falsch ist. Im neunzehnten Jahrhundert nutzten Autoren die damals üblichen langen Einleitungskapitel, um die Vorgeschichte entsprechend darzustellen. Aus dieser Vorgeschichte ging oft klar hervor, dass die schöne junge Frau nicht nur höchst anständig und arm, aber auch Tochter eines Mörders war – definitiv nicht die Traumschwiegertochter, eindeutig unstandesgemäß, aber weiterhin bewundert und geliebt vom Sohn des Gutsbesitzers. (Anthony Trollope: Mary Barton)

Der Leser kommt durch seinen Wissensvorsprung immer wieder in Situationen, in denen er dem Protagonisten am liebsten zurufen möchte: Warum fragst du nicht? Warum akzeptierst du diese Behauptung? Warum denkst du nicht nach? Autoren müssen solche Fragen erahnen und dem Protagonisten gute Gründe geben, die Situation nicht zu hinterfragen. Sind die Gründe für die Leser nicht mehr nachvollziehbar, erscheint ihnen der Protagonist nicht mehr idealistisch, sondern verblendet und dumm. Vermutlich lassen sie ihn fallen, und mit ihm das Buch.

Kritisch ist auch der Moment, an dem der Protagonist erkennt, dass er viele Kapitel und möglicherweise sein ganzes Leben einer Lüge oder Fehlinterpretation erlegen war. Die Schlüsse, die der Protagonist aus dieser Erkenntnis zieht, können die Akzeptanz des für die Leser bis dahin angenehmen Buchs schwinden lassen. Aber Autoren dürfen an solchen Stellen auch provozieren, solange der Protagonist sich nachvollziehbar entscheidet. Immerhin hat er von der ersten Lüge einen langen Weg zurückgelegt, hat Abenteuer bestanden und ist als Persönlichkeit gereift. Er ist nicht mehr der Idealist der ersten Seiten, er hat für eine Idee gekämpft und erkannt, dass diese Idee eine Täuschung war. Nun steht es ihm frei zusammenzubrechen und aufzugeben oder neue, möglicherweise ebenso falsch begründete Ziele anzustreben.

 

Ein Gedanke zu „Mein leichtgläubiger Held

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