Wörter zurückerobern

In der öffentlichen Diskussion fällt mir auf, dass von Personen der neuen Rechten einige Wörter immer wieder verwendet werden. Die Wörter sind bekannt und auffällig, durch ihre wiederholte Verwendung erhalten sie eine neue Zuschreibung. Sie gehören zum Vokabular von Menschen, die ausgrenzen und abwerten, die Angst schüren und Vielfalt jeglicher Art verabscheuen. Perfide daran ist, dass die übernommenen Wörter eigentlich ganz andere Ideen ausdrücken.

Tabulos. Das ist das erste Wort, bei dem mir vor einigen Jahren dieser Übernahmeprozess auffiel. Anfangs sah ich es in Twitter-Profilen von Erotik-Autoren, wo es seine Berechtigung hat. Dann forderten Menschen tabulose Diskussionen über die Gesellschaft. Auch das ist zunächst akzeptabel. Jeder von uns sieht Ungerechtigkeiten in seinem Umfeld und zieht Schlüsse über die Verantwortlichen. Darüber sollte man ohne Einschränkungen diskutieren können. Auch ohne Denkverbote. Das ist ein weiterer Ausdruck, der früh übernommen wurde. Wenn wir diskutieren, möchten wir natürlich infrage stellen und zweifeln dürfen. In der Sprache der Rechten bedeutet die Forderung, auf Denkverbote zu verzichten und tabulos zu sprechen, das Recht, Menschen zu kategorisieren und abzuwerten, Vorurteile zu wiederholen und als Wahrheit darzustellen.

Meinungsfreiheit ist ein weiteres übernommenes Wort. Meinungsfreiheit wird als das Recht dargestellt zu verletzen und abzuwerten. Meinungsfreiheit ist in einer Demokratie selbstverständlich. Vertreter von Ansichten, die der für Demokratie notwendigen Vielfalt und freiem Austausch entgegenstehen, berufen sich auf sie, wenn sie ihr Rederecht bedroht sehen.

Meine kleine Auswahl zeigt, dass die Spanne der übernommenen Wörter breit ist. Sie reicht von alltäglichen Worten und Ausdrücken bis hin zu Wörtern, die unsere freie Gesellschaft definieren – sollten. Diese Übernahme der Wörter dürfen wir nicht zulassen. Benutzen wir unsere Wörter bewusst. Rufen wir uns und unseren Lesern ihre Bedeutung in Erinnerung und verwenden sie in diesem Sinne. Denken wir mutig in alle Richtungen. Vermeiden wir Abwertungen. Lassen wir Meinungen und Widerspruch zu, und diskutieren weiter. Demokratie verlangt Aufmerksamkeit und Bewusstsein für Entscheidungen.

Ach ja, und lesen wir ruhig noch einmal Was vom Tage übrig blieb vom diesjährigen Literatur-Nobelpreisträger Kazuo Ishiguro. Der alternde Butler Stevens erinnert sich in diesem Buch unter anderem an die Versuche seines früheren Herrn Lord Darlington, in den zwanziger und dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. die britischen Beziehungen zu Deutschland besser zu gestalten. Dabei geriet Lord Darlington zunehmend unter den Einfluss von britischen Nationalsozialisten – eine Entwicklung, die Stevens seinerzeit nicht kommentierte und im Rückblick als eine Form von Gutgläubigkeit interpretiert, bzw. interpretieren möchte.

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