„Lass es dir eine Lehre sein“

Lehre

Wenn wir Kommentare über Wissenschaftler*innen oder allgemein Menschen mit ausgeprägtem Sachwissen lesen, stellen wir fest, wie gefährlich es ist zu informieren. Wer es auf sich nimmt, anderen einen Sachverhalt nahezubringen, wird schnell als pedantisch, langweilig oder moralisch abgetan. Dies gilt insbesondere, wenn die neuen Informationen in einem Text versteckt sind, der eigentlich der Unterhaltung dienen sollte. Leser*innen anzubieten, aus dem Schicksal der Charaktere eine Lehre zu ziehen, kommt oft nicht gut an. Also muss die Lehre gut getarnt übermittelt werden.

Lehre — Muss das sein?

Zunächst müssen wir uns fragen, ob wir uns und unseren Leser*innen das wirklich antun wollen. Haben wir etwas zu sagen, von dem andere profitieren sollen? Können wir es sagen, ohne zu offensichtlich, zu kompliziert, zu vorhersehbar und damit langweilig zu werden?

Niemand zwingt uns. Wenn wir eine Geschichte ohne Lehre schreiben möchten, dürfen wir das. Niemand, seien wir ehrlich, wird es vermissen zu lernen, wie andere Menschen denken und fühlen oder wie komplexe Zusammenhänge ineinandergreifen und auf einzelne Personen, auf Gesellschaften oder das Klima wirken.

Aber weil uns niemand zwingt, eine Sache zu tun, bedeutet das nicht, dass wir sie einfach unter den Teppich fallen lassen und ignorieren müssen. Wir dürfen über Zusammenhänge schreiben, die Menschen zum Nachdenken bringen. Wenn wir den Drang dazu verspüren, sollten wir es sogar tun. Nur eben geschickt.

Aha-Erlebnisse der anderen Art

Aha-Erlebnisse können nur wirken, wenn sie überraschend kommen und zugleich nachvollziehbar sind. Das ist keine neue Information. Für den Fall, dass wir eine Lehre in unsere Geschichte einbauen wollen, müssen wir subtil vorgehen. Wir streben an, dass Leser*innen denken „So habe ich das noch gar nicht gesehen.“ Also müssen wir eine Handlung entwickeln, die entweder neue Aspekte des Themas aufgreift (Methoden des Bullying), eine ungewöhnliche Perspektive anbietet (Sicht der Täterin) oder die Leser*innen verlocken zu denken, was sie nachher nicht mehr denken sollen (Das Opfer verdient es.).

Wenn wir so verfahren, gehen wir diverse Risiken ein. Verleiten wir etwa die Leser*innen, sich mit der Täterin zu identifizieren, und sie brechen aus unvorhersehbaren Gründen die Lektüre ab, könnten sie mit dem Eindruck weiterleben, Bullying sei akzeptabel, wenn das Opfer es verdient. Davon sollten wir uns nicht ablenken lassen, ebenso wenig von der Gefahr, dass jemand verstört die Lektüre abbricht und uns vorwirft, Bullying gutzuheißen. Unser Ziel muss es noch mehr als bei anderen Themen sein, die Leser*innen solange zu fesseln, bis die Handlung ihre Wendung nimmt und sie das Aha-Erlebnis haben.

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