100 Jahre 1. Weltkrieg – Wie Vertreibung einen Schriftsteller schafft

 Vor hundert Jahren begann der erste Weltkrieg. Die Medien sind voll mit Erinnerungen an die Umstände, welche den Krieg auslösten. Anders als zu früheren Jubiläen historischer Ereignisse ist es heute möglich, mehr über die direkt Betroffenen zu erfahren. Projekte wie Europeana lassen das Leben der Menschen in Briefen, Tagebüchern und Filmen aufleben. Damit ist das von der EU geförderte Projekt eine ideale Quelle für Geschichtslehrerinnen und Autorinnen. (Benutzer brauchen allerdings Geduld, denn die Verschlagwortung ist wenig praxistauglich.)

Wenig bekannt, aber eigentlich naheliegend, ist die Ausweisung von Angehörigen gegnerischer Staaten zu Kriegsbeginn. Auch Deutsche wurden aus zahlreichen Ländern ausgewiesen, die plötzlich Feindesland waren. Oft hatten sie dort viele Jahre gelebt, hatten ein gutes Auskommen gefunden und waren mit ihren Familien in den Wohnort integriert. Die Heimat Deutschland war vielen fremd. Arbeit und Unterkunft konnten sie dort nur schwer finden. Das Neue blieb lange Zeit ein Provisorium und ersetzte nicht das, was zurückgelassen worden war.

In solch schwierigen Lebenssituationen suchen manche Menschen Verdrängung, andere finden für sich eine Ausdrucksmöglichkeit im Schreiben. Auch wenn das Thema nicht die eigene Situation ist, so erlaubt das Schreiben Konzentration und Klärung der Gedanken. Eine Reflexion der Verhältnisse kann durchaus in Texten auftreten, die thematisch auf den ersten Blick wenig mit Krieg und Vertreibung zu tun haben mögen.

Der Pastor Georg Streng leitete die deutsche evangelische Gemeinde in Paris, als er zu Kriegsbeginn gezwungen wurde, Frankreich zu verlassen. Er hatte Glück, bald eine Pfarrstelle in Reutin am Bodensee zu erhalten. In seiner Freizeit schrieb er über das Wesen von Faust, der umstrittenen Figur, die Goethe in zwei Dramen berühmt machte.

Die Überlegungen Georg Strengs zur Figur des Faust drehen sich um die Frage, ob der Mensch berechtigt ist, sittliche Grenzen zu übertreten, einzig weil er es will und aufgrund seiner Fähigkeiten dazu in der Lage ist. Dabei stellt er die Frage, ob Deutschland nicht auch an einer faustischen Selbstüberschätzung leidet und so sich und anderen Schaden bringt. Diese Frage bleibt aktuell für heutige Leser angesichts des Nationalsozialismus und Deutschlands neu gefundener Rolle in der Welt.

Der Wieken-Verlag veröffentlicht in Zusammenarbeit mit Dr. Hartmut Streng eine neue Ausgabe von Goethe’s Faust. als ein Versuch zur Lösung eines Lebensproblems in den Hauptlinien betrachtet und beurteilt. Das E-Book umfasst neben einer bildlichen Wiedergabe des Originals von 1916 eine Einführung und biografische Quellen über den Autor.

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