Wie die Vorgeschichte der Charaktere die Handlung stören kann

 Wenn wir eine Geschichte entwickeln, entwerfen wir auch einen Plan von Menschen, deren Schicksal wichtiger Teil der Handlung sein wird. Unsere Charaktere bekommen ein  Gesicht und einen Körper, bestimmte Vorlieben und Abneigungen, Charakterzüge, Kenntnisse, Fähigkeiten. Wir geben ihnen auch eine Vergangenheit, die für unsere Handlung eine mehr oder weniger große Bedeutung haben wird. Diese Vergangenheit kann zu einem Klotz am Bein werden, und das nicht nur für den betreffenden Charakter. Denn wenn wir die Vergangenheit nicht kontrollieren, kann sie beim Schreiben, beim Fortschritt der Handlung und bei der Entwicklung der Charaktere stören.

Wann beginnt die Handlung? – Die Vorgeschichte als Handlung vor der Handlung

Wenn wir die Vorgeschichte eines Charakters für wichtig halten, setzen wir sie manchmal vor die eigentliche Handlung. Vor-Geschichte ist eben vor der Geschichte.

Die Vorgeschichte erscheint in solchen Fällen als Handlung vor der Handlung, insbesondere wenn sie Dialoge und Abschnitte mit ausführlichen Beschreibungen von Ereignissen enthält. Je ausführlicher die Vorgeschichte gestaltet wird, desto mehr trennt sie sich von dem als eigentliche Handlung gedachten Textteil. Leser können dann nicht mehr erkennen, was die Handlung ist.

Solche ausführlichen Vorgeschichten können in einem langen Gesamtwerk funktionieren. Früher verwendeten Autoren gerne eine längere Vorgeschichte, die durchaus mehrere Kapitel umfassen konnte, um ihre Leser auf die Handlung einzustimmen. Heute erwarten Leser einen schnellen Einstieg in die Handlung. Wir als Autoren sind nicht verpflichtet, dieser Erwartung nachzukommen. Vielleicht ist es für Sie während des Schreibens des ersten Entwurfs sogar notwendig, die Vorgeschichte ausführlich zu formulieren. Verlieren Sie aber nicht aus dem Auge, was Sie eigentlich schreiben wollten. Seien Sie bereit, Ihre schöne Vorgeschichte gnadenlos zusammenzustreichen oder die Bestandteile der Vorgeschichte in die eigentliche Handlung einzuflechten.

Worum geht es in der Handlung? – Die Vorgeschichte enthält bereits die wichtigsten und mitreißendsten Ereignisse

Vielleicht leiden Ihre Charaktere unter schlimmen Erfahrungen in der Vorgeschichte, die Sie in Rückblicken mitreißend erzählen. In der eigentlichen Handlung erlebt der Charakter keine neuen dramatischen Ereignisse. In solchen Fällen müssen Sie sich entscheiden, ob Ihr Charakter lernen soll, mit der Vergangenheit zu leben. Dann geht es in der eigentlichen Handlung tatsächlich nicht um neue Spannung, sondern um Heilung, Reflektion und persönliche Weiterentwicklung. Oder Sie entscheiden sich, die Vergangenheit zur Handlung zu machen. Dazu müssen Sie normalerweise den ganzen Aufbau der Handlung ändern.

Bist du deine Vergangenheit? –  Die Vorgeschichte charakterisiert den Charakter

Aufhänger für eine Geschichte ist oft ein Charakter mit einer interessanten oder bewegenden Vergangenheit. Dieser Charakter muss jedoch auch in der Gegenwart etwas erleben, Meinungen äußern und handeln. Leser erwarten, dass die Vergangenheit Einfluss auf den Charakter nimmt und dieser damit umzugehen lernt. Leser interessiert, wie dieses Lernen geschieht. Sie möchten eine Entwicklung erleben, zum Guten wie zum Schlechten. Bleibt die Entwicklung aus, verlieren sie das Interesse. Als Autoren dürfen wir uns nicht darauf verlassen, dass die Vergangenheit der Charaktere alles erklärt. Wir müssen den Charakteren Gelegenheit geben, sich zu entwickeln.

Was geschieht mit deinen Geheimnissen? – Die Geheimnisse aus der Vorgeschichte spielen keine Rolle mehr

Oft ist die Vorgeschichte angefüllt mit Omen, traumatisierenden Erlebnissen oder Verlusten. Darüber zu lesen, macht Leser neugierig. sie gehen davon aus, dass der verschwundene Bruder in der Handlung eine Rolle spielen wird, die fehlende Leiche des Babys eine Bedeutung für die Zukunft hat und der Fund des mysteriösen Edelsteins Folgen haben wird. In der Realität kommt es vor, dass wir in unserer Jugend im Wald von einer fremden Frau im grünen Kleid einen Ring geschenkt bekommen. Es kann durchaus sein, dass in den nächsten sieben Generationen niemand nach dem Ring fragt und dieser irgendwann durch das Abflussrohr einer Rastplatztoilette verschwindet, ohne dass eine Katastrophe eintritt. In Büchern verlangt die Übergabe des Ringes nach Bösewichten, die den Ring suchen, oder nach fragwürdige Charakterveränderungen des Beschenkten. Wenn die Vorgeschichte ein Versprechen an den Leser macht, müssen wir dieses Versprechen einlösen.

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