By | 2. September 2018

WahrhaftigkeitLange bevor ein Autor am Schreibtisch Platz nimmt und zu schreiben beginnt, stellt sich die Frage nach der Stimme. Autoren gehen auf die Suche nach einer Geschichte, die nur sie erzählen können. Sie suchen das Einzigartige, das Ideen neu präsentiert, das zum Denken anregt und Möglichkeiten aufzeigt. Autoren schreiben gegen die Stimmlosigkeit.

Wahrhaftigkeit und die schweigende Mehrheit

In einer Zeit, in der extreme Gruppierungen und Parteien für sich in Anspruch nehmen, die Meinung der schweigenden Mehrheit auszusprechen, bekommt die Stimme des Autors eine besondere Bedeutung. Jedes Gedicht, jedes Buch kann, unabhängig vom Genre und von der Zielgruppe, eine Stimme gegen die Vereinnahmung sein.

Dazu müssen Autoren lernen, sich selbst als Menschen ernst zu nehmen. Und sie müssen sich als Autoren ernst nehmen, was viel schwerer fällt, weil Autoren zu Selbstzweifeln und negativer Selbstkritik neigen. Gleichzeitig spüren Autoren oft, dass sie nicht der Masse entsprechen. Dieses Gefühl, verbunden mit ausbleibendem finanziellen Erfolg, verstärkt das Gefühl, sie hätten nichts zu sagen. Doch schweigend machen sich Autoren unfreiwillig mit denen gemein, die sich als Sprachrohr für die Mehrheit darstellen. Wenn die Mehrheit schweigt, kann in ihrem Namen jede Brutalität geschehen.

Die Einzigartigkeit kreativer Sprache

Autoren sollten danach streben, ihre eigene Einzigartigkeit (und Widersprüchlichkeit) anzunehmen. Wenn ihnen das gelingt, ist das ein Schritt, ihre Kreativität zu befreien, und neue, durchaus widersprüchliche, dafür wahrhaftige Geschichten zu schreiben. Wahrhaftigkeit (als Alternative zur Authentizität, die nach Marketing riecht), gibt der Stimme eines Autors Kraft. Zur Wahrhaftigkeit gehört, die sprachlichen Klischees abzuwerfen. So nützlich Klischees sein können, um eine gemeinsame Diskussionsebene zu eröffnen, so wenig eignen sie sich, Individualität auszudrücken. Es gehört Mut zu diesem Schritt, denn Klischees werden schnell zu einem Schutzwall aus Allgemeinplätzen, hinter dem die Mehrheit ihren Widerspruch gegen die Vereinnahmung flüstert.

Wenn Autoren ihre Stimme als Menschen gefunden haben, werden sie diese Stimme auch in ihren Texten entdecken.

 

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