Kreative Wunden und ihre lebenslangen negativen Folgen

kreative Wunden

Es kommt immer wieder vor, dass sich Autor*innen wie in einer Zwangsjacke gefangen fühlen und nicht wissen, warum sie an sich und ihren Texten zweifeln. Schuld sind oft kreative Wunden, die ihnen vor langer Zeit zugefügt wurden. Manchmal ist die Erinnerung an diesen Zwischenfall noch vorhanden, oft genug ist sie jedoch in Vergessenheit geraten. Das macht die Wunde kaum weniger schmerzhaft.

Kreative Wunden – Autoritätspersonen und ihre Glaubenssätze

Comics sind Schund, Liebesromane sind Kitsch, Krimis sind Machwerke von kranken Geistern. Mit solchen Aussagen wurde schon vielen Menschen die Lust am Lesen und die Offenheit für das Schreiben ausgetrieben. Wenn die Großmutter dem Kind den Comic mit so einer Bemerkung aus der Hand nimmt, weckt sie Ärger, Trotz, aber auch das nagende Gefühl, dass Comics Schund sind und es nicht gut sein kann, Comics zu lesen. Später kann daraus die Vorstellung erwachsen, dass es ebenfalls nicht gut sein kann, Comics zu zeichnen und Geschichten als Comics darzustellen.

Autoritätspersonen können Lehrer*innen sein, Mitglieder einer Schreibgruppe (im realen Leben und auf Facebook), sogar Menschen, die vom Schreiben keine Ahnung haben. Oft ist es lediglich ihr Auftreten, das unhinterfragt ihre Aussagen zu Wegweisern in die kreative Lähmung machen.

Autoritätspersonen können leicht ein Schamgefühl wecken. Die auslösende Situation kann schnell in Vergessenheit geraten, die Lehre jedoch bleibt im Bewusstsein und wird selten hinterfragt. Vielleicht gelingt es noch einen romantischen Film anzusehen und, welche Peinlichkeit, dabei zu weinen. Zuzugeben, dass man geweint und den Film trotzdem genossen hat, ist fast unmöglich. Eine romantische Liebesgeschichte zu schreiben dürfte unter dem Druck der Scham ebenfalls schwer fallen.

Kreative Wunden – Spielerische Befreiung

Eine Wunde in der Kreativität kann nur durch kreative Strategien geheilt werden. Der Rahmen eines Spiels kann dabei helfen. Vermutlich ist das der Grund, warum sich manche Autor*innen mit NaNoWriMo freischreiben können. Zwar erscheint das Regelwerk bei einer offiziellen Teilnahme strickt, wer aber einfach den Monat November zum Schreiben und auch zu Austausch mit anderen Autor*innen nutzt, unterliegt keinerlei Regelwerk. Es geht einfach darum zu schreiben, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit. In der zur Verfügung stehenden Zeit ist es nicht praktikabel, lange über das Schreiben und das Geschriebene nachzudenken. Der Zeitdruck hält den inneren Zensor mit der Stimme der alten Autoritätsperson zurück, die kreativen Kanäle können sich öffnen.

Langfristig ist es notwendig, die Stimme der Autoritätsperson dauerhaft zum Schweigen zu bringen. Doch ein von Zwängen befreit geschriebenes Manuskript kann ein erster Schritt in die richtige Richtung sein.

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