By | 7. Juni 2020

Vorzeitigkeit

Manchmal ist es notwendig, über Ereignisse zu schreiben, die vor den Ereignissen in der eigentlichen Handlung eines Romans geschehen sind. Vorzeitigkeit verlangt in der deutschen Sprache das Plusquamperfekt, wenn wir die Handlung im Präteritum schreiben. Im Plusquamperfekt (nicht nur da) ist das Verb jedoch zweiteilig, und auch deshalb sieht ein Satz im Plusquamperfekt nicht so schön aus und ist auch schwieriger zu lesen. Warum dürfen wir das Plusquamperfekt nicht einfach weglassen?

Was ist Vorzeitigkeit?

Vorzeitigkeit beschreibt Ereignisse, die vor Ereignissen in der erzählten Geschichte passieren. Manchmal ist es notwendig, solche Ereignisse zu erwähnen, weil sie erklären, warum etwas in der erzählten Zeit passiert. Die Zeitform, bzw. das Tempus für vorzeitige Ereignisse ist meistens das Plusquamperfekt. In diesem Tempus ist das Verb zweiteilig.

Zur Erinnerung:

  • Präsens/Gegenwart: ich schlafe – ich laufe
  • Perfekt: ich habe geschlafen – ich bin gelaufen
  • Präteritum (Imperfekt)/Vergangenheit: ich schlief – ich lief
  • Plusquamperfekt/Vorvergangenheit: ich hatte geschlafen – ich war gelaufen

Während in der gesprochenen Sprache das Perfekt bevorzugt wird, verwendet man in der geschriebenen Sprache lieber das Präteritum. Die Verben im Präteritum sind schön kurz, sie schleppen kein Hilfsverb mit, daher sind Sätze in dieser Zeitform übersichtlich und leicht zu lesen.

Beispiel:

Nach den Vorstellungsgesprächen setzten sich die beiden Inhaberinnen der Firma zusammen und überlegten, welche Kandidatin am besten zu ihrem Unternehmen passte. Kandidatin A arbeitete schon länger in der Branche, aber Kandidatin B sagte, dass sie die Software gut kannte.

Wenn wir den Text lesen, zögern wir beim letzten Satz. Wir können ihn so verstehen, als säßen die beiden Kandidatinnen mit den Inhaberinnen der Firma an einem Tisch. Aus dem ersten Satz wissen wir aber, dass die Vorstellungsgespräche vorbei sind und die Inhaberinnen sich zusammengesetzt haben. Unsere Erfahrung sagt uns, dass sie das ohne die Kandidatinnen tun. Kandidatin A arbeitet jetzt wie während des Vorstellungsgesprächs in der Branche. Kandidatin B hatte vorher Gelegenheit, über ihre Softwarekenntnisse zu sprechen, jetzt kann es das nicht mehr tun. Wir haben es hier mit der Vorzeitigkeit eines Ereignisses – dem Gesprächsbeitrag von Kandidatin B – zu tun. Der Satz sollte besser lauten:

Kandidatin A arbeitete schon länger in der Branche, aber Kandidatin B hatte gesagt, dass sie die Software gut kannte.

Das Plusquamperfekt hat seinen Platz in Texten, weil es die Vorzeitigkeit von Ereignissen markiert und Texte aus diesem Grunde leichter verständlich macht. Einzelne eingestreute Sätze im Plusquamperfekt, an den Stellen, an denen sie der Verständlichkeit dienen, sind eine Höflichkeit gegenüber den Leser*innen.

Die Länge der Textpassagen entscheidet

Bisher war nur von einzelnen Sätzen im Plusquamperfekt die Rede, die die Lesbarkeit von Texten im Präteritum verbessern. Nun ist es vorstellbar, dass wir über ein vorzeitiges Ereignis schreiben möchten, dass wir nicht mit einem Satz, sondern mit mehreren Abschnitten oder sogar auf mehreren Seiten schildern müssen. Das ist beispielsweise der Fall, wenn wir über die Vorgeschichte eines Charakters schreiben. Solch lange Textpassagen im Plusquamperfekt sind schwer zu lesen, auch wenn sie wichtige Informationen enthalten.

Hier wiederum verlangt es die Höflichkeit gegenüber den Leser*innen, den Text ins Präteritum abzuwandeln. Dazu können die ersten Sätze des langen Abschnitts im Präteritum gehalten werden, um die Vorzeitigkeit anzuzeigen. Danach werden alle Sätze im Präteritum geschrieben, so als beschrieben sie gleichzeitige Ereignisse. Leser*innen sind so intelligent, dass sie erkennen, dass diese Sätze zu den als vorzeitig markierten Sätzen gehören. Sie sind auch so intelligent, dass sie die Markierung der Vorzeitigkeit als Erleichterung verstehen.

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