By | 26. April 2018

Erstaunlich oft vergleichen Autoren das Schreiben oder die Fähigkeit zu Schreiben mit einem Muskel, den sie trainieren müssen. Überraschend ist dieser Vergleich, weil Schreiben im Ruf steht, eine rein geistige Tätigkeit zu sein, in der man allenfalls die Hand über das Papier oder die Finger über die Tastatur bewegt. Können wir uns tatsächlich durch Training, also durch regelmäßiges Schreiben, dazu bringen mehr und vor allem besser zu schreiben?

Ideensmog

Es klingt so leicht und gleichzeitig so einschüchternd. Wie kann man mehr schreiben, wenn die Ideen ausbleiben oder es unmöglich ist, diese Ideen in Worte zu fassen?

Der erste Schritt ist natürlich, sich überhaupt an den Schreibtisch zu setzen. Erst vor dem Papier oder der Tastatur ist es möglich, mit dem Schreiben zu beginnen. Doch die bloße Anwesenheit vor dem Schreibgerät hilft nichts, wenn die Ideen ausbleiben oder sich in Nebel verstecken. Wir benötigen eine Methode, die Ideen aus dem Nebel zu locken.

Die innere Zensur ausschalten

Natalie Goldberg und andere Autoren von Schreibratgebern empfehlen das automatische Schreiben. Autoren schreiben drauflos, ohne Pause zum Nachdenken oder Korrigieren. Auf diese Weise bleibt die Kontrolle des Gehirns ausgeschaltet, es findet keine Zensur statt. Autoren, die diese Methode über einen Zeitraum von mehreren Wochen ausprobiert haben, berichten, dass sie weniger Probleme haben, Ideen freizusetzen und in Worte zu fassen.

Beispiel aus dem Fremdsprachenunterricht

Ich habe die Wirksamkeit dieser Methode nie in Zweifel gezogen, sah aber keinen Anlass, sie selbst anzuwenden, bis ich in einem fortgeschrittenen Deutsch-Kurs explizit das Schreiben üben sollte. Schreiben fällt Lernern einer Sprache oft schwer, besonders, wenn sie in ihrer eigenen Sprache wenig Erfahrungen mit dem Schreiben haben. Ich beginne jede Sitzung in diesem Kurs mit einem zehnminütigen „Aufwärmschreiben“. Die einzige Vorgabe ist, dass die Hand niemals aufhören darf, den Stift zu bewegen.

Wer nicht weiß, was er schreiben soll, schreibt immer wieder ein Wort oder „Ich weiß nicht, was ich schreiben soll“. (Auch Teilnehmer, die Probleme mit Relativsätzen haben, schreiben diesen Satz korrekt. Warum?) Diese Texte werden nicht vorgelesen, sondern bei einem Spaziergang durch den Raum von den anderen Teilnehmern gelesen, aber nicht kommentiert. Fast alle dieser Texte sind flüssiger als die geplanten Texte im Unterricht. Viele Texte sind sehr persönlich und verwenden starke Bilder. Obwohl die Texte nicht korrigiert sind, haben sie nicht mehr grammatische Fehler als die im Verlauf des Unterrichts verfassten Texte.

Wenn wir danach anfangen, Wörter für einen geplanten Text zu sammeln, machen auch schwache Teilnehmer viele und gute Vorschläge. Die anschließend zu einem vorgegebenen Thema verfassten Texte sind viel freier, sprachlich mutiger und oft auch länger als das im Unterricht sonst der Fall ist.

Diese Erfahrungen zeigen mir, dass das automatische Schreiben Autoren tatsächlich helfen kann, kreativer zu schreiben.

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