Schreiben wie Erziehung?

Schreiben wie Erziehung

Manche Menschen vergleichen das Schreiben mit einer Liebesaffäre, aber ich finde, Schreiben ist wie Erziehung. Ob Menschenkind oder Hund, ist egal. Vielleicht liegt darin für einige Schreibende der Reiz. Mit Sicherheit sorgt Schreiben für eine Art Stress, die sonst nur bei der Sorge für und um ein anderes Lebewesen entsteht.

Schreiben wie Erziehung — die Phasen

Auffallend ist, dass sowohl das Schreiben eines Romans als auch die Erziehung eines Kindes aus klar erkennbaren Phasen besteht. Jede Phase löst andere Gefühle aus. Außerdem wecken die Gefühle in den jeweiligen Phasen den Eindruck, dass es immer so weiter gehen wird, weiter gehen muss. Was wiederum beim Beginn einer neuen Phase für Überraschungen sorgt.

Am Anfang ist manchmal eine Idee für ein Buch. Die Idee wächst durch Recherche und Nachdenken, manchmal auch Grübeln. Dann fällt die Entscheidung zu schreiben. Oder man findet sich schreibend wieder und kann sich nicht erklären, wie es dazu gekommen ist. Auch ein Kind kann man planen und sich darauf vorbereiten. Oder man ist plötzlich schwanger. Keine Ahnung, wie.

Der Beginn des Schreibens ist wunderbar. Die Worte fließen auf die Seite, die Ideen bekommen eine erste Form. Selbst erfahrende Autor*innen staunen insgeheim, dass es wieder passiert ist und tatsächlich wieder funktioniert. So wie alle Probleme vergessen sind, wenn das Baby geboren ist. Es riecht gut, es ist wunderschön, es schläft. Alles ist gut, Zeit zum Ausruhen.

Eine Geschichte kann sich in Nacht- und Tagträume schleichen. Sie kann die Kommunikation mit realem Menschen erschweren, wenn aus dem Unterbewusstsein einer der Charaktere spricht. Geschichten wollen nämlich geschrieben werden, deshalb zwingen sie Autor*innen an den Schreibtisch, wo die dann mehr Zeit verbringen, als ihnen eigentlich zur Verfügung steht. 24 Stunden in einem Tag sind zu wenig für Schreiben und Leben. Diese Erfahrung machen auch Eltern. Das Kind schläft nicht, das Kind hat Hunger, das Kind hat Bauchweh, das Kind langweilt sich, das Kind möchte spielen. Duschen, essen, einkaufen, putzen (schreiben)? Alles dreht sich um das Kind.

Aber die Geschichte kommt voran, Seite um Seite füllt sich, die Charaktere behaupten sich wacker gegen die Unbill, die ihre Autor*innen ihnen bereiten. Mit den erfolgreichen Charakteren fühlen sich auch die Autor*innen unbesiegbar. Kinder wachsen und lernen, lachen und bringen die Eltern zum Lachen. Gemeinsam ziehen sie los, Abenteuer zu erleben. Alles ist bestens.

Die Handlung steckt in einer Sackgasse, die Charaktere können sich nicht mehr zu Großtaten aufraffen. Für jeden geschriebenen Absatz werden zwei gelöscht. Das Kind ignoriert die Eltern, benutzt Wörter, die es zu Hause nicht gelernt haben kann (oder doch?), macht, was es will, und schimpft über die erdrückende Kontrolle.

Das Manuskript ist erstaunlicherweise fertig geworden. Es wird veröffentlicht, geht hinaus in die Welt zu den Leser*innen. Schule und Ausbildung sind überlebt und erfolgreich abgeschlossen. Das Kind geht mutig eigene Wege.

In beiden Fällen ist die Geschichte nicht zu Ende. Nach zwanzig Jahren können Charaktere anklopfen und fragen, ob sie damals nicht anders hätten handeln müssen. Das Kind verbittet sich jede Einmischung in das eigene Leben, möchte aber vorübergehend ins Kinderzimmer einziehen.

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