Glaubhaft schreiben

glaubhaft

Glaubhaft schreiben heißt nicht zwangsläufig schreiben, was wirklich passiert ist. Das führt oft zu Missverständnissen zwischen Autor*innen und Leser*innen. Wie entstehen die Missverständnisse und wie, wenn überhaupt, lassen sie sich umgehen?

Glaubhaft oder an den Haaren herbeigezogen? — die Befürchtung der Lesenden

Jeder Mensch bringt Wissen und Erfahrungen mit, wenn er oder sie ein Buch aufschlägt, um es zu lesen. Widerspricht der Inhalt diesem Wissen und Erfahrungen, fühlen Leser*innen sich nicht ernst genommen, vielleicht sogar provoziert. Für sie ist das Buch nicht glaubhaft — Ein Urteil, das ihren Lesegenuss einschränkt oder gänzlich zerstört.

Die Wirklichkeit kann jedoch seltsamer sein als Fiktion. Das ist auch eine Erfahrung, die Autor*innen bewegt, ungewöhnliche Erlebnisse in Bücher einzuarbeiten. Das Seltsame, der bisherigen Erfahrungen Widersprechende erscheint ihnen als Bonus für die Handlung. Dabei vergessen sie, dass Menschen, die diese besonderen Erlebnisse nicht hatten, die Beschreibung der Ereignisse vor dem Hintergrund ihrer eigenen, weniger spektakulären Erfahrungen lesen.

Es ist wirklich passiert — die Aufgabe der Schreibenden

Um die Lesenden dazu zu verleiten, weiterzulesen und das Ungewöhnliche im Kontext des Buches zu akzeptieren, stehen Autor*innen vor der Notwendigkeit, den Leser*innen einen Rahmen zu bieten, innerhalb dessen alle Ereignisse stimmig sind. Ereignisse und Charaktere werden glaubhaft, wenn sie große Anteile der allen Menschen bekannten Realität haben. Die bekannten Gesetze der Physik dürfen nicht alle gebrochen werden, nur einzelne und nur mit einer nachvollziehbaren Begründung. Alltagspsychologische Erfahrungen müssen sich in den Charakteren widerspiegeln, Abweichungen benötigen einen rational oder emotional nachvollziehbaren Grund.

Das bedeutet für Autor*innen mehr Arbeit als bei Schilderungen alltäglicher Ereignisse. Doch solche Ereignisse kennen Leser*innen zur Genüge. Sie sind dankbar für ungewöhnliche Ereignisse, solange sie erkennen können, dass das Ungewöhnliche eine Ausnahme bleibt.

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