Schreibwerkstatt Roman 2: Woher die Ideen nehmen?

 Im Teil 1 der Schreibwerkstatt Roman habe ich dargestellt, wie wichtig es ist, Ideen für einen Roman zu sammeln. Dazu habe ich verschiedene Möglichkeiten aufgezeigt, wie man Ideen festhalten kann.

Diese Methoden sind hilfreich, wenn man seine Ideen und Eindrücke fixieren möchte. Es stellt sich jedoch oft die Frage:

Woher nehme ich meine Ideen?

Es gibt verschiedene Wege, Ideen aufzufangen. Ich stelle mir gerne vor, dass Ideen wie halbtransparente Schmetterlinge durch die Welt flattern. Sie erwarten nicht, dass man sie fängt und sind deshalb nicht wirklich scheu. Aber man muss den richtigen Blick für sie entwickeln.

Ein entscheidendes Wort ist Offenheit. Wer nervös auf die Jagd nach einer Inspiration geht, wird ihr kaum begegnen. Denken wir an den Kuss der Muse: Würde eine Muse ein Wesen küssen wollen, das mit gerunzelter Stirn und wildem Blick durch den Straßenverkehr irrt? Vermutlich nicht.

Also geht es darum, den Geist zu öffnen und sich selbst zum Einfalltor für Eindrücke zu machen. Offene Augen und Ohren, den Geist aufgespannt wie ein altmodisches Schmetterlingsnetz oder ein Kescher, so nimmt man vieles auf, ohne darüber nachzudenken.

Bewegung

  •  Ein Spaziergang oder eine Radtour wirken oft Wunder. Man sieht die anderen Menschen, wie sie ihren Alltagsgeschäften nachgehen oder sich die Zeit vertreiben. Man sieht Licht, Regen, Nebel, den Autoverkehr.
  • Eine Bus-, Straßenbahn- oder Zugfahrt hebt aus dem eigenen aktiven Leben und gibt Freiraum für die herumschweifende Aufmerksamkeit. Andere Mitreisende kann man aus der Nähe beobachten, ihnen sogar zuhören, wenn man anscheinend harmlos hinter seiner Zeitung verborgen sitzt. Das Leben draußen erscheint wie in einer Parallelwelt. Die Menschen draußen leben ihr Leben, wir brausen vorbei und nehmen einen Splitter ihrer Welt mit uns.

Aus den Ideen anderer schöpfen

  • Viel Zeit verbringen wir vor dem Fernseher oder im Internet. Das Leben anderer Menschen, realer wie erdachter Personen zieht an uns vorbei. Wir dürfen Elemente davon festhalten und in unsere Ideensammlung geben, weil wir diese Elemente von dem Objekt trennen.
  • Namen merken wir uns separat von Bildern oder Beobachtungen. Schöne Namen sind es wert, dass wir sie in einer extra Sammlung aufbewahren, denn sie wecken ganz eigene Assoziationen.

 

Wichtig ist die Offenheit des Geistes. Wir können sie nicht erzwingen, aber wir können sie lernen. Ich bin der Meinung, dass Nicht-Nachdenken ein ganz entscheidender Aspekt der Ideenfindung ist. Zum Nicht-Nachdenken gehört, dass wir uns nicht aufregen, wenn wir keine Anregungen gefunden zu haben glauben.  Wir können nicht vorhersagen, wann ein Eindruck sich in einer Idee niederschlägt. Vielleicht trägt ein Spaziergang im August seine Früchte erst im Dezember, eine Bahnfahrt zu Weihnachten erst Ostern.

Wir müssen uns von dem Zwang zur Produktion befreien. Erst dann haben wir den inneren Raum, Neues zu erfinden.

Ich habe bisher sehr betont, wie bedeutsam das Öffnen und Ruhe finden ist. Aber es gibt noch einen anderen Weg, zu einer Idee zu kommen.

Emotionen

  • Manchmal erregt uns ein Beitrag in den Nachrichten oder in einer Werbung so sehr, dass wir spontan eine „Gegenidee“ entwickeln.
  • Ein Innehalten in einer großen Emotion, sei es Freude oder Trauer, gibt Raum für die Frage „Was wäre, wenn alles anders wäre?“ Aus dieser Frage kann sich eine Idee für einen Roman entwickeln.

Den Eindruck festhalten

Wenn wir einen Eindruck gefangen haben, halten wir ihn fest. Dazu können wir unsere bevorzugte Methode aus Schreibwerkstatt Roman 1 verwenden und einen Eintrag auf Karteikarte, Zettel, in ein Notizbuch oder eine Datenbank vornehmen. Vielleicht ergeben sich beim Aufzeichnen Fragen oder Anmerkungen. Die sollten wir auch notieren. Durch das Aufzeichnen geben wir uns selbst die Erlaubnis, weiter über das Festgehaltene nachzudenken. Auch wenn wir nicht stundenlang drüber grübeln, wird diese Information in unserem Kopf weiterverarbeitet.

Wer andere Schreibschulen kennt, wird sich fragen, wo hier das Brainstorming und die Mind-Maps sind. Erst jetzt, nachdem wir uns offen gemacht haben für Eindrücke und Ideen und vielleicht schon angefangen haben, Ideen aufzuzeichnen, verfügen wir überhaupt erst über Material für eine Min-Map.

Schreibwerkstatt Roman1: Ideen sammeln, Schreibwerkstatt Roman 3: Ideen in Konzepte fassen, Schreibwerkstatt Roman 4: Charaktere entwickeln, Schreibwerks

Schreibwerkstatt Roman 1 – Ideen fangen und sammeln

 

Schreibwerkstatt Roman 2 – Woher die Ideen nehmen?

 

Schreibwerkstatt Roman 3 – Von der Idee zum Konzept

 

Schreibwerkstatt Roman 4 – Leben für die Charaktere

 

Schreibwerkstatt Roman 5 – Charaktere mit allen Sinnen erschaffen

 

Schreibwerkstatt Roman 6 – Textgerüste

 

Schreibwerkstatt Roman 7 – Zettelwirtschaft hilft manchmal denken

tatt Roman 5: Charaktere mit allen Sinnen

 

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